Sie lauern in der Tiefe

Brian Lumley
Sie lauern in der Tiefe

(Titus-Crow-Serie, Bd. 1)

Originaltitel: The Burrowers Beneath (New York : DAW Books 1974)
Übersetzung: Heike Brand
Deutsche Erstausgabe: Dezember 2004 (Festa Verlag/Horror-TB 1505)
235 S.
ISBN-13: 978-3-935822-95-4

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Das geschieht:

Für Titus Crow, den berühmten Okkultisten und Fachmann für das Übernatürliche, lassen sich die Zeichen nicht anders deuten: Die „Großen Alten“ schicken sich an zurückzukehren, um die Menschen zu überfallen, zu unterjochen und auszurotten! Mächtige Wesen aus den Tiefen des Weltalls sind sie, die vor Jahrmillionen die Erde bevölkerten, dem Chaos und der Zerstörung lebten und nach einem apokalyptischen Kampf von ihren Gegnern, den „Älteren Göttern“ aus dem Sternbild Orion, bezwungen und an verschiedenen öden Stätten gefangen gesetzt wurden. Dort lauern sie, die praktisch unsterblich sind, auf ihre Chance zu entkommen.

Nach Äonen scheinen die Siegel, welche sie bannen, ihre Wirkung zu verlieren. An zahlreichen Orten rühren sich die „Alten“ und ihre dämonischen Diener wieder. Im Fundament-Gestein der britischen Insel breitet sich die Brut des Shudde-M’ell aus. Seine Diener, die wurmgestaltigen Chtonier oder „Wühler“, graben sich zu jenen Menschen durch, die ihnen auf die Spur gekommen sind, und schalten sie aus. Niemand darf wissen, dass Shudde-M’ell die Befreiung seines Herrn, des schrecklichen Cthulhu, vorbereitet, denn noch sind die „Alten“ für den offenen Krieg nicht bereit.

Auch Titus Crow und sein Freund und Mitstreiter Henri Laurent de Marigny werden unbarmherzig gejagt. Schon scheinen sie verloren, da nimmt sich die geheime Wilmarth-Stiftung ihrer an. Hier arbeiten Wissenschaftler schon lange an wirksamen Waffen gegen die „Alten“. Man fühlt sich einem Schlagabtausch inzwischen durchaus gewachsen. Crow und de Marigny reihen sich ein in die Schar der Kämpfer für das Gute. Freilich stellt sich heraus, dass man den Feind allzu selbstbewusst unterschätzt hat. Shudde M’ell und seine Chtonier haben noch mehr als ein As im nicht vorhandenen Ärmel …

In die Länge gezogener Wurm-Horror

Wohl steht es um die Unsterblichkeit dessen, dem es gelingt, einen Mythos zu schaffen. Ausgerechnet Howard Phillips Lovecraft (1890-1937), jrnem gehemmten, für das ‚richtige‘ Leben wenig tauglichen Mann, ist es gelungen. Sein Cthulhu-Kosmos gehört zu den ganz großen Schöpfungen der (phantastischen) Literatur.

Was sich schon an der Vielzahl der Nachahmungen, Fortsetzung und Neu-Interpretationen ermessen lässt. Ob nun Pastichés im typischen Lovecraft-Stil oder als Spiel mit Namen und Geschöpfen seiner Kreation: Cthulhu & Co. leben fort auf ewig. Die nächsten Autorengenerationen treibt oft großer Ehrgeiz. Wo Lovecraft sich mit wenigen Novellen und Kurzgeschichten begnügte, schreiben sie dicke Romane oder wie Brian Lumley ganze Serien. Sechs Bände umfasst die Titus-Crow-Reihe. Sie erzählt vom großen Krieg der Menschen gegen die bösen „Alten“ aus dem Untergrund.

Mit „Sie lauern in der Tiefe“ beginnt das Spiel jedoch recht mittelmäßig. Seltsam konfus windet sich die Handlung. Es gibt keinen ‚richtigen‘ Beginn, das Ende ist offen. Das letzte Drittel wird in Form von Briefen erzählt, die in großen Zeitsprüngen von diversen Feldzügen berichten. Zu einem Ganzen fügt sich das alles nicht. Eine Cthulhu-Story aus Lovecrafts Feder wirkt zwar ebenfalls wie der hastig niedergekritzelte und daher fragmentarische Bericht eines Unglückswurms, den die Krakenfrösche holen, bevor er diesen anständig beenden oder gar überarbeiten kann. Dies ist jedoch ein Roman. Der ‚briefliche‘ Einstieg geht als Stilelement durch. Für den ruckartigen Abschluss gibt es keine Entschuldigung. Allzu deutlich wird, dass dies der erste Teil einer Serie ist. Die „Titus Crow“-Reihe müsste als Gesamtwerk gelesen werden. Dann mag tatsächlich der Eindruck eines monumentalen Epos‘ über den Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Menschen und Monstern entstehen.

Monster vermehren sich wie Karnickel

Was unwahrscheinlich ist. „Die in der Tiefe lauern“ zeigt den frühen Brian Lumley als fleißig recherchierenden aber lahm erzählenden Autoren. Viel zu sehr lehnt er sich an seinem Vorbild Lovecraft an. Die Krux ist wohl, dass es eben nicht Lovecraft ist, von dem sich Lumley inspirieren lässt, sondern dessen Eckermann August Derleth (1909-1971), der nicht nur den literarischen Nachlass des Meisters betreute und herausgab, sondern mit vielen eigenen Geschichten den Cthulhu-Kosmos ergänzte und erweiterte.

Derleth spielte nicht in Lovecrafts Liga. Diesem war sehr wohl bewusst, dass ein großer Teil der Faszination an der Cthulhu-Saga aus dessen Unvollständigkeit resultierte. Bruchstücke nur gab Lovecraft preis, die sich zudem nur bedingt zu einem Gesamtbild fügten. Die Fantasie des Lesers musste die Lücken füllen – für Derleth offenbar ein unerträglicher Zustand. Nachträglich begann er die Fragmente zu sortieren und zu ergänzen. Um Cthulhu und die anderen Unwesen, die Lovecraft oft nur erwähnte, schuf er einen regelrechten Götterhimmel. Er rief immer neue „Große Alte“ ins Leben, konstruierte ihnen Abstammungslinien und Stammbäume, ‚rekonstruierte‘ ihre Geschichten. Aus ‚Göttern‘ wurden simple Außerirdische, die sich bisweilen auf die Plasmasäume traten, so zahlreich ließ Derleth sie umher spuken. Auf der Strecke blieb jenes diffuse und nachhaltige Grauen, welches das ursprüngliche Cthulhu-Mysterium ausstrahlte. Nun treibt es Brian Lumley ein gutes (bzw. schlechtes) Stück weiter. Noch mehr „Alte“ lässt er auftreten, stellt ihnen „Tiefe“ und „Niedere“ an die Seite; das Grauen organisiert sich wie die Mafia, und Don Cthulhu ist der Pate.

Der eine kann’s, der andere übertreibt nur

Misslungen ist auch der Versuch, den eigentümlichen, gern parodierten aber eben doch unnachahmlichen Tonfall Lovecrafts zu imitieren. Der „Einsiedler von Providence“ bekam nie seine Adjektivitis in den Griff. Also faselt auch Lumley von „blasphemischem Licht“, „beunruhigenden Winkeln“ oder „wahnsinnigen Windstößen“.

Grauen wird nie stimmungsvoll inszeniert, sondern immer nur behauptet. Wovor Crow & Co. sich eigentlich fürchten, wird selten präzisiert. Geht Lumley ins Detail, wirkt das Böse nicht besonders aufregend. Lästig ist auch der (ebenfalls Lovecraft entliehene) Drang allzu vieler menschlicher Nebendarsteller, im Angesicht des Feindes vor Schreck den Verstand zu verlieren. Solche und viele andere Lovecraft-Manierismen äfft Lumley nach, statt eigene und zeitgemäße Wege einzuschlagen.

Ebenfalls zu sehr im Lovecraftschen Sinn stehen bei Lumley Geschehen und Stimmung im Vordergrund der Geschichte. Die Protagonisten bleiben flach und wirken austauschbar. Crow und de Marigny nehmen vor unserem inneren Auge nie wirklich Gestalt an. Der Verfasser prägt ihnen einige äußerlich bleibende Merkmale und Charaktereigenschaften auf. Individuen werden sie dadurch nicht; sollen sie auch nicht, denn ihre eigentliche Aufgabe ist es, auf Entdeckungsreise durch das Reich der „Großen Alten“ zu gehen. Wo diese in Erscheinung treten, erscheint unser Duo, um zu kommentieren und zu erläutern. Crow übernimmt dabei die Rolle des allwissenden Sherlock Holmes’, während de Marigny als Watson in Vertretung des Lesers Fragen zu Handlung und Hintergrund stellt. Da Crow ebenfalls wie Holmes ein schrecklicher Geheimniskrämer ist, beschränkt er sich gern auf viel sagende Andeutungen, denen die enthüllten Mysterien kaum jemals gerecht werden.

Aus der Klischee-Tube gedrückte Figuren

Um die beiden Monsterjäger bewegt sich ein Reigen gesichtsloser Nebendarsteller. Profil benötigen sie erst recht nicht, denn meist fallen sie sehr schnell einem schrecklichen Schicksal zum Opfer und werden von Cthulhus Schergen geschnappt. Eine gewisse Ausnahme bildet Wingate Peasley, der in die Wilmerth-Stiftung einführt. Auch er bleibt freilich eine Figurenhülse, deren Handeln der Leser ohne innere Teilnahme beobachtet.

Die „Alten“ degenerieren zu Witzfiguren. Schlimm genug, dass Lumley sie von unbegreiflich fremdartigen Geschöpfen aus Zeit & Raum zu Protoplasma-ETs degradiert, die mit Wasser-Blattschuss & radioaktiver Strahlung erlegt werden können. Helle sind sie sowieso nicht. Kommen sie zu Wort, verbreiten sie nur kryptischen Unsinn und leere Drohungen. Was wollen sie eigentlich mit der Erde, die sie so begehren? Man sollte meinen, sie würden sich umgehend deren Staub von den Tentakeln schütteln, um zurück ins All, ihre eigentliche Heimat, zu fliehen. Lovecraft ließ die Motive der „Alten“ offen. Lumley will auch hier ‚erklären‘ und versetzt dem Cthulhu-Mythos einen weiteren Tiefschlag.

Zumindest in Deutschland wurden die Fehlstellen dieses Garns von den Lesern wohl erkannt. Was mit „Sie lauern in der Tiefe“ eigentlich beginnen sollte, fand umgehend sein Ende: Die Titus-Crow-Serie wurde eingestellt. Vermisst hat sie anscheinend niemand.

Autor

Dem Nachwuchstalent Brian Lumley (geb. 1937 in England) stand ein bekannter Mentor zur Seite: August Derleth (1909-1971), Nachlassverwalter von H. P. Lovecraft (1890-1937) und Gründer des legendären Verlags Arkham House in Wisconsin/USA, veröffentlichte seine ersten Storys, die ab 1967 – Lumley war Militärpolizist und in Deutschland stationiert – entstanden. Nach Derleth‘ Tod blieb Lumley dem Cthulhu-Mythos verhaftet und schrieb zwischen 1974 und 1979 fünf Bände der Titus-Crow-Saga. (Ein abschließender Band kam 1989 hinzu). Ebenfalls „lovecraftschen“ Horror bot Lumley mit der „Primal Lands“-Trilogie um Tarra Khasch sowie mit der „Dreamland“-Saga.

Sein Durchbruch als Schriftsteller gelang Lumley – der 1980 nach 22 Dienstjahren die Armee verlassen hatte – nach gewissen Anlaufschwierigkeiten mit der „Necroscope“-Reihe (ab 1986) um den „Totenhorcher“ Harry Keogh, die auch in Deutschland mit großem Erfolg veröffentlicht wird.

Brian Lumley lebt und arbeitet heute in Devon, England. Er lässt seine Website sorgfältig pflegen und regelmäßig mit Neuigkeiten bestücken.

Copyright © 2011/2017 by Michael Drewniok (md)

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