Flesh Gothic

Edward Lee
Flesh Gothic
Horror TB 49

(sfbentry)
Flesh Gothic, USA, 2004
Festa Verlag, Leipzig, 12/2012
TB mit Schutzumschlag in Lederoptik
Horror, Thriller
ISBN 978-3-86552-163-7
Aus dem Amerikanischen von Michael Krug
Titelmotiv von Danielle Tunstall

www.festa-verlag.de/
www.edwardleeonline.com/
www.danielletunstall.com/

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„Es war fast komisch, wie man diese Kerle nur anhand der Körperteile auseinanderhalten konnte – viele wurden enthauptet und zerstückelt. Bei den Frauen war es natürlich nicht so einfach, aber die künstlichen Titten und ihre Muschis lieferten Hinweise. Und die Kerle – einem wurde der Kopf abgehackt und in zwei Hälften zerteilt. Aber man konnte anhand der Schwänze eindeutig erkennen, welcher Körper zu wem gehörte.“ Der Milliardär Reginald Hildreth wurde neben zahlreichen anderen ‚Gästen‘ bei einer extrem blutigen S/M-Orgie in seiner eigenen Luxusvilla getötet. Tatortzeugen berichten von Unmengen an Drogen, Wänden voller Blut, abgetrennten Körperteilen und deutlichen Hinweisen auf allerlei abartige und schmerzhafte Sexpraktiken. Eine Identifikation der Opfer ist so gut wie unmöglich.

Hildreths Witwe weiß jedoch nicht nur um die okkulten Interessen ihres verstorbenen Mannes, sondern ist auch davon überzeugt, dass ihr Mann noch lebt. So engagiert sie neben einem Team von Grenzwissenschaftlern und medial begabten Personen, das die Ereignisse in der Villa untersuchen soll, den Journalisten Sam Westmore, der sie über die Ergebnisse der Recherchen auf dem Laufenden zu halten hat. „Westmore fühlte sich von dem Gerede wie benebelt. „Orgiastisch enthaltsam? An Sex denken, um das >Psi< einzustimmen?“ Du meine Fresse, das ist nicht gerade Small Talk für eine Tupperparty. Er konnte kaum glauben, was er da hörte. Und alle meinten das todernst.“

Wieder einmal bedient sich Edward Lee eines – zugegeben modernen – klassischen Horrorthemas, nämlich dem des Geisterhauses, das ein Team von Spukforschern unter der Lupe nimmt. Prominente Vertreter der Gattung sind zum Beispiel Shirley Jacksons „Spuk in Hill House“ oder Richard Mathesons  „Das Höllenhaus“, beide auch verfilmt unter den schönen deutschen Titeln „Bis das Blut gefriert“ und „Tanz der Totenköpfe“. Der Leesche Geisterhaus-Horror besteht darin, dass das verfluchte Haus dem schwerreichen Selfmademan Reginald Hildreth gehört hat, der in besagter Villa nicht nur seine private Pornofirma betrieben sondern auch zu veritablen Orgien geladen hatte, bei denen Drogen eine nicht unwesentliche Rolle spielten.

Die Veranstaltung, die das Fass schließlich zum Überlaufen brachte, sprich, bei der Reginald Hildreth angeblich selbst starb und die auch für einen Großteil der Beteiligten tödlich endete, fand am 03. April statt. Doch bereits zuvor hat Hildreth durchblicken lassen, dass die Orgie keineswegs aus dem Ruder gelaufen ist sondern dass er mit dem Sex-Massaker den Dämon Belarius, den ‚Fürst der Fleischeslust‘ anlocken wollte. Hildreths Witwe Vivicia ist indes nicht nur davon überzeugt, dass ihr Mann noch lebt, sondern sie will ebenfalls herausfinden, auf was genau er mit seinem Plan hingearbeitet hat, und engagiert neben einem ganzen Team an parapsychologischen Spezialisten auch den ehemaligen Reporter und trockenen Alkoholiker Sam Westmore, der vor Ort die Wahrheit über Hildreths letzte Stunden herausfinden soll. Selbstredend befindet sich mehr als nur ein Rest sexueller Energie in dem Haus, was das zusammengewürfelte Team von Geisterforschen bald am eigenen Leib erfahren muss. Es kommt zu sexuellen Begegnungen in anderen Sphären und mit formlosen Gestalten, die deutlich an die Cenobiten-Szenen aus Clive Barkers „Hellraiser – Das Tor zur Hölle“ erinnern.

Obwohl Lee sich hier mit dem Lustdämon Belarius und der gemischten Zusammenstellung des Forschungsteams – u. a. zwei Personen, die schon in Hildreths Pornoproduktionen dabei waren – eigentlich selbst eine Steilvorlage für harte und schlüpfrige Szenen en masse liefert, ist „Flesh Gothic“ im Vergleich zu anderen seiner Bücher überraschend zahm ausgefallen. Da die Sauereien allerdings ohnehin nur die Garnitur darstellen und Lee grundsätzlich schon durch seine Fähigkeiten als Geschichtenerzähler überzeugt, wäre das nicht weiter schlimm. Viel stärker fällt ins Gewicht, dass sich Lee hier eine ganze Reihe geschickter Flanken (ein geheimer Tresor, eine mysteriöse Botschaft, rätselhafte Gemälde) zurecht konstruiert, die dann fast alle nur mäßig ausgenutzt werden. Beinahe scheint es, als hätte der Autor – nach dem packenden Prolog und der mehr als gut gelungenen Exposition – auf halbem Weg die Lust (am Schreiben) verloren. So mäandert die Handlung, nachdem die Gruppe vollständig in dem Todeshaus angekommen ist, recht ziellos und ohne erkennbaren Aufbau einer Spannungskurve träge vor sich hin, und nicht wenige Szenen, die endlich eine, Schub in Sachen Aufklärung der Ereignisse versprechen, erweisen sich am Ende als überflüssig und könnten gestrichen werden.

Das führt unter anderem dazu, dass das Interesse an den zuvor ausgezeichnet eingeführten Figuren mit der Zeit immer weiter abnimmt. Erst kurz vor dem Finale steigt das Tempo wieder, als die Gruppe herausfindet, dass die tödliche Orgie nur ein Auslöser von Ereignissen war die 666 Stunden danach, nämlich am 30. April, ihren Höhepunkt erreichen sollen. Zwar ist immer noch erkennbar, dass Edward Lee ein ausgesprochen guter Handwerker ist, doch die durchgehend fast fieberhafte Dichte von z. B. „Bighead“ oder „Haus der bösen Lust“ erreicht „Flesh Gothic“ nicht. Auch die Sphäre und die Inkarnationen der Lustdämonen, die Reginald Hildreth zu beschwören versuchte, schaffen in ihrer Beschreibung die Gratwanderung zwischen Horror und Erotik/Porno nicht und wirken reichlich bemüht. Von einem Tempel aus lebendem Fleisch ist hier die Rede, von einer Art Golemfiguren aus Schmalz (aber mit allzeit hartem Rohr) und von einem ‚Tempelwächter‘ mit Penisfingern (echt jetzt, Mr. Lee?). So muss man leider sagen, dass Edward Lee hier von seinem eigenen Klischee peinlich eingeholt wird.

Haptisch und optisch gibt es wie gewohnt rundherum nichts auszusetzen. Das Festa-Taschenbuch in exklusiver Lederoptik ist von hervorragender Qualität und weist nach dem (normalen) Lesen keinerlei Gebrauchsspuren, noch nicht einmal Rückenknicke auf. Für das Covermotiv wurde ein Werk der ‚Horror-Fotografin‘ Danielle Tunstall verwendet, das von den Festa-Grafikern wieder mit den bekannten Edward Lee-Layout überzogen wurde.

Typische Lee Mischung aus bewährten Horror-Themen und deftigem Sex. Gegenüber seinen Vorgängern im Festa Verlag geht „Flesh Gothic“ allerdings durch einige ungenutzte Möglichkeiten zusehends der Schub aus.

Copyright © 2015 by Elmar Huber (EH)

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