Faulfleisch

Vincent Voss
Faulfleisch

Verlag Torsten Low, Meitingen, 11/2012
TB, Horror
ISBN 978-3-940036-17-9
Titelillustration von Chris Schlicht

www.verlag-torsten-low.de/
www.vincentvoss.de/
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„Mittlerweile kommunizierten wir nur noch chiffriert, und unsere Texte waren gelegentlich komisch prosaisch. Essen nannten wir tanzen, ein Ohr war ein Blumenkohl. Thanatos bezog seine Nahrung aus seinem anwachsenden Klientenstamm und seiner Szene aus Selbstverstümmlern.“ Die Ehe von Liam und Sandra steht gerade auf dem Prüfstand, weswegen er nun mit Sohn Jack in dem gemeinsam erworbenen Haus in der wakendorfschen Provinz lebt, während seine Frau mit Tochter wieder in Hamburg wohnt. Die ungewohnte provinzielle Stille beunruhigt den eingefleischten Großstädter Liam und treibt ihn zu Spaziergängen ins nähere Umland, wo ihm auf einem ehemaligen Bauernhof in der Nachbarschaft plötzlich ein gefesselter und geknebelter, nackter Mann in die Arme läuft. Der Hausbesitzer hat eine Erklärung parat, kann aber Liams Gefühl, dass hier mehr als gleichgeschlechtliche S/M-Spiele ablaufen, nicht vollständig zerstreuen.

Tatsächlich hat Liams Nachbar Geschmack an Menschenfleisch gefunden, das ihm auf Dauer allerdings nicht bekommt. Ein blutiger Handabdruck am Kellerfenster veranlasst Liam schließlich, als Detektiv aktiv zu werden. Dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt wird spätestens dann klar, als verschiedene Nachbarn plötzlich einen Appetit auf Menschenfleisch entwickeln. „Die Scheibe war beschlagen, vielleicht sogar beschmiert. Am einfachsten wäre es, wenn er dorthin gehen würde, aber er traute sich nicht. Er neige den Kopf zur Seite und fühlte sich in seiner Wahrnehmung bestätigt. Schmierig. Aber ob es Blut war, konnte er nicht sicher sagen. Vielleicht hatte auch das Licht seiner Wahrnehmung einen Streich gespielt. Aber es war eine Hand gewesen.“

Nachdem Vincent Voss kurz zuvor bereits seinen Debütroman „172,3“ im Luzifer Verlag veröffentlicht hat, hat der bekennende Zombie-Fan zeitnah „Faulfleisch“ im Verlag Torsten Low hinterher geschoben. Mit „Töte John Bender“ erscheint demnächst innerhalb kurzer Zeit der dritte Roman des Autors, wieder im Luzifer Verlag. Was in „Faulfleisch“ sehr angenehm auffällt, ist, dass sich Vincent Voss zunächst erfolgreich bemüht, eine Stimmung der Alltäglichkeit aufzubauen, auch wenn sein Protagonist Liam, als man ihn kennenlernt, durch die Trennung von Frau und Tochter gerade etwas entwurzelt ist. Wie unzählige andere Horror-Romane zeigen: der perfekte Zeitpunkt, ihn mit etwas Unerklärlichem zu konfrontieren.

Dass Liam als Broterwerb in Heimarbeit einem Projekt mit scheinbar butterweicher Deadline nachgeht, erlaubt es Autor Voss, ihn lange Spaziergänge im ungewohnt ruhigen und nebelverhangenen Umland unternehmen zu lassen. Insgesamt muss man dem Autor bescheinigen. dass er es verstanden hat, seine Figur Liam perfekt zu zeichnen und auch absolut nachvollziehbar denken und handeln zu lassen; sei es beispielsweise die planmäßige Erkundung der nachbarschaftlichen Situation oder ein ungeplanter Seitensprung mit einer ehemaligen Kollegin. Lange Zeit herrscht diese Normalität und Rationalität vor, die immer weiter durch teils herrlich-skurrile Situationen aufgeweicht wird, bis gegen Ende schließlich Liams versprengt lebenden Nachbarn sich nach und nach zu fleischfressenden Untoten entwickeln. Hier beginnt der Roman inhaltlich zu schwächeln, denn nach Patient 0 folgt lediglich noch eine Aneinanderreihung mehrerer Zombieangriffe bis hin zum abrupten Ende. Dem plötzlichen und radikalen Schluss unterstellet man volle Absicht, geht er doch konform mit vielen Klassikern des Genres.

Stilistisch sehr angenehm sind die kurzen, einfachen Sätze, die Vincent Voss abfeuert. Das macht den Roman eingängig, sehr leicht und schnell lesbar und hilft, sich schnell in den einzelnen Szenen zurechtzufinden. Der durchgehend unterschwellige Humor tut ein Übriges, „Faulfleisch“ zu einer angenehmen Lektüre zu machen. Innerhalb der Horror-Sparte im Verlag Torsten Low ein würdiger Nachfolger für Cecille Ravencrafts „Im Zentrum der Spirale“. Anders sieht es leider mit der Covergestaltung aus. Obwohl das Umschlagmotiv von der geschätzten Chris Schlicht (z. B. Covermotive für „Metamorphosen“, „Die Klabauterkatze“, „Saramee“) stammt, wirkt es – ebenso wie der bis zur Unschärfe gedehnte Titelschriftzug – behelfsmäßig am PC zusammengezimmert und animiert damit nicht gerade zum Kauf.

Dieses Buch sollte man nicht nach dem Umschlag beurteilen: großteils – in seiner Normalität – erfrischend neues Zombieszenario, das zum Ende doch in bekannte Bahnen einschwenkt.

Copyright © 2013 by Elmar Huber (EH)

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