In Blut geschrieben

Die Apokalyptischen Schreiber
In Blut geschrieben

Persimplex Verlag, Wismar, 02/2010
HC im Format A5, Horror
ISBN 978-3-942157-08-7
Titelgestaltung von Ralph Haselberger

www.persimplex.de/ 
www.die-apokalyptischen-schreiber.de/
http://backus.blogg.de/

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Mit „In Blut geschrieben“ liegt die erste gemeinsame Anthologie der „Apokalyptischen Schreiber“ – vier Autoren aus Marburg und Umfeld – vor. Jeder der vier nach den Reitern der Apokalypse benannten Schreiber kann dabei mit einer eigenen Form überzeugen. Dankenswerterweise wurden die Beiträge nicht durcheinander gewürfelt, sondern pro Autor en bloc nacheinander abgedruckt, so dass man sich hier sehr gut in das jeweilige Schaffen und die einzelnen Stile ‚einlesen‘ kann.
 
„Bakterien sind das. So welche habe ich noch nie gesehen, oder damit Verwandte oder überhaupt so etwas.“ Dann besann sich Dr. Müller darauf, was er seiner Autorität als Chefarzt schuldete. „Der Erreger ist der Medizin nicht bekannt, niemandem, nirgends. Noch nie beschreiben worden. Ganz neues Dings, äh, Art, offensichtlich.“
(Volker Ilse – „Fehlzeit“)

Volker Ilse, alias Pest, muss vor allem eine unbändige und bizarre Phantasie bescheinigt werden, die seine Kurz- und Kürzestgeschichten auszeichnet. Sei es die Vision enthaupteter Hühner, die in ihren letzten Lebenssekunden kopflos einen Altar umrunden müssen, um eine Seuche von der Menschheit fern zu halten („Wie es zum Ende kam“), oder die gegenseitige Verfolgung zweier Kontrahenten die zwangsweise abwechselnd schlafen und wachen und die sich gegenseitig nach und nach auffressen („Fressen und gefressen werden“), um nur zwei Beispiele zu nennen. Leisere Töne schlägt Ilse mit „Liebe und Rosen“ an, in der die Lebensfreude eines Mannes aufblüht und verwelkt, gerade, wie es seine geliebten Rosen tun. Überwiegend wenig zimperlich aber eindringlich und faszinierend skurril!

„Der Zombie packte Lange mit stählernem Griff bei den Schultern und drückte ihn gegen die Wand. Lange wurde die Luft aus den Lungen gepresst. Er sah sich nach einer Waffe um, und entdeckte auch seine. Seine P 08! Sie steckte im Gesicht des Untoten. Lange umfasste den Griff und drückte ab.“
(Stefan Fels – „Die Züchtungen“).

Die Geschichten von Stefan „Krieg“ Fels – zwei an der Zahl – atmen bewusst den schlichten Geist hinreichend bekannter Heftchenromane. Während der Titel des 10-Seiters „Zombies im Mädchenpensionat“ schon alles über den Inhalt aussagt, verfügt das romanlange „Die Züchtungen“ über alle liebgewonnenen Standards des Genres. Hier gibt es eine geheime Experimentieranstalt der Nazis, die auf einer alten Kultstadt erbaut ist, fiese Mutanten und einen Mann und eine Frau. Und kaum ist die tödliche Gefahr im Rückspiegel verschwunden, bleibt genug Zeit zum scherzen und für markige Sprüche, dass es eine wahre Freude ist. Das Ganze kann so eigentlich nur als liebevoll-überspitzte Hommage an „Gespenster-Krimi“ und Co. durchgehen.

„Der Fürst nahm sie sodann bei der Hand und reichte sie weiter an einen Junker der Hölle, mit dem er sie in einem schwarzen Bund vermählte. Ihr finsterer Gatte ließ sich von der Braut ebenfalls auf den Hintern küssen.“
(Thomas Backus – „Hexenreigen“)

Ähnlich wie Volker Ilse strotzt auch Thomas „Hunger“ Backus vor Ideen, seine Inspiration zieht er jedoch augenscheinlich eher aus dem Alltäglichen.
Unter anderem trifft man in seinen Geschichten auf eine Sozialarbeiterin des Jugendamts , die eine wirklich besondere Familie besucht, einen Maler, der der Kunst wegen seine Seele verkauft, eine perfide Stechmückenplage, die bedenkliche Ausmaße annimmt, und König Kunde, der seine Gammelfleischbeschwerde bis zur letzten Konsequenz lebt. Insgesamt 21 Geschichten steuert Thomas Backus bei. Durchgehend kurzweilig und mit humorigem Einschlag, aber ebenso überwiegend werden bekannte Themen bedient.

„Dort lag auch die Leiche, oder besser gesagt, dort saß sie, die Beine zum Schneidersitz verschränkt. Irgendwann hatte der Oberkörper seinen Schwerpunkt verlagert, sodass der Kopf nun vor den Knien auf dem Boden ruhte und die Wirbelsäule wie die Rückenplatten eines Stegosaurus durch die alte Haut stach.“
(Ralph Haselberger – „Borgmännchen“)

Die abschließenden Beiträge von Ralph „Tod“ Haselberger glänzen durch eine gewissenhafte Handlungsentwicklung und außerordentlich gelungene Ausführung. Die Geschichten sind sorgfältig konstruiert, verfügen über überzeugende Personenzeichnungen (gar nicht selbstverständlich in einer Kurzgeschichte), und entbehren nicht eines gewissen Überraschungsmoments, das den Storys nochmal einen Kick gibt. Die Tagebuchaufzeichnungen eines Mordopfers beschäftigen sich mit Kobolden und wie diese in unsere Welt gelangen können („Borgmännchen“). Ein Stadtplan mit rätselhaften Markierungen, soll einen Verwaltungsangestellten schließlich zur Unsterblichkeit führen („Das weiße Zimmer“). Zwei Studienfreunde, sehen sich nun, als praktizierende Mediziner, plötzlich einer unerklärlich hohen Anzahl Gehirntumore bei ihren Patienten gegenüber („Juwlscz brgts oweqyc twq“). Mit „Nach drei“ kommt Haselberger sogar einem seiner Lieblingsautoren – Dan Simmons – dann auch gefährlich nahe. Eine Geschichte, die allen Eltern jüngerer Kinder das Blut in den Adern gefrieren lässt. Mit diesen Kostproben im Gepäck darf Ralph Haselberger getrost in einem Atemzug mit Andreas Gruber genannt werden.

Neben den Beiträgen der einzelnen Autoren wollten die Apokalyptischen Schreiber zusätzlich etwas Gemeinsames schaffen. Zu diesem Zweck erdachten die vier Kollaborateure zwei Anfangs- und einen gemeinsamen Schlusssatz, zwischen die jeder der Schreiber nach Belieben eine Geschichte packen durfte. Herausgekommen sind vier Geschichten unterschiedlicher Couleur, in denen ein Zug jeweils eine nicht unbeträchtliche Rolle spielt.

Das Buch ist als ordentliches Hardcover gearbeitet, bei dem man mit seinen 425 Seiten ‚ordentlich was in der Hand hat‘. Etwas befremdlich wirkt das wiederholte Auftauchen von ‚Hurenkindern‘ (letzte, kurze Absatzzeile als erste Zeile einer Seite) im Satzspiegel bei dem ansonsten guten Verarbeitungseindruck. Das Covermotiv, auf dem ein Schreiber titelschuldig seine Feder ins eigene Blut der frisch geöffneten Armvene taucht, wurde von Ralph „Tod“ Haselberger gestaltet.

„In Blut geschrieben“ ist eine sehr empfehlenswerte und abwechslungsreiche Anthologie, bestritten von vier stilistisch unterschiedlichen Autoren. (EH)

Copyright © 2012 by Elmar Huber (EH)

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