Herbst: Beginn

moody-autumn1-coverDavid Moody
Herbst: Beginn

(sfbentry)
Originaltitel: Autumn (London : Infected Books 2005)
Deutsche Erstausgabe: September 2007 (Otherworld Verlag)
Übersetzung: Michael Krug
293 S.
ISBN-13: 978-3-9502185-7-2

Das geschieht:

Das Ende der Welt kommt aus buchstäblich heiterem Himmel und in Gestalt eines Virus‘, der die Kehlen der betroffenen Menschen so gründlich zuschnürt, dass sie binnen Minuten ersticken. Zu Milliarden sinken sie so zu Boden und bilden ein Leichenfeld, über das die wenigen Überlebenden voller Grauen irren.

Nicht einmal im Angesicht der Apokalypse finden die Menschen zueinander. Uneinigkeit droht in offene Gewalt umzuschlagen. Wenn sie nicht streiten, lähmen Trauer und Fassungslosigkeit die Überlebenden. Das Ende der Zivilisation hinterlässt unzählige stinkende Leichen und eine zerfallende Infrastruktur. Der Herausforderung eines Neuanfangs sind längst nicht alle gewachsen.

Die mühsam gewahrte Ordnung zerbricht, als das Unerwartete geschieht: Die Toten erwachen, sie stehen auf und laufen durch die Straßen. Anfänglich nehmen sie keine Notiz von den Lebenden und scheinen jegliche Intelligenz eingebüßt zu haben. Dennoch beschließt das Trio Michael, Emma und Carl die Stadt zu verlassen und sich auf dem Land zu verschanzen, wo erwartungsgemäß weniger Leichen wandeln.

Ein einsam gelegener Bauernhof scheint der ideale Zufluchtsort zu sein, als sich neues Unheil ankündigt: Die Toten zeigen Anzeichen einer instinkthaften Intelligenz. Sie werden auf den Hof aufmerksam, belagern ihn und reagieren zunehmend aggressiv. Bald ist es grausige Gewissheit: Sie werden zu Zombies mit enormem Appetit auf Menschenfleisch.

Im Inneren des Hofes liegen die Nerven blank. Soll man die neue Heimat verteidigen oder flüchten? Die Gruppe spaltet sich und verliert den Zusammenhalt genau dann, als ein Großangriff der Zombies bevorsteht …

Lebende Streithähne & untote Störenfriede

Nichts grundsätzlich Neues im Zombie-Genre: So lässt sich „Herbst: Beginn“ nüchtern charakterisieren. Die Welt geht unter bzw. die Menschheit stirbt, und die Leichen stehen wieder auf. Was es über ein solches Ereignis zu spekulieren gibt, hat George A. Romero in seinen Zombie-Filmen seit 1968 erschöpfend beantwortet. Das Erwachen weniger Überlebender auf einer katastrophenbedingt menschenleeren Erde ist als Plot sogar noch älter.

Wären die wandelnden Toten die einzige Schwierigkeit, mit denen besagte Überlebende zu kämpfen hätten, könnte es sogar langweilig werden, denn Zombies sind (oder waren) im Grunde Kreaturen, deren Gefährlichkeit sorgfältig inszeniert werden muss. Der klassische Untote entwickelt zwar Appetit auf Menschenfleisch, ist jedoch langsam und schwerfällig; entweder muss er in Massen auftreten, oder seine Opfer sind gezwungen, sich aufgrund persönlicher Dämlichkeit in Bedrängnis zu bringen. Seit der Neuverfilmung von „Dawn of the Dead“ gibt es auch recht rasante Zombies. David Moody bedient sich in „Herbst: Beginn“ allerdings der guten, alten Torkelmänner, die zudem durch Zeit und Witterung ziemlich brüchig werden.

Sie wachen nicht als Menschenfresser auf, sondern kommen erst allmählich zu Bewusstsein – ein kluger Zug des Verfassers, denn es gibt ihm bzw. der kleinen Gruppe der Überlebenden die Zeit, sich ihrer Situation bewusst zu werden. Noch bevor die Leichen aufstehen, hat sich eine für das Zombie-Genre unverzichtbare Situation eingestellt: Zwischen den Lebenden brechen Konflikte los. Sie sind eigentlich banal, schwächen in dieser Krise jedoch die Gruppe, sorgen für Ablenkung, verhindern planvolles Handeln und lassen die Zombies erst auf diese Weise zur echten Gefahr werden.

Man dreht sich im Kreis

Moody treibt es förmlich auf die Spitze: In „Herbst: Beginn“ herrscht zwischen den Lebenden permanent Hader. Er stellt dies einerseits als typisch menschlich hin und versucht es in dieser Zuspitzung andererseits durch den Stress zu erklären, in die das Ende der Zivilisation die wenigen Überlebenden gestürzt hat.

Das daraus resultierende Geschehen ist aus vielen anderen Zombie-Romanen und Filmen bekannt aber schlüssig. Trotzdem wirkt die Story beliebig. Es gibt viele Zwischenfälle aber keine echten Höhepunkte. Die Protagonisten bewegen, verschanzen und trennen sich, finden erneut zueinander und irren erneut durch eine lebensfeindlich gewordene Welt. Moody mag damit die Rat- und Ziellosigkeit seiner Figuren unterstreichen zu wollen, doch den Leser beschleicht der Verdacht, der Autor habe einfach geschrieben, was ihm gerade in den Kopf kam, und die Auflösung begonnener Handlungsstränge auf die Zukunft in Gestalt möglicher Fortsetzungen verschoben. Nur als Ouvertüre zu einem Zombie-Epos betrachtet, lässt „Herbst: Beginn“ den Kritiker vorsichtig urteilen; vielleicht kommt die Story ja noch in Gang.

Nur Auftakt, kaum Handlung

Ein weiterer Schwachpunkt dieses Romans liegt in der Figurenzeichnung. Moody investiert sichtlich Mühe in die Gestaltung glaubhafter Charaktere, die dennoch klischeehaft bleiben. Er beschränkt sich nie darauf, Michael, Carl und Emma mit den Zombies raufen zu lassen, sondern gönnt ihnen immer wieder die Zeit, über den Verlust ihrer Familien, Freunde und letztlich ihrer Welt zu trauern. Diese Trauer in bewegende und überzeugende Worte zu fassen, ist Moody nicht gegeben. Er behauptet Gefühle, weiß sie aber nicht zu vermitteln.

Das beste Beispiel bildet die merkwürdige Episode, in der Moody Carl unvermittelt aus dem ländlichen Exil ausbrechen und in die Stadt zu seiner toten Familie zurückkehren lässt. Als er dort angekommen ist, besinnt er sich plötzlich anders und beschließt, sich zu dem Bauernhof zurückzukämpfen, in dem sich noch Michael und Emma verborgen halten. Dabei stellt er sich so ungeschickt an, dass die Zombies den Hof überrennen, verfällt dem Wahnsinn, und zwingt Michael und Emma dazu, ihr Domizil in wilder Flucht zu verlassen. Hier zwingt Moody eine Figur viel zu offensichtlich zu Handlungen, die das im letzten Drittel stecken gebliebene Geschehen neu in Gang bringen sollen.

Auch Michael oder Emma hätten durchdrehen können. Sie plus Carl sind austauschbare Figuren, an deren Schicksal der Leser kaum Anteil nimmt; dafür ist ihr Verhalten zu sprunghaft und kaum nachvollziehbar. Daran ändern auch jene Kapitel nicht, in denen Moody seine Protagonisten in der Ich-Form erzählen lässt, was ihnen die Möglichkeit gibt, tief in die eigene Seele zu blicken und Auskunft darüber zu geben, was dort vorgeht. Leider fördern sie nur Allgemeinplätze ans Tageslicht.

Zombies können nicht alles richten

„Herbst: Beginn“ ist kein Höhepunkt der Phantastik und ganz sicher kein „Kult“, wie auf dem hinteren Buchdeckel behauptet wird. Nicht einmal in der Zombie-Nische kann es diesbezüglich einen vorderen Rang beanspruchen. Dass dieser Roman in einem kleinen Verlag erschien, darf dafür freilich nicht als Indiz gewertet werden; vor allem die großen Verlage werfen permanent Trash auf den Buchmarkt, zu dem Moodys Werk nicht zu zählen ist. Er liefert auf nicht gar zu niedrigem Niveau solide Unterhaltung. Ob er in diesem Job besser wird, bleibt abzuwarten. In England läuft Moodys „Autumn“-Reihe gut; es gibt also ein Publikum, das – gewiss nicht grundlos – die Fortsetzungen goutiert.

Die deutsche Ausgabe von „Herbst: Beginn“ gefällt als gut übersetztes, mit nur wenigen Druckfehlern behaftetes, hübsch düster gestaltetes, preisgünstiges Taschenbuch. Für das Cover wurde kein anonymes Banalfoto aus einem Billig-Bildstock verwendet, sondern eine stimmungsvolle Zeichnung angefertigt. Die Bindung ist robust und flexibel gleichzeitig. Dies sind Aspekte, die den Durchschnittsleser vermutlich weniger interessieren, Bücherfreunde und Sammler hingegen registrieren und zu schätzen wissen.

Filmischer Weltuntergang – die billige Variante

2009 entstand in Kanada ein Spielfilm zum ersten Band der „Autumn“-Serie. Regisseur Steven Rumbelow und Autor David Moody selbst schrieben ein Drehbuch, das die Romanvorlage allzu kongenial bewahrte. Der Wille zum ebenso unterhaltsamen wie anspruchsvollen Epos ist spürbar, doch die hölzerne Umsetzung sowie ein Budget, dessen Höhe vermutlich der EEG-Kurve des durchschnittlichen Zombies entspricht, lassen das ehrgeizige Projekt scheitern. Nur in wenigen Szenen kann „Autumn“, der Film, vermitteln, was David Moody vorschwebte.

Autor

David Moody (geb. 1970 nahe Birmingham/England) gehört als Schriftsteller zu den Außenseitern seiner Zunft. Er hat die üblichen Startprobleme eines jungen, unbekannten und von den Verlagen als unkalkulierbares Risiko abgelehnten Autors nicht vergessen und setzt deshalb auf das Internet, um seine Romane zu vermarkten. Auf seiner Website wird Moody zudem als Kontrollfreak bezeichnet, der jeden Aspekt der Veröffentlichung seiner Werke zu organisieren gedenkt. „Autumn“ wurde von ihm ins Netz gestellt und zum unentgeltlichen Download freigegeben, lange bevor diese Geschichte in Buchform (selbstverständlich im Eigenverlag „Infected Books“) erschien. Angeblich geschah dies mehr als 500.000 Mal, was Moodys Karriere nachhaltig in Gang brachte.

[md]

Titel bei Booklooker.de
Titel bei Buch24.de

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