Eine Versammlung von Krähen

Brian Keene
Eine Versammlung von Krähen

Originaltitel: A Gathering of Crows (New York :  Leisure 2010)
Übersetzung: Michael Krug
Deutsche Erstausgabe: Juni 2013 (Festa Verlag/Horror TB 1555)
348 S.
ISBN-13: 978-3-86552-206-1

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Das geschieht:

Brinkley Springs, ein abgelegen im bergischen Teil des US-Staates West-Virginia gelegener Ort, ist an und für sich genug gestraft: Die Rezession hat hier hart zugeschlagen und die meisten Bürger in Arbeitslosigkeit und Armut gestürzt. Viele Bewohner haben ihre Häuser verlassen, Brinkley Springs verwandelt sich allmählich in eine Geisterstadt, die von Hoffnungslosigkeit, Frustration und häuslicher Gewalt bestimmt wird.

Niemand kümmert sich um diesen Ort: Das ist Musik in den Ohren einiger Dämonen, die von ihrem Herrn wieder einmal auf die Erde geschickt werden, um dort Tod und Verderben zu säen. Das böse Quintett fliegt in Krähengestalt ein, sabotiert die Strom- und Telefonleitungen und sorgt auch sonst dafür, dass jeder Kontakt zur Außenwelt abbricht: In dieser Nacht sollen sämtliche Bürger von Brinkley Springs ein grausiges Ende finden, denn von Todesangst und Schmerz erfüllte Seelen schmecken den Dämonen am besten!

Das Vorhaben lässt sich gut an. Bald säumen Leichen die Straßen, und auch in den Häusern geht der Tod um. Die Dämonen sind schussfest, weshalb die prinzipiell gut bewaffneten Bürger ihnen schutzlos ausgeliefert sind. Dennoch haben die Kreaturen die Rechnung dieses Mal ohne einen ganz besonderen Wirt gemacht: Levi Stoltzfus, ehemals Mitglied der amischen Glaubensgemeinschaft, wurde als Ketzer davongejagt, weil er sich nicht nur als Geistheiler betätigt, sondern auch Gespenster und Dämonen jagt. Levi greift auf den Powwow-Zauber der indianischen Ureinwohner zurück, denen sehr bewusst war, dass feindselige Wesen die Menschen seit jeher heimsuchen.

Dass dieses Mal nicht alles nach Plan geht, weil ihnen jemand gewachsen ist, bleibt den Dämonen keineswegs verborgen. Aber auch Levi stellt fest, dass er seine Gegner unterschätzt hat. Er steht keineswegs übernatürlichen Widerlingen gegenüber, die er mit Bannsprüchen oder Gebeten in die Flucht schlagen kann. Die Krähenmänner sind aus wesentlich härterem Holz geschnitzt und erfordern den Einsatz dunkler, elementarer und lebensgefährlicher Magie …

Lovecraft light aber Morde extrem

Brian Keene wird sicherlich nie in als begnadeter Stilist oder Beschwörer eines subtilen Grauens in die Geschichte der Horrorliteratur eingehen. Er ist ein Handwerker, der mit groben Werkzeugen arbeitet und damit solide Unterhaltung zimmert. Hin und wieder schimmert ein wenig mehr Talent durch, das sogleich unter Strömen von Blut und Eingeweiden begraben wird: Der Effekt geht Keene stets über die Handlungsökonomie; von der Logik ganz zu schweigen.

Was abfällig klingen könnte, ist keineswegs so gemeint: Das Genre benötigt auch die Handwerker, die nicht tief im Psychologischen gründeln, sondern die guten, alten Monster von der Kette lassen. Die Literaturkritik postuliert zwar, dass nur die Kunst der Andeutung den wahren Schrecken birgt. Wir müssen dem jedoch nicht zustimmen und können unseren Spaß haben, wenn die Fetzen fliegen – und das ist in diesem Fall wörtlich zu nehmen!

Auch das Spiel mit der Sprache ist Keenes Ding nicht, Er setzt Wort an Wort, um zu beschreiben, was vorgeht. Offen oder rätselhaft bleibt bei ihm nichts. Wenn im Finale die wenigen Überlebenden ins endlich wiederkehrende Tageslicht blinzeln, ist es, wie es ist: Das Böse wurde niedergeschlagen, die Kollateralschäden bleiben. Brinkley Springs ist ausgelöscht, nur das nackte Leben ist geblieben, etwaige Folgen bleiben ausgespart.

Nur von den Guten ‚lernen‘!

Da Keene ein fleißiger Autor ist, lässt er sich gern von erfolgreichen Kollegen inspirieren. Ein Stephen King ist er nicht, aber an Dean Koontz mag er herankommen; Levi Stoltzfus erinnert kaum zufällig an Koontzes Odd Thomas, einen weiteren Reisenden in Sachen Dämonenjagd.

Serienhelden müssen ein wenig grob gestrickt bzw. mit unveränderlichen Grundmerkmalen ausgestattet sein. Ihr Publikum möchte sie nicht in jedem Band neu kennenlernen – es will sie wiedererkennen. Ein bisschen jenseits der sozialen Normen dürfen und sollten sie stehen; durchschnittlich ist man selbst. Ohne Furcht vor Übertreibung stellt uns Keene deshalb einen ehemaligen Amish-Mann vor, der mit Pferd und Wagen durch das Land reist.

Bei näherer Betrachtung ist diese Figurenzeichnung sogar raffinierter als gedacht: Levi bewegt sich langsam. Ihm bleibt die Zeit, seine Umwelt zu beobachten und Schlüsse zu ziehen. Wer in einer Kutsche sitzt, ist buchstäblich seinen Mitmenschen näher. Deshalb ist es gar nicht so ungewöhnlich, dass ausgerechnet Levi immer wieder mit schwarzmagischen Praktiken konfrontiert wird: Mit dem Auto wäre er vermutlich achtlos durch Brinkley Springs gebraust, statt dort Station zu machen.

US-Amerika ganz unten

In Stephen Kings Revier wildert Keene, wenn er uns die Bewohner des kleinen Ortes vorstellt. Es geht ihm einerseits darum, ganz im Sinne seiner Geschichte klarzustellen, dass Brinkley Springs in jeder Hinsicht von der Außenwelt isoliert ist und deshalb ein ideales Spielfeld für Unholde darstellt, die lieber abgeschieden ihr Unwesen treiben. Außerdem will Keene die Tragik der Ereignisse unterstreichen, indem er das Unglück über Menschen hereinbrechen lässt, die es einerseits nicht verdienen, während sie andererseits ohnehin bereits bis zum Hals in der Patsche sitzen.

Gelegenheitsarbeiter, kleine Handwerker und Gewerbetreibende, Rentner, Scheidungskinder, Jugendliche ohne Zukunft: Keene kann sich nicht mehr bremsen, als er erst einmal damit begonnen hat, uns Biografien der Bürger von Brinkley Springs zu präsentieren. Hier übertreibt er es, denn er behandelt jede Person wie eine Hauptfigur. Der Leser verliert schnell das Interesse: Wozu sich mit Zeitgenossen beschäftigen, die es ohnehin einige Seiten später erwischen wird?

Das Schreiben eines Romans ist für Keene offenbar wie das Dreschen von Getreide: Es fällt viel leeres Stroh dabei ab. Dazu gehören fatalerweise auch die ‚grausigen‘ Mordszenen. Die fünf Krähen können eigentlich nur in Jahrhundert-Abständen auftreten, denn in der Zwischenzeit müssen sie sich Möglichkeiten des Menschenmeuchelns ausdenken: Zumindest für Keene ist es Ehrensache, sich für jeden Bürger eine eigene Todesart auszudenken. Dabei legt er seiner Fantasie keine Zügel an. Doch wiederum gilt: In der Addition verlieren Gräuel irgendwann ihre Wirkung. Man muss schließlich grinsen, wenn wieder ein Pechvogel gar gräuslich ins Gras beißt.

Weltbild aus zweiter und dritter Hand

Viele Autoren schreiben nicht nur Serien. Sie können irgendwann der Versuchung nicht widerstehen, ihr Gesamtwerk einem gemeinsamen Weltbild unterzuordnen. Keene greift dabei abermals auf Vorgänger zurück. 1928 veröffentlichte Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) die Kurzgeschichte „The Call of Cthulhu“. Er beschrieb ein Universum, in dem die Menschheit zum Spielball kosmischer Elementarmächte wurde, die gleichgültig für das Leid der Opfer ihre Kriege auch auf der Erde ausfochten. Lovecraft baute diese ebenso exotische wie beängstigende Vision mit weiteren Storys und Kurzromanen aus. Begeisterte Autorenkollegen griffen seine Ideen auf. Gemeinsam schuf man in den 1930er Jahren einen eigenen Cthulhu-Mythos.

Nicht jeder Lovecraft-Epigone teilte die Auffassung des Meisters, nach der Cthulhu und seine göttergleichen Gefährten vor allem existierten. Vor allem August Derleth (1909-1971), Lovecrafts selbsternannter (und zu Recht gelobter) Nachlassverwalter, bemühte sich, Cthulhu & Co. in irdischen Glaubenswelten zu verankern. Eine direkte Verbindung zu christlichen Mythen hatte Lovecraft stets abgelehnt – Cthulhu ‚existierte‘ im wissenschaftlichen Sinn und hatte mit klassischen Dämonen oder Engeln nichts zu tun. Derleth klassifizierte, wo Lovecraft sich auf Andeutungen beschränkt hatte. Was bei ihm beängstigend fremd blieb, gerann Derleth zu einer geordneten Überwelt, die mit den üblichen Schreckensgestalten bevölkert war.

Keene hält sich an Derleth. In Levis Welt gibt es Vampire, Gespenster, Zombies, Dämonen, den großen Manitu, den Teufel und seine Heerscharen – und 13 kosmische Mächte, die Keene als ‚Überlebende‘ eines Universums erklärt, das Gott – der natürlich ebenfalls existiert – auseinandergenommen hat, um aus seinen Trümmern unseren Kosmos zu basteln. Cthulhu seine Gefährten müssen sich mit der zweiten Reihe hinter den 13 begnügen, die aus der Bibel bekannte Namen wie „Behemoth“ oder „Leviathan“ tragen, zu denen sich aber auch eher seltsame Supermächte wie „Ob“, „Ab“, „Api“ oder der in diesem Roman vorgestellte „Meeble“ gesellen.

Lieber ein Rätsel zu viel als zu wenig

Vermutlich unbeabsichtigt gerät Keene in Lovecrafts Spur, wenn er offenlässt, was Meeble im Sinn hat, wenn er seine fünf Krähen Hinterwäldler niedermetzeln lässt. Sollen die Menschen sich fürchten? Die Krähen könnten tausend Nester wie Brinkley Springs auslöschen, ohne damit in die Schlagzeilen zu kommen: sehr ineffizient, das alles!

Besonders helle sind die Krähen nicht. Seit sie Ende des 16. Jahrhunderts in Meebles Dienste traten, haben sie den Anschluss an die Gegenwart verloren. Keene konstruiert eine Verbindung zum realen, nie gelösten Rätsel um die „verlorene Kolonie“ von Roanoke Island vor der Ostküste des US-Staates South Carolina: Zwischen 1587 und 1590 verschwanden hier 118 britische Siedler spurlos.

Die Krähen besitzen kein Charisma, sie gehören zum Dämonen-Proletariat. Keene schildert sie wie Strauchdiebe aus einem Italo-Western. Sie reden viel, und meist reden sie Unsinn. Gern drohen sie Levi mit schrecklichen Strafen, denen sie nie echte Taten folgen lassen. Sind sie anfänglich unverletzlich, kann man sie irgendwann mit einer Prise Salz ausschalten. Als Levi sie schließlich in die Hölle schickt, weiß er nicht, ob sie irgendwann zurückkommen. Da zudem 99% der Einwohner von Brinkley Springs tot sind, stellt sich abermals die Frage, was der ganze Wirbel sollte. Die Antwort ist simpel, und sie wurde bereits gegeben: Das Handlungskonzept dient Keene primär als Aufhänger für Gore- und Gutter-Effekte. Auf diesem Niveau funktioniert „Eine Versammlung von Krähen“ – und Levi Stoltzfus kann der nächsten Begegnung mit Brian Keenes besonders bunten Welt der Magie entgegen kutschieren.

Autor

Brian Keene (geboren 1967) wuchs in den US-Staaten Pennsylvania und West Virginia auf; viele seiner Romane und Geschichten spielen hier und profitieren von seiner Ortkenntnis. Nach der High School ging Keene zur U.S. Navy, wo er als Radiomoderator diente. Nach Ende seiner Dienstzeit versuchte er sich – keine Biografie eines Schriftstellers kommt anscheinend ohne diese Irrfahrt aus – u. a. als Truckfahrer, Dockarbeiter, Diskjockey, Handelsvertreter, Wachmann usw., bevor er als Schriftsteller im Bereich der Phantastik erfolgreich wurde.

Schon für seinen ersten Roman – „The Rising“ (2003), ein schwungvoll-rabiates Zombie-Garn – wurde Keene mit einem „Bram Stoker Award“ ausgezeichnet. Ein erstes Mal hatte er diesen Preis schon zwei Jahre zuvor für das Sachbuch „Jobs In Hell“ erhalten. Für seine Romane und Kurzgeschichten, ist Keene seitdem noch mehrfach prämiert worden. Sein ohnehin hoher Ausstoß nimmt immer noch zu. Darüber hinaus liefert er Scripts für Comics nach seinen Werken. Außerdem ist Keene in der Horror-Fanszene sehr aktiv. Sein Blog „Hail Saten“ gilt als bester seiner Art; die Einträge wurden in bisher drei Bänden in Buchform veröffentlicht.

Brian Keene hat natürlich eine Website, die sehr ausführlich über sein Werk und seine Auftritte auf Lesereisen informiert. Über den Privatmann erfährt man allerdings nichts; es gibt nicht einmal die obligatorische Kurzbiografie.

Copyright © 2013/2017 by Michael Drewniok (md)

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Comments

  1. Hallo Detlef: Dieser Titel wäre etwas für die geplante sfbasar-Anthologie „DAS BÖSE – Dämonen-, Exorzismus- & Teufelsgeschichten“. VG; Michael

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