Geister zum Fest

Richard Dalby (Hg.)
Geister zum Fest
Weihnachtliche Gruselgeschichten

Originaltitel: Ghosts for Christmas (London : Michael O’Mara Books Ltd. 1988)
Übersetzung: Stefan Troßbach
Deutsche Erstausgabe: 1993 (Knaur Verlag/Horror-TB 70004)
556 S.
ISBN-13: 978-3-426-70004-4
Neuausgabe: 1998 (Knaur Verlag/TB Nr. 71140)
ISBN-13: 978-3-426-71140-8

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Inhalt:

Richard Dalby: Vorwort, S. 7-9

Jerome K. Jerome: Unsere fröhliche Geisterschar (Our Ghost Party, 1891), S. 10-16: Wieso lieben Gespenster ausgerechnet das Weihnachtsfest – oder auch nicht?

– Charles Dickens: Die Geschichte von den Kobolden, die einen Totengräber stahlen (The Story of the Goblins Who Stole a Sexton, 1836/37), S. 17-33: Das Kleine Volk prügelt dem alten Widerling Gabriel Grubb den Geist der Weihnacht ein.

– Mark Lemon: Das Gespenst als Detektiv (The Ghost Detective, 1866), S. 34-51: Zu Unrecht schmachtet der redliche Mann im Gefängnis, aber sein Geist ist frei – und einfallsreich.

– J. Sheridan Le Fanu: Der Totengräber (The Dead Sexton, 1871), S. 52-80: Bei einem Kirchenraub ist der haderlumpige Totengräber umgekommen; solcher Zeitgenossen nimmt sich der Teufel gern persönlich an.

– Robert Louis Stephenson: Markheim (Markheim, 1886), S. 81-106: Lügner und Mörder sind des Satans liebste Kunden, aber der junge Mann springt ihm gerade noch von der Gabel.

– J. M. Barrie: Das Heiligabend-Gespenst (The Ghost of Christmas Eve, 1890), S. 107-112: Ein Schlafwandler, ein alter Mantel und eine Tabakspfeife können unter gewissen Umständen einen Spuk in die Welt setzen.

– Mrs. Alfred Baldwin: Original und Fälschung (The Real and the Counterfeit, 1895), S. 113-136: Ein nächtlicher Winterspaß im alten Spukschloss bringt einem Witzbold herzzerreißende Erkenntnisse über die Geisterwelt.

– Mrs. B. M. Croker: Nummer Neunzig (Number Ninety, 1895), S. 137-151: Ein hart gesottener Skeptiker mietet sich in der verwunschenen Villa ein und erlebt mehr, als er verkraften kann.

– J. K. Bangs: Thurlows Weihnachtsgeschichte (Thurlow’s Christmas Story, 1898), S. 152-172: Ein Schriftsteller mit Schreibblockade wird vom bösen Feind versucht, aber wie durch ein (Weihnachts-) Wunder wendet sich alles zum Guten.

– Elia W. Peattie: Liebes kleines Gespenst (Their Dear Little Ghost, 1898), S. 173-181: Das kleine, kranke Mädchen erweicht das Herz der alten Jungfer, die dafür überirdisch belohnt wird.

– Grant Allen: Der Turm von Wolverden (Wolverden Tower, 1896), S. 182-226: Drei Menschenopfer brauchte es in vorchristlicher Zeit, um ein Bauwerk einsturzsicher zu vollenden. Eine junge Frau muss feststellen, dass dieser Brauch noch nicht ausgestorben ist.

– Bernard Capes: Ein Geisterkind (A Ghost-Child, 1906), S. 227-237: Die wahre Liebe kann selbst der Tod nicht zerstören – und wenn es allen Beteiligten das Leben kostet.

– Algernon Blackwood: Der Seesack (The Kit-Bag, 1908), S. 238-255: Ein makabrer Zufall spielt dem Anwalt das Gepäckstück des Titels in die Hände, von dem sein Besitzer, ein irrer Mörder, partout nicht lassen möchte.

– E. Nesbit: Der Schatten (The Shadow/The Portent of the Shadow, 1905), S. 256-272: Die unwillige Haushälterin soll eine Geistergeschichte erzählen und beschwört das Grauen auf ihre Zuhörerinnen herab.

– Elinor Glyn: Das Gespenst von Irtonwood (The Irtonwood Ghost, 1911), S. 273-302: Eine undurchsichtige Erbschaft beschäftigt sogar die Geisterwelt.

– E. G. Swain: Grabet, und ihr werdet finden (Bone to His Bone, 1912), S. 303-315: Der alte Pfarrer vermisst in seinem Grab einen Knochen, und er macht seinem Nachfolger unmissverständlich klar, dass er ihn beschaffen soll.

– Algernon Blackwood: Übergang (Transition, 1913), S. 316-325: Manchmal kommt der Tod so überraschend, dass ihn sein Opfer gar nicht bemerkt.

– M. R. James: Die Geschichte eines Verschwindens und eines Erscheinens (The Story of a Disappearance and an Appearance, 1913), S. 326-345: Der treue Neffe sucht den in der Provinz spurlos verschwundenen Onkel – und zu seinem Pech findet er ihn auch.

– Marie Corelli: Der Mönch und der Engel (The Sculptor’s Angel, 1913), S. 346-366: Der unkeusche Kloster-Bildhauer hat seine Braut schnöde im Stich gelassen; sie verzeiht ihm zwar, wählt aber einen ungewöhnlichen Weg, ihm dies zu zeigen.

– Hugh Walpole: Der Schnee (The Snow, 1929), S. 367-380: Über die verstorbene Gattin spreche man nicht schlecht, denn sie könnte noch immer über den Ehemann wachen – mit üblen Folgen für die Konkurrentin.

– A. M. Burrage: Smee (Smee, 1929), S. 381-397: Beim Versteckspiel im großen, alten Haus gibt es mehr Mitspieler als gedacht.

– Marjorie Bowen: Das Rezept (The Prescription, 1929), S. 398-423: Lässt sich ein Mord ein Jahrhundert nach begangener Tat rückgängig machen?

– J. B. Priestley: Der Dämonenkönig (The Demon King, 1931), S. 424-443: Dieses Weihnachtstheater werden die braven Bürger von Bruddersford nicht vergessen, denn die Rolle des bösen Dämonenkönigs übernimmt ein ganz besonderer Gaststar.

– H. Russell Wakefield: Der Weihnachtsbaum (Lucky’s Grove, 1940), S. 444-476: Im Teufelswald wachsen die schönsten Tannen, aber sie stehen dort beileibe nicht unbewacht.

– George H. Bushnell: Ich werde die geeigneten Vorkehrungen treffen (I Shall Take Proper Precautions, 1945), S. 477-494: Noch immer wenn ein Mitglied der Familie Dairsie diesen Satz sprach, sind merkwürdige Ereignisse ins Rollen gekommen.

– Rosemary Timperley: Weihnachtsbekanntschaft (Christmas Meeting, 1952), S. 495-499: Einer Dame erscheint des Nachts ein Geist, der seinerseits fest davon überzeugt ist, einem Gespenst begegnet zu sein.

– L. P. Hartley: Der Mann im Lift (Someone in the Lift, 1955), S. 500-507: Düstere Schatten künden nicht nur von vergangenem Unrecht, sondern können auch die Zukunft prophezeien.

– Ramsey Campbell: Das Weihnachtsgeschenk (The Christmas Present, 1969), S. 508-519: Zur Party unweit des alten Friedhofs hat ein allzu wissbegieriger Student ganz besondere Gäste geladen.

– Daphne Froome: Weihnachtszauber (Christmas Entertainment, 1979), S. 520-532: Ein toller Spiegeltrick gestattet einem Geist, Rache an seinem ungeliebten Konkurrenten zu üben.

David G. Rowlands: Gebal, Ammon und Amalek (Gebal and Ammon and Amalek, 1988), S. 533-556: Drei Zwergdämonen und ein untoter Marmeladenfabrikant helfen einem alten Seebären, sich seiner Feinde zu entledigen.

Weihnachtszeit ist Geisterzeit

Die Crème de la crème der angelsächsischen Gespenstergeschichte gibt sich hier die Ehre. Verstärkt wird ihre Reihe durch einige lange vergessene, aber nicht weniger fähige Autoren, die ihren Teil dazu beitragen, an eine uralte Tradition zu erinnern: Am Weihnachtstag, wenn Familien und Freunde zusammensitzen und gutes Essen sowie viel Alkohol die üblichen Streitigkeiten gedämpft haben, erzählte man sich Geistergeschichten.

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So war es jedenfalls, bevor das Fernsehen erfunden wurde. Eine regelrechte Grusel-Kultur entwickelte sich. Zu den Feiertagen gaben Verlage eigene Storys in Auftrag, Zeitungen brachten Geister-Weihnachts-Sondernummern. Gern nutzten Schriftsteller diese zusätzliche Einnahmequelle. Besonders in der viktorianischen Epoche und dann noch bis zum I. Weltkrieg entstanden Gespenstergeschichten, die zu reinsten ihres Genres gehörten. Sie beinhalten alles, was wir Leser der Gegenwart noch heute mit Geisterspuk der nostalgischen Art assoziieren –  Schrecken & Gemütlichkeit, nostalgisch vergoldet durch das Wissen um ihre Entstehungszeit, die gern als die „gute, alte“ verklärt wird.

Charles Dickens (1812-1870) markiert die ursprüngliche Nähe der Gespenster-Geschichte zur Sage. Als Naturgeister ‚modernisiert‘ werden wir Kobolden, Feen oder vorzeitlichen Gottheiten im phantastischen Genre auch später immer wieder begegnen; in dieser Sammlung zeigt es uns Horace Russell Wakefield (1888-1964). (Gabriel Grubb erinnert übrigens schon stark an Dickens‘ ungleich berühmteren Menschenfeind Ebenezer Scrooge aus „A Christmas Carol“, dem in der Weihnachtsgeister drei Geister sein verpfuschtes Leben vor Augen führen.) Joseph Sheridan Le Fanu (1814-1873), ein europäischer Pionier der Kurzgeschichte, den die  Literaturkritik ohne Zögern Edgar Allan Poe zur Seite stellt, lässt den Teufel höchstpersönlich auftreten, dessen Kampf um die Seele eines kriminellen Totengräbers bei aller Märchenhaftigkeit wahrlich gruselig dargestellt wird.

Geister werden ‚real‘

Mit Mark Lemon (1809-1870) machen wir einen zeitlichen und literaturhistorischen Sprung. „Das Gespenst als Detektiv“ entstand zu einer Zeit, als man begann, sich ‚wissenschaftlich‘ mit der Geisterwelt zu beschäftigen. Lemon greift die damals durchaus diskutierte Frage, ob Gespenster stets Sendboten des Totenreiches sind, oder ob auch Lebende sie schicken können, ohne sich womöglich selbst dessen bewusst zu sein. Gleichzeitig erfährt der Leser einige frösteln machende Details über das britische Rechtssystem des ausgehenden 19. Jahrhunderts, das aus heutiger Sicht ausgesprochen mittelalterliche Züge besaß: „Recht“ leitete sich hier nicht von „Gerechtigkeit“, sondern eher von „Rache“ ab – ganz so, wie es die amerikanischen Kolonisten noch heute schätzen.

Robert Louis Stephenson (1850-1894) ist ebenfalls auf der Höhe seiner Zeit. „Markheim“ macht die viktorianische Verquickung von aufkommender Psychologie und Okkultismus deutlich. Sehr modern mutet Stephenson an, wenn er seinen tragischen Helden über das Wesen des Bösen diskutieren lässt, das eben doch nicht Bestimmung ist, wie zeitgenössische Moralapostel gern behaupteten. Rosemary Timperley (geb. 1920-1988) wandelt Lemons Idee kurz, aber originell in „Weihnachtsbekanntschaft“ ab. Leslie Poles Hartley (1895-1972) greift das Motiv der Geistererscheinung als Warnung vor einem zukünftigen Verhängnis auf.

Zur englischen Gespenstergeschichte gehört seit jeher ein Quäntchen Humor, der hier natürlich tiefschwarz sein muss. Jerome Klapka Jerome (1859-1927) gibt mit „Unsere fröhliche Geisterschar“ nicht nur den perfekten Einstieg in diese Sammlung, sondern zieht unerhört witzig und kundig zugleich die Liebe seiner Landsleute zu Spuk und Grausen durch den Kakao, um ihr gleichzeitig seine Referenz zu erweisen. Dasselbe gelingt James Matthew Barrie (1860-1937), dem Schöpfer des unsterblichen „Peter Pan“, in „Das Heiligabend-Gespenst“. Mrs. Alfred Baldwin (alias Louisa Macdonald Baldwin, 1845-1925) legt eine trügerisch heiter einsetzende Grusel-Mär vor, die lange vom fröhlichen, sorgenlosen Leben der englischen Oberschicht-Jugend erzählt. Das tragische Ende überrascht dann sehr und ist folglich recht wirksam. Jason Boynton Priestley (1894-1984) präsentiert mit „Der Dämonenkönig“ eine urkomische Variante des Aufeinandertreffens von Menschen- und Geisterwelt, die sich wie seine persönliche Variante von Shakespeares „Mittsommernachtstraum“ liest.

Spuk auf Biegen & Brechen

Mrs. B. M. Croker (alias Bithia Mary Croker, 1849-1920) präsentiert mit eine Spukhaus-Geschichte ohne Wenn und Aber; in ihrer Villa geht es um, und es sind durch und durch böse Gesellen, die dies tun. Das Finale kommt daher nicht unerwartet. Auch Algernon Blackwood (1869-1951) lässt es richtig krachen; hier wird gespukt ohne Kompromisse an die ‚psychologische‘ Fraktion der phantastischen Literaturkritik, und das auf einem Niveau, das die dem realistischen Grusel abholden Sauertöpfe nachhaltig Lügen straft! (Sie versöhnt Blackwood mit „Übergang“, denn hier erzählt er rätselhaft und deutungsreich, aber dem Puristen wahrscheinlich immer noch zu bodenständig und vor allem unterhaltsam über den Wechsel vom Leben zum Tod.)

„Thurlows Weihnachtsgeschichte“ von John Kendrick Bangs (1862-1922) ist beileibe nicht neu, aber sie wird schwungvoll erzählt, vermittelt uns einen Blick auf die (zeitlosen) Nöte eines Berufsautoren und wirkt durch seinen netten Schlussgag: Thurlows Bericht über seine Heimsuchung ist zugleich die Geschichte, die ihm zu schreiben zuvor nicht möglich war. Einfach ’nur‘ gute Geistergeschichten präsentieren auch Hugh Walpole (1884-1941), A. M. Burrage (alias Alfred McLelland Burrage, 1889-1956), Marjorie Bowen (alias Gabrielle Margaret Vere Campbell Long, 1886-1952) und George Herbert Bushnell (1896-1973).

Montague Rhodes James (1862-1936) ist der König der englischen Gespenstergeschichte. Wieso dies so ist, stellt er mit der „Geschichte eines Verschwindens und eines Erscheinens“ eindrucksvoll unter Beweis – hier wird gemordet, gespukt und gerächt, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Das schaurige Geschehen, in dem sich Horror und Humor auf einmalige Weise mischen, wird als Folge von Briefen berichtet. James‘ Einfluss auf die (angelsächsische) Phantastik ist außerordentlich.

Noch zu seinen Lebzeiten wuchs eine „James-Gang“ genannte Schar von Verehrern heran, deren eigenes Werk den Einfluss des Vorbilds nicht verleugnen konnte oder wollte. Ganz sicher gehört Edmund Gill Swain (1861-1938), langjähriger Kollege James‘ am King=s College zu Cambridge und lebenslanger Freund, zu ihnen. „Grabet, und ihr werdet finden§ ist Teil eines ganzen Zyklus= von Geschichten um Hochwürden Roland Batchel aus der Gemeinde Stoneground, deren Sammlung Swain 1912 ausdrücklich James widmete. Mit „Weihnachtszauber“und „Gebal, Ammon und Amalek“ machen Daphne Froome (1920-1988) bzw. David G. Rowlands (geb. 1941) deutlich, dass die „James-Gang“ auch in ihrer heutigen Inkarnation quicklebendig ist!

Auch Grusel-Meister können schwächeln

Grant Allen (1848-1899) legt mit „Der Turm von Wolverden“ eine eigentlich sehr einfache Geistergeschichte vor, die er mit allerlei (pseudo-)historischen Reminiszenzen an die keltisch-‚heidnische‘ Vergangenheit seines Heimatlandes in ‚literarische‘ Sphären erhöhen möchte. Das Ergebnis wirkt recht bemüht und ist deutlich stärker gealtert als die meisten übrigen Storys dieser Sammlung. Dasselbe Schicksal ereilte Marie Corelli (alias Mary Mackay, 1855-1924), einst eine unerhört erfolgreiche Bestseller-Autorin, deren Werk längst vergessen ist; „Der Mönch und der Engel“ belegt in seiner süßlich-moralisierenden Scheindramatik, wieso dies so kommen musste. Auch Bernard Capes (1854-1918) ist nur marginal erträglicher. Wie man eine rührende, aber nicht rührselige Geschichte erzählt, die man sofort mit dem Attribut ‚weihnachtlich‘ versehen würde, zeigen uns dagegen Elia Wilkinson Peattie (1862-1935) und Elinor Glyn (1864-1943).

Ausgerechnet Ramsey Campbell (geb. 1946), der britische Großmeister der Phantastik, liefert mit „Das Weihnachtsgeschenk“ eine seiner schwächeren (älteren) Geschichten ab, die sich gar zu sehr auf Robert Aickmans Mega-Klassiker „Das Wechselgeläut“ stützt. Dieser kleine Wermutstropfen verdirbt allerdings nicht das Vergnügen an einer der schönsten Sammlung klassischer Gruselgeschichten, die jemals zur Weihnachtszeit erschienen ist.

Copyright © 2009/2016 by Michael Drewniok (md)

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