Ramsey Campbell – Die Offenbarungen des Glaaki

Ramsey Campbell
Die Offenbarungen des Glaaki

Originaltitel: Cold Print [Teil 1] (London : Headline 1993)
Übersetzung: Alexander Amberg
Dt. Erstausgabe (geb.):  Juni 2014 (Festa Verlag/H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens 2633)
Cover: Giorgio Grecu
315 S.
ISBN-13: 978-3-86552-276-4
eBook: Juni 2014 (Festa Verlag)
619 KB
ISBN-13: 978-3-86552-277-1

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Inhalt:

Erster von zwei Sammelbänden mit Kurzgeschichten in der Tradition H. P. Lovecrafts:

Lovecraft: Eine Einführung (Lovecraft: An Introduction; 1990), S. 9-17:

Die Kammer im Schloss (The Room in the Castle; 1964), S. 19-44: Die Fahndung nach dem Vermächtnis eines Hexenmeisters endet erfolgreicher, als es dem Sucher lieb sein kann.

Das Grauen von der Brücke (The Horror from the Bridge; 1964), S. 45-80: Ein Schwarzkünstler überschätzt seine Fähigkeiten und beschwört eine Kreatur herauf, die noch viele Jahre später nach Opfern sucht.

Der die Schleier zerreißt (The Render of the Veils; 1964), S. 81-96: Privatforscher Fisher entdeckt nicht nur, wie man hinter die Kulissen der nur gefiltert wahrgenommenen Realität blicken kann, sondern auch, weshalb man dies tunlichst unterlassen sollte.

Die Insekten aus Shaggai (The Insects from Shaggai; 1964), S. 97-132: Raumschiffbrüchige Fremdwesen üben in einem verrufenen Waldstück ihr Schreckensregiment aus.

Der Bewohner des Sees (The Inhabitant of the Lake; 1964), S. 133-182: Was unter der Wasseroberfläche haust, schickt nachts seine Schergen aus, um eines neugierigen Besuchers habhaft zu werden.

Die Mine auf Yuggoth (The Mine on Yuggoth; 1964), S. 183-201: Eine Dimensionsfahrt durch den Kosmos endet jäh, als der Reisende von der Erde vor Ort die Aufmerksamkeit einer ungastlich gestimmten Macht erregt.

Das Dunkel naht (Blacked Out; 1985), S. 202-219: Im bayrischen Hinterland gerät der englische Reisende nicht wie erhofft an eine dralle Dorfmaid, sondern sieht sich in die Falle einer übelwollenden Urzeit-Kreatur gelockt.

Das Lied des Strandes (The Voice of the Beach; 1982), S. 220-267: Das Häuschen mit Meeresblick steht ausgerechnet dort, wo die ‚Haut‘ zwischen den Dimensionen dünn ist und manchmal reißt, um Bewohner von ‚drüben‘ einzulassen.

Ein unheimlicher Drang (The Tugging; 1976), S. 268-313: Die Entdeckung eines mysteriösen Wandelplaneten kündigt die Rückkehr seit Äonen in Vergessenheit geratener ‚Götter‘ an.

Die Macht des Mythos‘

Mythen inspirieren: Leser lieben sie, die Werbung nutzt sie, und Autoren (oder Filmemacher) greifen sie auf. Im Normalfall entstehen dabei farblose Kopien, da hinter einem echten Mythos ein talentierter Schöpfer mit einer echten Idee steht, der in seinem Publikum jenes Feuer entfachen kann, das diesen Mythos trägt und wachsen lässt. Der Kopist kann immerhin auf Brosamen hoffen, da der Schöpfer in der Regel den Bedarf seiner nimmersatten Anhänger nicht stillen kann, weshalb sich diese notgedrungen mit Abziehbildern zufriedengeben. Womöglich rafft es den Mythen-Schöpfer früh dahin, sodass ohnehin eine Lücke gerissen wird, die nach Füllung schreit.

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) fällt in die Kategorie des früh vollendeten aber auch gestorbenen Meisters. Zeit seines Lebens wollte sich der Erfolg nicht für ihn einstellen. Durch hartnäckige und tatkräftige Freunde und Fans am Leben gehalten, gelang dem von Lovecraft geschaffenen Cthulhu-Mythos erst viele Jahre nach dem Tod seines Schöpfers der Durchbruch. Heute ist „Cthulhu“ durchaus ein „Branding“, dem wir in unzähligen Geschichten, Filmen, Computerspielen u. a. populärkulturellen Medien begegnen.

Schon zu Lovecrafts Lebzeiten existierte ein kleiner aber feiner Zirkel meist jüngerer Autoren, die den Cthulhu-Mythos für eigene Geschichten nutzten. Lovecraft unterstützte das und griff selbst auf Erzählungselemente seiner Autorenfreunde zurück, um die er den (damals noch vagen) Mythos bereicherte. Er folgte dabei einem Konzept: Cthulhu und seine Brut sah Lovecraft als archaisches Erbe einer Urzeit, die dem Erdmenschen nicht nur bruchstückhaft überliefert wurde, sondern als solche so fremdartig war, dass der menschliche Geist sie nie wirklich begreifen konnte. Auf diese Weise blieb der Mythos diffus, rätselhaft und deshalb unheimlich. Außerdem konnte er problemlos erweitert werden, ohne dass man sich um die Kongruenz der Hintergrund-Saga allzu große Gedanken machen musste.

Der britische Meister des Lovecraft-Zirkels

Ausgerechnet der aktivste Lovecraft-Fan mochte oder konnte diesen Aspekt der Lovecraftschen Kosmogenie nicht akzeptieren. August Derleth (1909-1971) war – zusammen mit Donald Wandrei – nicht nur Lovecrafts selbsternannter, energischer Nachlassverwalter, sondern selbst Autor. Als solcher bemühte er sich, den absichtlich chaotischen Kosmos seines Meisters zu ‚ordnen‘ und schuf einen komplexen ‚Götterhimmel‘, in den er nicht nur Lovecrafts Entitäten, sondern auch die Ungeheuer der christlichen Mythologie einsortierte. Dabei entstand manche unterhaltsame Cthulhu-Geschichte, aber auch viel Ballast. Die ‚besseren‘ Autoren des Lovecraft-Zirkels achteten dagegen Lovecrafts Konzept des Rudimentären und erweiterten den Mythos auf ihre eigenen Arten.

Ramsey Campbell steht mit seinen Beinen in beiden Lagern. In seinem Vorwort zur hier präsentierten Sammlung referiert er über den Cthulhu-Mythos und sein wechselhaftes Nachleben. Campbell selbst begann seiner Autorenlaufbahn mit echten Lovecraft-Pastiches, die Inhalte und Formen des Originals aufgriffen, die bösen Urzeit-‚Götter‘ dafür nach England verlagerten und sie in die Geschichte und Folklore dieser Insel einfügten.

Als 1964 Ramseys erste Sammlung dieser Storys erschien („The Inhabitants of the Lake and Less Welcome Tenants“), war der Autor gerade 18 Jahre alt! Dies gilt es zu berücksichtigen, wenn man die ersten sechs Kurzgeschichten dieser Sammlung liest. Sie beeindrucken durch das Geschick, mit dem der junge Campbell Lovecraft imitiert, besitzen aber nie die Kraft des Originals. „Die Kammer im Schloss“ ist nicht nur ein gutes Beispiel, sondern steht exemplarisch für diese Storys: Die Handlung wird aufgebaut, reißt aber zwischendurch ab, um für ein ‚schockierendes‘ Finale wieder aufgegriffen zu werden. Lovecraft hat solche Auflösungen verwendet, bewies dabei jedoch wesentlich größeres Geschick und einen längeren Atem als Campbell.

Zweiter Anlauf mit besserem Gespür

„Ein unheimlicher Drang“ entstand nur zwölf Jahre nach „The Inhabitants“ und markiert die Fortschritte, die Campbell als Schriftsteller inzwischen gemacht hatte. Mit der repetitiven Lovecraft-Nachahmung haben diese und die beiden anderen Erzählungen nichts mehr zu tun. Campbell hat eine eigene Stimme gesucht und gefunden. Souverän setzt er sie nun ein, um sich dem weiterhin verehrten Vorbild auf stilistisch völlig andere Weise zu nähern.

Wenn er es endlich enthüllte, liebte Lovecraft die quasi dokumentarisch klare Darstellung des Mysteriösen. Lieber ließ er den Protagonisten dem Wahnsinn verfallen oder aus anderen Gründen die Worte fehlen. Campbell achtet die von Lovecraft gewünschte Stimmung einer ungewissen Bedrohung, konzentriert sich aber nicht (mehr) ausschließlich darauf. Das Böse verschwimmt zunächst als Unterton einer Kakophonie, zu der Campbell den modernen urbanen Alltag formt. Lovecrafts Protagonisten sind klassische Außenseiter und weltfremde Forscher. Der typische Campbell-‚Held‘ ist erfolglos in einer ungeliebten Berufstätigkeit, privat allein oder in einer unglücklichen Beziehung gefangen. Obwohl er in einer Stadt lebt, bleiben ihm andere Menschen fremd oder wirken sogar feindselig. Misstrauen und Furcht sind stetig präsente Begleiter, auf Hilfe dürfen Campbells Figuren nicht hoffen, Paranoia ist ihnen nicht fremd. Schlimmer noch: Sie haben gute Gründe, sich verfolgt zu fühlen!

Je stärker sie gegen ihr Schicksal aufbegehren, desto tiefer geraten sie in ihr Verderben. Auf die Spitze treibt es Campbell, als er einen englischen Reisenden in ein deutsches Dorf geraten lässt. Schon die Fahrt dorthin ist eine Abfolge dunkler und drohender Vorzeichen. Bayern ist hier alles andere als eine Ferienidylle. Die Menschen wirken nicht nur wie vorzeitliche Wilde. Sie sind es tatsächlich, indem sie seit Äonen einer bösartigen, mächtigen Kreatur huldigen und ihr Menschenopfer zuführen.

Der Reisende ist verloren, sobald er das Dorf erreicht. Während ihm noch Übles schwant, weiß der Leser längst, dass es kein Entrinnen gibt. Ebenso ausweglos ist die Lage der beiden Freunde, die „Das Lied des Strandes“ vernehmen. Meisterhaft gelingt Campbell, das Fremde aus einer den menschlichen Sinnen unverständlichen Dimension ebenso unwirklich wie überzeugend darzustellen. Mit der Hauptfigur verliert auch der Leser jeden sicheren Halt. Weil er sich auf dieser Höllentour zwischendurch vergewissern kann, dass ihn die Sicherheit seines gemütlichen Lese-Sessels schützt, ist dies eine überaus spannende Erfahrung.

Herausgeber Frank Festa hat „Cold Print“, die 1993 erschienene Sammlung früher Campbell-Storys aus dem Cthulhu-Mythos, für die deutsche Fassung zweigeteilt, gut übersetzen lassen und mit einem kraftvollen Cover versehen. Nicht nur die Lovecraft-Aficionados dürften (oder sollten) wieder dabei sein, wenn es unter dem Titel „Der Wahnsinn aus der Gruft“ mit weiteren zwölf Geschichten in eine neue, gruselige Leserunde geht!

Autor

John Ramsey Campbell, geboren am 4. Januar 1946 in der englischen Großstadt Liverpool. ist seit einem halben Jahrhundert als Schriftsteller aktiv und gilt längst als einer der Großmeister der modernen Phantastik. Die frühen Kurzgeschichten sind noch stark vom Vorbild H. P. Lovecraft (1890-1937) geprägte aber durchaus spannende Beiträge zum klassischen „Cthulhu“-Mythos. Später siedelte Campbell seine Geschichten in England an und emanzipierte sich von Lovecraft.

In seiner Kollektion „Demons by Daylight“ zeigte er 1973, dass er eine eigene, trügerisch leise doch unüberhörbare Stimme gefunden hatte. Das Grauen kam zunehmend psychologisch begründet daher, nistete in den Köpfen der unglücklichen Protagonisten und wurde in klarer Prosa entfesselt. Zunehmend bezog Campbell die soziale Realität als Katalysator für seine Geschichten ein. Armut, Arbeitslosigkeit, Gewalt in der Familie, Kindsmissbrauch – das alltägliche Grauen ließ den Horror „von drüben“ oft reichlich blass wirken.

1976 veröffentlichte Campbell seinen ersten Roman, der ausgerechnet in Deutschland ein übles Schicksal erlebte: „The Girl Who Ate His Mother“ wurde unter dem Titel „Die Puppen in der Erde“ rüde gekürzt und sinnentstellt. („Butchered in German“, zürnt Campbell immer noch auf seiner Website.) Die nächsten Romane verschafften Campbell die Aufmerksamkeit der Kritik sowie ein begeistertes Publikum.

Campbell blieb als Verfasser von Kurzgeschichten sehr aktiv. Er experimentiert thematisch und stilistisch und weiß immer wieder zu überraschen; eine lange Liste nationaler und internationaler Preise belegt eindrucksvoll seinen Erfolg und seine Bedeutung für die moderne Phantastik. Sein einschlägiges Wissen über das Horrorgenre stellt er als reger Herausgeber in zahlreichen Horrormagazinen unter Beweis, wobei ihm oftmals interessante Neu- und Wiederentdeckungen glücken. Als Präsident der „Society of Fantastic Films“ ist Campbell auch im Medium Film vertreten. Er rezensiert Horrorfilme für das BBC Radio Merseyside.

Website

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