Puls

Stephen King
Puls

Originaltitel: Cell (New York : Scribner 2006)
Übersetzung: Wulf Bergner
Deutsche Erstausgabe (geb.): März 2006 (Heyne Verlag)
557 S.
ISBN-10: 3-453-02860-0
Neuausgabe: Oktober 2007 (Heyne Verlag/TB Nr. 56509)
557 S.
ISBN-13: 978-3-453-56509-8
Neuausgabe zum Film: September 2016 (Heyne Verlag/TB 50397)
576 S.
ISBN-13: 978-3-453-50397-7
eBook: April 2008 (Heyne Verlag)
1720 KB
ISBN-13: 978-3-89480-397-1
Hörbuch: Juli 2006 (Random House Audio)
2 MP3-CDs = 840 min. (ungekürzt, gelesen von David Nathan)
ISBN-13: 978-3-8371-7370-3

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Das geschieht:

Comiczeichner Clayton Riddell hat endlich den Durchbruch geschafft. Ein renommierter Verlag kaufte sein Werk Der Rubel wird rollen und sich hoffentlich positiv auf das gestörte Familienleben auswirken, denn Gattin Sharon und er haben sich vor einiger Zeit „auf Probe“ getrennt, worunter auch Söhnchen Johnny leidet. Riddell schickt sich an, die Großstadt Boston im US-Staat Massachusetts gen Heimat zu verlassen, als die Apokalypse ausbricht: Aus den Handys dieser Welt dringt ein ganz besonderes Signal, der „Puls“, der diejenigen, die ihn vernehmen, in geist- und rücksichtslose Mordmaschinen verwandelt.

Riddell gehört zu den Glückspilzen, die kein Handy besitzen. Er kommt davon und findet sich mit seinem neuen Freund oder Kampfgefährten Tom McCourt im Zentrum des Grauens: Die vom „Puls“ Getroffenen lassen Autos verunglücken, Flugzeuge abstürzen, Tankstellen explodieren. Außerdem töten sie zunächst jeden Menschen, der das Pech hat, ihnen zu begegnen.

Schnell lernen Riddell und McCourt die Regeln dieser neuen, anarchistischen Welt: Sei wachsam und schlag zuerst zu! Die junge Alice wird von dem ungleichen Duo gerettet. Man beschließt die Stadt, die sich in ein riesiges Totenhaus zu verwandeln beginnt, zu verlassen. McCourt besitzt ein Haus im Vorort Malden, in dem die drei Flüchtlinge sich erst einmal verbergen können. Riddell will weiter nach Norden und sich nach Maine zu seiner Familie durchschlagen.

Die „Puls“-Verrückten” zeigen Mutanten-Kräfte, formieren sich zu riesigen Schwärmen und bilden eine Kollektivintelligenz aus; eine kalte, unpersönliche Intelligenz, die sie zu erbitterten Feinden der ‚alten‘ Menschen macht, denen sie diese Welt streitig zu machen beginnen. Wer sich gegen sie wehrt oder sie gar bekämpft, wird verfolgt und grausam ‚bestraft‘ – eine Feststellung, die unsere Flüchtlinge erst machen, als es für sie zu spät ist …

Wieder einmal das Ende der Welt

Stephen King ist schon lange nicht mehr der alte Gruselmeister, der seine Fans zuverlässig gleichermaßen erschrecken und rühren kann. Das ist als Tatsache nüchtern festzustellen. Freilich erstaunt dies wenig bei einem Schriftsteller, der mehr als fünfzig Bücher geschrieben hat. King macht selbst keinen Hehl aus der Tatsache, dass er sich wiederholt. Trotzdem schreibt er weiter und kann dafür (außer den eindrucksvollen Einkünften) ein gewichtiges Argument anführen: King ist ein routinierter Autor, der – er hat es bewiesen – sogar unter Drogen Romane und Storys verfasst, die sich spannend lesen.

„Puls“ gehört dazu, obwohl selbst der Fan mehr Zugeständnisse als sonst machen muss, um zu diesem Urteil zu gelangen. Selbstverständlich kann es schieres Pech sein, dass 2005 die Plots von Kings „Puls“ und Stephen Spielbergs „Krieg der Welten“ so auffällige Parallelen aufwiesen. Clayton Riddell ist kein Tom Cruise (s. u.), und außerirdische Monster treten auch nicht in Erscheinung. Dennoch stimmen manche Szenen oder Stimmungsbilder in Buch und Film geradezu unheimlich überein. King spricht es selbst an einer Stelle an; der Mann spielt wirklich mit offenen Karten!

„Puls“ ist nicht der erste Roman, in dem King Menschheit einer Apokalypse zum Opfer fällt. In seinem Monumentalepos „The Stand – Das letzte Gefecht“ geschah dies schon 1978. Im Vergleich mit sich selbst schneidet King nicht gut ab. „The Stand“ erschreckte trotz ausgeprägter Längen durch eindringliche Horrorbilder buchstäblich ausgestorbener Städte. „Puls“ beschränkt sich auf kurze Sequenzen des Sterbens und der Verwüstung, die sich im Kopf des Lesers nie zu einer Tragödie formen wollen.

Lesers Hoffnung auf ein Geheimnis

Kings Interesse gilt dieses Mal nicht dem eigentlichen Untergang. Zwar führt die Protagonisten erneut die von vom Verfasser favorisierte Reise oder Queste durch ein verwundetes, einst vertrautes, nun feindliches Land. Doch die Geschichte schlägt bald einen neuen Weg ein: Die „Puls-Verrückten“ sind kein erzählerisches Mittel zum Zweck mehr, sondern rücken in den Mittelpunkt. Nun beginnt King endlich wieder zu zaubern. Welches Geheimnis steckt wirklich hinter dem „Puls“, fragt sich der Leser und verfolgt die Handlung mit neuer Spannung, die der Verfasser teils mit feinen (aus menschlichen Individuen wird ein Kollektivwesen), teils mit faulen (wie setzt man 1000 komatöse Irre in Brand?) Tricks zu schüren weiß.

King ist ein viel zu ausgefuchster Autor, als dass ihm seine Geschichte wirklich entgleiten würde. Der Leser kann sich erneut auf Handlungssequenzen freuen, die sogleich vor seinem inneren Auge Gestalt annehmen; eine Fähigkeit, die King wie kaum ein anderer Unterhaltungsschriftsteller besitzt. Auf der Klaviatur des Schreckens und der Emotionen vermag er ebenfalls noch virtuos zu spielen und sich in eigentlich unnötigen, doch bewegenden Nebenhandlungen zu verlieren.

Kein Superheld in Sicht

Mr. Alltäglich bildet in der Regel die Hauptperson einer Stephen-King-Geschichte. Gern ist sie als Schriftsteller oder im Verlagswesen tätig (Clayton Riddell zeichnet Comics), wo sie der populären Literatur den Vorzug gibt. Darüber hinaus charakterisiert King Riddell als jungen Mann, der für die Weltgeschichte ohne besondere Bedeutung ist. Trotzdem gerät er – stellvertretend für die Leser – in den Sog von Ereignissen, die ihn zwingen werden, über sich hinauszuwachsen. Das wird ihm viele Opfer abverlangen aber gelingen, denn aus solchem einfachen aber harten Holz ist der typische King-Held geschnitzt.

Wenn die Welt untergeht, gilt Riddells größte Sorge nicht der Zivilisation, sondern seiner Familie. Auf diesen Mikrokosmos dampft King die menschliche Gesellschaft immer zusammen. Die Familie ist das letzte und das eigentliche Bollwerk, an dem alle Monster scheitern werden. Folgerichtig markiert ihr Zusammenbruch das eigentliche Ende. Riddells Ehe ist nüchtern betrachtet gescheitert. Dennoch gilt sein einziges Streben dem lebensgefährlichen Weg nach Haus, weil es Sohn Johnny gibt, dem Riddell insgeheim verspricht durchzuhalten.

Solche Beschwörungen der Familie wirken bei den meisten Schriftstellern vor allem im Unterhaltungsbereich lächerlich, übertrieben und falsch. King meint es ernst, und er vermag dies in Worte zu fassen, die man nicht für bare Münze nehmen muss aber kann. Das ist neben seinem Talent, die moderne (US-) Welt anhand banaler Alltäglichkeiten wie Einkaufstüten, Aufkleberaufschriften oder TV-‚Weisheiten‘ lebendig werden zu lassen, das hauptsächliche Geheimnis seines Erfolgs.

Die repräsentative Gruppe

King-Helden treten bevorzugt als Gruppe auf. Der Verfasser projiziert diverse menschliche Eigenschaft auf mehrere Figuren. Tom McCourt repräsentiert den auch aus Hollywood-Filmen bekannten ‚besten Freund‘, der dem Hauptdarsteller die Stichworte liefert, um ihn noch heller glänzen zu lassen, Alice ist ‚das Kind‘, dem die Katastrophe alle Sicherheit nahm und das sich dennoch besser an die neue Situation anzupassen weiß als ihre Begleiter. Auch dies ist typisch King; Kinder sind bei ihm denkende, aktiv handelnde Personen, keine Schachfiguren, die niedlich aussehen und aus Notlagen gerettet werden müssen.

Kleine Marksteine setzt King erneut in den Nebenrollen. Nie fehlt bei ihm der Weltuntergangsprophet – dieses Mal weiblich -, der die Krise als Gottes Strafe deutet und sich sichtlich darüber freut, endlich rechtbehalten zu haben, auch wenn dies den Tod von Millionen bedeutet. Den Weg unseres Trios säumen außerdem Mad Max-Freaks, die nach Kings Meinung anlässlich des Weltuntergangs wie Pilze aus dem Boden schießen, oder kleinhirnig aber großkalibrig bewaffnete Rednecks, aber auch brave Bürger, die sich gegen die allgemeine Auflösung stemmen und dafür oft bitter büßen müssen.

Die „Puls“-Verrückten bleiben als Figuren angenehm diffus – sie sind ‚neue‘ Menschen einer Art, die zu durchschauen einfach die notwendigen Informationen fehlen. King legt sich nicht fest, wer hinter dem „Puls“ steckt. Das ist die richtige Entscheidung, denn sogleich führt er selbst (unfreiwillig) vor, wie lächerlich mögliche ‚Erklärungen‘ klingen können: Zwar negiert King sehr richtig die Gleichsetzung Festplatte = Menschenhirn. Dennoch bedient er sich ihrer, um seitenlang über ‚gelöschte‘, ‚neu bespielte‘ und ‚gebootete‘ Gehirne zu faseln.

Im letzten Drittel scheint King die Lust verloren zu haben. Es gibt keine große Final-Konfrontation mit dem Gegner, hier personifiziert durch den „Harvard-Mann“. Zwar wird Kings Versuch deutlich, allzu ausgefahrene Plot-Gleise zu verlassen, doch er findet keine dramaturgisch gleichwertige Entsprechung. Erneut schleicht sich der „Krieg der Welten“ ein: Ein digitaler Virus befällt die „Puls“-Schwärme und wird ihren Welteroberungsplänen wohl ein Ende bereiten. Das ist eine Lösung – aber keine, die wirklich zufriedenstellt und die latente Unzufriedenheit verstärkt, die nach der Lektüre von „Puls“ bleibt.

„Puls“ – der Film

Stephen King ist ein Name, der auch nach Jahrzehnten noch einen ausgezeichneten = publikumswirksamen Klang besitzt. Die Qualität seiner Werke ist für das Marketing von untergeordneter Bedeutung. Selbst King-Routine wie „Puls“ wurde deshalb rasch von Hollywood okkupiert. Eigentlich sollte Horror-‚Großmeister‘ Eli Roth „Puls“ 2006 drehen, doch er zerstritt sich mit dem Studio „Dimension Films“ bzw. dessen Eigentümer, dem Produzenten Robert Weinstein.

„Puls“ lag beinahe ein Jahrzehnt auf Eis, bevor das – 2009 von Stephen King persönlich neu geschriebene – Skript wieder aufgegriffen wurde. Regisseur Tod Williams, der zuletzt 2010 „Paranormal Activity 2“ inszeniert hatte, setzte es 2015 relativ kostengünstig und unspektakulär um. Die Rollen Clay Riddell bzw. Tom McCourt gingen an die ausgezeichneten aber allzu spiellustigen Darsteller John Cusack bzw. Samuel L. Jackson. Zum wiederholten Male adelten sie einen Film, der ihr Talent nicht wert war.

Zu allem Überfluss wurde „The Cell“ – der US-Titel folgte natürlich dem Originaltitel des Buches – von mehreren Verleihfirmen fallengelassen bzw. ignoriert, bis sich endlich jemand des Films erbarmte. Allerdings kam er nur kurz und in wenige US-Kinos, sondern wurde als „Video on Demand“ und auf Blu-ray/DVD vermarktet.

Autor

Normalerweise lasse ich an dieser Stelle ein Autorenporträt folgen. Wenn ich ein Werk von Stephen King vorstelle, pflege ich dies zu unterlassen – aus gutem Grund, denn der überaus beliebte Schriftsteller ist im Internet umfassend vertreten. Nur zwei Websites – die eine aus den USA, die andere aus Deutschland – seien stellvertretend genannt:  sie bieten aktuelle Informationen, viel Background und zahlreiche Links.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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