Kinder des Chaos

Greg F. Gifune
Kinder des Chaos


Originaltitel: Children of Chaos (North Webster/Indiana : Delirium Books 2009)
Übersetzung: Alexander Rösch
Cover: Dirk Baumert
Deutsche Erstausgabe: Juni 2013 (Festa Verlag/Horror TB 1556)
397 S.
ISBN-13: 978-3-86552-205-4

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Das geschieht:

In ihrer Kindheit waren Jamie Wheeler, Martin Doyle und Phillip Moretti die besten Freunde. Der Bund zerbrach, als sie zu dritt einen unheimlichen Landstreicher umbrachten – eine Tat, für die sie nie zur Rechenschaft gezogen wurden, die aber dennoch ihre Leben zeichnete und zerstörte.

Ein Vierteljahrhundert später ist Moretti als Schriftsteller, Ehemann und Vater gescheitert. Er ist pleite und alkoholkrank, als Jamies Mutter ihn zu sich ruft. Die totkranke Frau will vor ihrem Tod den Sohn wiedersehen. Schon mehrfach hat sie Detektive nach Mexiko geschickt, wo Jamie seit Jahren haust. Dort soll er in einer verlassenen Wüstenei einen seltsamen Kult gegründet haben, der ihn als neuen Messias verehrt. Die Gruppe lehnt jeden Kontakt zur Außenwelt ab. Bisher sind Mrs. Wheelers Fahnder gar nicht mehr oder geistig zerrüttet in die USA zurückgekehrt. Nun setzt die Mutter darauf, dass Jamie den ehemaligen Freund freundlicher empfängt.

Da das Honorar hoch ist, schlägt Moretti ein. Er reist in die mexikanische Grenzstadt Tijuana, denn dort hält sich Martin Doyle, nun ein von der Amtskirche gefeuerter Ex-Priester, auf. Moretti trifft einen psychisch zerstörten Mann, der davon berichtet, dass Jamie ihn als Kultmitglied aufnehmen wollte, er sich jedoch verweigert hatte. Seither glaubt Doyle, von Jamies Geist besessen zu sein, was ihn in den Wahn getrieben hat.

In Begleitung der Abenteurer Quid und Party Boy macht sich Moretti über den berüchtigten „Corredor“ auf in die Wüste. Dort wird er nicht nur Jamie finden, dort wird sich auch sein persönliches Schicksal entscheiden. Moretti hat sich auf einen Leidensweg begeben, der ihn buchstäblich in das Herz der Finsternis führen wird …

Ein literarisches Experiment

1899 veröffentlichte Joseph Conrad die Novelle „Heart of Darkness“ (dt. „Herz der Dunkelheit“). Er beschrieb darin vordergründig die Reise des Seemanns Marlow, der 800 Meilen eines kaum erforschten afrikanischen Flusses aufwärts reist, um nach dem verschollenen Stationsleiter Kurtz zu suchen. Die Expedition wird zu einem Horrortrip, der Marlow dorthin führt, wo Kurtz bereits gelandet ist: in eine aus Bosheit und Wahnsinn selbstgeschaffene bzw. perfekt organisierte Hölle, in deren Grauen sich die niedersten Eigenschaften des Menschen widerspiegeln.

Conrad schuf einerseits eine sich stetig steigernde Atmosphäre des Unheils und des Grauens, während er anderseits die Handlung so intensiv verdichtete und mit metaphorischer Symbolik anreicherte, dass die Reise ins Herz der Dunkelheit ihre erschreckende Wucht bis heute erhalten hat. Der psychologische Aspekt schwebt über dem Geschehen, der gewundene Fluss wird zum roten Faden einer sich stetig steigernden Höllenvision.

Seit mehr als einem Jahrhundert lassen sich Künstler von Conrads Novelle inspirieren. Gern wird die Handlung in die aktuelle Gegenwart versetzt, um zu prüfen, ob der Mensch dazugelernt hat und ‚zivilisierter‘ geworden ist. Wie man sich denken kann, fällt die Antwort stets negativ aus.

Die Formen der Hölle

Die aus Kritikersicht am besten gelungene Variation des Themas gelang dem Regisseur und Drehbuchautor Francis Ford Coppola, der die Geschichte 1979 mit dem Vietnamkrieg kombinierte. „Apokalypse Now“ beschwor in eindrucksvollen Bildern den Bruch der tragenden aber trügerisch dünnen Zivilisationskruste herauf, den Conrad noch eher ansatzhaft geschildert hatte.

Selbstverständlich versuchten sich auch eher trivial ausgerichtete Künstler oder Kunsthandwerker an Conrads Novelle. Die konsequent düstere Weltsicht eignet sich sehr gut als Stimmungsvorlage für einen Horror-Roman. Greg Gifune spricht „Herz der Dunkelheit“ als Auslöser für „Kinder des Chaos“ in seinem Nachwort offen an. Er beeilt sich aber anzufügen, dass seine Geschichte umgehend eine gänzlich andere und eigene Richtung einschlagen werde. Darin kann man ihm nur bedingt zustimmen. Vor allem die Schlusskapitel halten sich an die Vorgabe. Sektenführer Jamie Wheeler ist sehr dicht nach Kurtz gezeichnet. Es dürfte allerdings kaum möglich sein, Conrads Darstellung von Bosheit und Wahnsinn zu übertreffen.

Gifune erweitert die Vorlage um eine übernatürliche Ebene: Die Erde ist Bühne eines uralten Kampfes, der mit dem Aufstand der Engel um Luzifer gegen Gott begann und mit dem Sturz der Rebellen in die Hölle keineswegs sein Ende gefunden hat. Auch im 21. Jahrhundert ist die Entscheidung nicht gefallen. Womöglich hat der Krieg sich verselbstständigt: Die ‚guten‘ und die ‚bösen‘ Engel führen ihn, während Gott sich längst enttäuscht von den Menschen abgewendet hat.

Der ewige Krieg

In diesem Umfeld ist die Grausamkeit des Kultes, dem Jamie vorsteht, kein Ausdruck menschlicher Seelenschwäche, sondern ein Instrument, das einen neuen Feldzug im ewigen Krieg der Engel einleitet. Auch der Mord an dem Landstreicher – der sich nachträglich als Soldat der Hölle entpuppt – ist Element einer Strategie, die der Hölle zum Sieg verhelfen sollte. Das Scheitern ist nur ein Rückschlag; die Planung wird sofort angepasst. Martin, Philipp und vor allem Jamie werden ohne ihr Wissen zwangsrekrutiert. Nur Jamie erkennt allmählich das Gesamtbild und die Rolle, die er darin spielt.

Gifune schildert den ewigen Krieg als unmenschlichen, unbarmherzigen Vorgang, der parallel zur ‚offiziellen‘ Weltgeschichte und weitgehend unbemerkt geführt wird. Die Menschen haben sich für beide Seiten als ideale Soldaten – und Bauernopfer – erwiesen, da sie aufgrund ihrer Natur gern lügen, intrigieren und töten. Furcht und Schmerz bilden den Treibstoff der Kriegsmaschine, die von auserwählten menschlichen Söldnern zurück auf die Erde gebracht wird. Nicht immer wissen diese Söldner von ihrer Mission, wie Philipp Moretti feststellen muss.

Für diesen Plot benötigt Gifune die Vorlage eigentlich nicht. Er scheint darüber hinaus nicht zu bemerken, dass er Conrad in einem wesentlich Punkt widerspricht: Dessen Kurtz benötigte keine übernatürliche Einmischung. Das Böse wurzelt im „Herz der Dunkelheit“, das ausschließlich im Menschen schlägt. Es benötigt keine Unterstützung aus dem Jenseits, weil der Mensch selbst und allein in der Lage ist, sich das Leben zur Hölle zu machen.

Pompös statt nachhaltig

Somit schrumpft „Kinder des Chaos“ zu einem typischen Horror-Roman, obwohl sich Gifune große Mühe gibt, seiner Story einen glanzvollen dramaturgischen Unterbau zu verschaffen. Viele Seiten vergehen, während sich Moretti Gedanken über das Wesen des Schreckens macht. Später diskutiert er ausführlich mit Jamie, der ihm vergeblich zu vermitteln versucht, wie das Universum tatsächlich funktioniert. Wen wundert’s, ergeht er sich dabei doch genreüblich in binsenweisen Andeutungen, statt Tacheles zu reden.

Fatalerweise übertreibt es Gifune zudem mit der Versinnbildlichung des Wahnsinns, den Jamie planmäßig schürt. Mit Andeutungen wie zu Conrads Zeiten gibt sich zumindest der Gifune-Leser nicht mehr zufrieden. Also wird verstümmelt, gehäutet, gekocht und anderweitig geschnetzelt, bis das Grauenvolle ins Lächerliche umzuschlagen droht.

Dem blutigen Finale in Mexiko folgt ein Epilog in den heimischen USA, der einerseits geschickte Auflösung aber andererseits bekannte Horror-Routine darstellt. Wer mit dem Teufel essen will, benötigt einen langen Löffel, heißt es in einem alten Sprichwort. Dies erkennt auch Moretti, was einen tragischen Höhe- und Schlusspunkt setzen soll. Den kennt der Leser indes aus vielen gruseligen Romanen und Filmen, weshalb sich die gewünschte Wirkung in Grenzen hält.

Punkten kann Gifune dagegen als Autor. (Unterstützt wird er durch einen kompetenten Übersetzer.) Selbst wenn es hoch bzw. blutig hergeht, verfällt er nicht in jene Blutmatsch-&-Folterporno-Stammeleien, mit denen weniger sprachgewaltige Kollegen leserliches Entsetzen erzwingen wollen. Darüber hinaus hat er ein Händchen für Landschafts- und Stimmungsbilder. Gifune mag hin und wieder geschwätzig sein, doch er kann schreiben, und er hat etwas zu sagen. Deshalb hören wir ihm auch dieses Mal gern bis zum Ende zu.

Autor

Greg F. Gifune wurde am 12. November 1963 in Middlesex County (US-Staat Massachusetts) als Sohn eines Lehrer-Ehepaars geboren. Er wuchs in Boston auf und deckte beruflich eine erstaunliche Bandbreite unterbezahlter Jobs ab – So arbeitete Gifune u. a. als Sprecher und Produzent für Radio und Fernsehen, als Journalist und in der Werbung –, eher er sich ab 2001 einen Namen als Autor von Thriller-, Krimi- und Horrorliteratur zu machen begann. Bevor er hauptberuflicher Schriftsteller wurde, gab Gifune außerdem das „New-Age“-Magazin „The Edge“ heraus und war für den Verlag „Delirium Books“ tätig.

Mit seiner Frau lebt und arbeitet Gifune heute in Marion, einer Kleinstadt in der Nähe von Boston. Über seine Arbeit informiert er auf dieser Website.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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