Gespenstergeschichten

Karlheinz Schmidthüs (Hg.)
Gespenstergeschichten

(sfbentry)
Originalausgabe = dt. Erstveröffentlichung: April 1962 (Herder Verlag/Herder-Bücherei 119)
Übersetzungen von Götz Wagner u. N. N.
141 S.
[keine ISBN]

Titel bei Booklooker.de [Autorenname „Schmidthues“ angeben]
Titel bei Amazon.de


Inhalt:

Neun ältere Gespenstergeschichten beschwören das Jenseits sowohl klassisch als auch zurückhaltend:

– Vincent Benet: O’Hallorans Glück (O’Halloran’s Luck; 1939), S. 11-26: Dem irischen Auswanderer ist von der grünen Insel ein Kobold nach Amerika gefolgt, der dort alle Heimlichkeit ablegt und im Eisenbahnbau tätig wird.

– Eric Linklater: Die Tanzenden (The Dancers; 1935), S. 27-44: Sechs englische Urlauber verschwinden spurlos auf einer übersichtlichen schottischen Insel.

– Nikolaus Gogol: Wij, Der Fürst der Dämone (Wij; 1835), S. 45-78: Im Tod rächt sich eine Hexe an ihrem Mörder, dem sie drei grausige Nächte beschert.

– Werner Bergengruen: Die Grenadiere (1927), S. 79-90: Ein ehrgeiziger Soldat bittet einen befreundeten Hexer, die Geister des Krieges heraufzubeschwören.

– Prosper Mérimée: Ein Gesicht Karls XI. (Vision de Charles XI; 1829), S. 91-97: Der schwedische König erfährt in einer Geisternacht vom tragischen Schicksal eines Nachfahren.

– Francis Brett Young: Die Botschaft (A Message for Laura; 1943), S. 98-112: In höchster Not teilt sich ein Soldat seiner Gattin ausgerechnet durch den Mund eines Feindes mit.

– Arthur Quiller-Couch: Das Händepaar (A Pair of Hands; 1898), S. 113-125: In einem abgelegenen Landhaus geht es mächtig aber fleißig um.

– M. R. James: Der Kupferstich (The Mezzotint; 1904), S. 126-137: Das alte Kunstwerk hält die Erinnerung an eine gespenstische Rache lebendig.

– Albrecht Schaeffer: Herschel und das Gespenst (1928), S. 138-140: Der große Astronom Herschel tritt mit akademischer Entschlossenheit gegen einen bösen Geist auf.

Quellennachweis: S. 141

Die vielen Stadien der Finsternis

Etwa ein Jahrhundert umspannen die in dieser Anthologie gesammelten Gespenstergeschichten. Sie folgen weder chronologisch noch geografisch einem erkennbaren roten Faden, sondern sind recht willkürlich zusammengestellt. Trotzdem erkennt zumindest derjenige Gruselfreund, der mit dem Genre ein wenig vertraut ist, einen gewissen Unterton: Es sind „klassische“ Geistergeschichten, die hier erzählt werden. Ihnen gemeinsam ist u. a. eine formale Sorgfalt und damit ein Anspruch, der heutzutage geradezu vorzeitlich anmutet.

Dabei sind diese Erzählungen keineswegs als literarische Gemmen konzipiert worden. Nicht selten erschienen sie in Magazinen, die nach der Lektüre in den Abfall wanderten. Die Vergangenheit und ein Stil, der inzwischen literarisch klingt, sorgen für eine gewisse Ehrfurcht, die manchmal sogar recht am Platze ist: So gilt Nikolai Gogols (1809-1852) „Wij“, ein ausgefeiltes Kunstmärchen, als Meisterstück der russischen Literatur.

Nun bekommt gerade der Geistergeschichte ein wenig Nostalgie gut; sie muss womöglich altmodisch sein, weil sie immer noch am besten in einem Umfeld ohne elektrisches Licht, Telefon (oder gar Handy) und vor allem im einer Atmosphäre gedeiht, in der sich Wissen und Aberglaube mischen. Diese Gespenster sind vor allem unterhaltsam. Dabei können sie äußerst grausam sein, wie Montague Rhodes James (1862-1936) in einer der für ihn typischen Storys beweist: Seine Geister waren niemals freundlich, sondern böse, nachtragend und tückisch.

Die Präsenz der noch grauen Vorzeit

Gleich mehrere Geschichten spielen in dieser Epoche zwischen Glauben und Wissen. Die „Aufklärung“ erfasste spätestens Ende des 18. Jahrhunderts Europa und die noch jungen USA. Nicht nur die Wissenschaft sorgte für enormen Erkenntniszuwachs. Auch geistig und kulturell gab es Fortschritte. Viele uralte Zöpfe wurden abgeschnitten. Der kultivierte Zeitgenosse machte sich lustig über den Irrglauben seiner Vorfahren. Prosper Mérimée (1803-1870) beschreibt Karl IX. von Schweden (1550-1611) als idealen Vertreter der aufkommenden Vernunft: Statt sich vor der nächtlichen Vision zu fürchten, geht ihr der Monarch beherzt auf den Grund, während seine Begleiter – gleichzeitig Vertreter der als rückständig bewerteten Stände – entsetzt zurückweichen. Albrecht Schaeffer (1885-1950) lässt dem Gespenst gar keinen Spielraum mehr: In der Begegnung mit der rationalen Neuzeit – hier verkörpert durch den großen Astronomen (und Entdecker des Planeten Uranus) Friedrich Wilhelm Herschel (1738-1822) – löst es sich wortlos in Luft auf; die Zeit der spukenden Phantome ist vorüber.

Mit der Rationalität wuchs freilich die Sehnsucht nach der guten, alten, weniger komplizierten, gemächlicher strukturierten und weniger schnelllebigen Zeit. Selbst die einst gefürchtete, weil mit Geistern, Trollen, Feen u. a. Kreaturen bevölkerte Natur wurde nachträglich nostalgisch verklärt. Für Stephen Vincent Benet (1898-1943) und Eric Robert Russell Linklater (1899-1974) sind Kobolde keine Schreckensgestalten mehr. Sie haben ihre Nischen gefunden und sind durchaus gegenwartskompatibel.

Arthur Thomas Quiller-Couch (1863-1944) nimmt dem Spuk endgültig seinen Schrecken. Anfänglich wird er pflichtschuldig beschworen, doch obwohl das Ambiente – Nacht, einsames Haus, tragischer Tod – stimmig ist und der Geist allen Grund hätte, übellaunig zu sein, endet die Begegnung in jeder Beziehung friedlich. Quiller-Couch wandelt hart an jenem Abgrund, in dessen Tiefe die Rührseligkeit lauert. Die Vorstellung eines Gespenstes, das seine jenseitige Erfüllung in heinzelmanngleicher Hausarbeit sieht, stellt zumindest den zynischen Leser der Gegenwart vor ein Rezeptionsproblem.

Der Spuk in modernen Zeiten

Natürlich nahm die Phantastik den technischen, sozialen und kulturellen Fortschritt durchaus wahr, statt gänzlich in einer romantischen oder romantisierten Vergangenheit zu verharren. Jeder Fortschritt besitzt seine Schattenseiten, dessen Opfer in der Wiederauferstehung eine neue Art von Spuk repräsentieren. In dieser Sammlung bleibt der Einfluss der Moderne gering, da die meisten Storys entweder vor dem I. Weltkrieg entstanden oder nur mit dem Übernatürlichen spielen (Benet, Linklater).

Werner Bergengruen (1892-1964) erlebte die Wirren der Weimarer Republik und des „Dritten Reiches“, mit dem er mehrfach in Konflikt geriet. „Die Grenadiere“ gehört zu einem Zyklus von Novellen, die Bergengruen 1927 als „Das Buch Rodenstein“ sammelte (und bis 1951 erweiterte). Er griff Überlieferungen und alte Geschichten aus dem Odenwald auf und interpretierte sie neu, wobei er meisterhaft eine altertümliche Kunstsprache schuf sowie Erfahrungen der Gegenwart einfließen ließ. In „Die Grenadiere“ ist es die Erinnerung an den I. Weltkrieg, der wie der „Landgeist“ mit seiner wilden Meute über die Menschen kam, jede Kontrolle ignorierte und die Welt in Brand steckte. Am Rodenstein gelingt es, den Geist zurück in die Flasche zu zwingen. Dennoch wird ein hoher Preis für die Herausforderung des Schicksals fällig.

Frei von Mystik entwirft Francis Brett Young (1884-1954) ein nüchternes Spuk-Konzept: Kein Geist geht um, denn niemand ist gestorben. Stattdessen konzentriert sich ein Soldat in vermeintlicher Todesnot so konzentriert auf das Bild seiner Ehefrau, dass sich ihr seine Stimme manifestiert; sie dringt – ein melodramatischer Kunstgriff – aus der Kehle eines Feindes, der von besagter Frau, einer Krankenschwester, gepflegt wird und sich betont unsympathisch verhält, wenn er bei klarem Verstand ist.

Gespenstergeschichten für besonnene Leser

Diese Sammlung stellt den Spuk verharmlosend dar. Er erschreckt nicht wirklich, sondern wirkt mehrfach deutlich belehrend. Eine Ausnahme scheint M. R. James mit seinem uneingeschränkt bösen Gespenst darzustellen, doch hier stellt es das moralische Gegengewicht zu einem verworfenen Zeitgenossen dar, der zu Lebzeiten seine Macht missbrauchte, um sich eines lästigen Rivalen zu entledigen: Der irdischen Justiz ist er entkommen, doch das instrumentalisierte Gesetz schützt nicht vor Attacken aus dem Jenseits!

Karlheinz Schmidthüs hat diese Sammlung keineswegs mit der heute üblichen Gleichgültigkeit herausgegeben, nach der eine Story vor allem deshalb als anthologiewürdig gilt, weil die Rechte daran günstig zu haben sind und sie bereits übersetzt vorliegt. Tatsächlich ließ Schmidthüs immerhin fünf Geschichten eigens ins Deutsche übertragen. Er hatte also eine Vorstellung davon, was diese Sammlung ausdrücken sollte.

Zweifellos spielte die Biografie des Herausgebers eine Rolle. Schmidthüs (1905-1972) war Publizist und Theologe und in beiden Eigenschaften sehr aktiv in der katholischen Jugendbewegung. 1946 gründete er die Zeitschrift „Herder Korrespondenz“, die noch heute über religiöse und gesellschaftliche Entwicklungen und Fragen informiert sowie Stellung nimmt, wobei eine pro-katholische Tendenz verständlicherweise deutlich erkennbar ist. Diese Haltung prägte Schmidthüs‘ Werk und erreicht folglich auch diese scheinbar harmlose Sammlung eben nicht nur unterhaltsamer, sondern auch wertevermittelnder Gespenstergeschichten. Nicht grundlos erschienen sie in einer Reihe, die neben „schöngeistiger“ Literatur allerlei Leitfäden und Ratgeber für gute (und vor allem katholische) Christenmenschen anbot.

Mit dieser (ohnehin nicht aufdringlichen) Botschaft lässt sich indes leicht leben, weil diese Storys so gut geraten sind, dass sie selbst dann Lesespaß bereiten, wenn man die Mission ignoriert und sich einfach bespuken lässt …

Kurzkritik für Ungeduldige: Neun ältere Gespenstergeschichten beschwören das Jenseits sowohl klassisch als auch zurückhaltend. Mal offenbart es sich schrecklich, aber nicht selten zeigt sich der Besuch von drüber zurückhaltend oder gar freundlich: eine unterhaltsame Sammlung, die einige seltene Storys beinhaltet.

[md]

Titel bei Booklooker.de [Autorenname „Schmidthues“ angeben]
Titel bei Amazon.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.