Die Saat

del-toro-saat-coverGuillermo del Toro/Chuck Hogan
Die Saat

Originaltitel: The Strain (New York : HarperCollins 2009)
Übersetzung: Jürgen Bürger u. Kathrin Bielfeldt
Deutsche Erstausgabe (geb.): September 2009 (Wilhelm Heyne Verlag)
527 S.
ISBN-13: 978-3-453-26639-1

Als Audio-Book: September 2009 (Random House Audio)
Gesprochen von David Nathan
6 CDs (ca. 420 min.)
ISBN-13: 978-3-8371-0165-2

Das geschieht:

Auf dem John-F.-Kennedy-Flughafen in New York landet ein Passagierflugzeug. In seinem Inneren findet man mehr als 200 blutleere Leichen und vier desorientierte Überlebende, die keine Ahnung haben, wie ihnen wann geschah. Die US-Seuchenbehörde alarmiert ihre „Canary“-Truppe, die das Flugzeug und seinen Inhalt penibel auf mögliche Giftspuren untersuchen soll; im Jahr 8 nach 9/11 liegt in den USA die Vermutung einer raffinierten Terroristen-Attacke nahe.

„Canary“-Leiter Ephraim Goodweather und sein Team stellen im Rumpf der Maschine nur eine Abweichung vom Normalzustand fest: Dort steht ein uralter, mit Erde gefüllter Sarg, der kurz darauf spurlos verschwindet. Während der Leser längst seine Schlüsse gezogen hat, herrscht in den Köpfen der Ermittler weiterhin Leere. Erst Abraham Setrakian, ein alter rumänischer Pfandleiher und Wissenschaftler, bringt Goodweather und Co. auf die richtige Spur. Als junger Mann wurde er in ein Konzentrationslager verschleppt, dessen Insassen tagsüber von den Nazis ermordet und nachts von einem Vampir heimgesucht wurden. Setrakian hat dessen Attacken einst überlebt und ist ihm viele Jahre heimlich gefolgt. Nach seiner Emigration in die USA wartet er auf die Wiederkehr des Ungeheuers, um ihm endlich den Garaus zu machen.

Die Ankunft des Vampirs verdankt die noch ahnungslose Menschheit dem ebenso milliardenschweren wie kranken Konzern-Magnaten und Theologen Eldritch Palmer, der so sehr an seinem Leben und seiner Macht hängt, dass er sogar einen Pakt mit dem Teufel eingegangen ist: Der Biss des Vampirs verheißt Gesundung, Unsterblichkeit und übermenschliche Kräfte. Allerdings unterschätzt Palmer die Dankbarkeit seines ‚Gastes‘, der eigene Pläne hat, die sich um die Weltherrschaft drehen. In schmaler Besetzung bemühen sich Goodweather und Co., den „Meister“ zu stoppen, während in den Straßen von New York dessen Saat für Angst und Mord zu sorgen beginnt …

Breitgetretener Grusel-Quark

Existiert der Begriff „Event-Bestseller“ eigentlich schon? Falls nicht, habe ich ihn hiermit erfunden und werde ihn umgehend mit Leben füllen; Leben der diesem seltsamen ‚Roman‘ weitgehend abgeht. Wo beginnt man, wenn man Scheitern einerseits und Enttäuschung andererseits in Worte fassen möchte? Noch stärker als in der modernen Buchindustrie ohnehin üblich wirkt nebensächlich, was zwischen die Einbanddeckel gebunden wurde. Viel Energie wird stattdessen eingesetzt, um „Die Saat“ multimedial und möglichst werbewirksam zum Ereignis aufzubauschen. Es gibt sogar einen Videoclip zum Buch, der einen Kinofilm anzukündigen scheint.

Das ist nicht unbedingt abwegig, denn „Die Saat“ gilt als geistiges Kind von Guillermo del Toro, der zweifellos ein begnadeter Filmemacher ist. „Cronos“ (1993), „Hellboy“ (2004 u. 2008), „Pans Labyrinth“ (2006) und bald „Der Hobbit“ sind nur die Höhepunkte einer Liste phantastischer Kinowerke. Aber wie stark war und ist del Toro in das „Saat“-Projekt faktisch involviert? Hat er – der Verdacht liegt nahe – nur die „Idee“ gehabt und in groben Zügen entwickelt, worauf ein Lohnschreiber dem vielbeschäftigten Meister zur Seite sprang und das eigentliche Formulieren übernahm? Dass del Toros Name deutlich größer auf dem Titel prangt als „Chuck Hogan“, spricht keineswegs dagegen; del Toro trägt nun einmal den prominenteren und damit kundenlockenden Namen.

Aus Friedhofserde wird Bockmist

Ausgerechnet Vampire! Man spricht diese beiden Worte mit einem Stöhnen aus. Die Blutsauger treten sich längst gegenseitig auf die Totenhemden. Vor allem seit sie zur Projektionsfigur für pubertäre Mädchen degenerierten, suchen die Untoten die Unterhaltungsmedien dieser Welt inflationär heim. Immer neue Trittbrettfahrer springen auf diesen Zug auf und versuchen, mit minimalem Erzähltalent ihr Publikum maximal auszubeuten. Schwülstige Lovestory und stumpfer Metzel-Horror bilden die Enden dieser Vermarktungskerze, die an beiden Enden kräftig brennt.

Von einem Mann wie Guillermo del Toro hätte man neue Impulse in Sachen Vampir-Horror erwartet. Stattdessen drischt er nur Stroh. „Die Saat“ bietet keine echte Idee, sondern präsentiert ausschließlich Bekanntes, Bewährtes und Ausgelaugtes im Gewand einer Hit-&-Run-Story. Wer während der Lektüre echte Unterhaltung sucht, mache sich den Spaß, die gerade gelesenen Passagen Szenen aus Filmen zuzuordnen, von denen sie ‚inspiriert‘ wurden. (Keine Sorge, dies ist möglich, ohne dass darüber der rote Faden der Geschichte verloren ginge.)

Dreist proklamiert das Autorenduo die Alleinherrschaft des Klischees. Was eigentlich schon nach wenigen Buchseiten eindeutig ist, wird als Geheimnis förmlich zelebriert. Endlos lassen del Toro und Hogan ihre offenbar zum Wohle der Handlung lobotomisierten ‚Helden‘ über die ‚Rätsel‘ eines mit Erde gefüllten Sarges oder blutleer gesaugte Menschen spekulieren. Verdammt noch einmal – jedes Kind weiß, dass hier Vampire ihr Unwesen treiben! Um das spannungsförderlich zu verschleiern, müssten die Autoren deutlich raffinierter vorgehen.

Tempo, Tempo, damit niemand einschläft!

War „Die Saat“ ursprünglich als Drehbuch geplant? Der ‚Roman‘ zerfällt in unzählige Kapitel und Kapitelchen, die einen hektisch geschnittenen, ‚schnellen‘ Film vor- und widerspiegeln. Vielleicht ist das gut so; hat der Leser nach wenigen Zeilen begriffen, dass ihm ein weiteres vorgestanztes Ereignismodul vorgesetzt wird und er daraufhin einzunicken droht, wird er zur nächsten ‚Sensation‘ gerissen.

Paradoxerweise tritt die Handlung trotz ständiger Ortswechsel auf der Stelle. An sich klar verständliche Szenen werden erneut ins schier Unendliche gedehnt. Schon die Bergung der scheintoten Flugzeug-Passagiere beansprucht beinahe ein Buchdrittel. Technobabbel soll Realitätsnähe suggerieren. Noch das kleinste und unwichtigste Detail wird exzessiv beschrieben. Vermutlich kann der Leser nach der „Saat“-Lektüre mit geschlossenen Augen ein Flugzeug der Marke Boeing 777 auseinandernehmen und wieder zusammensetzen. Später wird der Vampirismus als virale Mutation ‚wissenschaftlich‘ erklärt, was die Story weder fordert noch ihr hilft.

Als die ‚neuen‘ Vampire dann durch die Straßen von New York stürmen, lassen die Autoren ihnen immer wieder neue Bürger ahnungslos vor die Fänge laufen. Dass die Blutsauger gefährlich sind, haben wir spätestens nach der zweiten oder dritten Metzelei verstanden. Folglich ist es unnötig bis kontraproduktiv, uns mit Blutbad 4 bis 10 zu langweilen, statt endlich die eigentliche Handlung voranzutreiben!

Hohle Helden für ein grobes Buch

Dem dürren Handlungsfaden entsprechend fällt die Figurenzeichnung so flach aus, dass der Mediziner wahrscheinlich von einer Flatline spräche. Ernsthaft fragt man sich, ob ein Name wie „Ephraim Goodweather“ Ironie andeuten soll. Da die Handlung generell unter ihrem Bierernst zusammenzubrechen droht, ist davon nicht auszugehen. Die nicht mit der Schreibfeder, sondern wie mit dem Maschinengewehr zum Einsatz gebrachten Klischees bestätigen die unguten Vermutungen. Ephraim ist ein zerstreutes Genie und viel zu nett für diese grobe Welt. Das zielt primär gegen seinen der Politik und den Medien hörigen Chef, der ihm im Kampf gegen die Vampire ständig in die Parade fährt, um „Panik zu vermeiden“.

Auch privat hat es Ephraim nicht leicht. Von Gattin Kelly wurde er geschieden, weil sie seine idealistische Hingabe an den Job nicht ertrug. Inzwischen hat er in seiner Assistentin Nora eine viel ‚bessere‘ Lebensgefährtin gefunden. Weil er Kelly insgeheim noch immer liebt – so ein Guter ist unser „Eph“! –, merkt er das aber nicht. Stattdessen frönt er seiner Affenliebe zu Sohn „Zach“, einer pubertierenden Pestgestalt, die muffig wird, wenn Papa die Welt retten will, statt mit ihm am Sonntag zum Baseballspiel zu gehen.

Als wissend-würdigen Graubart in beratender Funktion fungiert Abraham Setrakian, den die Autoren offensichtlich nach Bram Stokers Dracula-Jäger Van Helsing formten. Während sein Vorbild dem Vampir-Grafen höchst nachdrücklich auf den Fersen war, beschränkt sich Setrakian darauf, im Keller seiner Pfandleihe Anti-Vampir-Waffen zu bunkern. Zu einem echten Plan hat er es nie gebracht. Erst Eph beendet den Dornröschenschlaf dieses ‚Spezialisten‘.

In der Gewalt von Proll-Vampiren

Die Gegenseite ist nicht eindrucksvoller aufgestellt. Der vampirische „Meister“ legt großen Wert auf eindrucksvolle Auftritte, die er mit bedrohlichen Ankündigungen à la „Jetzt hat deine letzte Stunde geschlagen!“ zu würzen pflegt. Obwohl er so böse und schlau und böse und stark und böse ist, wird er vom schwächlichen Eph und seinen Mitstreitern mächtig in den untoten Arsch getreten; das kommt auch für den Leser überraschend, nachdem es bis kurz vor dem Finale so aussah, als liefe alles nach Plan für den „Meister“.

Des Meisters untote Schergen entsprechen dem modernen Klischeetyp 2 – sie schmachten keine Jungfrauen an, sondern schneiden ihnen die Hälse durch. Auch sonst können sie vor Kraft kaum laufen, toben meuchelnd durch die Stadt, lassen sich mit Kugeln unterschiedlichsten Kalibers vollpumpen (nützt nichts) und zerbröseln detailfroh eklig, wenn sie angeleuchtet werden oder man ihnen die Köpfe abschlägt – ein Effekt, der in unzähligen Variationen wiederholt wird.

Das Ende bleibt offen, denn „Die Saat“ ist nur der Start in eine Trilogie, für deren Verlauf der erste Teil wahrscheinlich als Blaupause dient: Es wird ca. weitere 1000 Seiten verfolgt (Eph & Co.) und getückt („Meister“ und Brut) sowie gerannt und gemetzelt (alle). Höchstens die Dimension des künstlich aufgerührten Grauens ändert sich, wenn ab Band 2 noch sechs weitere „Mächtige“ mitmischen, die bisher die Umtriebe ihres abtrünnigen Gefährten zwar ungnädig aber tatenlos zur Kenntnis nahmen. Ob die daraus resultierenden Verwicklungen jene versöhnen können, die sich durch den Auftaktband gekämpft haben? Ekstatisch werden dagegen jene Leser auf die Fortsetzung warten, die ein Faible für frisch aus der Klischee-Retorte gezapften Krawall-Horror haben. Wenigstens sie dürfen sich gut bedient fühlen.

Autoren

Guillermo del Toro (geb. 1964 in Guadalajara/Mexiko) ist bisher primär als Filmregisseur, Drehbuchautor und Produzent  bekannt geworden. Nachdem er zunächst eine Firma für Spezialeffekte gegründet hatte, drehte del Toro 1993 seinen ersten Spielfilm. „Cronos“ dokumentiert bereits die Vorliebe seines Regisseurs für das phantastische Genre, wobei del Toro das Übernatürliche gern als märchenähnliches Element in den realen Alltag einbrechen lässt. So spielen sowohl „The Devil’s Backbone“ (2001) als auch „Pans Labyrinth“ (2006) im faschistischen Spanien des II. Weltkriegs.

Um seine filmischen Fantasien im großen Stil verwirklichen zu können, ging del Toro in den 1990er Jahren nach Hollywood, wo er sich zunächst als kompetenter und filmindustriekompatibler Regisseur für Popcorn-Horror („Mimic – Angriff der Killerinsekten“, 1997; „Blade II“, 2002) empfahl, bevor er sich mit „Hellboy“ (2004) nicht nur einen aufwändigen Filmtraum erfüllen konnte, sondern auch Kommerz mit Imagination zu mischen verstand. Vorläufiger Höhepunkt dieses gelungenen Spagats stellt das Engagement als Regisseur der zweiteiligen Verfilmung des Tolkien-Klassikers „Der Hobbit“ dar, mit der del Toro 2010 und 2011 in die Fußstapfen von Peter Jackson („Der Herr der Ringe“) treten wird.

Guillermo del Toro arbeitet als Drehbuchautor nach eigener Auskunft wie ein Schriftsteller. Für die einzelnen Rollen entwirft er regelrechte Biografien, auf die sich die Darsteller stützen können. Insofern war der Schritt zum ‚echten‘ Buchautoren wohl nur eine Frage der Zeit.

Da del Toro ein vielbeschäftigter Mann ist, holte er sich professionelle Schützenhilfe. Obwohl Chuck Hogan bereits seit 1995 Thriller veröffentlicht, die (auch in Deutschland) von der Literaturkritik positiv aufgenommen werden, blieb der eigentliche Durchbruch als Bestseller-Autor bisher aus. Die Zusammenarbeit mit Guillermo del Toro soll und könnte hier Abhilfe schaffen. (3 x PRT)

Die-„Saat“/„Strain“-Trilogie erscheint im Wilhelm-Heyne-Verlag:

(2009) The Strain (dt. „Die Saat“)
(2010) The Devouring (noch nicht erschienen)
(2011) Eternal Night (noch nicht erschienen)

[md]

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