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neuauflage

Horror 1

Erstellt von Michael Drewniok am Samstag 10. April 2010

singer-horror-1-coverKurt Singer (Hg.)
Horror 1
Klassische und moderne Geschichten aus dem Reich der Dämonen

(sfbentry)
Ghost Omnibus (London : W. H. Allan & Co. 1965/69)/Weird Tales of the Supernatural (London : W. H. Allan & Co. 1966/69)/Gothic Reader (New York : Ace Books 1966/69)/Horror Omnibus (London : W. H. Allan 1965/69)
Übersetzung: Joachim A. Frank
Deutsche Erstausgabe (geb.): 1969 (Wolfgang Krüger Verlag)
256 S.
[keine ISBN]
Als Taschenbuch: 1972 (Wilhelm Heyne Verlag/Allgemeine Reihe Nr. 01/00824)
190 Seiten
[keine ISBN]

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Sammlung von 14 Gruselgeschichten vor allem aus der großen Zeit der US-amerikanischen „Pulp“-Magazine:

- Edward Lucas White [1866-1934]: Lakandu („Lukundoo“, 1925), S. 7-18: Auch als weißer Herr von eigenen Gnaden lege man sich im tiefen afrikanischen Dschungel besser nicht mit einem rachsüchtigen Zaubermeister an …

_ Frank Belknap Long [1903-1994]: Der Mann mit den tausend Beinen („The Man with a Thousand Legs“, 1927), S. 19-37: Krankhafter Ehrgeiz lässt das junge Genie die grundlegenden Gesetze des Lebens erkunden – sein Triumph bringt ihm und der entsetzten Welt wenig Freude …

- Charles Allston Collins [1828-1873]/Charles Dickens [1812-1870]: Der Mordprozess („To Be Taken with a Grain of Salt“/„The Trial for Murder“, 1865), S. 38-46: Der Geist eines grausam zu Tode gekommenen Mannes hilft tatkräftig mit, seinen Mörder an den Galgen zu bringen ..

- August Derleth [1909-1971]: Mrs. Lannisfree („Mrs. Lannisfree“, 1945), S. 47-53: Wahrlich furchtbar ist bekanntlich der Zorn einer betrogenen Frau; dies gilt um so mehr, wenn man sie zusätzlich umgebracht hat …

- Robert Bloch [1917-1994]: Die Männchen des Grauens („Mannikins of Horror“, 1939), S. 54-63: Man treibe niemals seinen Spott mit einem verrückten Wissenschaftler, auch wenn sich dessen Gabe auf die Erschaffung mörderischer Gartenzwerge beschränkt …

- Herbert George Wells [1866-1946]: Das unerfahrene Gespenst („The Story of the Inexperienced Ghost“/„The Inexperienced Ghost“, 1902), S. 64-74: Auch die Toten sind manchmal froh über praktische Anleitungen beim Spuken; der freundliche Helfer lernt freilich mehr dabei als er verkraften kann …

- Roger M. Thomas [geb. 1930]: James Bradleys Vampir („The Bradley Vampire“, 1951), S. 75-84: Dem einfachen amerikanischen Provinzfarmer erscheint des Nachts eine seltsam aufdringliche Frau. Glücklicherweise weiß sein ungarischer Freund, was zu tun ist …

- Laurence Manning [1899-1972]: Die Höhlen des Schreckens („Caverns of Horror, 1934), S. 85-107: Tief unter der Erde erstreckt sich ein riesiges, düsteres Reich, bewohnt von gewaltigen Untieren, die sich prächtig jagen ließen, wenn da nicht auch diese garstigen Dämonen wären …

- Tigrina [d. i. Edythe Eide, ?-?]: Letzter Akt: Oktober („Last Act: October“, 1964), S. 108-120: Vor Jahrhunderten hat der feiste Junker Pilkington eine angebliche Hexe verbrennen lassen. Leider war diese echt und rachsüchtig, was sich zukünftig ungünstig auf die Geschicke der Pilkingtons auswirkt …

- Enid Bagnold [1889-1981]: Der verliebte Geist („The Amorous Ghost“, 1926), S. 121-125: Besagter Geist möchte nicht Angst verbreiten, sondern in das Ehebett des Schlossherrn, der darob verständlicherweise arg verschreckt reagiert …

- Arlton Eadie [d. i. Leopold Eady, 1886-1935]: Das Wolfmädchen von Josselin („The Wolf Girl of Josselin“, 1938), S. 126-149: Der verliebte Künstler freit eine schöne Maid, das eine ganz besondere Mitgift in diese Ehe bringt …

- Seabury Quinn [1889-1969]: Die Herren des Geisterlandes („Repayment“, 1943), S. 150-169: Dieser Fall ist auch für den „okkulten Detektiv“ Jules de Grandin neu – eine wieder erstandene Mumie ist es, die nicht vernichtet, sondern selbst vor bösen Geistern bewahrt werden muss …

- Gans T. Field [d. i. Manly Wade Wellman, 1903-1986]: Ein halbes Spukhaus („Voice in a Veteran’s Ear“, 1939), S. 170-182: Das Gespenst eines hessischen Söldners geht in einer alten Mühle um und widersetzt sich entschieden jeder Austreibung, bis sich seine Mörder den Geisterjägern hilfreich zur Seite stellen …

- Frank Lillie Pollock [1876-1957]: Die letzte Morgenröte („World-Wreckers“, 1908), S. 183-190: Die endlich eintreffenden Strahlen einer fremden Sonne leiten den Untergang der Erde ein …

Aberwitz ohne Rücksicht auf die Logik

Ein kleiner, lange verschollener Schatz der Phantastik soll hier gehoben werden. Zwischen 1972 und 1975 veröffentlichte der Heyne-Verlag fünf Bände, die schlicht „Horror 1“ bis „Horror 5“ betitelt wurden. Der unscheinbaren Covergestaltung zum Trotz bargen die Einbanddeckel eine lange Reihe herausragender Kurzgeschichten des Genres, die in diesem unseren Lande selten oder noch nie und seitdem nicht mehr aufgelegt wurden.

Vor allem erfreut die Wiederkehr vieler längst verschwundener Storys, die in den 1920er bis 40er Jahren für die „Pulps“ geschrieben wurden: Groschenhefte, in denen viel Mist erschien, der inzwischen von den Mäusen gefressen wurde, in unzähligen Abfalleimern landete oder anderweitig gnädig in Vergessenheit geriet. Gleichzeitig boten die Pulps ein ideales Übungsfeld für Autoren, die ihr Handwerk wirklich verstanden und nicht selten Geschichten vorlegten, die es wert sind, gerettet zu werden.

Der eigentliche Sinn der von Kurt Singer versammelten Geschichten liegt in der Unterhaltung ihrer Leser. Besonders tief im Psychologischen schürfen die von ihm aufgetanen Autoren sicherlich nicht, worüber der literarische Schöngeist die Nase rümpfen mag. Diese Geschichten entstanden, um Geld mit ihnen zu verdienen; hart verdientes Geld, denn die Magazine zahlten nie üppig. Das hätten auch Charles Allston Collins/Charles Dickens, H. G. Wells oder Frank Lillie Pollock bestätigt; sie gehören einer anderen Ära an und schrieben nicht für Pulps, sondern für frühere Magazine: schnell, spannend & immer in der Hoffnung auf weitere Aufträge.

Hauptsache spannend!

In diesem Umfeld blieb wenig Raum für persönlichen schriftstellerischen Ehrgeiz. Um so deutlicher wird, dass es ihn trotzdem gab und er sich entfalten konnte. Handfester Grusel ist das Schmuddelkind der Phantastik. Dennoch lässt sich nicht leugnen, dass er großartig unterhält, wenn man ihn zu entfesseln weiß. Auf die 14 hier versammelten Autoren trifft dies ganz sicher zu!

Ganz typisch sind die Geschichten von Seabury Quinn. Purer Fleiß und ein Geistesblitz, der ihn den beliebten „okkulten Detektiv“ Jules de Grandin erfinden ließ, sicherten ihm trotz eines arg beschränkten Talents seine Präsenz. „Das Muttermal“ interessiert durch seine stimmungsvolle Atmosphäre und das gut getroffene Lokalkolorit, irritiert aber durch seinen hanebüchenen Plot bzw. dessen ‚Begründung‘, die indes vor dem Zeitalter der modernen Genetik dem Publikum nicht gar so schwachsinnig vorgekommen sein mag.

Gans T. Field ist ein schriftstellerisches Phantom. Viele Pulp-Autoren legten sich gleich mehrere Pseudonyme zu. Die Magazine zahlten wie gesagt schlecht, ihre Lieferanten schrieben schnell. Mancher hätte mit seinen Geschichten eine Ausgabe im Alleingang füllen können. Die Pseudonyme zerstreuten den Eindruck einer trivialliterarischen Monokultur. Wieso sich der fleißige M. Wade Wademan freilich ausgerechnet für Gans T. Field entschied, wird wohl ein Rätsel bleiben.

Die Werke der hier versammelten Autorinnen und Autoren mögen heute altmodisch wirken. Blendet man die nostalgische Liebe zur guten, alten Gespenstergeschichte darüber, haben sie ihre Faszination behalten. Die fünf „Horror“-Bände werden wohl nie mehr aufgelegt werden, obwohl sie für die Fans der Phantastik eine kleine Lücke in der Historie ‚ihrer‘ Literatur schließen könnten. Antiquarisch sind sie nach einigem Suchen und meist nicht einmal teuer zu erwerben. Der Aufwand lohnt sich auf jeden Fall!

Odyssee eines Gruselschatz-Schürfers

Der Mann, dem wir die fünf „Horror“-Bände verdanken, ist Kurt Singer (1911), ein wahrer Zeuge des (20.) Jahrhunderts. Als Kurt Deutsch wurde er am 10. August 1911 in Wien geboren, war Buchhändler und Journalist und gehörte dem linksgerichteten Leninbund an. Solche Zeitgenossen wollten die Nazis nicht dulden und belegten Singer mit einem Berufsverbot. Nachdem er trotzdem weiter gearbeitet hatte und in Gefahr geriet aufzufliegen, wanderte er 1934 aus. Kurze Zeit später ging er nach Schweden, wo Journalist und Schriftsteller, aber ab 1936 auch für schwedische, norwegische und britische Geheimdienste tätig wurde. Besonders verhasst machte sich Singer den Nazis, als er sich für den verfolgten Schriftstellerkollegen Carl von Ossietzky engagierte und zwei Bücher über ihn schrieb, was dazu führte, dass Ossietzky mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.

1940 kam Singer, die Nazis immer auf den Fersen, in die USA. Er stellte sein Wissen geheimdienstlichen Stellen zur Verfügung und arbeitete wieder als Journalist, wobei er sich die fremde Sprache bald aneignete. Nach Ende des II. Weltkriegs blieb Singer als Schriftsteller aktiv und baute zudem eine eigene Literatur  und Presseagentur auf, welche internationale Zeitungstexte vermarktete und Bücherrechte handelte. Der politisch aktive Autor wuchs in seine Karriere als Vermittler leichter Unterhaltung hinein und verfasste selbst Bücher über Volkssagen und das Übernatürliche, „True Crime“-Stories und Geistergeschichten. Trotz seines hohen Alters und diverser Krankheiten blieb Singer, in Kalifornien lebend, bis zu seinem Tod im Jahre 2005 aktiv.

[md]

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