Parasite Deep – Parasiten aus der Tiefsee

Shane McKenzie
Parasite Deep – Parasiten aus der Tiefsee

Originaltitel: Parasite Deep (North Hobart/Tasmania : Severed Press 2014)
Übersetzung: Jürgen Bullin
Dt. Erstausgabe: (als Doppelband mit John W. Campbell: „Das Ding aus einer anderen Welt“): März 2016 (Festa Verlag)
Cover: Arndt Drechsler
223 S. [+ 111 S.]
ISBN-13: 978-3-86552-432-4

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Das geschieht:

Fischer Pete war schon immer ein Drecksack, doch seit sein Bruder Sean erst das gemeinsame Boot verließ und später an Krebs starb, dann Söhnchen Aaron unter Umständen, die Pete der Welt tunlichst verschwiegen hat, über Bord ging und die darüber erboste Gattin Grace ebenfalls spurlos im Meer verschwand, ist er völlig übergeschnappt.

Kollegen, die Pete nicht leiden kann – also jeden anderen Fischer in Palacios, US-Staat Texas – versorgt er gern mit einem Geheimtipp und schickt sie zu einer Stelle des Golfes von Mexiko, wo die Fische sich förmlich drängen, ins Netz oder an die Angel zu gehen. Pete lügt nicht, wenn er das sagt, denn an besagtem Ort lauert in der Tiefe ein Parasit, der seine Opfer befällt, grässlich mutieren lässt und in Mordmaschinen verwandelt. Der Kreatur ist es gleichgültig, ob ihr Fische, Wale oder Menschen in die Falle gehen. Auf diese Weise hat sich das Feld der Fischer von Palacios bereits spürbar gelichtet.

Jetzt gehen im Vernunftsektor von Petes Hirn allmählich die letzten Lichter aus. Scheinheilig lädt er seine Neffen Ben und Clyde, Bens Nerd-Kumpels Gentry, Cobb und Manuel sowie Clyde Freundin Emma auf eine Bootsfahrt ein. Die jungen Leute freuen sich auf einen Tag an der frischen Seeluft, Pete sieht die Gelegenheit, sich für den ‚Verrat‘ des Bruders, den Verlust der Familie und die die Schlechtigkeit der Welt zu rächen. Mit seinen ahnungslosen Passagieren steuert er besagte Stelle an, wo sich die Parasiten der Tiefsee erwartungsgemäß und hungrig versammeln …

Die Welt ist schlecht – und hässlich

„Bizarro Fiction“: Nach Ansicht derer, die sie schreiben oder verfilmen bzw. lesen oder anschauen, versetzt dieses Genre einer öde verkrusteten, ungerechten und hoffnungsarmen Realität dringend erforderliche Tritte – vorzugsweise in den Unterleib. Der Schock gilt hier als Mittel zum Zweck; er kommt als körperliche Gewalt und psychischer Missbrauch daher und wird möglichst drastisch, hässlich und abscheulich dargestellt. Der Konsument soll wachgerüttelt werden, sich ekeln aber fasziniert sein und sich abschließend fühlen, als habe es an der fiktiven Höllenfahrt teilgenommen. Sollte jemand stolz darauf sein, trotz zwischenzeitlicher Magenumstülpungen durchgehalten zu haben, dient dies als zusätzlicher Haken für ein oft jugendliches, pubertierendes Publikum, das darum wetteifert, die ‚schlimmste‘ Story zu lesen, den ‚brutalsten‘ Film zu sehen oder andere ‚Tabubrüche‘ zu begehen. Die Zensur spielt dabei eine wichtige Rolle, denn was verboten wird, gilt automatisch als besonders verworfen und ‚muss‘ deshalb – auch als ‚Mutprobe‘ – zur Kenntnis genommen werden.

Das ist ebenso durchsichtig wie harmlos. Früher hießen entsprechende Nervenkitzel „Grand Guignol“ und wurden live auf der Theaterbühne zelebriert. In den 1960er Jahren kamen Splatterfilme auf, die faktisch die Schraube dessen, was man dem menschlichen Körper antun kann, bereits bis zum Anschlag aufdrehten. Während das Kino dank der ständige Weiterentwicklung der Spezialeffekte nachregeln konnte, blieb denen, die den Horror schriftlich heraufbeschworen, nur ein schmaler Steg nochmaliger Steigerung des Schauders, der über einem bodenlosen Abgrund lächerlicher Übertreibung führte und führt.

Auch hier ist spätestens seit den 1980er Jahren alles gesagt & getan: Die „Splatterpunks“ haben durchaus so kräftig vom Leder gezogen, dass heutige Spei- und Folterteufel ihnen nur marginal und müde Paroli bieten geschweige sie übertreffen können. Als Nebenpfad bietet sich noch die Mischung Horror plus Pornografie an, weshalb penetriert wird, was in den Bann Reich des Bösen oder wenigstens Toten gerät; immerhin herrscht in dieser Hinsicht inzwischen Gleichberechtigung, weshalb es Männlein wie Weiblein gleichermaßen trifft.

Mensch & Natur: übergeschnappt

Ist das schockierend? Ist das wenigstens spannend? In der Regel weder noch, weil Folter, Vergewaltigung, Zersetzung und Tod in Serie schnell ermüden und ins Groteske umkippen. Zudem ist die Mehrheit derjenigen, die einschlägige Ware bieten, Vielschreiber, die auf vordergründige Effekte setzen und sich im Rahmen der jeweils thematisierten Scheußlichkeiten bald wiederholen. Auch Shane McKenzie reiht sich mit „Parasite Deep“ in diese Galerie ein. Dabei bietet sein Roman durchaus Unterhaltung dort, wo er auf klassischen Horror setzt und die „Bizarro“-Klischees in den passenden Kontext rücken: Sobald unsere Pechvögel sich endlich eingeschifft haben, schlägt ein Grauen zu, das unterhaltsamer ist als die bisher mechanisch zelebrierten Fluchen/Prügeln-Wichsen/Ficken-Saufen/Kiffen-Szenen und vor allem die öde Dumpfbackigkeit der Figuren aufbricht.

In diesem Punkt gelingt McKenzie ein beachtliches aber nicht unbedingt vorbildliches Kunststück: Ausnahmslos JEDE Figur ist entweder ein Widerling oder ein Trottel oder beides. Dabei steht zu befürchten, dass der Autor durchaus differenzieren wollte. Vermutlich sieht er zumindest Fischersohn Ben, dessen Nerd-Kumpels und die hübsche Emma in positiverem Licht bzw. als Außenseiter und Opfer, die unser Mitleid verdienen. Oder sollen wir die Genannten gerade deshalb besonders intensiv verachten? Auch wenn hier horribel, als handfest gedemütigt, geprügelt und geschändet wird, schimmern darunter allzu deutlich jene Klischees durch, die Horror- und Psycho-Thriller im US-Highschool-Milieu zur Geduldsprobe und Qual machen: Bullys gegen Nerds, Cheerleader gegen Graumäuse, Angesagte gegen Ausgegrenzte.

Mehr als die Hälfte des ohnehin (bzw. glücklicherweise) seitenschwachen Romans sollen wir uns an den Kaspereien hodensacklastiger aber hirnkapselleerer Proleten erfreuen, zu denen sich eine buchstäblich weichgeprügelte Maid in Not gesellt. Der nominelle Held – ein Weichei an der Schwelle zum Erwachsenwerden, was nach trivialer US-Auffassung eines auslösenden Krisenereignisses bedarf, das mit Erkenntnis, Bewährung und Lebensgefahr gemeistert werden muss. Freilich gerinnt „Paradise Deep“ als „Coming-of-Age“-Drama endgültig zur Parodie.

Unter Wasser rührt es sich

Wieso dies so ist, bleibt ohne Erklärung, die in der Tat unnötig ist: An dieser speziellen Stelle des Meeres lebt in der Tiefsee ein Parasit, der gleichzeitig ein Kollektivbewusstsein oder besser: einen übergreifenden Instinkt besitzt. Wer von ihm befallen wird, mutiert nicht nur, sondern wird auch geistig zum Sklaven des Parasiten, dessen einziges Existenz-‚Zweck‘ darin besteht, sich zu vermehren und neue Lebensräume zu erobern.

Da es sich hier um einen Horrorroman handelt, geht die Kreatur dabei weder subtil noch planmäßig vor. Stattdessen fällt sie in blinder Wut über ihre Opfer her. Das funktioniert, weil Autor McKenzie dafür Sorge trägt, dass der Parasit genau dort wütet, wo Hilfe fern und der Feind in der absoluten Übermacht ist. Nun folgt ein seitenlanges Haschen und Schnappen, das dadurch erschwert wird, dass der irre Onkel Pete ebenfalls mitmischt.

Normalerweise gibt es in dieser Situation als Spannungselement zumindest eine geringe Chance der Gegenwehr oder Flucht. Auch McKenzie lässt dieses Hintertürchen offen. Angesichts des Infernos, das er zuvor entfesselt hat, wirkt dies wenig überzeugend. Aber ganz im Sinn des modernen Horrorfilms bereitet der Autor einen finalen Schock vor, der das Entkommen in einen größeren und apokalyptischen Rahmen stellt. Falls er damit überraschend will, hat er es zu ungeschickt vorbereitet. Aber eine gute Entscheidung hat McKenzie getroffen: Er zieht das Spektakel nicht unnötig in die Länge. Deshalb werden alle satt: der Parasit und der Leser, dem es nach einem Grusel-Imbiss zwischen zwei richtigen Horror-Mahlzeiten gelüstet.

Anmerkung

Dieser recht kurze Roman erscheint als Doppelband bzw. „Wendebuch“: Mit eigenem Cover aber um 180° gedrehtem Text teilt es sich den Buchrücken mit dem SF-Horror-Klassiker „Das Ding aus einer anderen Welt“ von John W. Campbell.

Autor

Als Sohn einer Mutter koreanischer und eines Vater hispanischer Herkunft wurde Shane McKenzie in Austin, US-Staat Texas, geboren. Dort besuchte er die Bowie High School. Schon in frühen Jahren erwachte seine Liebe zur „bizarro fiction“, der er ab 2010 zweigleisig frönte: als Schriftsteller und als Filmemacher, wobei seine Drehbücher bisher ausschließlich Kurzfilmen als Basis dienten, die bevorzugt von der „Tex-Mex-Bizarro-Fiction“-Regisseurin Gigi Saul Guerrero umgesetzt wurden. Einem (marginal) breiteren Publikum wurde McKenzie möglicherweise durch das von ihm geschriebene „M is for Matador“ in dem Horror-Episodenfilm „ABCs of Death 2.5“ (USA 2016) bekannter.

Als Autor wurde McKenzie nach 2010 überaus aktiv. Er mischt grotesken Horror mit Sex (oder umgekehrt) und versucht es dabei möglichst auf die Spitze zu treiben. Darüber hinaus ist McKenzie Miteigentümer und Herausgeber des Kleinverlags Sinister Grin Press. Mit seiner Familie lebt und arbeitet Shane McKenzie weiterhin in Austin.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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