Die Drei

Sarah Lotz
Die Drei

(sfbentry)
Originaltitel: The Three (London : Hodder & Stoughton 2014)
Übersetzung: Eva Bonné
Deutsche Erstausgabe (Paperback): August 2014 (Goldmann Verlag/Paperback Nr. 31371)
512 S.
ISBN-13: 978-3-442-31371-6
eBook: August 2014 (Goldmann Verlag)
689 KB
ISBN: 978-3-641-14275-9
Hörbuch-Download: August 2014 (Random House Audio)
820 Minuten (ungekürzt, gelesen von Diversen)
ISBN: 978-3-8371-2922-9

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Das geschieht:

In den USA, in England, Südafrika und Japan stürzen zeitgleich und offenbar grundlos vier Passagierflugzeuge ab. An drei Absturzorten kann je ein Kind lebend geborgen werden, ansonsten kommen alle Insassen um. Nachdem terroristische Anschläge ausgeschlossen werden können, konzentriert sich das Interesse auf die wundersam geretteten Drei, die zur Projektionsfläche der Wünsche meist geistig derangierter Zeitgenossen werden.

Nicht nur die Medien spielen verrückt  In den USA konzentrieren sich fundamentalchristliche Sekten auf die Drei. Ehrgeizige ‚Geistliche‘ erkennen die Chance, sich endlich auch Gehör außerhalb des notorischen „bible belt“ zu verschaffen. Schnell wird eine ‚göttliche Weisheit‘ konstruiert, nach der die Drei Boten sind, die das nahende Ende der Welt ankündigen. Fanatiker setzen die Kinder sogar mit den vier apokalyptischen Reitern der biblischen Offenbarung gleich und lassen in Südafrika nach dem offenbar untergetauchten vierten Kind fahnden.

Während verblendete Gläubige und die Medien die Drei nicht aus den Augen lassen, erleben Verwandte und Freunde, die nun für die Kinder verantwortlich sind, die Hölle. Man lässt sie einfach nicht in Ruhe, verfolgt und bedrängt sie. Dabei wären Ruhe und Hilfe dringend erforderlich, denn die Drei zeigen sich nach der Katastrophe seltsam verändert.

Zunächst wird der Schock für ihr Verhalten verantwortlich gemacht. Sie sind auffallend gefühlsarm, manchmal höhnisch und scheinen etwas zu verbergen.  In ihrer Umgebung kommt es zu merkwürdigen Phänomenen. Gleichzeitig wächst der Druck von außen. Die Fundamentalisten verlangen Zugang zu den Kindern. Eine neue Fraktion ist der Meinung, der drohende Weltuntergang ließe sich vermeiden, wenn man die Vorboten ausschaltet …

Wenn der alltägliche Irrsinn überkocht

Mit „Die Drei“ ist der südafrikanischen Autorin Sarah Lotz ein Roman geglückt, dessen Lektüre den Leser in mehrfacher Hinsicht zwiespältig zurücklässt. Da ist zunächst die Form: Lotz erzählt nicht stringent, sondern bricht ihre Geschichte auf. Nachdem sie exemplarisch den Absturz der US-amerikanischen Maschine geschildert hat, gibt sie angeblich das Sachbuch der (fiktiven) Journalistin Elspeth Martins wieder, die unter dem Titel „Schwarzer Donnerstag – Vom Absturz zur Verschwörung“ die Geschichte der „Drei“ recherchiert und aufgeschrieben hat.

„Martins“ bedient sich einer modularen Darstellung und setzt das Geschehen aus Interviewtexten, Chatprotokollen, Bloginhalten u. a. Informationsfragmenten zusammen, die sie chronologisch sowie inhaltlich in einen Zusammenhang bringt. Auf diese Weise setzt sich Stück für Stück eine ungeheuerliche Geschichte zusammen, hinter der eine verborgene Ebene fühlbar wird, die sich der Autorin und somit den Lesern entzieht.

Martins und ihr Publikum bleiben ratlos zurück. Es folgt ein angeblich zwei Jahre später verfasster Epilog, der Martins weitere Nachforschungen beschreibt. Ihr Bestseller, eine unfreiwilligen Studie, die den Wahnsinn dokumentierte, in die der Mensch sich selbst getrieben hat, wird ergänzt durch Erkenntnisse, die das schlüssige Bild einer globalen Massenhysterie plötzlich kippen lassen: Womöglich waren die Drei tatsächlich nicht von dieser Welt!

Das Mittel zum Zweck

Die sprunghafte Darstellung erleichtert es der Autorin, ihre Leser aufs Glatteis zu führen. „Die Drei“ beginnt als lupenreiner Mystery-Thriller. Ein kurzfristig den Absturz überlebender Passagier spricht Abschiedsworte auf das Handy. Diese letzten Worte scheinen eine Warnung vor einem ebenfalls (und dauerhaft) überlebenden Kind zu enthalten, das mit geisterhaften Begleitern auftritt und gar nicht in der Maschine gesessen haben könnte.

Auf den nächsten vierhundert Seiten bleibt dieser Aspekt unterschwellig aber präsent. Ansonsten konzentriert sich Lotz auf die Entfesselung eines Wahnsinns, der ausschließlich diesseitiger Natur ist. Zwar leistet die Autorin auch in der Schilderung jener Ereignisse, die sich in Südafrika und Japan abspielen, Eindrucksvolles. Zur Hochform läuft sie indes auf, wenn sie sich der fundamentalfanatischen Pseudo-Religiosität widmet, das den Süden und Südwesten der Vereinigten Staaten prägt. Im „bible belt“ gehört ein extremer evangelikaler Protestantismus zum Alltagsleben. Die verfassungsmäßig festgelegte Trennung zwischen Kirche und Welt wird von den Anhängern nur widerwillig anerkannt und ständig attackiert. Die von Lotz beschworene Gefahr, die USA könnten sich in einen christlichen Gottesstaat verwandeln, wird realiter vor allem durch den Zerfall in unzählige Splittergruppen vermieden, die einander als Werkzeuge des Teufels beschimpfen, statt an einem Strang zu ziehen. Gleichzeitig gibt es (mehr als genug) Politiker, die sich den ‚Werten‘ dieser Fanatiker verpflichtet fühlen und ebenfalls die Bibel wortwörtlich und buchstabengetreu als Gottes Wort und Weisung für die Menschen betrachten.

Das Gesetz gibt diesen Fundamentalisten einen breiten Spielraum. So können selbsternannte Prediger ihr (gottesfernes) Wort verbreiten. Längst nutzen sie die modernen Medien, sind bildschirmtauglich geschult, besitzen eigene Pressesprecher. Ihren gläubigen Schäfchen erzählen sie, was diese hören wollen. In der Regel geht es um die Abwehr einer sich allzu rasch wandelnden Welt und die Rückkehr in eine angeblich ‚bessere‘ Vergangenheit ohne emanzipierte Frauen, gleichberechtigte Afroamerikaner, Ausländer, Liberale, widerspruchslustige Jugendliche, Schwule, Lesben & sonstige „Perverse“, Kriegsdienstverweigerer, langhaarige Rockmusiker u. a. Satanisten. Die Liste ist schier unendlich, und sie schließt auch die Ablehnung der Evolution oder des Rechtes auf Abtreibung ein.

Das Signal zur fatalen Einigung

Ausgrenzung und Gewalt sind diesen Gruppen nicht fremd. Im Namen des HERRN müssen störrische Schafe zu ihrem eigenen Wohl notfalls zurück in die Herde gezwungen werden. Schon jetzt kommt es zu grotesken Rückfällen ins geistige Mittelalter, wenn beispielsweise an Schulen Evolution und Kreationismus gleichwertig gelehrt werden müssen. Durchaus zur Kenntnis genommene Widersprüche werden durch ‚Auslegung‘ bereinigt.

Lotz geht weiter – nur einen Schritt, wie dem Leser schaudernd schwant: Sie lässt die Drei zum Symbol einer fundamentalistischen Einigkeit werden, zu der es in der Realität glücklicherweise  (noch) nicht gekommen ist. Lotz verfügt über das Talent, die katastrophalen Konsequenzen glaubwürdig in Szene zu setzen. Schon vorher erschrickt, wenn sie biedere US-Hausfrauen in Nebensätzen und aller Selbstverständlichkeit darüber reden lässt, dass man Gottes Feinde buchstäblich zur Hölle schicken wird, wenn diese sich nicht für die ‚richtige‘ Seite entscheiden.

Zum Schreckens gesellt sich Abscheu, wenn Lotz eine eigentlich bekannte Tatsache anspricht, die jedoch weitgehend ignoriert wird: Die Vermittlung des ‚richtigen‘ Glaubens ist in den USA auch und vor allem ein Geschäft, in dem exorbitante Geldsummen umgesetzt werden, auf die keine Steuern erhoben werden: Anerkannte Kirchen sind davon befreit. Hardliner-Gläubige sind wie Süchtige, die ihr Geld dem Dealer ihres Gottes in den Rachen werfen. Viele Prediger sind steinreiche Männer geworden, die zusätzlich ihre manipulative Macht genießen. Der Staat hütet sich, diese fundamentalen Gruppen allzu heftig anzugehen. Sie können sich wehren – und sie wollen verfolgt werden, ‚Märtyrer‘ sein. Manchmal sind sie bereit, dafür in den Tod zu gehen, wobei schwankende Glaubensgenossen zur Begleitung ‚überredet‘ werden.

In diesem von Lotz zum Treib- und Irrenhaus auf die Spitze getriebenen Umfeld ist es letztlich gleichgültig, wer die Drei sind. Sie werden vereinnahmt und instrumentalisiert. Ihr Tod wird scheinheilig aber faktisch erfreut zur Kenntnis genommen: Lebende Propheten sind unzuverlässig. Nur die nachträgliche und alleinige Auslegung ihrer Worte sichert den Funktionären des Glaubens ihre Vorherrschaft.

Die Wahrheit – oder lieber nicht?

Als die Welt schließlich zerstritten und verfeindet erst in eine globale Depression und womöglich in einen Zusammenbruch schlittert, haben die Drei keinen Finger gerührt, geschweige denn sich als Gottesboten, Dämonen oder sonstige Schreckgestalten entpuppt. Die Menschen haben die Untergangsspirale selbst und ohne übernatürliche Anregung in Gang gesetzt, wie sie es stets getan haben – oder?

Der eigentlichen Handlung folgt ein Epilog, in dem Lotz auf den Kopf stellt, was sie bisher überaus überzeugend vertreten hat. Hinter den Dreien steckt ein Geheimnis, das nicht von dieser Welt ist. Es bleibt ungelüftet und lässt dem Leser Raum für die eigene Interpretation. Ist Elspeth Martins auf der Suche nach der Wahrheit selbst in den Strudel geraten und hat die Fähigkeit verloren, zwischen Realität und Einbildung zu unterscheiden? Oder gibt es doch eine Grauzone, eine „Twilight Zone“, aus der die Drei – womöglich nicht zum ersten Mal – geschlüpft sind, um auf ihre Weise mit der Menschheit zu ‚spielen‘?

Das offene Ende ist ideal für diese Geschichte, deren Erfolg einen glatten Schnitt jedoch nicht zulässt. Folgerichtig – und hoffentlich ebenso spannend – setzt Lotz das lukrative Drama mit „Day Four“ fort.

Autorin

Obwohl sie in Deutschland erst mit ihrem weltweit erfolgreichen Mystery-Thriller „The Three“ („Die Drei“) auf dem Buchmarkt erschien, schreibt Sarah Lotz in ihrer südafrikanischen Heimat schon seit einigen Jahren Drehbücher (u. a. für die Cartoon-Serie  „URBO: The Adventures of Pax Afrika“) und Romane. 2008 erschien der autobiografisch gefärbter Debütroman „Pompidou Posse“, der u. a. auf ihren jugendlichen Pariser Jahre als Straßenkünstlerin basiert. (Noch heute illustriert Lotz Bücher anderer Autoren.)

Seit 2010 veröffentlicht Lotz Bücher und Kurzgeschichten in so rascher Folge, dass sie sich gleich mehrere Pseudonyme zulegte. Als „S. L. Grey“ schreibt sie zusammen mit Louis Greenberg Horror-Romane, als „Lily Herne“ mit ihrer Tochter Savannah die auf jugendliche Leser zugeschnittene Zombie-Serie „Deadlands“ und als „Helena S. Paige“ zusammen mit Helen Moffett und Paige Nick erotische Romane.

Sarah Lotz wurde in England geboren und zog 1992 nach Südafrika, wo sie in Kapstadt lebt und arbeitet.

Website

Kurzkritik für Ungeduldige: Drei Überlebende dreier Flugzeugabstürze werden von den Medien, Endzeit-Kirchlern und anderen Eiferern als Wunderkinder, Vorboten der Apokalypse oder schlichte Dämonen stigmatisiert; die Hetzjagd auf die Drei stürzt die ganze Welt ins Chaos … – Autorin Lotz erzählt ihren Mystery-Thriller indirekt über Interviews, Chatprotokolle usw. Die Distanz hilft der Autorin, dem Leser die Entscheidung zu überlassen, ob die Hysterie um die Drei auf Einbildung basiert oder vielleicht doch Böses in ihnen steckt. Die spannende Geschichte mündet in einen unerwarteten und gelungenen Twist.

[md]

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