In der Schwebe

Tess Gerritsen
In der Schwebe

Originaltitel: Gravity (New York : Pocket Books 1999)
Übersetzung: Andreas Jäger
Deutsche Erstausgabe: April 2001 (Blanvalet Verlag/TB Nr. 35337)
446 S.
ISBN-13: 978-3-442-35337-8
eBook: Februar 2015 (Blanvalet Verlag)
1776 KB
ISBN-13: 978-3-641-16412-6
Hörbuch-Download: März 2013 (Blanvalet Verlag)
13h 53 min. (ungekürzt; gelesen von Michael Hansonis)
ISBN-13: 978-3-8371-1071-5

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Das geschieht:

Nach langer Dürreperiode befindet sich die bemannte Raumfahrt wieder im Aufwind. Im Erdorbit kreist die internationale Raumstation ISS mit einer sechsköpfigen Besatzung. Nach dem tödlichen Verkehrsunfall seiner Frau auf der Erde muss Wissenschaftler William Haning die ISS vorzeitig verlassen. Für ihn springt Emma Watson ein, deren Besuch eigentlich erst in drei Monaten fällig gewesen wäre. Die junge Astronautin übernahm diesen Job nicht ungern, macht sie doch gerade eine schwere Scheidung durch. Dr. Jack McCallum, Emmas Noch-Gatte, war bis vor einem Jahr selbst Astronaut und Flugarzt der NASA. Nach einer Krankheit wurde er für fluguntauglich erklärt. Inzwischen ist er verbittert aus dem Dienst geschieden und arbeitet nun als Unfallarzt in der Notaufnahme eines zivilen Krankenhauses.

Ein bizarrer Zwischenfall bringt ihn zurück ins Raumfahrtzentrum. An Bord der ISS werden im Auftrag diverser Forschungsinstitute medizinische und biologische Forschungen und Experimente durchgeführt. Dr. Haning waren dabei Anomalitäten in einer Kultur von Archäen, bakterienartigen, einzelligen Organismen aus der irdischen Tiefsee, aufgefallen. Durch einen unglücklichen Unfall werden Teile dieser Kultur freigesetzt. Die Archäen gelten als harmlos, zu diesem Zeitpunkt weiß noch niemand, dass die Einzeller durch einen unbekannten Zusatz verändert wurden und sich in eine aggressive Lebensform verwandelt haben, die aktiv in der Raumstation umhergeistert, alle Insassen befällt und dabei die DNS seiner Wirte in den körpereigenen Bauplan integriert.

Der Biologe Kenichi Hirai ist der Erste, der unter grauenvollen, an die spektakulären Folgen der Ebola-Erkrankung gemahnenden Umständen stirbt. Bis im All und auf der Erde jeweils der Groschen fällt, gibt es noch weitere Opfer. Panik bricht aus, und die Regierung lässt die NASA-Bodenstation von Truppen besetzen, die eine Rückkehr der infizierten Astronauten verhindern sollen – unter allen Umständen …

Vor allem abenteuerlicher Mischmasch

Ist es nicht empörend für die Freunde der Science Fiction, dass jeder Autor, der bisher auf anderem Gebiet literarische Erfahrungen gesammelt hat und nun über einen Wechsel nachdenkt, sich berufen fühlt, das Genre neu zu erfinden? Auch Tess Gerritsen macht keine Ausnahme. Voller Elan hat sie sich ihres Themas bemächtigt, hat umfangreich recherchiert, ist den Mitarbeitern der realen NASA tüchtig auf die Pelle gerückt und hat schließlich eine spannende Handlung ersonnen, um das erworbene Wissen an die Leserschaft zu bringen.

Das Ergebnis ist ein SF-Thriller, der allerdings keine – nicht die geringste! – Überraschung zu bieten hat. Jeder Schauplatz, jedes Ereignis, jede Figur ist aus tausend vor allem durchschnittlichen Romanen, Filmen und Fernsehserien bekannt. Es gibt keine Abweichung vom längst Vertrauten aber eine Menge längst verhasster Klischees.

Tatsächlich fällt nur eine Abweichung von der Norm auf: Gerritsen sorgt dafür, dass auf der Erde und im All die Frauenquote erfüllt wird. Das mag unfreundlicher klingen, als es gemeint ist, denn die Abwesenheit der sonst im Katastrophenfall für die Rettung der Welt zuständigen Nussknackerkinn-Klone fällt durchaus positiv auf.

Spannung ohne Lektüre-Stress

„Outbreak“ im Weltall oder „Das Ding aus einer anderen Welt“ – in der John Carpenter-Version – sind die beiden vermutlich wichtigsten Vorbilder, wobei Wolfgang Petersens Kinofilm die Stimmung von „In der Schwebe“ besser wiedergibt: konventionelle, stromlinienförmige Unterhaltung, gut besetzt und handwerklich sauber inszeniert aber letztlich unbefriedigend. Wackere Durchschnittsamerikaner werden von furchtlosen Landsleuten, geistesblitzbefeuerten Experten und findigen Ausländern (in dieser Reihenfolge) gegen eine (natürlich nur kleine und überhaupt nicht repräsentative) Clique machtgieriger und skrupelloser Politiker und Wirtschaftsbosse, unterstützt, während Vorsichtshalber-Feuer-frei-Krieger darauf lauern, das Problem aus dem Welt zu bomben. Dieses Szenario ist zumindest aus der Sicht des Europäers ein wenig zu simpel gestrickt.

Wie so oft in der Phantastik reißt das Monster die festgefahrene Handlung immer wieder angenehm aus ihrem tief ausgefahrenen Gleis. Tess Gerritsen ist Medizinerin, was sie sehr erfinderisch darin macht, sich ein zwar nicht wirklich neues aber überzeugendes Untier auszudenken; eine Art Millenniums-Blob, wenn man an das Jahr der Erstveröffentlichung dieses Romans denkt. Aufgrund seiner von drastischen Schaueffekten begleiteten Ernährungsweise gibt es genug Anlass, mehr als einen Hauch Horror in die Handlung einzubringen.

Das ist auch bitter nötig in einer Geschichte, die sich ansonsten in einem Wust von Technobabbel und Soap-Opera-Elementen verliert. Gerritsen hat sich wie gesagt viel Mühe gegeben, das technische Umfeld möglichst realistisch zu gestalten, aber sie ist nicht nur Medizinerin, sondern hat ihre Schriftsteller-Karriere mit ausladenden Herz-Schmerz-Schwarten gestartet, bevor sie zum Thriller wechselte. Das eine mag und das andere kann sie nicht verbergen. Besonders im Finale heißt es für den Leser: Zähne zusammenbeißen, denn nun wird die Schema-F-Tüte bis zum Boden geleert!

Moderne Frau mit klassischen Problemen

Die Handlungsskizze weiter oben hat es bereits angedeutet bzw. angedroht – es kommt auf den Standpunkt an. Vor allem Leserinnen dürften sich in jene Passagen fallenlassen, in denen es nicht um den mutierten Tiefseeschleim, sondern um Emma Watson und ihre zwischenmenschlichen Probleme geht. Gerritsen ist wie schon erwähnt Profi, wenn es darum geht, Frauen in Seelenqualen zu stürzen, die in der Regel von Männern verursacht werden. In diesem Fall manifestiert sich dies primär in der Figur des feschen Dr. Jack McCallum, der grundsätzlich der ideale Mr. Right war, bis ihn persönliches Unglück buchstäblich von den Beinen geholt hat.

Darob verbitterte er und pfiff auf die helfende Hand der Gattin, die trotz erlittener Undankbarkeit weiterhin um die Liebe ihres Lebens trauert, entsprechende Gefühle ausführlich in Gedanken und Worte fasst, die – von der Autorin vermittelt – ungekürzt der Leserschaft mitgeteilt werden. Das mag für ein entsprechend geeichtes Publikum der (Seelen-) Himmel auf Erden sein. Nüchterne Leser pochen hingegen auf das Primat der Handlung, die hier offenkundig als exotischer Treibriemen für eine ganz & gar irdische Liebesschnulze dient.

Die Instrumentalisierung auch und eigentlich schmalzfremder Genres ist keine Erfindung von Tess Gerritsen. Hin und wieder versuchen Autor/innen den Ausbruch aus jenem Getto, das von Wikingern, Highlandern, Bergbauern u. a. Mannsbildern bevölkert wird, auf die ihr Publikum einschlägige Träume projiziert. Wer solche (gern als „Psycho-Thriller“ getarnte) Trivialliteratur nicht schätzt, wird mit diesen Werken fremdeln, d. h. in diesem Fall Tess Gerritsen auf die Liste jener Autoren setzen, die man ihrem Stammpublikum überlassen kann und sollte.

Anmerkung

1999 verkaufte Gerritsen die Rechte für „Gravity“ an das Filmstudio Warner Brothers. Als dort 2013 der Film „Gravity“ (mit Sandra Bullock und George Clooney) entstand und sich zu einem Blockbuster entwickelte, verlangte Gerritsen einen Anteil an den Einnahmen, da das Drehbuch auf ihrem Buch basiere. Der Prozess läuft noch.

Autorin

Tess Gerritsen, geboren am 12. Juni 1953 in San Diego, US-Staat Kalifornien, studierte Medizin und ließ sich nach ihrem Examen 1979 als Internistin auf Hawaii nieder. In den 1980er Jahren legte sie eine Arbeitspause ein, um sich den inzwischen geborenen Kindern widmen zu können. In ihrer Freizeit begann Gerritsen zu schreiben. Ihr Genre wurde zunächst der romantische Thriller. 1987 erschien „Call after Midnight“ (dt. „Der Anruf kam nach Mitternacht“), dem in rascher Folge acht weitere Romanzen vor sacht spannenden Kulissen folgten.

In den 1990er Jahren richtete sich Gerritsen als Autorin neu aus. Sie nutzte ihr medizinisches Wissen und fabrizierte nun romantische Science-Thriller. Bereits „Harvest“ (dt. „Kalte Herzen“) wurde überaus erfolgreich, sodass Gerritsen auf dieser Schiene weitermachte. Ihre Werke erreichten hohe achtstellige Auflagenzahlen und wurden für Leserinnen in vielen Ländern dieser Erde übersetzt.

2004 startete Gerritsen mit „The Surgeon“ (dt. „Die Chirurgin“) eine Serie um die Kriminalbeamtin Jane Rizzoli, die von der Gerichtsmedizinerin Maura Isles unterstützt wird. Spannung und Schmalz waren hier so publikumswirksam austariert, dass für das US-Fernsehen die Serie Rizzoli & Isles produziert wurde, die zwischen 2010 und 2016 sieben Staffeln mit 105 Episoden erreichte.

Als Ärztin ist Tess Gerritsen, die heute in Maine lebt, nicht mehr tätig. Über ihre Aktivitäten informieren diese und diese Website.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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