Die Angst hat tausend Namen

Christopher Evans (Hg.)
Die Angst hat tausend Namen

Originaltitel: Mind at Bay. Stories of Horror from the Skull’s Unmapped Depths (London : Panther Books 1969)
Übersetzung: Monika Hahn
Deutsche Erstausgabe: 1974 (Erich Pabel Verlag/Vampir-Taschenbuch 8)
Cover: Frank Frazetta
143 Seiten
[keine ISBN]

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Inhalt:

Herausgeber Evans, ein Psychologe, präsentiert sieben Geschichten von Menschen, die sich buchstäblich selbst verrückt machen oder deren Angstvorstellungen real werden:

– Christopher Evans: Einführung (Introduction, 1969)

– Conrad Aiken: Schnee, sanfter Schnee (Silent Snow, Secret Snow, 1934): Schon immer war Paul ein Einzelgänger, doch jetzt kapselt er sich endgültig ab und verliert sich in seiner Privatwelt, in der unaufhörlich der Schnee wirbelt.

– James Graham Ballard: Die Wachttürme (The Watchtowers, 1962): Gigantische Türme hängen still aber drohend aus den Wolken über der Stadt; nie zeigen sich ihre Bewohner – oder haben sie die Macht heimlich längst übernommen?

– Edward Frederic Benson: Raupen (Caterpillars, 1912): Der Besucher träumt von grässlichen Wesen, die seinen Gastgeber verfolgen, und dieser Traum besitzt einen schauerlich realen Kern.

– John Connell: Bund mit dem Teufel (Back to the Beginning, 1952): Auch für einen modernen Teufelspakt muss der Preis irgendwann bezahlt werden.

– M. R. James: Die Esche (The Ash-Tree, 1905): Die böse Hexe belegt ihre Henker mit einem Fluch; was mit der Umsetzung beauftragt wurde, kriecht in der Nacht aus dem genannten Baum.

– Jane Rice: Der Abgott der Fliegen (The Idol of the Flies, 1942): Waisenjunge Pruitt ist ein Tyrann, der gern drohend auf seinen Schutz durch den „Herrn der Fliegen“ hinweist, was eines Tages mit teuflischen Folgen auf die Probe gestellt wird.

– H. R. Wakefield: Die Grenzwächter (The Frontier Guards, 1929): Der nächtliche Besuch eines Geisterhauses entfesselt einen Spuk der gänzlich unerwarteten Art.

Das Regime der Angst

Die Welt ist schlecht bzw. das Leben an sich bereits gefährlich. Unfälle, Krankheiten, Mordattacken bedrohen den Menschen. Als ob diese Unerfreulichkeiten nicht schlimm genug wären, wird er zu allem Überfluss aber gar nicht selten von seinem eigenen Gehirn im Stich gelassen, das ihm Schreckliches vorgaukelt. ‚Gekrönt‘ wird alles schließlich durch den Tod.

Wie die Realität tatsächlich aussieht, sich anhört oder riecht, werden wir niemals wissen. Wir nehmen nur einen begrenzten Ausschnitt wahr, wobei das Gehirn Filter und Übersetzer gleichzeitig ist. Schon dies ist eine anspruchsvolle Aufgabe und beansprucht ein Organ, das gesund ist und im biochemischen Gleichgewicht seine Arbeit verrichtet. Leider ist dieses Gleichgewicht labiler, als wir es uns wünschen. In der Regel verdrängen wir, wie leicht sich unser Hirn täuschen oder aus der Bahn werfen lässt: Die Folgen sind angsteinflößend, wie Christopher Evans, der Herausgeber der hier vorgestellten Sammlung, literarisch verfremdet aber eindeutig verdeutlicht.

Als Psychiater muss er es wissen. „Mind at Bay“, Verstand in der (türlosen) Kellerkammer, hat er seine Kollektion genannt. Auch der deutsche Titel geht – obwohl vor allem auf Publikumswirksamkeit getrimmt – keineswegs fehl. Die Angst hat sogar mehr als tausend Namen, wenn man dem Hirn nicht mehr trauen kannst und die faktisch ‚nur‘ eingebildeten Nachtmahre zur Realität werden.

Die Typen der Angst

Herausgeber Evans hat sich große Mühe gegeben. Die Reihenfolge der Geschichten folgt einer eigenen Hierarchie der Angst, die Evans aufgestellt hat. Im Vorwort weist er seine Leser darauf hin, dass diese Kollektion auch eine Einführung in die Evansche Gedankenwelt ist.

Leider macht ihm die bis in die 1980er Jahre übliche Praxis deutscher Verlage, Unterhaltungsliteratur nur seitengenormt zu veröffentlichen, einen Strich durch die Rechnung: Auch „Die Angst hat tausend Namen“ erschien nur gekürzt. Immerhin blieben die Storys selbst unangetastet; was die Normierung von 144 Seiten überschritt, wurde einfach ausgelassen.

In ursprünglicher Fülle und Reihenfolge sah Evans‘ Liste der existenziellen Ängste so aus:

– H. Russell Wakefield: The Frontier Guards (Furcht vor Spuk und Gespenstern)
– M. R. James: The Ash Tree (Furcht vor [schwarzer] Magie)
– John Connell: Back to the Beginning (Furcht vor der Hölle)
– Jane Rice: The Idol of the Flies (Furcht vor dem Bösen [im Menschen])
– E. F. Benson: Caterpillars (Furcht vor Krankheit)
– Conrad Aiken: Silent Snow, Secret Snow (Furcht vor Wahnsinn)
– John Sladek: The Master Plan (Furcht vor dem Tod)
– J. G. Ballard: The Watch-Towers (Furcht vor Paranoia)
– Alex Hamilton: Breakaway (Furcht vor Einsamkeit und [verderblicher] Bestimmung)
– Perry A. Chapdelaine: We Fused Ones (Furcht vor der Zukunft)
– George MacBeth: Crab Apple Crisis (Furcht vor dem Krieg)

Der deutschen Auswahl-Kollektion fehlen die Geschichten von Sladek, Hamilton, Capdelaine und MacBeth. Dies schwächt das Konzept, tut aber der Wirksamkeit der Storys selbst erfreulicherweise keinerlei Abbruch.

Die überlieferte Angst

Evans‘ Liste der Ängste weist eine chronologische Komponente auf. Henry Russell Wakefield (1888-1964) und Montague Rhodes James (1862-1936) erinnern an die ‚reale‘ Furcht des (noch) nicht aufgeklärten Menschen vor dem unverstandenen Unbekannten, das gern mit dem Wirken übernatürlicher, dem Menschen meist feindlich gesonnener Mächte ‚erklärt‘ wurde. James verlegt seine Erzählung zeitlich und in eine entsprechende Umgebung zurück, während Wakefield – der in der Tat an ein spukig belebtes Jenseits glaubte – einen Weg findet, Geister und Gespenster auch im 20. Jahrhundert am Leben zu halten: Seine Phantome werfen sich keine weißen Laken über und rasseln mit Ketten. Sie gehen stattdessen subtil und gemein vor. Pailton, das Spukhaus dieser Geschichte, erweist sich als Grenzportal. Unsere beiden Geisterjäger geraten in eine Sphäre, in der die Gesetze der Realität außer Kraft gesetzt sind. Wie genau sich dies auswirken wird, spart Wakefield aus; freilich hat er zuvor mehrfach anklingen lassen, dass erschreckend viele Besucher Pailton nicht mehr lebend verlassen konnten.

John Connell beschäftigt sich spielerisch mit einer weiteren ‚alten‘ Angst: Der Teufel pflegte sich in der vorindustriellen Ära gern persönlich um seine ‚Kunden‘ zu kümmern. Der Pakt mit dem Bösen und der sich irgendwann anschließende, verzweifelte Versuch, sich um die Bezahlung – die Preisgabe der unsterblichen Seele – zu drücken, ist Gegenstand unzähliger Geschichten, die vor allem im Mittelalter auch lehrreiches Traktat waren. Connell geht das Thema eher humorvoll an. Darunter bleibt jedoch die bekannte Angst erhalten: Der Teufel betrügt, aber er lässt sich nicht betrügen. Der Preis muss gezahlt werden.

Jane Rice (1913-2003) beschreibt die andere Seite der Medaille: Solange der Pakt gilt, ist der Teufel seinem ‚Partner‘ durchaus dienstbar. Man sollte es daher vermeiden, einen derartigen Satansbraten herauszufordern: Seine Macht geht über menschliche Kräfte hinaus. Dass Pruitt die Züchtigung durch allzu gepiesackte Mitmenschen verdient, hilft diesen leider gar nichts. Folglich verhindert es die Strafe nicht, wenn man im Recht ist. Das ist ein guter Grund zur Furcht.

Die Angst vor dem Unerwarteten

Klammert man das Jenseits u. a. Sphären unheimlicher Heimsuchungen aus, bleibt die Furcht vor dem, was im Menschen selbst wuchern mag. Edward Frederic Benson (1867-1940) fasst die hilflose Angst vor einer tödlichen und heimlichen Krankheit in eine symbolreiche aber wahrlich schauerliche Geschichte. Der eigene Körper kann dich im Stich lassen und sich in einem Pandämonium von Schrecken und Schmerz selbst zerstören. Eine gewisse Ironie sowie Bestätigung liegt in der Tatsache, dass Benson selbst am Krebs starb.

Conrad Aiken (1889-1973) geht einen Schritt weiter. Der ‚Verräter‘ ist in seiner Geschichte das Gehirn, der Sitz des Verstandes, dessen Verlust sicherlich eine der größten Ängste des Menschen darstellt. Dass Paul dies nicht so sieht, ändert nichts an der Tatsache: Der nicht vom Wahnsinn Betroffene erlebt Pauls ‚Flucht‘ in eine ‚bessere‘ Welt als geistigen Verfall.

Die letzte Steigerung dieses Schreckens stellt James Graham Ballard (1930-2009) dar: Der Mensch erlebt seinen Verfall bei (vermeintlich) vollem Bewusstsein mit. In der Paranoia mischen sich ‚Wissen‘ und ‚Nicht-Wissen‘; die Grenze ist fließend oder in ständiger Auflösung begriffen. Dem Paranoiker ist jener Boden, der dem Menschen Sicherheit gibt, gänzlich entzogen. Sind die Außerirdischen (Dämonen, Geister …) bereits in der Stadt? Stecken sie im Mitmenschen? Wem kann ich noch trauen? Niemandem, so lautet die bittere Erkenntnis. Es gibt nicht einmal das sprichwörtliche und irgendwann erlösende Ende mit Schrecken – dieser Schrecken dauert endlos an.

Die Angst als Freund

Die Angst zu beschreiben, heißt auch, sie in den Griff zu bekommen. Vertreiben lässt sie sich nicht, denn sie ist ein durchaus nützliches Element des Lebens. Man kann sie jedoch so eindämmen, dass sie sich nicht dort zerstörerisch Bahn bricht, wo sie nichts zu suchen hat. Die literarische Beschäftigung mit der Angst mag nicht nur dem Schriftsteller, sondern auch dem Leser helfen, dem ihre Wurzeln offengelegt werden.

Die Angst aus sicherer Entfernung bleibt darüber hinaus ein wirksamer Motor für unterhaltungsreiche Geschichten. „Ach, wenn’s mich nur gruselte!“, wünscht sich ein allzu nüchterner Märchenheld, denn er weiß um das Vergnügen, das daraus erwachsen kann. Auf die eine oder andere Weise wird die Angst deshalb zuverlässig für viele weitere, furchterregend spannende Geschichten sorgen!

Herausgeber

Christopher Riche Evans führte ein kurzes aber produktives Leben. Geboren am 29. Mai 1931 in Aberdyfi, einem kleinen Dorf in Wales, flog er ab 1950 zwei Jahre für die Royal Air Force. Zurückgekehrt ins zivile Leben, arbeitete Evans als Journalist, bevor er 1957 ein Studium der Psychologie am University College in London begann, das er 1960 abschloss bzw. an der Physikalischen Fakultät der University of Reading ergänzte. Ab 1964 arbeitete Evans bis zu seinem frühen Tod als Informatiker für das National Physical Laboratory im Londoner Stadtteil Teddington.

Evans blieb darüber hinaus als Publizist aktiv. Außerdem trat er im Radio und im Fernsehen auf. Als Zeitzeuge der frühen Computertechnik und Mikroelektronik beschrieb er nicht nur deren zukünftige Möglichkeiten, sondern erkannte auch die Notwendigkeit, die Aussagen von Pionieren zu sammeln und zu bewahren. In den 1970er Jahren interviewte Evans u. a. Konrad Zuse und Grace Hopper für das Science Museum London.

Als Psychologe und Informatiker beschäftigte Evans zeitlebens das Problem der Kommunikation zwischen Mensch und Maschine, wobei ihn das Gehirn als (nur bedingt zuverlässige) Schnittstelle besonders interessierte. Neben zahlreichen Büchern und Zeitschriftartikeln entstanden zwei Sammlungen ‚psychologischer‘ Horror- und SF-Geschichten, deren Autoren in genau diese Kerbe hieben.

Verheiratet und Vater zweier Kinder, erlag Christopher Evans am 10. Oktober 1979 gerade 48-jährig einem Krebsleiden.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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