Der Golem

der-golemGustav Meyrink
Der Golem
Mitternachtsbibliothek 5

Der Golem, Deutschland um 1915
Arena Verlag, Würzburg, 6/2008
HC, Jugendbuch, Gruselklassiker
ISBN 9783401061146
Herausgegeben und ergänzt von Maren Bonacker, Phantastische Bibliothek Wetzlar
Titelbild von N. N.
Vignetten von Manfred Rohrbeck

www.arena-verlag.de

Die „Mitternachtsbibliothek“ ist eine bisher fünfbändige Reihe, mit der der Arena Verlag in Zusammenarbeit mit der Phantastischen Bibliothek Wetzlar die wichtigsten Gruselklassiker noch einmal in einer einheitlichen Aufmachung und leichter Bearbeitung, die möglichst nahe am Original bleibt, vorstellt. Nach „Dracula“ und „Frankenstein“ ist nun auch „Der ‚Golem“ von Gustav Meyrink an der Reihe. Der Roman, der alte Legenden der Stadt Prag und den Zeitgeist der Epoche vor dem Ersten Weltkrieg aufgreift, erschien erstmals 1915.

Der namenlos bleibende Ich-Erzähler weilt Anfang des 20. Jahrhunderts in Prag. Nach der Lektüre eines Buches über das Leben und die Lehren Buddhas fällt er in einen tiefen, aber von Träumen erfüllten Schlaf, aus dem er sich nicht losreißen kann. Er findet sich dabei im Judenviertel Prags wieder, im Schatten von Ereignissen, die sich fast dreißig Jahre zuvor zugetragen haben müssen, und beobachtet dabei vor allem den Gemmenschneider und Restaurateur Athanasius Pernath, der eines Tages einen seltsamen Kunden mit gelblicher Haut bedient, der ihn bittet, in einem kostbaren alten Buch die beschädigte Initiale eines Kapitels mit dem Titel ‚Ibbur’ (=Seelenschwängerung) auszubessern.

Da sich der Fremde so benimmt, als sei er hier zu Hause, spurlos verschwindet, als habe er sich in Luft aufgelöst, und auch das Buch durch sein Alter und die Inschriften seinen Verdacht wecken, glaubt Pernath schon bald, dass der Mann kein anderer als der im 16. Jahrhundert geschaffene Golem sein könnte, den der legendäre Rabbi Löw ins Leben befohlen hat, um das Judenviertel zu beschützen. Doch auch andere scheinen den Braten zu wittern, denn ehe er sich versieht, wird der Gemmenschneider in Intrigen verwickelt, durch die ein Mann stirbt und ein Mädchen verschwindet. Da Pernath auch noch an Wahnvorstellungen und irrationalen Ängsten zu leiden beginnt, gerät er schließlich unter einen folgenschweren Verdacht, den nur noch der Fremde zerstreuen könnte.

Wer einen handfesten phantastischen Abenteuer-Roman erwartet hat, wird bitter enttäuscht, denn Meyrink erzählt nicht einfach nur die alten Sage um Rabbi Löw nach oder setzt die Ereignisse dramatisch und abenteuerlich in Szene. Stattdessen geht es eher ruhig zu, denn sowohl der Ich-Erzähler als auch Pernath als Protagonist gehen den Ereignissen auf ihre eigene, ganz philosophische Weise nach. Selbst die Intrigen und Morde erfüllen einen höheren Zweck in dem impressionistischen Sittengemälde, das sich mit der Frage nach der menschlichen Seele und dem Sehnen nach Unsterblichkeit beschäftigt.

Der Schluss, den Meyrink zieht, ist ebenso wie die Beschreibung des Judenviertels aus dem Zeitgeist des angehenden 20. Jahrhunderts heraus logisch, wirkt auf uns heute allerdings eher befremdlich, Letzteres stellenweise sogar rassistisch. Daher wurde das Buch auch um ein Vorwort und ein Glossar ergänzt, die gerade jungen Lesern dabei helfen wollen, die Intention des Werkes zu verstehen. Denn „Der Golem“ ist Kind einer Zeit, in der auch die phantastische Literatur durchaus erbaulich und lehrreich sein und die Leser zum Nachdenken anregen sollte.

Mit „Der Golem“ hat man sich zwar ein sehr sperriges und zunächst nicht sehr eingängiges Werk der klassisch-phantastischen Literatur ausgesucht, bietet aber dadurch einen Einblick in die heute eher vergessenen Romane und Erzählungen, die nachfolgende Generationen von Autoren geprägt haben.

Copyright © 2010 Christel Scheja (CS)
 
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