Stadt der Toten

Brian Keene
Stadt der Toten

Originaltitel: City of the Dead (North Webster : Delirium Books 2005)
Übersetzung: Michael Krug
Deutsche Erstausgabe (mit „Stadt der Toten“ in einem Band mit dem Titel „Das Reich der Siqqusim“): November 2006 (Otherworld Verlag)
497 S.
ISBN-10: 3-9502185-1-3
Neuausgabe: April 2011 (Heyne Verlag/TB Nr. 52811)
464 S.
ISBN-13: 978-3-453-52811-6
eBook: April 2011 (Heyne Verlag)
495 KB
ISBN-13: 978-3-641-06612-3

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Das geschieht:

Ein fatal fehlschlagendes Experiment mit einem Nuklearbeschleuniger riss eine Pforte zwischen den Dimensionen auf. Aus der „Leere“, in die sie seit Äonen verbannt waren, kamen die Siqqusim auf die Erde zurück. Der Mensch kannte und fürchtete sie einst als Dämonen Nun werden sie körperlich, indem sie in die Leichen toter Menschen und Tiere fahren, die sich intelligente und bösartige Zombies verwandeln. Bald tobt ein Weltkrieg gegen die Menschen, die massakriert und gefressen werden.

Zu den wenigen Überlebenden gehört Jim Thurmond, der sich nach New Jersey durchschlug, um seinen Sohn Danny zu suchen. Mit einigen Gefährten entkam er nicht nur den Siqqusim, sondern auch dem verrückten Colonel Schow, der sich zum Herrscher über die Restmenschheit aufschwingen wollte. Nun schlägt sich die Gruppe zum festungsartig gesicherten Ramsey Tower in New York durch. Hier hat sich der Milliardär Darren Ramsey zum Schutzherrn von 300 Menschen ernannt, die den Siqqusim entkommen konnten. Nur Leibwächter Bates weiß, dass Ramsey unter einem ausgewachsenen Messias-Komplex leidet und allmählich den Bezug zur Realität verliert. Bates trifft bereits Vorkehrungen, denn er glaubt nicht an die Sicherheit des Turms.

Inzwischen setzt Dämonenfürst Ob den Feldzug zur Eroberung der Erde fort. Ramsey Tower ist ihm ein Dorn im Auge, denn hier hält sich das verhasste „Fleisch“ hartnäckig gegen die Attacken der Siqqusim. Ob bereitet deshalb einen massiven Angriff vor. Er zieht das Millionenheer der Zombies, die einst New Yorks Bürger waren, zusammen und rüstet es mit schweren Waffen aus. Ob steht unter Zeitdruck, denn in der „Leere“ warten bereits die Dämonenstämme der Elilum und Teraphim voller Ungeduld auf ihren Durchbruch in die reale Welt. Der Sturm auf Ramsey Tower findet statt und wird zur letzten Schlacht zwischen Menschen und Dämonen …

Lebenszeichen aus einer toten Welt

„Auferstehung“, der 2003 entstandene erste Teil von „Das Reich der Siqqusim“, ist der mit Abstand bessere Teil der Saga. Keene blieb vage mit seinen Hintergrundinfos, was klug ist, wie wir erkennen, wenn er sie in „Stadt der Toten“ doch enthüllt. Zwei Jahre nach Teil 1 geschrieben, nahm sich Keene die Kritik seiner Leser zu Herzen; leider meldeten sich offensichtlich nur jene zu Wort, die mit der reizvollen Unbestimmtheit der „Auferstehung“ und dem offenen Ende dieses Buches überfordert waren und Aufklärung forderten.

Die Handlung setzt nahtlos im Finale des Vorgängerbandes ein und nimmt den sattsam bekannten Verlauf: Alles rennt, rettet, flüchtet sich vor den Zombiehorden, die stets aus allen Richtungen herbeiströmen und doch zuverlässig ins Leere greifen, bevor sie unseren Helden das wortreich angedrohte Ende bereiten können.

„Wortreich“ ist das Stichwort für weitere Kritik: In „Stadt der Toten“ werden die Zombies erstaunlich schwatzhaft. Das schließt ihren Anführer Ob ausdrücklich ein. Wirklich nur grinsen kann man bei der Lektüre einer Szene, in der er sich genötigt sieht, ausgerechnet einer völlig unwichtigen Nebenfigur (und uns Lesern) haarklein die Geschichte der Siqqusim sowie die Planungen zur Übernahme der Universums –  Gottes Sturz vom Himmelsthron eingeschlossen – zu erzählen.

Sie reden viel und sagen wenig

Solche unfreiwillig komischen Momente mehren sich leider; Keene wusste es besser, als er „Aufstehung“ in Momentaufnahmen einer Gesamthandlung gestaltete, die sich die Leser selbst zusammenreimen konnte und musste. Für die Inszenierung einer biblisch-monumentalen Konfrontation zwischen Gut & Böse fehlt ihm offenkundig das schriftstellerische Format. „Stadt der Toten“ gerinnt in dieser Hinsicht zum Kasperle-Theater.

Auch sonst kommt die Story im breiten Mittelteil buchstäblich zum Stillstand. Die Lebenden verbarrikadieren sich in einem festungsgleichen Hochhaus, das von den Siqqusim belagert wird. Wie die Geschichte nunmehr ablaufen wird, ist vor allem für diejenigen unter uns, die Romeros „Land of the Dead“ gesehen haben, einfach zu erraten; der Horrorfilm-Altmeister hat sich anscheinend stark von „Stadt der Toten“ ‚inspirieren‘ lassen.

Natürlich gelingen Keene neuerlich Szenen, die im Gedächtnis bleiben. Sex mit Zombies ist beispielsweise ein bisher im Horrorgenre unerwähnt gebliebener Aspekt. (Nicht, dass wir ihn vermisst hätten.) Auch Frankies Sturz in ein schmutziges Schwimmbecken, das von einer hungrigen Wasserleiche bevölkert wird, jagt Schauder über Leserrücken. Doch andere Konfrontationen stellen nur Wiederholungen sattsam bekannter Metzeleien dar, deren Wirkung verpufft ist.

Überstrapaziert wird vom Verfasser in „Stadt der Toten“ auch das Prinzip des Cliffhangers: Immer wenn unsere Menschenhelden in einer schier aussichtslosen Situation stecken, bricht die Handlung ab und schwenkt zu einem anderen Punkt des Geschehens. Irgendwann tauchen die Verdammten wieder auf und wir erfahren, dass besagte Not gar nicht so groß war, weil; es folgt eine enttäuschende Erklärung. „Stadt der Toten“ wirkt verglichen mit „Auferstehung“ wie Routine oder eine Pflichtübung, zu der sich der Verfasser von seinem Verlag oder seinen Lesern überreden ließ.

Zombies sind auch nur Menschen

Keenes Siqqusim-Zombies fielen in „Auferstehung“ durch ihre Bedrohlichkeit auf. Doch schon in dieser Vorgeschichte fiel auf, dass sie geistig wohl doch keine Leuchten sind. Diese Vermutung wird in „Stadt der Toten“ zur traurigen Gewissheit. Hier reden die Zombies nicht nur, sie kalauern plötzlich wie deutsche Comedians auf einem ihrer spätpubertären TV-Gipfeltreffen. Die dümmsten Sprüche fließen ihnen von den verrottenden Lippen, während sie in Stücke geschossen, gesäbelt oder anderweitig zerschnetzelt werden.

Nun mögen Dämonen nicht zu den Intellektuellen dieser oder einer anderen Welt zählen. Man sollte in einem Horrorroman allerdings nicht über sie lachen müssen. Bei näherer Betrachtung wirken die Siqqusim in „Stadt der Toten“ so ‚böse‘ wie die klassischen Marvel-Schurken: Erst stellen sie sich hin und beschreiben ausführlich, was sie gleich anrichten werden, dann tun sie es, wobei ihr Mund ebenfalls nicht stillsteht, und anschließend stoßen sie einander in die Rippen und schwelgen in lustvollen Erinnerungen. Das kommt so lächerlich über wie es klingt; keineswegs singulär in ihrer Wirkung ist eine Szene, in der Siqqusim-Fürst schwer beleidigt ist, weil die Menschen nicht wissen, wer sie drangsaliert: „Ich werde siebzehn Mal im Alten Testament erwähnt! Siebzehn Mal! Ich bin Ob der Obot! Ich führe die Siqqusim an! … Ich bin Ob, der aus dem Kopf spricht!“ Schon traurig, wenn man mit solchen Referenzen vor eine Menschheit tritt, die nicht mehr so bibelfest wie einst ist …

Im Finale findet Keene, das muss zu seiner Ehrenrettung gesagt sein, noch einmal zur alten Form zurück. So konsequent & kohlrabenschwarz endet kaum ein Roman zum Thema Weltuntergang. Üblicherweise blitzt irgendwo ein Lichtlein auf: Es wird trotz aller Qualen weitergehen. Hier nicht, und obwohl Keene tröstliche Visionen eines kitschigen Kinderbibel-Paradieses einschneidet, mildert es nicht die Wucht eines Endes aller Dinge, das beeindruckt und überzeugt: ganz großes Kino, Mr. Keene!

Autor

Brian Keene (geboren 1967) wuchs in den US-Staaten Pennsylvania und West Virginia auf; viele seiner Romane und Geschichten spielen hier und profitieren von seiner Ortkenntnis. Nach der High School ging Keene zur U.S. Navy, wo er als Radiomoderator diente. Nach Ende seiner Dienstzeit versuchte er sich – keine Biografie eines Schriftstellers kommt anscheinend ohne diese Irrfahrt aus – u. a. als Truckfahrer, Dockarbeiter, Diskjockey, Handelsvertreter, Wachmann usw., bevor er als Schriftsteller im Bereich der Phantastik erfolgreich wurde.

Schon für seinen ersten Roman – „The Rising“ (2003), ein schwungvoll-rabiates Zombie-Garn – wurde Keene mit einem „Bram Stoker Award“ ausgezeichnet. Ein erstes Mal hatte er diesen Preis schon zwei Jahre zuvor für das Sachbuch „Jobs In Hell“ erhalten. Für seine Romane und Kurzgeschichten, ist Keene seitdem noch mehrfach prämiert worden. Sein ohnehin hoher Ausstoß nimmt immer noch zu. Darüber hinaus liefert er Scripts für Comics nach seinen Werken. Außerdem ist Keene in der Horror-Fanszene sehr aktiv. Sein Blog „Hail Saten“ gilt als bester seiner Art; die Einträge wurden in bisher drei Bänden in Buchform veröffentlicht.

Brian Keene hat natürlich eine Website, die sehr ausführlich über sein Werk und seine Auftritte auf Lesereisen informiert. Über den Privatmann erfährt man allerdings nichts; es gibt nicht einmal die obligatorische Kurzbiografie.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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