Nemesis

Jeremy Robinson
Nemesis

Originaltitel: Project Nemesis ([?] : Breakneck Media 2012)
Übersetzung: Jürgen Bullin
Cover: Arndt Drechsler
Deutsche Erstausgabe: Juni 2015 (Festa Verlag)
413 S.
ISBN-13: 978-3-86552-383-9
eBook: Juni 2015 (Festa Verlag)
992 KB
ISBN-13: 978-3-86552-384-6

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Das geschieht:

Jon Hudson, Mitarbeiter einer Abteilung des US-Heimatschutzes, muss sich um eher unwahrscheinliche Bedrohungen kümmern, die allerdings so viele Wähler = Geldquellen beunruhigen, dass man sie regierungsseitig durch angebliche Untersuchungen gnädig stimmen will. Aktuell geht Hudson einer angeblichen Sichtung des legendären Bigfoot-Affenmenschen nach, der in Willowdale, einer Kleinstadt im US-Staat Maine, sein Unwesen treiben soll.

Tatsächlich stecken Munkel-Menschen dahinter: General Lance Gordon, jetzt für ein Biotec-Unternehmen tätig, hat tief im Wald ein Geheimlabor einrichten lassen. Dort erforscht man exklusiv die Geheimnisse eines gigantischen Kadavers, dessen Existenz man der Öffentlichkeit sorgfältig verschwiegen hat. Die Kreatur stammt offensichtlich nicht von dieser Erde; mehr konnte man nie herausfinden. Stattdessen begann man mit der DNA des Wesens zu experimentieren. Sie wurde mit menschlichem Erbgut gemischt, um in Rekordzeit Klone heranzuzüchten, die als Organspender ausgeschlachtet werden könnten. Auf diese Weise kommt der kranke Gordon an ein neues Herz.

Doch der ‚Spenderkörper‘ stirbt nicht, sondern regeneriert sich, beginnt zu einem schuppigen, klauenbewehrten Monster zu mutieren und vor allem zu wachsen. „Maigo“ bricht aus, zerstört dabei das Labor und beginnt eine Schneise der Verwüstung und des Todes durch das Land zu ziehen. Das Wesen ragt bald wolkenkratzergleich in die Höhe, ist zum Schrecken des Militärs schussfest und kann Feuerbälle spucken.

Zusammen mit Sheriff Ashley Collins, einem abenteuerlustigen Hubschrauberpiloten und einigen weltfremden Kollegen setzt sich Hudson auf Maigos Fährte. Verzweifelt versucht man die Achillesferse des Ungeheuers zu finden, das erst recht gefährlich ist, weil es denken kann – und eine Mission verfolgt, die es genau dorthin führen wird, wo die Bevölkerungsdichte besonders hoch ist …

Mensch und Monster: eine komplexe Beziehung

Der moderne Mensch liebt Monster. Dabei ist es gar nicht so lang her, dass sie ihm buchstäblich im Nacken saßen. Doch Höhlenlöwe, Riesenbär oder Eiszeit-Löwe sind verschwunden, und vergleichsweise wenige Zeitgenossen springen heute dort ins Meerwasser, wo dicke Haifische auf sie lauern. Also spürt der Mensch möglichen Monstern im Loch Ness nach, ersteigt himmelhohe Himalaja-Gipfel, auf denen sie hocken könnten, oder taucht in die Tiefsee, wo sie mit einiger Wahrscheinlichkeit real existieren.

Da trotzdem auch dort selten Ungetüme entdeckt werden, die eindeutig gewaltig sind, werden Monster parallel dazu erfunden. Seit dem II. Weltkrieg springen Godzilla & Co. regelmäßig aus den Fluten des Pazifiks, um über die japanischen Inseln zu toben. Geschähe das tatsächlich, wären die Einwohner längst auf das ostasiatische Festland geflüchtet. Doch da die Kreaturen fiktiv geblieben sind, lieben die Japaner – aber nicht nur sie – ihre meerschaumgeborenen, rätselhaften Bestien, die sie „Kaijūs“ nennen.

Lange blieben ihre Auftritte zumindest in der westlichen Hemisphäre auf Filme und Comics beschränkt, wo man ebenfalls gern verfolgte, wie Tokyo oder andere Großstädte monströs niedergewalzt wurden. Inzwischen gestattet sich Godzilla auch Abstecher in die USA. Ihm folgen andere, nicht-asiatische Kaijūs (vgl. „King Kong“ bzw. „Skull Island“, „Cloverfield“, „Pacific Rim“), um die klassischen Riesenspinnen („Tarantula“), -ameisen („Them“; ‚dt.‘ „Formicula“) oder -heuschrecken (The Deadly Mantis“; dt. „Das todbringende Ungeheuer“) abzulösen.

Riesengroß aber handlungsbeschränkt

Noch ein wenig Verzug weist dagegen jenes Sub-Genre der Phantastik auf, das sich literarisch auf Kaijū-Eskapaden konzentriert. Diesseits und jenseits des Pazifiks haben die Makro-Bestien längst ein saftiges Stück vom Buchmarkt-Kuchen abgebissen. Zahlreiche Romane beschreiben, wie Kaijūs aller Art Städte in Schutt und Asche legen. An ihrem Erscheinen sind oft finstere Menschen-Mächte beteiligt, denen ein geheimes und riskantes Experiment katastrophal schiefging oder die Kapital aus dem Giganten schlagen wollen. Auf der anderen Seite des Spektrums steht traditionell eine kleine Schar hoffnungslos unterlegener Idealisten, die den schnaubenden Geist in seine Magnum-Flasche zurückzwingen wollen, woran sie die genannten Strolche zu hindern versuchen. Damit ist auch die Story aus des hier vorstellten Romans umrissen. „Nemesis“ bereist exemplarisch den Positiv- und den Negativ-Pol des Kaijū-Genres.

Es ist immer interessant zu verfolgen, wie Menschenwerk in Stücke geht, was auch auf seine Schöpfer zutrifft. Jeremy Robinson beherrscht eine breite Palette von Substantiven, Adjektiven und Verben, mit denen er Zerstörung und Tod in immer neuen Variationen plastisch machen kann. Darüber hinaus stimmt er das Handlungstempo mit seinem Monster ab, weshalb nach dessen Auftritt Pausen kaum noch auftreten. Wie ein Floh springt Robinson von Schauplatz zu Schauplatz, wobei er sogar literarische Stilmittel einsetzt: Wenn Jon Hudson das Geschehen übernimmt, beschreibt Robinson das im Präsens. Alle übrigen Handlungsträger müssen sich mit dem Präteritum begnügen.

Der Monster-Mash ruht auf einem bescheidenen aber festen Plot-Fundament, der rote Faden wird straff gespannt und weist nur kurze Nebenstränge auf: Monster kommt, Monster killt, Monster wird bekämpft. Hinzu kommt ein Human-Strolch (General Gordon), der aus dem Hinterhalt tücken kann, was Maigo aufgrund ihrer Größe unmöglich ist. Gordon sorgt für zusätzliche Verwicklungen und ist nahkampftauglich, weshalb er mit den Helden raufen kann, während Maigo sie alle zusammen wie Fliegen zerquetschen könnte, was bei einer direkten Konfrontation erheblich auf die Spannung drückt.

Monster mit Mission

Erfreulicherweise zählt Robinson zu den nicht gerade zahlreichen Unterhaltungsautoren, die auch ein maschenreiches Garn spinnen = schreiben können. Obwohl „Nemesis“ als Story so flach bleibt wie Maigo turmhoch ist, liest sich dieser Roman flüssig und angenehm. Das eigentliche Problem entsteht durch einen Handlungskern, der wie ein schwarzes Loch ist, das jegliche Überraschung gnadenlos absaugt. Zwar hat Maigo ein Hirn und ein Ziel. Nichtsdestotrotz bleibt dies die Geschichte eines Monsters, das Flurschaden anrichtet. Da Maigo stetig wächst, ist sie bald gewaltig sowie unverwundbar. Auf diese Weise reicht sie buchstäblich über den Leser-Horizont hinaus und wird diffus. Die angerichteten Verwüstungen und Massaker verlieren parallel dazu ihre Eindringlichkeit: 20 Opfer sorgen für Schrecken, 20000 sehen wie zerdrückte Ameisen aus.

Wie soll man eine solche Kreatur stoppen? In der Tat stolpern Hudson’s Heroes die meiste Zeit hinter Maigo her und sammeln die Scherben auf bzw. Überlebende ein. Zeitgleich treibt der mit Alien-DNA aufgerüstete Gordon separate Schandtaten. Auf die Dauer wird das eintönig. Des Lesers Gedanken beginnen zu wandern. Plötzlich fallen die aus Klischee-Holz geschnitzten Figuren auf (die Nerven). Dass Gordons Leibwächter/Henker Katsu Endo – Robinson erinnert daran, dass die Kaijūs aus Japan stammen – irgendwann die Seiten wechselt, reicht nicht aus, um das allzu stromlinienförmige Geschehen aufzubrechen.

Ein Schnellschreiber wie Robinson hat keine Zeit, komplex oder gar kompliziert zu werden. Außerdem muss er an die Zukunft denken, weshalb „Nemesis“ spektakulär aber ergebnislos und offen endet. Die Rechnung ging auf; es fanden sich so viele Leser, dass Robinson eine „Nemesis“-Serie starten konnte, die er mindestens einmal jährlich fortsetzt. Auch eine Vorgeschichte hat er ihr inzwischen ersonnen. Wer die Story zu schätzen gelernt hat, sollte der US-englischen Sprache mächtig sein: Hierzulande bissen so wenige Leser auf den „Nemesis“-Köder an, dass der Verlag auf die Veröffentlichung weiterer Bände lieber verzichtet. Auch von einer Separat-Reihe mit weiteren „Kaijū“-Titeln wurde Abstand genommen. Offensichtlich genügt es dem Gros der deutschen Phantastik-Leser, wenn sich rätselhafter Bestien-Besuch weiterhin auf den Klabautermann beschränkt.

Autor

Jeremy Robinson wurde am 22. Oktober 1974 in Beverly, US-Staat Massachusetts, geboren. Er scriptete zunächst Indie-Comics und schrieb Drehbücher; seine entsprechenden Erfahrungen fasste er 2003 in einem Sachbuch zusammen, bevor er Romane zu verfassen begann.

Robinson konzentrierte sich auf populäre Unterhaltung, die er routinierter und lesenswerter als andere Vielschreiber verfasst. Sein literarischer Ausstoß ist beachtlich, wobei er sich einerseits diverser Pseudonyme bedient, andererseits oft mit anderen Autoren zusammenarbeitet.

Mit seiner Familie lebt Robinson in New Hampshire. Über seine vielen Projekte informiert er auf dieser Website.

Copyright © 2017 by Michael Drewniok (md)

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