Der gefrässige Grinder

Matt Dinniman
Der gefrässige Grinder

Originaltitel: The Grinding (Sanford/Florida : Necro Publications 2013)
Deutsche Erstausgabe: Juli 2014 (Deltus.de im Festa Verlag/Endzeit 3)
Übersetzung: Christian Siege
Cover: Juliane Schneeweiss
335 S.
ISBN-13: 978-3-94062611-0
eBook: August 2014 (Festa Verlag)
1634 KB
ISBN-13: 978-3-940626-12-7

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Das geschieht:

Adam und seine Gattin Jennifer „Nif“ leben in Tucson, der zweitgrößten Stadt im US-Staat Arizona. Hinter dem noch jungen Paar liegen bereits harte Zeiten, die u. a. von unglücklichen Elternhäusern und Nifs nur mühsam überwundener Drogensucht geprägt wurden. Das gemeinsam erlittene Unglück hat Adam und Nif freilich nur fester zusammengeschweißt.

Als die beiden mit Nifs Cousine Cece eine örtliche Roller-Derby-Arena besuchen, springt eine schneckenähnliche Kreatur aus dem Boden. Wer sie berührt, klebt an ihr fest und verliert den eigenen Willen. Dabei wächst das Wesen, denn jeder Mensch, der jenen helfen will, die nicht mehr loskommen, verschmilzt ebenfalls mit ihm. Rasch wird die Gruppe derer, die in dem Wesen buchstäblich aufgehen, immer größer: Aus der kleinen Kreatur wird der „Grinder“, der seine Opfer wie ein Fleischwolf zermalmt und zerreißt, um aus den blutigen Fragmenten seinen Körper aufzubauen.

Der „Grinder“ nimmt rasch gewaltige Dimensionen an. Zielstrebig steuert er dorthin, wo sich viele Menschen versammeln, um sie sich einzuverleiben. Bald kommen Tiere aller Arten hinzu. Panik bricht aus, doch erst die Polizei und später das Militär sind machtlos: Der „Grinder“ kann nicht erschossen, verbrannt oder anderweitig aufgehalten werden. Zerstörte ‚Körperteile‘ regeneriert er aus neuen Opfern. Außerdem geht er zum Gegenangriff über. Seine Fähigkeiten wachsen. So kann er Teile des Körpers abspalten, die unabhängig aber in seinem Sinn handeln. Auch Menschen lösen sich aus dem Kollektivleib des „Grinders“, um sich unter die Angreifer zu mischen, sich deren Waffen anzueignen und sie zu attackieren.

Zu den ersten Opfern des „Grinders“ zählt Nif. Verzweifelt sucht Adam nach einer Möglichkeit, sie zu befreien. Die Zeit drängt, denn immer heftiger geht das Militär den „Grinder“ an; der Einsatz von Atomwaffen wird bereits diskutiert …

Das Ding wird zum Wesen

Der amorphe, aufgrund seiner Größe schier unüberwindliche, darüber hinaus wegen des Fehlens empfindlicher Organe kaum verletzbare „Blob“ ist ein relativ junger Gast an der Tafel der klassischen Horrorgestalten. Er benötigte zu seinem Erscheinen die Entdeckung, dass Atombomben bei der Explosion Strahlung und Fallout freisetzen, die in den Genen größtes Unheil stiften. Entsprechende Schäden wurden zur Kenntnis genommen – auch von der Populärkultur, die sofort das Unterhaltungspotenzial der Mutation erkannte.

Schauerlich verunstaltete oder wenigstens in Gigantische gewachsene Kreaturen suchten vor allem die Kinoleinwände dieser Welt heim. Vor allem Japan, das durch die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki nachdrücklich geschockt war und unter den Folgen zu leiden hatte, entwickelte sich quasi zur Heimat radioaktiv veränderter Wesen, die unter der Bezeichnung „Kaijū“ bekannt wurden. 1954 hatte Godzilla, noch heute das bekannteste dieser riesigen Ungeheuer, seinen ersten Auftritt. Immer wieder kehrte er zurück und raufte dabei mit einer stetig anwachsenden Schar gewaltiger Schreckgestalten.

Mit Hedora trat 1971 auch ein aus Giftmüll und verseuchtem Schlamm entstandener Kaijū-Mutant gegen Godzilla an („Frankensteins Kampf gegen die Teufelsmonster“), der sich im Laufe der Handlung jedoch verpuppt und Gestalt annahm: Ohne ‚Gesicht‘ und vor allem Augen ist ein „Blob“ oder ein „Grinder“ eine Kreatur, zu der kein Zuschauer oder Leser Zugang finden kann.

Doch auch ein Monster benötigt eine ‚Seele‘ oder wenigstens einen Verstand. Es muss Absichten hegen und Pläne schmieden, die sich nachvollziehen lassen und die – das ist noch wichtiger – über das Anrichten beträchtlicher Flurschäden hinausgehen. Sie können ruhig simpel oder ‚böse‘ sein, doch sie verleihen dem formlosen Monster zumindest auf geistiger Ebene eine Gestalt bzw. eine Persönlichkeit.

Blob 2.0

Noch wie ein turmhoher Schokoladenpudding trieb der „Blob“ 1958 und 1988 sein Unwesen. Er war ein US-gebürtiger Kaijū, der anders als Godzilla & Co. kein Franchise in Gang setzen konnte. Der „Grinder“ ist ein gänzlich anderes Kaliber. Autor Matt Dinniman hat die weiter oben skizzierten Vorgaben berücksichtigt und eine titanische Amöbe mit Verstand erschaffen.

In die Konstruktion des „Grinders“ hat er viel Vorstellungskraft investiert. Das Ergebnis ist schaurig auf höchst unterhaltsame Weise. Schon der Name der Kreatur verheißt Schreckliches. In der Tat frisst dieser „Grinder“ nicht einfach Menschen, um sich zu ernähren. Er ist eine Fleisch- und Knochenmühle, die ihre Opfer lebendigen Leibes zerlegt, um aus den Fragmenten seinen Körper zu bilden. Der Verstand stirbt dabei nicht, sondern bleibt erhalten und zusätzlich versklavt: ein schlimmeres ‚Leben nach dem Tod‘ kann sich der Mensch wohl nicht vorstellen.

Dinniman versucht es und kann zumindest bei denen punkten, die ihre irdische Existenz zwischen einer von roten Teufeln wuselnden Hölle (unten) und einem von ‚reinen‘ Seelen bevölkerten Himmel einordnen. Wer der „Grinder“ wirklich ist, sei an dieser Stelle verschwiegen, um potenziellen Lesern den Spaß nicht zu rauben. Immerhin löst Dinneman dieses Mysterium so schräg auf, dass auch weniger fromme Leser ihren Spaß haben – und haben sollen, denn je weiter es dem Ende zugeht, desto wüster verwirbelt der Autor biblische Vorgaben zu einem apokalyptischen Drama der unchristlichen Art.

Anti-Held aus der Unterschicht

Adam ist eine doppelt gehandicapte Figur: Er gehört zur Unterschicht seiner Heimatstadt und damit zu jener Gruppe, die seit jeher wenig zu sagen haben in den Vereinigten Staaten der Tüchtigen und Rücksichtslosen. Schlimmer noch: Adam ist zufrieden mit seinem Dasein als ‚Manager‘ einer profillosen Hamburger-Bratstube. Er ist es gewohnt, dass über seinen Kopf entschieden wird und in der Regel sogar froh darüber.

Ein Kampf gegen einen Gegner wie den Grinder überfordert Adam völlig. Vor allem einen US-Helden zeichnet aus, dass er ihn trotzdem aufnimmt. Dinniman schildert einen Mann, der eher eifrig als planmäßig vorgeht. Andererseits: Wie tritt man sinnvoll einem Grinder entgegen? Die Regierung schickt das Militär, das im Gefecht mit der Kreatur mindestens ebenso großen Kollateralschaden wie der Grinder anrichtet.

Adam wird von seiner Liebe zu Nif getrieben, die allein ihn aus seiner Trägheit zu wecken versteht. Ohne sie ist er nichts, wie er glaubt; Adam denkt nicht einmal an die Möglichkeit, es zu versuchen. Diese Liebe gewinnt allmählich manische Züge, denn um Nif zu befreien, geht Adam buchstäblich über Leichen. Binnen weniger Stunden entwickelt er eine Rücksichtslosigkeit, die ihn selbst erschreckt aber nicht stoppt. Im Finale wird Adam sogar zum Verräter an der Menschheit: Das Wohl der einzelnen stellt er mit brutaler Eindeutigkeit über das Wohl aller.

Diese Verrohung schildert Autor Dinniman mit erstaunlicher Glaubwürdigkeit, ohne darüber die Handlung zu vergessen, die er zudem mit bemerkenswerten Nebenfiguren ausstattet, unter denen die siamesischen Doppelkopf-Zwillinge Royce und Randy erinnerungswürdig hervorstechen. Sehr anschaulich lässt Dinneman auch Tucson Gestalt annehmen. Mit seiner ehemaligen Heimatstadt verbindet ihn offenbar eine Hassliebe, die er in seinem Roman vehement Ausdruck verleiht.

Mal ein bisschen anders gruseln

„Der gefrässige Grinder“ erfüllt sicher keine literarischen Ansprüche. Allerdings ist dieser Roman weit vom erwarteten Horror-Trash entfernt. Dinniman hat eine Geschichte zu erzählen, die er mit überzeugenden Figuren bevölkert. Er beginnt unterhaltsam und vermag schließlich zu fesseln. Seifenoper und Esoterik-Schwurbel bleiben weitgehend ausgespart – und wer verzichtet nicht gern auf sie?

„The Grinding“ erschien in den USA ursprünglich im Verlag Necro Publications. Herausgeber David G. Barnett fordert Autoren, die von ihm verlegt werden möchten, ausdrücklich dazu auf, ‚anderen‘ Horror zu schreiben. Das schließt den Einsatz bekannter Unholde – Vampir, Werwolf, Ghul – nicht aus. Sie dürfen nur nicht den üblichen Grusel-Gleisen folgen. Schräg, überraschend, ungewöhnlich: Matt Dinniman hat Barnetts Hürde übersprungen!

Autor

Matt Dinniman, geboren an einem ersten Weihnachtstag in Tucson, US-Staat Arizona, ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch Musiker und Künstler bzw. Kunsthandwerker: In Seattle, Washington, betreibt er collageOrama. Dort bietet Dinniman schauerlich ulkige Bilder von Tieren – meist Katzen – an, denen er Schnauzbärte malt oder Brillen und Hüte aufsetzt. 2014 schuf Dinniman verschiedene Bilder, die in dem No-Budget-Horrorfilm „Ten“ eine wichtige Rolle spielen.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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