Noch mehr Gespenster

Dolly Dolittle (Hg.)
Noch mehr Gespenster
Gespenstergeschichten aus aller Welt

(sfbentry)
Originalausgabe
Übersetzung: Annemarie u. Heinrich Böll, Martin Buber, Gisela Etzel, Elisabeth Gilbert, Georg Goyert, Johannes v. Guenther (3), Monique Humbert, Gunther Martin, Gustav Meyrinck, Rudolf v. Scholtz, Hertha v. Schulz,  Joachim Uhlmann, Walter Widmer
Deutsche Erstausgabe: 1981 (Diogenes Verlag)
364 S.
ISBN 3-257-21310-7
Diese Ausgabe: August 2000 (Diogenes Verlag/Detebe 21130)
364 S.
ISBN-13: 978-3-257-21310-2

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Inhalt:

18 Kurzgeschichten zeugen von der Präsenz der Gespenstergeschichte in der ganzen Welt:

Statt eines Vorworts:
– Heinrich Heine (1797-1856): Doktor Ascher und die Vernunft (1826), S. 11-15: Ein verstorbener Gelehrter erläutert um Mitternacht dem entsetzten Freund, wieso es keine Gespenster geben kann.

– Washington Irving (1783-1859): Der Student und die fremde Dame (The Adventure of the German Student, 1824), S. 16-24: Im Paris der Revolutionszeit verliert ein junger Mann sein Herz an eine schöne Frau, die freilich schon eines anderen Körperteils verlustig ging.

– Alexander Puschkin (1799 1837): Der Sargmacher (Grobovshchik, 1830), S. 25-37: Im Suff lädt der Sargmacher seine ‚Kunden‘ ein, die ihm gern um Mitternacht ihre Aufwartung machen.

– Heinrich von Kleist (1777-1811): Das Bettelweib von Locarno (1810), S. 38-42: Ein hartherziger Adelsmann wird vom Gespenst einer misshandelten Frau ins Verderben gestürzt.

– Ignaz Franz Castelli (1781-1862)*: Tobias Guarnerius (1839), S. 43-68: Perfekt klingt eine Geige erst, wenn ihr eine menschliche Seele eingepflanzt wird, was den genialen Instrumentenbauer jedoch schon bald reut.

– Edgar Allan Poe (1809-1849): Die Tatsachen im Falle Waldemar (The Facts in the Case of M. Valdemar, 1845), S. 69-82: Spektakulär verläuft ein wissenschaftliches Experiment, in dessen Verlauf ein Sterbender in Trance versetzt wird.

– Nikolai Gogol (1809-1852): Der verhexte Platz (Zakoldovannoe mesto, 1832), S. 83-96: Ein russischer Bauer will dem Teufel einen Schatz abringen, was sich als höchst schwierige Herausforderung erweist.

– Pu Sung Ling (1640-1715): Das Wandbild (17. Jh.), S. 97-100: Ein verliebter Mann findet die Frau seines Lebens ausgerechnet als Motiv auf einem verzauberten Wandbild, was erwartungsgemäß Schwierigkeiten heraufbeschwört.

– Yakumo Koizumi (d. i. Lafcadio Hearn, 1850-1904): Die Päonienlaterne (The Peony Lantern, 1899), S. 101-128: Als sich der Geliebte dem Gespenst seiner verstorbenen Braut nicht freiwillig im Jenseits anschließen will, zieht diese andere, unangenehm klingende Saiten auf.

– Gottfried Keller (1819-1890): Die Geisterseher (1881), S. 129-163: Eine ratlose Jungfrau zwischen zwei heftig werbenden Galanen überlässt einem Gespenst die Entscheidung, wen sie heiraten wird.

– Iwan Turgenjew (1818-1883): Gespenster (1864), S. 164-202: Eine kurze aber heftige und sehr gesundheitsschädliche Liebe entbrennt zwischen einem reichen Gutbesitzer und einer schönen Gespensterfrau.

– Ambrose Bierce (1842-1913/14): Eine Sommernacht (One Summer Night, 1906), S. 203-205: Was macht ein Grabräuber, der nachts auf dem Friedhof einen irrtümlich lebendig begrabenen Zeitgenossen entdeckt?

– O. Henry (d. i. William Sydney Porter, 1862-1910): Das möblierte Zimmer (The Furnished Room, 1906), S. 206-216: Es übt aus bestimmten Gründen einen selbstmörderischen Einfluss auf seinen Mieter aus, die ihm die geldgierige Hausherrin freilich verschwiegen hat.

– Guy de Maupassant (1850-1893): Der Horla (Le Horla, 1887), S. 217-261: Eine unsichtbare Kreatur nistet sich erst im Haus und dann im Geist eines Mannes ein, der den Kampf um seine Freiheit mit drastischen Mitteln aufnimmt.

– Amadou Hampate Ba (1900/01-1991): Der Peulh und der Bozo (1949), S. 262-273: Ein schlauer Dieb raubt in der Maske eines Gespenstes die tumben Bewohner eines Dorfes aus und narrt anschließend noch einen etwas klügeren Verfolger.

– Anton Tschechow (1860-1904):  Der schwarze Mönch (Chernyi monakh, 1894), S. 274-325: Ein Philosoph schöpft intellektuell und persönlich Kraft aus der Begegnung mit einem Gespenst, das sich als Ausgeburt seiner Fantasie zu erkennen gibt.

– Tania Blixen [d. i. Karen Dinesen, 1885-1962]: Die Geschichte eines Schiffsjungen (The Sailor Boy’s Tale, 1942), S. 326-343: Als er auf hoher See einen Falken rettet, ahnt der Schiffsjunge nicht, dass ihm dies einst das Leben retten wird.

– Walter de la Mare (1873-1956): Die Prinzessin (The Princess, 1955), S. 344-362: Ein Knabe verliebt sich in eine Frau, die er tot wähnt, bis er einer uralten Vettel begegnet, die ihm eine unvergessene Lektion über das Leben erteilt.

– Nachweis – S. 363/64

* Diese Kurzgeschichte wird hier fälschlich Honoré de Balzac zugeschrieben.

Gespukt wird auf der ganzen Welt

Nachdem Mary Hottinger in den ersten beiden Teilen der „Gespenster“-Trilogie die Geisterwelt der britischen Inseln Revue passieren ließ, wirft Dolly Dolittle, die ihr als Herausgeberin folgte (Hottinger starb 1978), diverse Schlaglichter auf das überirdische Treiben der ganzen Welt: Selbstverständlich blieb die Freude an der guten, d. h. gruseligen Gespenstergeschichte nicht auf den angelsächsischen Sprachraum beschränkt. Wo Menschen leben, waren und sind Geister niemals fern. Hat man sich zunächst vor ihnen gefürchtet, lässt man sich später von ihnen unterhalten.

„Noch mehr Gespenster“ verdeutlicht, dass es dabei je nach Ländern und Leuten Unterschiede gibt. Während die Motive, die den Menschen sich fürchten lassen, sich erwartungsgemäß ähneln, kann die Form (für deutsche Leser) oft erstaunlich fremd wirken. Das liegt zum einen an der zeitlichen Differenz. Pu Sung Ling schrieb „Das Wandbild“ im Japan des späten 17. oder 18. Jahrhunderts, d. h. in einer nicht nur kulturell überaus fremdartigen Welt. Schon die Art der Darstellung ist ganz anders als in der Gespenstergeschichte, die wir kennen und für die offensiv inszenierte Spannung ein integrales Element ist. (Yakumo Koizumis‘ „Päonienlaterne“ ist dagegen die zwar geschickt realisierte und gut übersetzte, aber eben doch pseudo-historische Imitation eines englischen Schriftstellers.)

Fremd wirkt auch Amadou Hampate Bas Geschichte vom Peulh und dem Bozo, obwohl sie zu den jüngeren Erzählungen dieser Sammlung stammt und im 20. Jahrhundert entstand. Aber es irritiert, wie vertraut Menschen und Geister hier miteinander umgehen. Auch im modernen Afrika ist die Zeit noch präsent, als Diesseits und Jenseits wie selbstverständlich nebeneinander existierten und ihre Bewohner Kontakt pflegten. (Leider spart Doolittle die südamerikanische Phantastik völlig aus, die in dieser Hinsicht interessante Variationen bzw. Ergänzungen liefern könnte.)

Cover der geb. Erstausgabe von 1981

Kein Respekt mehr vor Gespenstern?

In Europa hat die eng mit dem Fortschritt der Naturwissenschaften verwobene geistig-kulturelle Aufklärung dem deutlich früher ein Ende gesetzt. Heinrich von Kleist und Ignaz Franz Castelli bedienen ein Publikum, das nicht mehr an ‚echte‘ Gespenster glaubt. Jene, die in dieser Frage unentschlossen sind, verspottet Heinrich Heine herrlich boshaft und voller Witz in „Doktor Ascher und die Vernunft“.

Ende des 19. Jahrhunderts ist die Gespenstergeschichte zum literarischen Genre und ‚reif‘ genug geworden, sich parodieren oder mit anderen Genres mischen zu lassen. Gottfried Keller schickt seine beiden „Geisterseher“ durch eine durchaus spannend und gruselig geschilderte Spuknacht, deren Ereignisse anschließend als sehr irdisch aufgeklärt werden. Tania Blixen greift auf den Sagenschatz ihrer skandinavischen Heimat zurück und erzählt eher lyrisch als erschreckend. Jenseits des Atlantiks findet Edgar Allan Poe eine Möglichkeit, die altehrwürdige Gespenstergeschichte mit der aufgeklärten Moderne zu kombinieren.

Nikolai Gogol bettet in „Der verhexte Platz“ eine turbulente und urkomische Geistergeschichte meisterlich in den reichen Kosmos russischer Volkssagen ein, in denen Religion und Aberglaube eine die Gespenstergeschichte inspirierende Verbindung eingehen. Alexander Puschkin legt mit „Der Sargmacher“ eine wunderschöne Gruselfarce vor, die das Genre niemals lächerlich macht.

Die Angst nimmt neue Formen an

Beeindruckend modern und in ihrer beängstigenden Wirkung trotz ihres Alters ungeschmälert sind Geschichten wie O. Henrys „Das möblierte Zimmer“ oder Iwan Turgenjews „Gespenster“. Das Grauen wird hier nicht mehr erklärt, die Figuren, die hier von Phantomen heimgesucht werden, haben sich keines Vergehens oder Verbrechens schuldig gemacht, das eine solche Strafe verdiente. Das Übernatürliche besitzt ein Eigenleben, und es ist unberechenbar, was es noch exotischer und natürlich erschreckender wirken lässt.

„Der Horla“ von Guy de Maupassant belegt eine weitere Entwicklungsstufe der Gespenstergeschichte. Das Grauen kommt nicht mehr aus einem imaginären, jenseitigen Totenreich, sondern wurzelt in der Psyche des Menschen selbst. Der namenlose Protagonist erlebt eine der schlimmsten Erfahrungen überhaupt: Sein eigenes Hirn lässt ihn im Stich, liefert ihm Eindrücke, die mit der Realität nicht übereinstimmen. Der Horla mag ein Geist sein, doch ebenso schlüssig ist seine Deutung als Ausfluss einer Geisteskrankheit. Die nachhaltige Wirkung dieser Geschichte wird verstärkt durch das Wissen, dass de Maupassant sehr genau wusste, worüber er schrieb. Er erlebte und beschrieb, wie er buchstäblich den Verstand verlor. Sechs Jahre später starb er im Wahnsinn; sein persönlicher Horla hatte ihn erwischt!

Weniger grimmig schlägt Anton Tschechow in dieselbe Kerbe. Auch seine Figur ‚erschafft‘ ein Gespenst, das ihm jedoch nicht schadet, sondern zu künstlerischer Kreativität ermuntert und ihm Zufriedenheit schenkt. Erst als der so Besessene den Beschwörungen seiner Mitmenschen folgt, seinen „Schwarzen Mönch“ verleugnet und ein in jeder Hinsicht ‚normaler‘ aber langweiliger Zeitgenosse wird, beginnt sein Niedergang.

Ambrose Bierce gibt wie üblich einen Schritt weiter. In seiner Story gibt es nie einen Zweifel an der Abwesenheit übernatürlicher Wesenheiten. Nur Menschen treten auf, und sie schaffen es ohne jede geistige Nabelschau, sondern allein durch ihr Handeln die Leser frösteln zu lassen. Ähnlich ergeht es den beiden Figuren in Walter de la Mares Story. Das Gespenst ist lebendig und doch ein Phantom, das die verlorene Jugend verkörpert.

Experimentierfreudige Leser erwünscht!

Abschließend ein offenes Wort an die Leser dieser Zeilen, das auch als Warnung verstanden werden darf: „Noch mehr Gespenster“ ist inhaltlich wie formal ‚anders‘ als „Gespenster“ und „Mehr Gespenster“. Der Horror kommt hier auf Katzenpfoten, und oft bleibt er sogar gänzlich aus. Rächende, hässliche, drastisch herumspukende Nachtmahre der vordergründigen Art trifft man höchstens in den Storys von Irving, Poe und vielleicht Henry. Ansonsten ist Spuk für die Verfasser etwas Allegorisches, das für sehr menschliche Wesenszüge und Konflikte steht. Das ist oft harte Kost, die den Freunden des Heul-und-Rumpel-Horrors à la Koontz oder Lumley zu beißen geben dürfte.

Freilich sind manche der vorgestellten Geschichten objektiv langatmig, weil nicht zeitlos, sondern einfach nur altmodisch, abschweifend oder aus heutiger Sicht schlecht getimt. Das Risiko muss man eingehen, verlässt man allzu ausgetretene Pfade, um in der Phantastik neue Wege zu beschreiten. Nicht jede dort gemachte Entdeckung ist sensationell, doch interessant und anregend ist so eine Tour allemal!

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Die „Gespenster“-Trilogie des Diogenes Verlags:

Gespenster, 1956, herausgegeben von Mary Hottinger.
Mehr Gespenster, 1978, herausgegeben von Mary Hottinger.
Noch mehr Gespenster, 1981, herausgegeben von Dolly Dolittle.

[md]

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