Die Dreizehnte

John Everson
Die Dreizehnte

Originaltitel: The 13th (New York : Dorchester Publishing Co. 2009)
Übersetzung: Michael Krug
Cover: Dean Samed
Deutsche Erstausgabe: November 2015 (Festa Verlag/Horror & Thriller 1592)
395 S.
ISBN-13: 978-3-86552-411-9
eBook: November 2015 (Festa Verlag)
969 KB
ISBN-13: 978-3-86552-412-6

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Das geschieht:

Die sommerlichen Semesterferien will Student David Shale nutzen, um für seine Wunsch-Karriere als Radrennfahrer zu trainieren. Er zieht sich in die Einsamkeit des Städtchens Castle Point zurück, dessen hügelige Landschaft die notwendigen Herausforderungen bietet. Außerdem lebt hier eine Tante, bei der David unterkommen kann.

Beinahe finden seine Pläne ein böses Ende, als ihn die Polizistin Christy Sorensen mit ihrem Wagen rammt. Die junge Frau ist neu in der Stadt – und ehrgeizig, weshalb die Wiedereröffnung des berüchtigten „Castle Point Lodge“ ihre Aufmerksamkeit erregt hat. Vor einem Vierteljahrhundert war das alte Hotel Schauplatz eines Massenmords geworden. Der Fall wurde nie wirklich gelöst; offenbar artete eine seltsame Kulthandlung blutig aus.

Nun hat in dem verrufenen Haus das „Castle Point Asylum“ eröffnet. Dr. Barry Rockford behandelt hier schwangere Frauen, die unter einer Geisteskrankheit leiden. Das ist jedenfalls seine Tarnung, denn tatsächlich gedenken Rockford und seine ‚Assistentin‘ Amelia dort anzuknüpfen, wo ihre Vorgänger gescheitert waren: Abermals sollen die Dämonen Ba’al und Astarte beschworen werden. Damit sie körperlich auf die Erde zurückkehren können, müssen zwölf schwangere Frauen geopfert werden. Dadurch soll es den Dämonen möglich sein, in einen ‚Gastkörper‘ zu fahren, den eine dreizehnte Frau zur Welt bringen muss.

Die Vorbereitungen laufen auf vollen Touren. TG und Billy, zwei örtliche Säufer und Schläger, greifen sich rund um Castle Point junge Frauen, die sie für Geld dem ‚Doktor‘ bringen. Dessen Keller-Kerker füllt sich mit potenziellen Opfern, aber die beiden Strolche haben auch Brenda verschleppt, zu der sich David überaus hingezogen fühlt. Im Internet findet er Hinweise darauf, dass Rockfords Laufbahn einen obskuren Verlauf genommen hat. Ebenso hartnäckig wie David streicht auch Christy um die ‚Heilanstalt‘. Leider sind Rockford und Amelia aufmerksam und absolut skrupellos. Außerdem können sie im Notfall auf jene Jünger zählen, die Ba’al und Astarte schon einmal wortwörtlich in Blut gebadet haben …

Im Hexenhaus der langen Messer

Die Inhaltsangabe ersetzt im Grunde die nun folgende Rezension, denn „Die Dreizehnte“ gehört zu jenen Romanen, die sich selbst erklären. Allerdings sollte man vielleicht ein anderes Verb wählen, da wenig bis gar nichts zu „erklären“ ist. Im Laufe einer Handlung, die wie von selbst abläuft, geschieht kaum etwas, das Fragen aufwerfen könnte.

Das ist einerseits schön und andererseits langweilig. Es kommt auf die Erwartungshaltung des Lesers an. Wer seine Lektüre gut vorgekaut schätzt und dem Hirn nicht mehr zumuten möchten als die Fügung von Buchstaben zu Worten und Sätzen, dürfte John Everson preisen. Es geschieht nichts außer dem, was wir aus unzähligen Horrorromanen und -filmen der Güteklassen B und C bereits kennen. Dieser Rezensent hat einmal versehentlich fünfzig Seiten übersprungen, ohne es zu bemerken. Als er den Lückentext dann später las, war die Erklärung einfach: „Die Dreizehnte“ ist quasi ein Text voller Echos. Was geschieht, wiederholt sich in der Regel.

Was ist mit denen, die gewisse Ansprüche auch an Feierabend-Lektüre stellen und beispielsweise überrascht werden möchten? Für sie fährt Everson ersatzweise eine Schlachtplatte auf, dessen Gänge er mit Blut u. a. Körperflüssigkeiten tränkt. Schon der Prolog ist ein Overkill aus zerfetzten Leibern und Säften, in denen Körperteile treiben. Dem folgt ein vergleichsweise konventionell erzählter Hauptteil, an den sich ein schier unendliches Finale anschließt, in dem sich der Autor ausschließlich der Herausforderung widmet, so viele Frauen, Föten & Strolche wie möglich abzuschlachten, was mit enormer Liebe zum Detail ausgemalt wird.

Nackte Haut & blutige Teufeleien

Zur Tortur gehört in diesem Winkel des Genres Horror der Sex; man könnte ihn pornografisch nennen, wäre da nicht die irritierende Tatsache, dass Eversons wortmächtige Fick- und Fetz-Orgien dem Leser bald die Mundwinkel nach oben ziehen: Man muss einfach grinsen, weil sich das, was der Verfasser für verworfen, gemein und böse hält, in seiner Häufung selbst erledigt. Seite um Seite reiht er weniger infernalische als infantile Grässlichkeiten aneinander, bis ein Sieger feststeht: die Lächerlichkeit.

Was kann man auch erwarten von zwei Dämonen, die sich wie ein altes Ehepaar zanken? Ba’al und Astarte wirken alles andere als furchteinflößend. Überdies haben sie in dieser Geschichte nur Nebenrollen. Zwar geht es angeblich darum, ihnen einen Körper zu schaffen, aber das ist nur ein MacGuffin. Tatsächlich beobachten wir die kultischen Umtriebe einiger Hinterwäldler, zu denen sich ein „mad scientist“ sowie seine schöne aber selbstverständlich bitterböse Helfershelferin gesellen.

Wie immer, wenn der Teufel in einen Säugling schlüpfen will, kommen a) junge Frauen und b) der Zeugungsakt ins Spiel. Erstere werden vom fiesen Doktor ordentlich in seinem Behandlungszimmer = seiner Folterkammer geschändet und gepiesackt, danach angekettet in einer Art Vorratskeller für die große Opfer-Orgie aufbewahrt. Damit es bis dahin hübsch schlüpfrig bleibt, lässt Everson zwei Hirnlos-Halbmenschen durch die Wälder schleichen, die besagten Keller mit Nachschub füllen und ihre freie Zeit nutzen, sämtliche Hillbilly-Klischees der populären Kultur abzuarbeiten.

Dinge, die niemand wissen muss

Damit reihen sich TG und Billy nahtlos in ein Figurenpersonal ein, das mit stumpfer Säge aus einer harten Holzplatte geschnitten wurde. Ob gut, ob böse, uns sind sämtliche Mitwirkende gleichgültig. Als ‚Held‘ i. S. des US-amerikanischen Durchschnittsmenschen, der in der Krise zum Weltenretter mutiert, ist Student David eine schlechte Wahl: ein pubertärer Hohlkopf, der beinahe vergisst, den nächsten Satanisten-Schädel zu spalten, weil sich ihm die Brüste der zwischenzeitlich ebenfalls in Gefangenschaft geratenen Christy entgegenrecken.

‚Dr.‘ Rockford und die böse Amelia funktionieren als reine Stellvertreter der Finsternis; sie tricksen und geben sich unheimlich; als die Masken fallen, gehen sie voll kindlicher Freude ihrem mörderischen Aktivitäten nach, die sie gern ausführlich ankündigen sowie kommentieren; soviel Zeit muss schließlich sein.

Nichtsdestotrotz besteht Everson darauf, uns plötzlich über die Hintergrundgeschichte unserer Haupt-Schurken zu informieren. Es ist überflüssig, es sorgt nur für zusätzliche Klischees. Aber es füllt Seiten. Also werden wir ähnlich ausführlich über die Viten von Figuren in Kenntnis gesetzt, die höchstens als Satanist oder Opfer auftreten und damit ihren Zweck erfüllt haben. Wir müssen und wollen nichts über sie wissen.

Hauptsache gruselig

Ist „Die Dreizehnte“ also als Lektüre ein Totalausfall? Nicht unbedingt, wenn man bedenkt und anerkennt, dass es ein Publikum für eindimensionalen Horror gibt, der ja durchaus spannend sein kann. Ohne die der Handlung aufgezwungenen Ekel- und Nackedeien bietet Everson solide erzählte Grusel-Routine. „Die Dreizehnte“ ist ein Nachfolger jenes Trivial-Horrors, der hierzulande einst als Groschenheft und seitennormiertes Taschenbuch in Kiosken und Bahnhofsbuchhandlungen erhältlich war.

Nur die Form (und die Umfang) haben sich verändert. Inhaltlich ist dagegen weiterhin die reine Handlung unter Verzicht auf Hintergründigkeit bestimmend. Selbst die plakativen Torture-Porn-Szenen gab es bereits früher. Sie geben verstörenden Schrecken nur vor und verharren auf Geisterbahn-Niveau. Vor allem junge = unerfahrene Leser dürften dies ‚schrecklich‘ finden bzw. die Herausforderung suchen, solches Grauen mannhaft (oder frauenstark) zu meistern.

„Die Dreizehnte“ bietet in diesem Umfeld (mittelmäßige) Unterhaltung. Im Mittelteil gibt es erhebliche Längen, sonst geht es rasant voran. Dass Everson im Finale das Handlungsziel förmlich überrennt – nach 400 Seiten ist die Geschichte ruckzuck zu Ende -, ist zu verschmerzen. Übel nimmt man dem Verfasser dagegen den ausgelutschten Epilog-Gag vom toten Übel, das sich – Buh! – plötzlich doch wieder rührt.

Autor

John Everson wurde am 14. März 1966 in Tinley Park, einer Kleinstadt im US-Staat Illinois, geboren. Er studierte Journalismus an der University of Illinois und arbeitete nach seinem Abschluss 1988 zwei Jahre für die Zeitung „The Star Newspapers“ in Chicago Heights, wo er eine Popmusik-Kolumne schrieb. Auch nachdem er die Zeitung verlassen hatte und zum Unterhaltungsmagazin „Illinois Entertainer“ gewechselt war, setzte er diese bis 2008 fort.

In den frühen 1990er Jahren begann Everson Horror- und Fantasy-Storys zu schreiben. Eine erste Sammlung erschien 2000, vier Jahre später folgte der Roman „Covenant“, der 2005 mit einem „Bram Stoker Award“ für den besten Debüt-Roman des Jahres ausgezeichnet wurde. Seitdem hat Everson u. a. eine Fortsetzung („Sacrifice“) sowie weitere Romane und zahlreiche Kurzgeschichten veröffentlicht.

Mit seiner Familie lebt John Everson in Naperville, Illinois. Seit 2006 ist er nicht nur Schriftsteller, sondern auch Verleger. Sein Verlag „Dark Arts Books“ veröffentlicht Horror-Anthologien.

Mehr über John Everson.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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