Schatten über Innsmouth

lovecraft-innsmouth-cover-2008-kleinH. P. Lovecraft
Schatten über Innsmouth

(sfbentry)
Originaltitel: The Shadow Over Innsmouth (New York : Visionary Publishing Company 1936)
Übersetzung: Rudolf Hermstein
Deutsche Erstveröffentlichung (gebunden): 1971 (Insel Verlag)*
250 S.
[keine ISBN]
Als Taschenbuch: 1977 (Suhrkamp Verlag/Suhrkamp Verlag Nr. 391 = Phantastische Bibliothek 8)*
244 S.
ISBN 3-518-36891-5
Als Taschenbuch: 1990 (Suhrkamp Verlag/Suhrkamp Taschenbuch 1783 = Phantastische Bibliothek 261)**
128 S.
ISBN-13: 978-3-518-38283-7

* Veröffentlichung mit der Lovecraft-Novelle „Der Fall Charles Dexter Ward“
** Veröffentlichung als Einzelband; so seitdem immer wieder neu aufgelegt

Das geschieht:

Unser Ich-Erzähler, ein junger Mann unternimmt im Sommer des Jahres 1927 eine Reise durch Neuengland. Während eines Aufenthalts in Massachusetts hört er von der alten, an der Atlantikküste gelegenen Hafenstadt Innsmouth, die in keiner modernen Landkarte verzeichnet ist. Das erregt sein Interesse, er beschließt einen Abstecher in diesen Ort, obwohl man ihm dringend abrät: Degenerierte Gestalten seien es, die in Innsmouth gern unter sich blieben und zudem einem mysteriösen, ganz und gar unchristlichen Kult anhingen.

Das hält unseren Reisenden nicht ab. Innsmouth ist eine Geisterstadt verfallender, leer stehender, düsterer Häuser, in denen es jedoch des Nachts sehr lebendig zugeht. Die Bürger selbst, von froschähnlicher Gestalt, verhalten sich abweisend unheimlich (und umgekehrt). Nur ein ‚Zugereister‘ – ein uralter Seemann – versorgt den neugierigen Neuankömmling mit Informationen. Demnach hat vor über einem Jahrhundert ein Kapitän namens Marsh im fernen Pazifik einen Teufelspakt mit amphibischen Seekreaturen geschlossen. Im Tausch gegen Gold und verbotenes Wissen wurden ihnen junge Männer und Frauen aus Innsmouth ausgeliefert, die sie ihrem Gott, dem furchtbaren Cthulhu, opferten. Außerdem begannen sich Menschen und Amphibien zu vermischen; die meisten Bürger der Stadt sind heute als Nachfahren dieser ersten Mischwesen.

Dass es sich hier beileibe nicht um eine Ausgeburt der Fantasie handelt, muss der Reisende bald erfahren. Am Teufelsriff vor dem Hafen von Innsmouth findet ein reger Austausch zwischen den Welten unter und über dem Meeresspiegel statt. Lange dauert es nicht, bis die Kreaturen auf den neugierigen Besucher aufmerksam werden und die Masken fallen lassen. Die Jagd beginnt, und an ihrem Ende steht eine unerwartete Entdeckung …

Reisen bildet …

Eine Reise in einen verrufenen Ort, in dem es tatsächlich umgeht, ein Besucher, der beim Herumschnüffeln zu viel Aufsehen erregt und – seine mordlüsternen Verfolger hart im Nacken – Fersengeld geben muss: Eigentlich ist „Schatten über Innsmouth“ eine konventionelle, sogar vordergründige Horrorgeschichte, wie es ihrer (zu) viele gibt. Freilich muss man sie lesen um schätzen zu lernen, was H. P. Lovecraft aus dem Stoff macht. Ihm geht es nicht um Handlung oder gar Action (obwohl er auch das beherrscht, wie die nächtliche Hetzjagd durch Innsmouth beweist). Das machen ihm jene Leser zum Vorwurf, die einen stringenten und zielgerichteten Erzählfluss vorziehen.

Der Autor schert sich nicht darum. Die erste Hälfte des ohnehin nicht umfangreichen Kurz-Romans ist eine Art Reisebericht mit (pseudo-) historischen Einschüben. Lovecraft war als Wissenschaftler zwar Amateur aber sehr belesen. Besonders die Geschichte war sein Steckenpferd. Deshalb baut er „Schatten über Innsmouth“ auf einer fiktiven Historie dieser Stadt auf, die er geschickt in eine (weitgehend) reale Geschichte Neuenglands einbettet.

Die ausgedehnte Busfahrt nach und durch Innsmouth ist gleichzeitig ein geschickter Schachzug, der den Leser zusammen mit der Hauptfigur an den Ort des Geschehens bringt. Unmerklich dreht Lovecraft dabei an der Spannungsschraube. Ganz harmlos beginnt die Reise, nur einzelne, nicht ins Bild des Rationalen passende Elemente irritieren. Allmählich nehmen sie an Zahl und Wucht zu, bis schließlich deutlich wird, dass es in Innsmouth nicht mit rechten Dingen zugeht.

… aber wer will schon alles wissen?

Die Bestätigung erhalten wir erneut gemeinsam mit dem Helden durch die lebendige Erzählung des alten Zadok Allen, der seit vielen Jahrzehnten unter dem Druck des Grauens lebt. Darüber ist er leicht wunderlich im Kopf geworden, was Lovecraft meisterlich als Stilelement nutzt: Obwohl Allen Klartext redet, bleibt Grundsätzliches weiterhin ungesagt, die Spannung steigt weiter an.

Der eigentliche Höhepunkt stellt dann auch die Freunde des konventionellen Horrors zufrieden, wenn es zwischen geifernden Monstern und potenziellem Opfer zur Konfrontation kommt. Für Lovecraft speist sich das eigentliche Grauen freilich aus einer anderen Quelle. Die eigentliche Auflösung wird der Handlung wie eine Coda angefügt. Sie soll hier verschwiegen werden; vielleicht überrascht sie heute auch nicht mehr, aber sie beraubt die Geschichte ihres scheinbar glücklichen Endes und verleiht ihr eine deutlich düstere Dimension.

Es könnte immerhin so sein

Das ist zwar erschreckend, aber ist es auch Horror? Der Cthulhu-Mythos ist eher Science Fiction. „Schatten über Innsmouth“ betont dies zwar weniger stark als andere Geschichten, doch kamen nach Lovecraft Cthulhu und seine garstigen Gefährten einst aus den Tiefen des Alls auf diese Erde. Sie beschränken sich nicht nur darauf, uns Menschen zu piesacken, sondern treiben auch zwischen den Sternen weiterhin allerlei Unerfreuliches.

Lovecrafts Meisterschaft bestand darin, die Chronik dieser Invasion niemals gänzlich zu enthüllen. Stets enttarnte er nur Episoden, die sich zu keinem fassbaren Gesamtbild fügten. Des Lesers Fantasie ist hier gefragt – er (oder sie) wird sich ein Reich kosmischen Schreckens ausmalen, das Lovecraft nie hätte erfinden können.

Das wird umso deutlicher, wenn man Lovecraft dabei verfolgt, wie er versucht das Grauen in Worte zu fassen. Sein Wortschatz war immens, sein Talent im Umgang mit Worten beachtlich. Trotzdem oder gerade deswegen muss man feststellen, dass die Auflösung einer Lovecraft-Story allzu oft ihrer Entwicklung nicht gewachsen ist. Wie so oft bei Lovecraft überkommt auch in „Schatten über Innsmouth“ eine barmherzige Ohnmacht den Helden, als der Schrecken zu groß wird (und der Verfasser literarisch die Waffen streckt).

Unfreiwilliger Chronist des Schreckens

Der namenlose Protagonist unserer Geschichte ist eine typische Lovecraft-Figur: ein Außenseiter, ein einsamer Sucher ohne Anhang. Eine respektable Familiengeschichte mündete in Bedeutungslosigkeit und Armut. Eisern werden trotzdem längst obsolete Gentleman-Allüren gepflegt, bleiben die Formen gewahrt, mag auch das typische Mittagessen nur aus Käseplätzchen bestehen.

Hier greift Lovecraft auf eigene Erinnerungen zurück. Der „Einsiedler von Providence“, wie man ihn gern nennt, wurde in seinen späteren Lebensjahren zum begeisterten Reisenden, der zwar ohne Geld aber ausgiebig jene historischen Stätten in Nordamerika besichtigte, die ihn immer faszinierten. So ist es wohl eine jüngere Ausgabe von Lovecraft selbst, die das imaginäre Innsmouth bereist. Ausgerechnet dort findet sie nach anfänglichem Schrecken so etwas wie eine Heimat – ein Ort, der dem Verfasser selbst stets verwehrt blieb.

Distanz kann auch ein literarisches Instrument sein. Lovecraft bedient sich seiner meisterlich. Ein Grundproblem der Phantastik ist das Schwinden von Faszination und Schrecken, wenn das zunächst nur erahnte Monster ins volle Licht tritt. Erklärungen zerstören das Unheimliche, das plötzlich real und damit prosaisch wird. Lovecraft hat dieses Problem begriffen. Folgerichtig vermeidet er es, die Bürger von Innsmouth dem gefährlichen Licht auszusetzen. Was sie Unheimliches treiben, erfahren wir nur von Zadok Allen. Ansonsten belässt es Lovecraft bei Andeutungen. Konsequent findet das Finale deshalb nicht auf den Klippen des Teufelsriffs statt. Der Besucher und mit ihm die Handlung kehrt dem Zentrum des Schreckens den Rücken. Diesen Verzicht auf eine ‚richtige‘ Auflösung vermag Lovecraft mit einem alternativen Ende auszugleichen. Der „Schatten über Innsmouth“ und sein Mysterium bleibt bestehen – und Lovecrafts Kurz-Roman wurde zum Klassiker, der seine Wirkung auch nach vielen Jahren nicht eingebüßt hat.

Autor

Howard Phillips Lovecraft wurde am 20. August 1890 in Providence, Rhode Island, geboren. Mütterlicherseits konnte er seine Familiengeschichte bis ins frühe 17. Jh. zurückverfolgen. Darauf war er überaus stolz, wozu die Gegenwart wenig Anlass bot. Lovecrafts Vater, ein Handelsvertreter, starb bereits 1898 im Wahnsinn.

Die ebenfalls labile Mutter und zwei Tanten zogen Howard auf, der sich als Wunderkind erwies. Er konnte mit drei Jahren lesen und begann mit sechs zu schreiben. Die arabische Vorgeschichte, dann das griechische Altertum begeisterten ihn. Lovecraft begann alle erreichbaren Werke zu lesen und entwickelte sich zum belesenen, aber nicht wirklich gebildeten Bücherwurm. Am Alltagsleben nahm er praktisch nicht teil, litt unter allerlei (psychosomatischen) Beschwerden und besuchte nur sporadisch die Schule, sondern widmete sich privaten Studien. Lovecraft gab mehrere Journale heraus, die von seiner Begeisterung für Naturwissenschaft und Astronomie kündeten, und unterhielt einen enormen Briefwechsel.

Nach ersten Versuchen Anfang des Jahrhunderts begann Lovecraft 1917 ‚ernsthaft‘ phantastische Kurzgeschichten zu schreiben. Bisher hatte er Poesie und Essays den Vorzug gegeben. 1924 heiratete Lovecraft und zog mit seiner Gattin nach New York. Dort kam er in Kontakt mit den zu diesem Zeitpunkt aufstrebenden Pulp-Magazinen, die zwar schlecht zahlten, aber stets neues Material suchten. In der großen Stadt konnte sich Lovecraft nicht einleben. Die Ehe scheiterte. 1926 kehrte Lovecraft nach Providence zurück. Nunmehr führte er das zurückgezogene und sehr bescheidene Leben eines mäßig erfolgreichen Unterhaltungsschriftstellers. Er schuf die Cthulhu-Saga. „The Call of Cthulhu“ (1926/28, dt. „Cthulhus Ruf“), „At the Mountains of Madness“ (1931, dt. „Berge des Grauens“) oder „The Shadow out of Time“ (1934/35, dt. „Der Schatten aus der Zeit“) stellen Höhepunkte der Phantastik dar.

Freilich blieb dies lange unbemerkt. Lovecraft verfügte nie über die Energie oder das Selbstbewusstsein, aktiv an seiner Karriere zu arbeiten. Seine Werke erschienen in billigen Magazinen, wo sie die Leser oft genug irritierten, wenn sie nicht sowieso von den Herausgebern abgelehnt wurden. Lovecraft versuchte nie, diese Geschichten anderweitig unterzubringen, sondern schrieb neue: kein ökonomisches Gebaren für einen Schriftsteller, der ohnehin recht langsam schrieb. Zu seinen Lebzeiten erschien überhaupt nur ein Buch – „The Shadow over Innsmouth“ – in einem obskuren Kleinverlag. Am 15. März 1937 erlag H. P. Lovecraft einem Krebsleiden.

Dass er nicht in Vergessenheit geriet, ist August Derleth (1909-1971) und Donald Wandrei (1908-1987) zu verdanken. Sie gründeten 1939 den Verlag „Arkham House“, um Lovecrafts Werk zu veröffentlichen. Nach schwierigen Anfängen traten Cthulhu & Co. einen bemerkenswerten Siegeszug an. In der phantastischen Literatur nimmt H. P. Lovecraft längst den ihm gebührenden Platz ein – zeitlich nach, aber nicht unter Edgar Allan Poe: ein kauziger, allzu sehr in Adjektive verliebter, aber origineller Mann mit großen Visionen, der den klassischen Horror um die Komponente Science Fiction erweiterte, ohne dem Traum von der perfekten, weil technisierten Zukunft hinterherzulaufen.

Über H. P. Lovecraft und sein Werk äußern sich unzählige Websites. Eine der schönsten ihrer Art stellt das „H. P. Lovecraft Archive“ dar.

[md]

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