Gefährten der Nacht

Hans Joachim Alpers (Hg.)
Gefährten der Nacht

Originalausgabe = dt. Erstausgabe
Übersetzung: Josette Haferkorn, Inge Holm, Ingrid Neumann, Rainer Schmidt, Joachim Körber
Deutsche Erstausgabe: 1985 (Arthur Moewig Verlag/Moewig Phantastica 1821)
191 Seiten
ISBN-10: 3-8118-1821-X

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Inhalt:

In zwölf Storys gehen keine Gespenster oder Werwölfe um; thematisiert werden die traumhaften, surrealen Seiten der Phantastik:

– William F. Wu: Wongs Fundsachen (Wong’s Lost and Found Emporium, 1982): In diesem seltsamen Laden kannst du sogar ein neues Leben zu kaufen; doch Vorsicht: Irrtümer kommen vor, und die Ware ist vom Umtausch ausgeschlossen.

– Ray Bradbury: Baby (The Small Assassin, 1943/54): Dieser Säugling könnte seine Eltern aus dem Weg räumen, wenn er unzufrieden ist – und das geschieht oft …

– Peter W. Bachs: Backsteinhaus (1985): Bisher ist er nur im Traum jede Nacht aus dem Fenster gefallen, aber was würde geschehen, sollte sein Schlaf-Sturz einmal nicht durch Erwachen enden?

– Lucius Shepherd: Der Mann, der den Drachen Griaule bemalte (The Man Who Painted the Dragon Griaule, 1984): Der Maler Meric Cattanay will einen gebirgsgroßen Drachen gleichzeitig bemalen und ihn durch die Farbe vergiften.

– Bob Leman: Der Tehama (The Tehama, 1981): Ein raffgieriges Bleichgesicht setzt indianische Magie ein, um die reiche Erbtante aus dem Weg zu räumen – und umgekehrt …

– Florian F. Marzin: Vielleicht war es doch ein Fehler, daß Bonifatius die Donareiche fällte (1985): Asgard, Walhalla und seine Bewohner sind kein Mythos konnten den Vertreibungsversuchen christlicher Missionare widerstehen.

– Ian Watson; Der gütige Dämon (Samathiel’s Summons, 1982) Samathiel rettet jener ungeschickten Möchtegern-Zauberin, die ihn heraufbeschwor, nicht nur das Leben, sondern erteilt ihr für ihre Frechheit eine Lektion nach Dämonenart.

– Steve Rasnic Tem: Der Steinkopf (Stone Head, 1982): Das geflügelte Wort von der „beseelten Kunst“ erfährt in dieser Geschichte eine völlig neue Bedeutung.

– Lewis und Edith Shiner: Quaken in der Nacht (Things That Go Quack in the Night, 1983): Einer lange vernachlässigten Spezies der übernatürlichen Welt widerfährt endlich Gerechtigkeit – der Wer-Ente.

– Michael K. Iwoleit: Zwielicht (1985): Ein Pechvogel geht nicht nur durch die Hölle, sondern auch durch eine Zeitschleife, aus der es kein Entkommen gibt.

– Tanith Lee: Medusa (The Gorgon, 1983): Auf einer verlassenen griechischen Insel stellt sich heraus, das die Wahrheit jenseits der Sage eher tragisch als furchtbar ist.

– H. P. Lovecraft und Robert H. Barlow: Das Nachtmeer (The Night Ocean, 1936): Wer nachts an seinem Strand wartet, wird seine Bewohner kennenlernen.

Horror der leicht abgedrehten Art

Willkommen beim wehmütigen Rückblick auf eine Zeit, deren Ende dem Freund der unheimlichen Literatur wie die Vertreibung aus dem Paradies vorkommt. Zwischen 1980 und 1985 musste er Geister & Grusel nicht um teuer Geld bei diversen Spezial- und Kleinverlagen erwerben, sondern konnte einfach in den Buchladen gehen: Praktisch jeder deutsche (Taschenbuch-) Verlag besaß eine eigene phantastische Reihe.

Die Reihe „Moewig Phantastica“ ist längst Geschichte. Dabei hatte man sich hehre Ziele gesteckt. Anders als z. B. die zeitgleich erscheinenden Pabel-Taschenbücher, die unter deutlichen Reihennamen wie „Vampir“ oder „Dämonenkiller“ erschienen, hatte Moewig mehr im Sinn als den üblichen Kopf-ab-Horror für die Armen im Geiste. Das Übernatürliche kann tatsächlich „phantastisch“ im buchstäblichen Sinn sein: nämlich fantasievoll, seltsam, nicht unbedingt verständlich … ein Trip ins Ungewisse eben.

Zwar holte die Realität die weder sehr erfolgreiche noch besonders langlebige „Phantastica“-Reihe bald ein – es war leider doch die Kopf-ab-Fraktion, der das Geld lockerer saß –, doch mit „Gefährten der Nacht“ konnte wenigstens einmal der eigene Anspruch realisiert werden. Diese Sammlung von Kurzgeschichten ist ein höchst ambitioniertes Projekt. Mit Hans Joachim Alpers fungierte als Herausgeber ein schon damals ausgewiesener Kenner des Genres, der dieses durch eine ganze Anzahl von Titeln bereichert hat. Auch die Übersetzer tragen – Joachim Körber allen voran – bekannte Namen.

Nicht nur die üblichen Verdächtigen

Das Wohl und Wehe hängt an den Autoren. Hier bietet sich ein interessantes aber uneinheitliches Bild. Ein Dutzend Geschichten aus fünfzig Jahren werden präsentiert. Unter ihren Verfassern sind Namen, die damals wie heute für professionelles Schriftstellerhandwerk, wenn nicht sogar für Literatur stehen. Ian Watson, Lewis Shiner oder Lucius Shepherd sind hier zu nennen, und es ist fesselnd zu lesen, was diese Autoren leisteten, als sie hierzulande praktisch noch kaum oder gar nicht bekannt waren.

Shepherd legt definitiv die beste Geschichte der Sammlung vor. Seine Idee ist wirklich neu, die Umsetzung vorzüglich. Watson kann zumindest mit einer ungewöhnlichen Variante der üblichen Mär von der entgleisten Dämonen-Beschwörung aufwarten, ohne jemals wirklich zu begeistern. Die Shiners bemühen sich gar nicht, ernst zu bleiben, und Tanith Lee ist wie immer Tanith Lee: eine seltsam erfolgreiche, weil stark überschätzte, zu schwülstiger Theatralik neigende, überaus fleißige Horror-, Science Fiction- und Fantasy-Autorin.

Bob Leman und Steve Rasnic Tem sollte die Splatterpunk-Manie der späteren 1980er Jahre zu einer bescheidenen Blüte verhelfen. Hierzulande brachten sie es über Beiträge zu diversen Story-Sammlungen nicht hinaus. Wenn man liest, was sie hier vorstellen, ist dies kein besonderer Verlust.

Kein Grund zur Freude

Die beiden Klassiker Ray Bradbury und H. P. Lovecraft werden nicht mit besonders gelungenen Beispielen ihres bemerkenswerten Werkes gewürdigt. Bradburys Story vom mörderischen Säugling erstaunt immerhin durch den für die 1940er Jahre recht ungewöhnlichen Plot.

„Im Nachtmeer“ wurde aufgenommen, weil diese Story erst 1978 überhaupt wiederentdeckt wurde. Eine Sensation darf man dies nicht nennen. Lovecraft verdiente sich einen Teil seines Unterhalts als ‚Berater‘ für angehende Autoren – oder solche, die sich dafür hielten. Wie es seine Art war, schrieb er nicht selten die Geschichte gleich ganz neu. Robert H. Barlow (1918-1951) gehört in die Reihe solcher Amateure, denen nur Lovecraft zu bescheidenem literarischen Ruhm verhalf. Wunder wirken konnte er freilich auch nicht. „Im Nachtmeer“ bietet über lange Seite durchaus eindrucksvolle Stimmungsbilder. Eine Geschichte entwickelt sich leider zu keinem Zeitpunkt daraus.

Herausgeber Alpers schmuggelt in seine Kollektion die Texte einiger deutscher Autoren ein. Dies war selbst 1985 ein Wagnis, denn schon damals fiel der Vergleich mit den angelsächsischen Kolleginnen und Kollegen höchst deprimierend aus. Peter W. Bach und Michael K. Iwoleit wissen ihre nicht gerade originellen Ideen wenigstens kompetent umzusetzen, während Marzins Walküren-Mär ohne Höhepunkt oder schlüssiges Finale den Leser irritiert und unzufrieden zurücklässt.

So geben denn die „Gefährten der Nacht“ dem Gruselfreund der Gegenwart keinen Anlass, hektisch die Antiquariate auf der Suche nach ihnen auf den Kopf zu stellen. Wenn er oder sie das Bändchen zufällig einmal findet, ist es dennoch für ein paar Mußestündchen gut.

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Sämtliche Geistergeschichten, Bd. 1

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