Nightcrawlers – Kreaturen der Finsternis

Tim Curran
Nightcrawlers – Kreaturen der Finsternis

Originaltitel: Nightcrawlers (North Webster/Indiana : DarkFuse 2014)
Übersetzung: Markus Müller
Cover: Arndt Drechsler
Deutsche Erstausgabe: Mai 2016 (Festa Verlag/Horror & Thriller 15100)
265 S.
ISBN-13: 978-3-86552-441-6
eBook: Dezember 2015 (Festa Verlag)
735 KB
ISBN-13: 978-3-86552-442-3

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Das geschieht:

Der Ermittler Lou Kenney ist ein City-Cop und deshalb nicht vertraut mit der Geschichte der Kleinstadt Haymarket im US-Staat Wisconsin. Er wurde der örtlichen Polizei als Berater zur Seite gestellt, nachdem Bauarbeiten auf dem Gelände einer ehemaligen Farm offensichtlich ein Massengrab zutage gefördert hatten. Die Leichen türmen sich, aber es wird noch bizarrer: Viele der Körper waren eindeutig einbalsamiert, und vielen fehlen Körperteile, während die Knochen deutliche Zahnabdrücke zeigen.

An Grabräuber mag Kenney, ein beinharter Realist, zunächst nicht denken. Die auffällige Schweigsamkeit der lokalen Polizisten ignoriert er. Als ein Beamter während einer nächtlichen Patrouille angegriffen wird und verschwindet, lässt er die unwilligen Männer ausrücken. Die Suche endet im Desaster: Aus dem Boden brechen deformierte, nur entfernt menschenähnliche Wesen, die ihre Opfer unter die Erde verschleppen.

Kenney trifft die 93-jährige Elena Blasden, eine Einheimische, die nicht nur weiß, was vorgeht, sondern sich mit den Kreaturen arrangiert hat, deren Nest tief unter der alten Ezren-Farm verborgen liegt. Dort ist vor Jahrhunderten ein Meteorit niedergegangen, der in seinem Inneren außerirdisches Leben barg. Es hat sich im Boden festgesetzt und wurde zum Schrecken der ahnungslos gegründeten Gemeinde Clavitt Fields, die im frühen 19. Jahrhundert von entsetzten Bürgern niedergebrannt wurde.

Unter der Erde blieb es seit dem Tod des letzten Ezren ruhig, obwohl auch weiterhin Jäger und Wanderer in beachtlicher Zahl verlorengingen, sobald sie der Bellac Road allzu weit in die Wildnis folgten. Nun haben die Bauarbeiten die Wesen aufgeschreckt. Sie wagen sich zumindest nachts wieder an die Oberfläche, wo sie nicht lange auf Opfer warten, sondern ausschwärmen, um sich frisches Menschenfleisch zu beschaffen. Auch fruchtbare Frauen werden gepackt, um die verheerende Gen-Qualität der Kreaturen aufzuwerten. Kenney nimmt den Kampf auf – und stößt auf das eigentliche Grauen …

Tot & begraben aber präsent

Sobald ein Körper stirbt, beginnt ein separates Nachleben, über das sich der Mensch in der Regel lieber keine Gedanken macht. Diese Weigerung mischt sich mit realhygienischen Forderungen und führt dazu, dass man Leichen tunlichst dorthin bringt, wo sich besagtes Nachleben unbemerkt entwickeln kann. Üblicherweise liegt dieser Ort unter jener Erde, zu der genannter Körper ohnehin zurückkehrt, sobald der Prozess der Verwesung abgeschlossen ist. Natürlich gibt es andere Bestattungsformen, aber die klammern wir an dieser Stelle aus, da eine Urne voller Asche kaum als Basis für eine Horrorgeschichte taugt.

Nein, der Schrecken manifestiert sich nur dort, wo der tote Körper irgendwie noch präsent ist. Die dabei auftretenden Veränderungen sind hässlicher bis grässlicher Natur. Sie lassen sich problemlos durch die Angst steigern, ein so entstellter Körper könnte auf die Erdoberfläche und zu seinen Mitbürgern zurückkehren. Selbst intensive Trauer endet garantiert, sollte so etwas tatsächlich geschehen. Das ist zwar ausgeschlossen, doch die Vorstellung begleitet den Menschen offensichtlich, seit er über sich, das Leben und den Tod reflektieren kann.

Was selbstverständlich seit jeher Geschichtenerzähler inspiriert. Wohliges Schaudern über für echt gehaltene oder (scheinbar) überwundene Schrecken ist eine uralte Form der Unterhaltung. Man genießt die Sicherheit, weshalb die Angst durchaus Vergnügen bereitet. Mancher Zeitgenosse ist dabei hart im Nehmen und bereit, sich nicht nur vage in Bereiche des nun schon mehrfach erwähnten Nachlebens führen zu lassen, sondern dabei auch Übertreibungen und Überspitzungen zu honorieren.

Schrecken der Fruchtbarkeit

Solche Kandidaten sind gefragt, wenn es gilt, Leser für einen Roman wie „Nightcrawlers“ zu rekrutieren. Diese Geschichte ist eine Orgie literarisch ausgemalten Verfalls, aus dem wiederum neues, scheußliches Lebens erwächst. Nicht einmal der Tod bietet in Tim Currans wuchernder Welt einen Ausweg, denn er ist eher der Übergang auf eine andere Existenzebene, deren präzise Beschreibung dafür sorgen soll, dass sich dem (noch) lebendigen Leser der Magen umdreht.

Curran-Romane sind ein Glücksspiel: Entweder schlampt dieser Autor Routine-Horror zusammen, oder er greift auf sein unstrittig existierendes Talent zurück und kreiert zwar weiterhin groben aber eindringlichen Schrecken. Der gelingt ihm offensichtlich besonders gut, wenn er sich auf seine Liebe zu klassischen Wegbereitern des ‚organischen‘ Horrors besinnt. Hier schätzt Curran vor allem H. P. Lovecraft (1890-1937), der in seinem „Cthulhu“-Mythos meisterhaft Grusel und Science Fiction mischte.

Ein weiteres Vorbild ist William Hope Hodgson (1877-1918), dem Curran vor allem mit „Dead Sea“ (2007; dt. „Dead Sea – Meer der Angst“) episch seine Referenz erwiesen hat. Hodgson war ein früher Meister des ‚biologischen‘ Horrors, indem er die menschlichen Opfer des Schreckens buchstäblich mit diesem verschmelzen ließ. Im 21. Jahrhundert muss Curran diesbezüglich kein Blatt mehr vor den Mund nehmen. Vor allem kann er den sexuellen Aspekt dieses Vorgangs ausspielen – eine Chance, die sich der Autor nicht entgehen lässt.

Böse oder fremd?

Curran greift auf Motive zurück, die Lovecraft in mehreren Erzählungen verarbeitete. Einen direkten Bezug gibt es zur Story „The Colour Out of Space“ (1927; dt. „Die Farbe aus dem All“). Hier stürzt ebenfalls ein Meteorit auf die Erde, dessen unheimliches und unirdisches Innenleben allmählich Pflanzen, Tiere und schließlich Menschen mutieren lässt. Die Umtriebe auf der Ezren-Farm knüpfen lose an Lovecrafts Novelle „The Madness Out of Time“/„The Case of Charles Dexter Ward“ (1927; dt. „Der Fall Charles Dexter Ward“) an; hier sorgte ein böser Hexenmeister namens Curwen für eine zünftige Schreckensgeschichte. Schon 1920 beschrieb Lovecraft in „Facts Concerning the Late Arthur Jermyn and His Family” (dt. „Arthur Jermyn“) eine schleichende Degeneration, die einer Familie über Jahrhunderte körperlich und geistig deformierte Nachkommen beschert. 1928 entfesselte Lovecraft „The Dunwich Horror“ (dt. „Das Grauen von Dunwich“), der Curran offenkundig als Blaupause seiner Schilderung von Landschaft und Leute dient.

Für Lovecraft war sein „cosmic horror“ nicht durchweg böse, sondern vor allem fremd = irdischer Gesetze und Moralvorstellungen enthoben. Auch hier orientierte sich Curran am Altmeister und ging abermals einen Schritt weiter. Während Lovecraft seine Leser absichtlich im Dunkel ließ, was die Motive der von ihm dargestellten Fremdwesen betraf, riskiert es Curran, in diesem Punkt für Klarheit zu sorgen. Damit bedient er einerseits Erwartungen, die von einer Leser-Mehrheit an ihre Lektüre gestellt werden: Offene Fragen sind spätestens im Finale zu beantworten! Andererseits gehört die Klarstellung zu Currans Konzept. Sie stellt nicht das Finale dar, sondern leitet es ein und führt zu einer Auflösung, die Lovecraft in dieser Offenheit nicht riskiert hätte.

„Nightcrawlers“ geizt wahrlich nicht mit Ekeleffekten. Curran behält allerdings in der Regel die Zügel fest in der Schreibhand: Es gibt einen Sinn für den schleimigen, fauligen, stinkenden Schrecken, mit dem er uns konfrontiert. Deutlich seltener als sonst gehen ihm diese Pferde durch; dann regiert der blanke Horror, der sich freilich in der Häufung einschlägiger Monstrosität selbst erstickt. Vor allem existiert ein roter Faden. Curran hängt nicht Grauen an Grusel, sondern folgt einer Inszenierung. Die Story steuert auf ihre Auflösung hin. Das schafft einen Spannungsbogen, der Anfang und Ende solide miteinander verbindet und mit der Tatsache versöhnt, dass figürliche Profiltiefe nicht Currans Stärke darstellt.

Die deutsche Ausgabe – übrigens Nr. 100 in der „Horror-&-Thriller“-Reihe des Festa Verlags – ist wieder eine Freude: gut übersetzt und hübsch-hässlich gestaltet, d. h. mit einem ‚echten‘ = gezeichneten Cover versehen. Klassisches Lesen – analog und haptisch – bereitet auf diesem Niveau zusätzliches Vergnügen.

Autor

Tim Curran (geb. 1963) hält sich zumindest in Sachen Privatleben bedeckt. Er lebt mit Ehefrau und drei Kindern im US-Staat Michigan und ist kein Vollzeit-Autor, sondern arbeitet hauptberuflich in einer Fabrik.

Auf seiner Website weicht er einer ‚ordentlichen‘ Biografie aus und schreibt stattdessen über seine Kinder- und Jugendjahre und wie er die Liebe zur Phantastik entdeckte. Curran schätzt die Altmeister wie Lovecraft ebenso wie den zynisch-groben Horror der EC-Comics aus den 1950er Jahren.

Website

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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