Der Griff aus dem Dunkel

Algernon Blackwood
Der Griff aus dem Dunkel

Originalausgabe
Übersetzung: Friedrich Polakovics
Dt. Erstausgabe (geb.): 1973 (Insel Verlag/Bibliothek des Hauses Usher)
255 S.
ISBN-13: 978-3-458-05817-5
Neuausgabe: 1979 (Suhrkamp Verlag/TB 518 = Phantastische Bibliothek 28)
258 Seiten
ISBN-13: 978-3-518-37018-6

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Inhalt:

Das Haus der Verdammten (The Damned, 1914), S. 7-110: William und seine Schwester Frances werden von der reichen Witwe Mabel auf deren Landsitz in der Grafschaft Sussex eingeladen. Aus dem erhofften Urlaub auf dem Lande wird nichts, denn in „The Towers“ spukt es mächtig. Mabels verstorbener Gatte, der Bankier Samuel Franklyn, war ein Laienprediger übelster Sorte: ein bigotter, fanatischer Eiferer, der mit Inbrunst die ewige Verdammnis auf alle Sünder herab beschwor. Selbst der Tod konnte Samuel und seinen Missionseifer nicht stoppen; sein niederträchtiger Geist beherrscht „Two Towers“, die willenlose Mabel und tausend körperlose Seelen, Samuels Opfer, die ihr Gehorsam nicht ins Paradies, sondern in eine düstere Zwischenwelt fehlgeleitet hat, der sie nun verzweifelt und zornig endlich entkommen wollen. In einem letzten Aufflackern ihres Widerstandes hat Mabel Frances und William zu sich gerufen, doch die Geschwister können dem Ansturm der Verdammten ebenso wenig standhalten wie sie …

Die Übergabe (The Transfer, 1911), S. 111-125: Der großspurige Mr. Frene ist eine Art Vampir, der sich von der Lebenskraft seiner Mitmenschen nährt und fett, reich und berühmt darüber geworden ist. Nun sucht er die Familie seines Bruders heim, wird aber von seinem hellsichtigen kleinen Neffen in die Falle einer blinden Naturkraft gelockt, die ihm die geraubte Energie wieder aussaugt – und mehr …

Am ersten Abend im Mai (May Day Eve, 1907), S. 126-153: Der Skeptiker möchte seinen alten Freund, den geistergläubigen Volkskundler, auf dessen einsam gelegenen Landsitz besuchen. Ahnungslos reist er in der Nacht zum 1. Mai, an dem die Trennung zwischen der Welt der Lebenden und dem Geisterreich aufgehoben ist …

Jones‘ Wahnidee (The Insanity of Jones, 1907), S. 154-183: Der Angestellte Jones ist eine graue Maus, die sich klaglos in ihr einsames, freudloses Dasein fügt, bis eines Tages Erinnerungen an ein früheres Leben aufsteigen, das ein abruptes Ende nahm. In seinem Vorgesetzten meint Jones den Mörder wiederzuerkennen und ergreift die Gelegenheit verschafft, endlich Vergeltung zu üben …

Im Banne des Schnees (The Glamour of the Snow, 1912), S. 184-209: Hibbert macht Winterurlaub in den Alpen. Die aufdringliche Fröhlichkeit der übrigen Gäste geht ihm auf die Nerven, so dass er dem Locken einer unbekannten Schönen gern nachgibt, die ihn zu einem mitternächtlichen Schnee-Spaziergang mit eisigem Ende einlädt …

Der Fall Pikestaffe (The Pikestaffe Case, 1924), S. 210-248: Der geniale Gelehrte Thorley entdeckt einige physikalische Gesetze, die dem Kollegen Einstein verborgen blieben; sie ermöglichen ihm den Vorstoß in ganz neue Dimensionen – doch leider nicht den Weg zurück, woran eine brave, aber geistig etwas schlichte Pensionswirtin mitschuldig ist …

Spannende Variationen bekannter Themen

Mit dem verwünschten oder heimgesuchten Haus hat sich der Verfasser immer wieder beschäftigt. Er war davon überzeugt, dass ein willensstarker (oder auch wahnsinniger) Menschengeist den Tod überstehen kann; vielleicht nicht als denkende, gezielt handelnde Wesenheit, aber als blinde Kraft, die den Lebenden gefährlich werden kann, wenn sie zufällig oder mutwillig herausgefordert wird.

Häuser oder ganz allgemein Stätten, an denen über lange Jahre Unrecht und Gewalt geschah, können sich nach Blackwood sogar zu regelrechten Batterien entwickeln, die solche Kräfte speichern, verstärken und gebündelt abstrahlen. Dabei muss nicht unbedingt eine Bluttat am Anfang eines Spukhauses stehen. Samuel Franklyn hat körperlich nie einer Fliege etwas zu Leide getan; er war sogar als Menschenfreund bekannt. Aber er war auch ein religiöser Fanatiker, der in „The Towers“ den Leichtgläubigen die Furcht vor der Hölle einbläute, bis sich diese im Mahlstrom der kollektiven Furcht tatsächlich auftat.

Ein Literat als Rebell

Algernon Blackwood wird zu den prominenten Vertretern der viktorianischen Horrorliteratur gezählt, aber er selbst war sicherlich kein typischer Viktorianer. Tatsächlich war er schon in jungen Jahren dem Ungeist dieser Epoche entflohen, obwohl ihm der Weg in eine glänzende Zukunft offenstand, hätte er sich nur konform verhalten: Blackwoods Mutter war eine Herzogin von Manchester, sein Vater ein geadelter höherer Beamter der britischen Postverwaltung. Doch als Eltern waren diese beiden gefühlskalt und engstirnig; Blaupausen womöglich für das Ehepaar Franklyn.

Blackwood, der Rebell, ordnete sich weder ihnen noch dem System unter. Daher war ihm auch das Christentum suspekt; an einen Gott, der lieber strafte als verzieh, wollte und konnte er nicht glauben. Die schrecklichen Folgen einer Amok laufenden Religion führt er uns in „Das Haus der Verdammten“ exemplarisch vor Augen. Freilich meint er auch das Gegenmittel zu kennen: Hass begegnet man mit Verständnis und Liebe, dann löst er sich auf. Das ist sympathisch, aber auch ein Punkt, der Blackwood recht naiv erscheinen lässt. In der Tat funktioniert „Das Haus der Verdammten“ als Geschichte genau dann nicht mehr, als der Verfasser eine Gruppe früh blühender Blumenkinder auftreten lässt, die „The Towers“ einem sanften Exorzismus unterziehen, bis die vergiftete Atmosphäre sich gereinigt hat.

Die Macht der Natur

Trotzdem muss man hier genau lesen: Blackwood ersetzt keineswegs das ‚böse‘ Christentum durch eine andere und ‚bessere‘ Religion. Eigentlich gehören die Retter von „Two Towers“ gar keiner Glaubensgemeinschaft an. Stattdessen akzeptieren sie die Welt, wie sie nach Blackwood ist: als Ort zwar mystischer, aber natürlicher Kräfte, die sich mehr oder weniger im Gleichgewicht befinden, ganz sicher keines gestrengen göttlichen Lenkers bedürfen und bei Bedarf behutsam kanalisiert und zur Ruhe gebracht werden können.

Wer diese Differenzierung berücksichtigt, wundert sich nicht darüber, dass Blackwood zwar sehr interessiert an den okkulten oder mystischen Lehren seiner Zeit und seit 1900 sogar Mitglied im berühmt-berüchtigten Geheimbund „Hermetic Order of the Golden Dawn“ war, doch bald wieder auf Abstand ging: Nicht einmal die erklärten Feinde der etablierten Religionen konnten ihn halten, da alle diese Zirkel selbst wieder strengen Regeln unterworfen waren, die Blackwood generell verwarf.

… wird dem Leser manchmal zu viel

Blackwoods Naturmystik ist die Quelle jener faszinierenden Mischung aus selbst Erlebtem und verschlüsselt Erdachtem, die er besonders in sein späteres Werk einfließen lässt – leider nicht unbedingt zu dessen Nutzen. Wer ihm nicht folgen mag auf diesem Weg, langweilt sich trotz der unerhörten literarischen Qualitäten, die Blackwood über die meisten zeitgenössischen und modernen Autoren des phantastischen Genres erheben.

Schon „Das Haus der Verdammten“ wird unleserlich dort, wo sich die unglaublich dichte Geschichte einer bösen oder blindwütigen Besessenheit im Esoterischen verliert. Wesentlich eindrucksvoller gelingt Blackwood die Beschwörung der Elementarkräfte in „Der Transfer“, wo ein quasi dilettierender Naturgeist seinen Meister trifft, und natürlich in „An ersten Abend im Mai“, eine Geschichte, die zunächst einmal nichts als die moderne Interpretation des alten Märchen vom unglücklichen Sterblichen ist, der zufällig in den Kreis der Feen stolpert und dabei sein blaues Wunder erlebt. Blackwood entwickelt daraus eine gleichermaßen gruselige wie eindrucksvolle Geschichte, in der die Natur wirklich lebendig wird.

Das eigentlich Interessante daran ist, dass nicht diese Tatsache Verderben über den unfreiwilligen Zeugen bringt. Die Natur schlägt eher blind zu, weil der nun Eingeweihte die Regeln nicht kennt. Deshalb ist sie bzw. sind ihre gespenstischen Emanationen auch nicht unbedingt bösartig oder gar böse zu nennen; sie sind nur fremd und können deshalb Verderben über den Sterblichen bringen. Freilich war Blackwood Profi genug, sich von diesem Credo zu lösen, wenn eine gute Geschichte dabei heraussprang: „Im Banne des Schnees“ zeigt Elementargeister, die eindeutig Ungutes im Sinn haben und folgerichtig sehr allergisch auf fromme Gebete und Glockenklang reagieren.

„Jones Wahnidee“ atmet dagegen wieder ganz den Geist des Blackwoodschen Multiversums: Der Geist ist stärker als die Materie, und es braucht keinen Christengott, der das ewige Kommen und Gehen steuert. Allerdings könnte es auch sein, dass Mr. Jones nur ein armer Irrer ist – Blackwood war nie ein fanatischer Guru, sondern der Selbstironie fähig. Er konnte sich über seine eigenen Ansichten und deren unbestreitbaren Schwachpunkte durchaus lustig machen. Angenehm humorvoll legt er deshalb auch den „Fall Pikestaff“ an, der deutlich in Richtung Science Fiction geht, bevor dieses Genre offiziell ‚erfunden‘ wurde.

Diese Herausforderung sollte angenommen werden

Man kann sagen, dass „Der Griff aus dem Dunkel“ Geschichten sammelt, die wesentlich ‚schwieriger‘, d. h. komplexer sind als die Stories früherer Blackwood-Sammlungen. Erschreckend spannend und eindringlich sind sie aber allemal, so dass den Freunden der Unheimlichen einmal mehr uneingeschränkt zur Anschaffung dieser antiquarisch recht problemlos zu findenden Sammlung geraten werden kann.

Es gibt sogar eine erfreuliche Zugabe: ein knappes, aber kluges Nachwort („Algernon Blackwood: Geisterseher und Weltenbummler“, S. 249-258) von Kalju Kirde (1923-2008), sicherlich eine DER Autoritäten auf dem Gebiet der unheimlichen Literatur im deutschen Sprachraum und Herausgeber der von den Freundes dieses Genres heiß & innig geliebten „Bibliothek des Hauses Usher“ (1969-1975) im Insel Verlag, zu der auch diese Sammlung ursprünglich gehörte.

Autor

1869 wurde Algernon Blackwood in Shooter’s Hill (heute ein Teil von London, damals zur Grafschaft Kent gehörend) geboren. Seine Eltern gehörten einer strengen calvinistischen Splittergruppe an, doch Algernon betrachtete die ‚etablierten‘ Religion skeptisch. Er verließ sein behütetes aber gefühlskaltes Elternhaus, sobald er volljährig war, und emigrierte nach Kanada. Später ging er in die Vereinigten Staaten und versuchte er sich u. a. als Farmer, Hotelier, Journalist und Schauspieler. Die in dieser Lehr- und Wanderzeit gewonnenen Erfahrungen, die er später auf ausgedehnten Europareisen vertiefte, flossen in Blackwoods schriftstellerische Arbeit ein, mit der er 1899, im Jahr seiner Rückkehr nach England, begann.

In rascher Folge veröffentlichte Blackwood mehrere Sammlungen mit Kurzgeschichten, die sich mit dem Okkulten und Übersinnlichen beschäftigten. Auch hier konnte er auf persönliche Kenntnisse zurückgreifen. Schon als 17-jähriger hatte Blackwood in Kent die Sagen und Mythen seiner Heimat studiert und sich mit den Lehren der klassischen Okkultisten und Kabbalisten vertraut gemacht. Im Jahre 1900 trat Blackwood dem berühmten „Hermetic Order of the Golden Dawn“ bei.

Natur- und Elementargeister, verschüttete Erinnerungen, Wiedergeburt: Dies sollten die Themen sein, auf die Blackwood in seinen Geschichten immer wieder zurückkam. Sie belegen außerdem die zweite Leidenschaft der gesellschaftlichen Oberschicht um die Jahrhundertwende – das Interesse an der neuen, noch höchst umstrittenen und daher umso faszinierenderen Wissenschaft der Psychoanalyse.

Die Hypothese, dass Geister – sollte es sie denn geben – nicht einfach nur ‚sind‘, sondern Ausgeburten der menschlichen Psyche sein könnten, hatte in den Augen der Zeitgenossen etwas Bestechendes. Recht schnell spiegelte sich dies in den Arbeiten zeitgenössischer Schriftsteller wider. Blackwood gehört zu den Pionieren, die eine psychologische Sicht auf die Welt des Okkulten warfen. Besonders deutlich manifestierte sich dies in der Figur des „physican extraordinary“ Dr. John Silence, (1908) einer am Vorbild Freuds orientierte, aber mit dem okkulten Wissen seines Schöpfers ausgestattete Figur.

Algernon Blackwood starb hoch betagt und als Schriftsteller halb vergessen 1951. Im letzten Jahrzehnt seines Lebens war (der 1949 geadelte) er jedoch als Radiosprecher und Hörspielautor noch einmal ungemein populär geworden. Blackwood hinterließ etwa 200 Kurzgeschichten und 14 Romane, dazu Schau- und Hörspiele, Gedichte und Liedtexte.

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