Savages

Greg F. Gifune
Savages

Originaltitel: Savages (Austin/Texas : Sinister Grin Press 2016)
Übersetzung: Stefanie Maucher
Cover: Björn Craig
Deutsche Erstausgabe: Oktober 2017 (Voodoo Press)
232 S.
ISBN-13: 978-99957-56-42-0
eBook: Oktober 2017 (Voodoo Press)
843 KB
ISBN-13: 978-99957-56-61-1

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Das geschieht:

Alte Freunde bzw. Arbeitskollegen unternehmen eine gemeinsame Reise. Sie mieten eine Jacht und lassen sich über den Pazifik schippern, bis ein gewaltiger Sturm das Schiff erst weit auf das offene Meer hinaustreibt und es schließlich zum Sinken bringt. Nur acht Passagiere und Besatzungsmitglieder können sich retten. Sie sind ohne Wasser und Lebensmittel, ohne Funkgerät und zum Teil schwer verletzt.

Dass ein weiterer Sturm das Rettungsboot an den Strand einer Insel wirft, wird deshalb zunächst als Glücksfall gepriesen. Allerdings ist auf der Karte an dieser Stelle kein Eiland verzeichnet. Außerdem ist man weit jenseits der bekannten Schifffahrtsrouten gestrandet. Man wird die Gruppe zwar vermissen und suchen, aber wohl spät oder womöglich gar nicht finden.

Also versucht man sich einzurichten. Die meisten Mitglieder der Gruppe haben keine Ahnung vom Überleben in der Wildnis. Der dominante Gino setzt sich an ihre Spitze, denn er weiß, was zu tun ist. Da ihm Diplomatie und Mitgefühl fernliegen, erregt er den Groll seiner weniger widerstandsfähigen Leidensgefährten. Der Konflikt schwelt, während Verletzungen und Erschöpfung erste Opfer fordern.

Als ein bisher vermisstes Gruppenmitglied nicht nur tot, sondern in Stücke gerissen entdeckt wird, muss man sich der unerfreulichen Tatsache stellen, nicht allein auf der Insel zu sein. Vorsichtig wird das Terrain erkundet. Man stößt auf der anderen Inselseite auf eine alte, verlassene Station der Japaner. Diese unterhielten hier während des Zweiten Weltkriegs einen Stützpunkt, der jedoch nicht militärischen Zwecken diente: Hier wurden offenbar grausame Menschenversuche durchgeführt, um quasi unverwundbare Soldaten zu erschaffen.

Unglücklicherweise war man erfolgreich. Was vor vielen Jahrzehnten in die Welt gesetzt wurde, hat zuerst seine Schöpfer umgebracht. Da „es“ eigentlich nicht lebt, kann „es“ nicht sterben. Nun stellt „es“ fest, dass „Eindringlinge“ die Insel betreten haben. Damit hat „es“ wieder eine Aufgabe – und das Sterben beginnt …

Kurzer Prozess!

Normalerweise findet Horror heutzutage ähnlich wie Science Fiction oder Fantasy (viel zu) oft vielhundertseitig oder gar mehrbändig statt. Ob die Idee, auf der dieser Wust basiert, dem gewachsen ist, scheint von sekundärer (oder tertiärer) Bedeutung zu sein. Zumindest die Großverlage lieben solche Papier- bzw. Kilobyte-Schlachten, denn sie binden ein entsprechend geprägtes Publikum, dem Quantität offensichtlich wichtiger als Qualität ist.

Dabei existiert er durchaus noch – der kurze, knackige Horror, der seinen Plot nicht aus- bzw. plattwalzt, sondern zügig durchexerziert, während die Dezimierung des Figurenpersonals durch Geister oder ähnlich finster gelaunte Kreaturen im Zentrum steht. „Savages“ ist ein Paradebeispiel für diese Sparte der Unterhaltung, die weit außerhalb jeglichen Literaturwerts stattfindet und Ideenreichtum oder Wortgewalt nur dort an den Tag legt, wo gewaltsamer Tod bzw. gewaltsamer Sex oder – noch besser – die gewaltsame Mischung beider Aktivitäten ansteht.

„Trash“ ist längst kein abqualifizierendes Werturteil mehr, sondern adelt das Produkt sogar, weil es ganz offensichtlich auf die Anerkennung durch kritische Institutionen und Personen pfeift, die dem Zielpublikum ohnehin suspekt sind. Da es heute fast zum guten Ton gehört, Begriffe wie „Qualität“, „Originalität“ oder „Hintergedanke“ zu ächten, steht wie in unserem Beispiel dem Vergnügen kein Hindernis mehr entgegen. Dazu passend wurde „Savages“ – der Originaltitel – ins Deutsche übernommen, weil er offenbar eindrucksvoller klingt als „Wilde“.

Menschen halt

Dabei trifft Autor Gifune mit diesem einen Wort den Nagel auf den Kopf, denn um „Wilde“ geht es in seinem Roman. Nicht das obligatorische, aber lange abwesende Monster ist damit gemeint, sondern die Gruppe der Schiffbrüchigen. Sie fallen fern aller zivilisatorischen Stützen zurück in jenen Zustand, den die Trivialunterhaltung auf den „Steinzeit-Menschen“ projiziert: Der „Strandmeister“, d. h. der Stärkste und Rücksichtsloseste, hat das Sagen (und das alleinige Recht, die vorhandenen Frauen zu beschlafen), während sich die unterlegenen Männchen murrend die Köpfe darüber zerbrechen, wie sie den Chef ausschalten und seine Position übernehmen können.

Regeln und moralische Vorgaben lösen sich im Simpel-Horror à la Gifune in Nichts auf. Zwar gibt es einen vorgeblich neutralen Chronisten – Dallas mit Namen -, der zwischen dem ‚Häuptling‘ und seinen unzufriedenen Untertanen zu vermitteln versucht, doch auch Feiglingen und Querulanten wie dem frustrierten Herm schlägt mindestens einmal kurz die Stunde, was hier u. a. zu einer (so hoffentlich gemeinten) Brutal-Sexszene der besonders hässlichen Art führt.

Dass die Opferzahl problemlos steigt, liegt primär an der Uneinigkeit. Viele Seiten ver(sch)wendet Gifune darauf, dies durch Rückblenden auf die Vorgeschichten der Figuren zu begründen – eine Liebesmühe, die er sich hätte sparen können, da man als Leser weder Sympathie noch Ablehnung spürt: Die Protagonisten sind einem schlicht gleichgültig, weil Gifune ohnehin nur Klischees abspult. Folgerichtig sind die Figuren auch in der Handlungsgegenwart primär Platzhalter, die abgerufen werden, sobald sich das Insel-Monster endlich aus dem Dschungel wagt.

Jason als Samurai

Bis es soweit ist, soll Spannung generiert werden, indem die Gruppe ihm allmählich auf die Schliche kommt bzw. die Spuren seiner Herkunft entdeckt. Da Gifune sein Garn im Pazifikraum verortet, ist es ein japanischer Zombie-Supersoldat, der im Unterholz lauert. Historische Realitäten der hässlichen Art – die Japaner führten in der Tat entsetzliche Experiment-Verbrechen an Menschen durch – werden ordentlich durch die Fiktions-Mangel gedreht und aufgeschäumt. „Politisch korrekt“ ist solcher Grusel selbstverständlich nicht, was ihm vom Zielpublikum (s. o.) als weiterer Pluspunkt angerechnet wird.

Ansonsten ist das Monster einfach anwesend sowie böse. Es könnte auch ein Zombie-Nazi, Zombie-Kreuzritter oder Zombie-Pharao sein; solche Widerlinge haben im Genre bereits ihr Unwesen getrieben, und sie stellen keineswegs die absurdesten Unholde dar. Ohne historischen Bezug könnte man sich auch Jason Vorhees (der schließlich bereits im Weltraum mordete) oder Michael Myers („Halloween“) in der Killer-Rolle vorstellen, geht es doch darum, Männer und Frauen am Fließband abzuschlachten und wenigstens dabei im Detail ein wenig Einfallsreichtum an den Tag zu legen: „Variatio delectat!“, wussten schon die alten Römer.

Das funktioniert im Film besser als auf dem Papier, obwohl sich Gifune wacker bemüht. Auf der Insel der Wilden wird nicht leicht gestorben; mindestens zwei abgetrennte Gliedmaßen sowie diverse Schwertstiche gilt es zu erleiden, bevor ein (erst recht grausiger) Tod dem jeweiligen Opfer ein Ende bereitet. Das läuft nach dem vielfach bewährten Schema F ab, obschon Gifune wie erwähnt ein paar Bürstenstriche gegen den Genre-Strich versucht, die trotzdem nur jene überraschen dürften, die zuvor nie eine Schauermär dieses Rumpelfaktors goutiert haben.

Wie üblich mäht die Kreatur ihre Opfer wie Gras nieder, bevor ausgerechnet der letzte Überlebende Schwierigkeiten bereitet, die sich aus dem Zusammenhang logisch nicht erschließen. Hier stellt sich dem Wesen keineswegs das stärkste und schlauste Mitglied der ehemaligen Gruppe in den Weg. Aus Rachsucht geborener Zorn scheint Normalmenschen auch ohne Serum X zu Hulk-Stärke zu verhelfen. In diesem Sinn verläuft das Finale, das – wer hätte es (nicht) gedacht? – mit einer ‚schockierenden‘ Eröffnung endet: Das eigentliche Böse hat überlebt! Fortsetzung könnte folgen, muss bzw. sollte aber nicht.

Autor

Greg F. Gifune wurde am 12. November 1963 in Framingham, Middlesex County (US-Staat Massachusetts), als Sohn eines Lehrer-Ehepaars geboren. Er wuchs in Boston auf und deckte beruflich eine erstaunliche Bandbreite unterbezahlter Jobs ab – u. a. als Sprecher und Produzent für Radio und Fernsehen, als Journalist und in der Werbung -, eher er sich ab 2001 einen Namen als Autor von Thriller-, Krimi- und Horrorliteratur zu machen begann. Bevor er hauptberuflicher Schriftsteller wurde, gab Gifune außerdem das „New-Age“-Magazin „The Edge“ heraus und war für den Verlag „Delirium Books“ tätig.

Mit seiner Frau lebt und arbeitet Gifune heute in Marion, einer Kleinstadt in der Nähe von Boston. Über seine Arbeit informiert er auf dieser Website.

Copyright © 2018 by Michael Drewniok (md)

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