Necrophobia III – Zart wie Babyhaut

Frank Festa (Hg.)
Necrophobia III – Zart wie Babyhaut

(sfbentry)
Originalausgabe
Übersetzung: Alexander Amberg (1), Andreas Diesel (1), Doris Hummel (3), Sigrid Langhaeuser (8), Sandra Pohley (3)
Deutsche Erstausgabe: April 2010 (Festa Verlag/Horror TB 1523)
410 S.
ISBN-13: 978-3-86552-077-7

Titel bei Buch24.de
Titel bei Booklooker.de

19 Gruselgeschichten aus 83 Jahren, davon 17 deutsche Erstveröffentlichungen: Das lange Warten auf die dritte „Necrophobia“-Sammlung hat sich gelohnt. Klassischer Horror wechselt mit modernen Schrecken, für Abwechslung ist gesorgt; Mittelmaß kommt vor, doch echte Ausfälle, verursacht durch um Jungmädchen buhlende Vampire oder deutsche ‚Nachwuchstalente‘, bleiben aus: Ein fesselnder Streifzug durch ein ungemein lebendiges Genre:

– F. Paul Wilson [*1946]: Zart wie Babyhaut („Foct“, 1991), S. 7-20: Wenn sich ihr die Chance bietet, ins modische Spitzenfeld vorzustoßen, wird für manche Frau die Frage nach der Herkunft des verarbeiteten Materials nebensächlich …

– David Case [*1937]: Unter Wölfen („Among the Wolves“, 1971), S. 21-88: In der Wildnis wurde er geprüft und für stark befunden; nun testet er ähnlich unbarmherzig seine Mitmenschen in der Stadt auf ihre Lebenstauglichkeit …

– Brett McBean [*1978]: Genie eines kranken Geistes („The Genius of a Sick Mind“, 2000), S. 89-101: Simon und Sherry geraten in die Falle eines moralfreien Psychopathen, der sie mit schauerlichen ‚Aufgaben‘ konfrontiert, deren Bestehen ihr Leben sichert – vielleicht …

– Walter de la Mare [1873-1956]: Der Spiegel („The Looking-Glass“, 1923), S. 103-115: Für die vom Leben enttäuschte Alice verschwimmen Realität und Illusion, bis schließlich die Grenze zum Jenseits fällt …

– Brian Lumley [*1937]: Fruchtkörper („Fruiting Bodies“, 1988), S. 117-152: Von einer fernen Insel geriet ein Pilz an einen einsamen Abschnitt der englischen Küste, wo er ein unheimliches Eigenleben entwickelt …

– Mary E. Counselman [1911-1995]: Die drei markierten Pennys („The Three Marked Pennies“, 1934), S. 153-163: Sie bringen Glück oder den Tod – und manchmal beides gleichzeitig …

– Frederick Cowles [1900-1949]: Das Haus der Tänzerin („The House of the Dancer“, 1938), S. 165-179: Sie war die hübscheste Frau ihrer Zeit – und eine böse Hexe, die lustvoll ihr Treiben nach dem Tod fortsetzt …

– Karl Edward Wagner [1945-1994]: Das Bildnis des Jonathan Collins („The Picture of Jonathan Collins“, 1995), S. 181-204: Eigentlich hieß Dorian Gray Jonathan Collins, und sein Bildnis war kein Gemälde, doch sonst stimmt die Geschichte …

– Simon Clark [*1958]: Die außergewöhnlichen Grenzen der Finsternis („Limits of Darkness“, 2006), S. 205-229: Eine Schatzsuche in Afrika entwickelt sich zu einer Reise ins Herz der menschlichen Finsternis …

– Robert Bloch [1917-1994]: Das Geheimnis der Gruft („The Secret in the Tomb“, 1935), S. 231-240: Wie sein verschwundener Vater macht sich auch der Sohn auf den Weg, dem verrufenen Ahnen das Geheimnis des ewigen Lebens zu entlocken …

– Greg F. Gifune [*1963]: Vollendete Vergangenheit („Past Tense“, 2005), S. 241-258: Manche Vampire saugen Blut, andere zapfen ihren Opfern Lebenszeit ab …

– Manuel Komroff [1890-1974]: Du willst also nicht reden! („So You Won’t Talk“, 1935), S. 259-268: Ein besessener Polizist bricht ein Verhör auch beim Tod des Hauptverdächtigen nicht ab …

– Fritz Leiber [1910-1992]: Der Phantommörder („The Phantom Slayer“, 1942), S. 269-291: Das zunächst willkommene Erbe des Onkels entwickelt ein mörderisches Eigenleben …

– Chet Williamson [*1948]: Ameisen („Ants“, 1987), S. 293-297: Ein streitsüchtiger Fiesling legt sich mit den Falschen an …

– Graham Masterton [*1946]: Der Junge von Ballyhooly („The Ballyhooly Boy“, 1999), S. 299-327: Ein von seinen Schulkameraden geschurigelter Junge übt als Geist erbarmungslos Rache …

– Jeffrey Thomas [*1957]: Die Keller-Götter („The Cellar Gods“, 1999), S. 329-350: Die geliebte Frau kann ihre obskure Herkunft auf Dauer nicht unterdrücken …

– Mort Castle [*1946]: Nimm meine Hand, mein Sohn („If You Take My Hand, My Son“, 1987), S. 351-364: Daddy war ein verlogener Dreckskerl im Leben, und der Tod konnte ihn nicht ändern …

– Carlton Mellick III [*1977]: Porno im August („Porno in August“, 2002), S. 365-387: Dreharbeiten zu einem Sexfilm gehen in einen grotesken Albtraum über …

– F. Paul Wilson [*1946]: Weich („Soft“, 1984), S. 389-406: Wie lebt man mit einer Seuche, die alle Knochen zur Auflösung bringt …?

– Ein letztes Flüstern des Herausgebers, S. 407-410

Andere Zeiten, andere Schrecken?

Lange hat es gedauert bis zum Erscheinen dieses dritten Bandes der „Necrophobia“-Reihe – lange genug, um als Freund der grausigen & guten Kurzgeschichte unruhig zu werden, zumal der Festa-Verlag zwischenzeitlich in ökonomische Turbulenzen geriet. Aber der Sturm hat sich gelegt, und Verleger Frank Festa hält das Steuer wieder fest genug in der Hand, um erneut bisher unbekannt Genre-Gewässer zu befahren. Er setzt dabei nicht nur auf Romane, sondern bietet auch der Kurzgeschichte eine Nische. Nach der Lektüre von „Necrophobia III“ fragt sich der Leser umso konsternierter, wieso diese nach Ansicht der ‚großen‘ Verlagshäuser angeblich kein Publikum mehr findet, denn wie sonst kann sich der Horror bunter und palettenbreiter darstellen als in seiner kurzen Form?

Zwischen 1923 und 2006 erschienen die 19 hier gesammelten Storys. Schon die chronologische Spanne sorgt für Abwechslung, denn sowohl die Auslegung als auch die Darstellung von Furcht unterlag in diesen Jahrzehnten deutlichen Veränderungen: Walter de la Mare und Carlton Mellick III teilen zwar die metaphorische Beschäftigung mit dem Phantastischen, doch inhaltlich könnte die Kluft zwischen diesen beiden Autoren kaum größer sein.

Aber auch die Werke der zeitgleich schreibenden Autoren lassen sich nur schwer unter einen Hut bringen; „Necrophobia III“ soll ja gerade die Vielfalt des Horrors belegen. Dieser ist vielschichtig („Unter Wölfen“), trivial („Das Geheimnis der Gruft“) oder beides („Der Phantommörder“), klassisch („Fruchtkörper“), einfach nur angestaubt („Das Haus der Tänzerin“), ein wenig experimentell („Nimm meine Hand, mein Sohn“), betont drastisch („Das Bildnis des Jonathan Collins“), schwarzhumorig („Ameisen“), auf den Schlussgag getrimmt („Zart wie Babyhaut“) oder bitter ernst („Die außergewöhnlichen Grenzen der Finsternis“).

Entdeckungen und Andeutungen

Die erfreuliche Bandbreite der präsentierten Storys und ihre Zahl verhindert eine Besprechung, die jeder Geschichte gerecht werden könnte. Der Leser wird sich unterschiedlich zwischen den Urteilspolen „sehr gut“ und „gefällt gar nicht“ bewegen. Der Rezensent kann deshalb an dieser Stelle nur auf hoffentlich allgemein interessierende Einzelheiten eingehen.

Mit „Fruchtkörper“ legt Brian Lumley nicht nur eine unheimliche Story, sondern auch eine Hommage an einen britischen Großmeister der Gespenstergeschichte vor. Im November 1907 veröffentlichte das „Blue Book Magazine“ William Hope Hodgsons (1877-1918) „A Voice in the Night“ (dt. „Stimme in der Nacht“), eine intensive Studie ‚biologischen‘ Grauens am Beispiel zweier Schiffbrüchiger, die auf einer Insel stranden, deren Gestade von einem monströsen Wucherpilz befallen sind, der auch auf menschlicher Haut gedeiht. Gerade in der Finalszene beschwört Lumley die daraus resultierenden Schrecken ähnlich intensiv herauf wie Hodgson. Obwohl der der moderne Autor sich in der Beschreibung der Effekte keinerlei Zurückhaltung auferlegen müsste, bleibt Lumley erfreulich zurückhaltend.

Jeffrey Thomas ergänzt das „Cthulhu“-Mosaik um ein interessantes Steinchen. Mit „Die Keller-Götter“ beweist er anschaulich, dass der Mythos, den H. P. Lovecraft (1890-1937) schuf und der bereits zu seinen Lebzeiten von faszinierten Autorenkollegen mit- und ausgestaltet wurde, durchaus gegenwartstauglich ist.

Simon Clark vergreift sich unerschrocken an einem literarischen Meisterwerk. „Die außergewöhnlichen Grenzen der Finsternis“ stellt eine Fortsetzung und Variation der Novelle „Heart of Darkness“ (1899, dt. „Herz der Finsternis“) dar, in der Joseph Conrad (1857-1924) den charakterlich schlichten Afrika-Reisenden Marlow auf den Handelsagenten Kurtz als verkörperte Ausgeburt der menschlichen Bosheit treffen und an dieser Erfahrung gleichzeitig reifen und zerbrechen lässt. Gelernt hat Marlow seine Lektion offensichtlich nicht, denn Clark lässt ihn ein zweites Mal in den Dschungel des Kongo = in die Abgründe der Seele zurückkehren, wobei die Lektion dieses Mal noch um einiges deutlicher und drastischer ausfällt.

Dies trifft erst recht auf Karl Edward Wagner zu, der mit „Das Bildnis des Jonathan Collins“ dem einzigen Roman von Oscar Wilde (1854-1900) – „The Picture of Dorian Gray“ (1890/91, dt. „Das Bildnis des Dorian Gray“) – einen Bärendienst erweist; Wagner kopiert die ursprüngliche Handlung, deren Finale deshalb von vornherein feststeht. Der Schluss kann deshalb nicht überraschen, während die quasi-pornografischen Sequenzen weder schockieren noch das Geschehen überzeugend illustrieren, sondern nur langweilen.

Horror heimlich oder aggressiv

Die in „Necrophobia III“ gesammelten Geschichten bestätigen und widerlegen gleichzeitig die vor allem von der Kritik gern geäußerte Meinung, dass die Phantastik dort am nachdrücklichsten wirkt, wo sie der Realität so dicht verhaftet bleibt, dass sich das Übernatürliche nur schemenhaft oder scheinbar manifestiert. Um diese Wirkung erzielen zu können,  bedarf es eines wirklich guten Schriftstellers. Walter de la Mare gelingt es, in „Der Spiegel“ seinen Lesern ein stetig und ständig wachsendes Gefühl der Unsicherheit und des Unbehagens zu vermitteln.

Während de la Mare dabei die Wirklichkeit niemals gänzlich aus den Augen verliert, gibt Carlton Mellick III in „Porno im August“ sie auf, ohne den Übergang seinem Publikum deutlich zu machen: Quasi dokumentarisch beschreibt er eine Welt, deren Gesetze den handelnden Figuren ebenso fremd bleiben wie dem Leser. Mellick verstößt vorsätzlich gegen jene zwar nicht niedergeschriebene aber von der Mehrheit der Grusel-Freunde eingeforderte Regel, nach der das  Grauen einer stringenten Handlung folgen und den Schrecken in einem gruseligen Höhepunkt kulminieren soll.

Solche regelkonformen Geschichten beinhaltet „Necrophobia“ natürlich auch. Sie können, aber sie müssen keineswegs ‚schlechter‘ sein als der ‚literarische‘ Horror. Während Frederick Cowles, ein noch sehr jugendlicher Robert Bloch oder Manuel Komroff an den vordergründigen Grusel der „Pulp“-Ära erinnern, verbinden Mary E. Counselman, Fritz Leiber, Mort Castle, Graham Masterton oder F. Paul Wilson (vor allem in „Weich“) den plakativen Horror mit dem Schrecken, den er dem Menschen beschert – ein Schrecken, der über einen blutreichen Tod hinausgeht. David Case treibt diese Kombination auf die Spitze. Brett McBean produziert dagegen nur heiße Luft.

Das gesammelte Grauen kommt auch dieses Mal ohne deutsche Beiträge aus – oder muss ohne sie auskommen, da sie die strengen Qualitätsvorgaben des Herausgebers nicht erfüllen konnten. (Ob ein Chet Williamson allerdings eine Alternative ist …) Sie gedeihen anderenorts prächtig, sodass man sie hier nicht vermisst. Als Buch bietet „Necrophobia III“ nicht nur inhaltlich Lektüre-Vergnügen. Die Storys sind gut übersetzt, das gedruckte Werk ist zwar ein Taschenbuch, liegt aber trotzdem schwer und sauber gebunden in der Hand, und das Cover entstammt keinem Bildstock, sondern ist gezeichnet und wurde passend zum morbiden Inhalt ausgesucht. Solche Details weiß der Leser zu schätzen, und er merkt sich, wo seine Ansprüche befriedigt werden!

[md]

Titel bei Buch24.de
Titel bei Booklooker.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.