Das Nadelöhr

Hal Clement
Das Nadelöhr

Originaltitel: Through the Eye of a Needle (New York : Ballantine Books 1978)
Übersetzung: Hans Maeter
Deutsche Erstausgabe: 1983 (Heyne-Verlag/SF Nr. 06/3994)
236 S.
ISBN-13: 978-3-453-30930-2
eBook: September 2015 (Heyne Verlag)
982 KB
ISBN-13: 978-3-641-17600-6

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Das geschieht:

1948 bekam der halbwüchsige Robert Kinnaird überraschenden Besuch. Der „Jäger“, ein außerirdischer Polizist, verfolgte einen Verbrecher aus seinem Volk. Beide mussten sie auf der Erde und nahe der kleinen Tahiti-Insel Ell notlanden. Der Jäger, ein vier Pfund leichter, giftgrüner, hochintelligenter Gallert-Klumpen, schlüpfte in Roberts Körper. Er wurde ein Freund und schützte seinen Wirt vor Krankheiten und Verletzungen. Gemeinsam verfolgte das ungleiche Duo den Verbrecher, der nach langer Jagd gestellt und ausgeschaltet werden konnte. Dafür zahlte der Jäger einen hohen Preis: Weil sein Raumschiff durch die Notlandung irreparabel beschädigt wurde, blieb er ein Gestrandeter.

1956 kehrt Bob auf die Insel Ell zurück. Weiterhin bewohnt der Jäger seinen Körper. Seit einiger Zeit leidet Bob unter ernsten körperlichen Ausfallerscheinungen, die der Jäger nicht unter Kontrolle bringen kann. Hat er seinen Wirt womöglich unwissentlich mit einer Krankheit aus dem All infiziert? Nur ein Arzt aus dem Volk des Jägers könnte es wissen. Eigentlich müssten seine Polizei-Kollegen längst nach ihm fahnden. Sie halten sich womöglich schon auf der Erde auf und haben das zertrümmerte Schiff des Jägers geortet. Alternativ könnte man nach dem havarierten Schiff des Verbrechers forschen, das vielleicht noch einen funktionstüchtigen Sender beherbergt.

Geplant, getan: Die ungleichen Freunde machen sich auf die Suche. Verbündete gibt es auch: Bobs Familie hat den Jäger längst kennengelernt. Der freundliche Inseldoktor ist ebenfalls im Bilde, und seine Tochter Jenny weiß auch bald Bescheid und hilft Bob, dessen Zustand sich rasant verschlechtert. Darüber hinaus stoßen ihm und seinen Gefährten merkwürdige ‚Unfälle‘ zu, die den Verdacht aufkommen lassen, dass der Verbrecher seinen Tod nur vorgetäuscht hat und immer noch aktiv ist …

Wie setzt man einen Klassiker fort?

Wiedersehen macht Freude? Eine Selbstverständlichkeit ist das beileibe nicht, und gerade in der Science Fiction hat der (kritische) Leser es längst satt, von allzu ökonomisch arbeitenden (oder schlicht faulen) Autoren endlos ausgewalzte Fortsetzungen vorgesetzt zu bekommen. „Das Nadelöhr“ ist indes eine angenehme Ausnahme und Abwechslung. Hal Clement ließ sich fast drei Jahrzehnte Zeit, bevor er an seinen genialen Erstling „Needle“ (dt. „Die Nadelsuche“) von 1949/50 anknüpfte. So kann man davon ausgehen, dass ihn nicht nur Geschäftstüchtigkeit, sondern eine richtige Idee erneut an den Schreibtisch bzw. auf die Insel Ell führte.

Obwohl, jedoch, allerdings … Dem puristischen Kritiker muss zugestanden werden, dass „Nadelöhr“ eher als Remake denn als Fortsetzung der „Nadelsuche“ gewertet werden kann. Im ersten Teil spürt der Jäger einem Verbrecher nach, in der Fortsetzung sucht er seine Retter. Ansonsten ist alles beim alten geblieben. Dem tropischen Klima angemessen, mäandert die Geschichte gemächlich über die kleine Insel und ihre von der Natur und der Weltwirtschaft verwöhnte Bevölkerung.

Altmodisch weil modern?

Auf Ell hat ein gütiger Großkonzern eine Art Paradies auf Erden errichtet, das seinen Bewohnern Vollbeschäftigung, Gratisbildung und Lebenshilfe garantiert. Ihnen bleibt daher viel Zeit, einen schiffbrüchigen ET zurück nach Hause zu befördern. Vielleicht hat die Realität die Fiktion in diesem Punkt inzwischen allzu gründlich überholt und ad absurdum geführt: „Nadelöhr“ wirkt jedenfalls dort besonders blass, wo Clement meint, den Insel-Alltag in die Handlung integrieren zu müssen.

Ell wirkt wie eine Kulisse, d. h. ist sehr künstlich als kapitalistisches Utopia, das dem Leser, der es heute gewöhnt ist, dass der Staat Krieg gegen die eigenen, zum lästigen Kostenfaktor degradierten Bürger führt, womöglich allzu fremd erscheint. Außerdem irritiert, dass es keinen echten Grund gibt, diese Geschichte unbedingt 1956 spielen zu lassen. Historische Ereignisse wie der Koreakrieg werden hier und da erwähnt, aber sie spielen nie wirklich eine Rolle. „Das Nadelöhr“ könnte auch 1978 oder in der echten Gegenwart spielen. Clement hatte anscheinend nur im Hinterkopf, einen nicht gar zu alt gewordenen Bob ein neues Abenteuer erleben zu lassen, aber er erschuf dabei gleichzeitig eine Welt, die von der Zeit vergessen worden zu sein scheint.

Die Jagd beginnt – mit Hindernissen

Der eigentliche Spaß kommt auf, sobald der Jäger mit seinen menschlichen Gefährten interagiert. Clement hat der Versuchung widerstanden, seine Geschichte auf „Star- Wars“-Niveau herunter zu brechen, was angesichts des Entstehungsjahres durchaus nahe gelegen hätte. Auf Ell gibt es keine Verfolgungsjagden mit Lasergeballer. Kontakt-Versuche mit Köpfchen, viele Rückschläge und Irrtümer bestimmen stattdessen angenehm die Szene.

Klischees vermeidet Clement sorgfältig. Selbst das eigentlich obligatorische Techtelmechtel zwischen Jung-Bob und des Doktors hübschem Töchterlein bleibt aus. So ist es auch besser, da dem Verfasser die Schöpfung fremder Wesen besser gelingt als die glaubhafte Schilderung zwischenmenschlicher Beziehungen. Aus der Not weiß Clement aber eine Tugend zu machen; der Jäger kann als Alien durch die sachliche, leicht distanzierte Charakterisierung glaubwürdig Gestalt annehmen.

Weniger gut gelingt Clement dagegen die Figur des neugierigen Insulaners André, dessen Versuche, den außerirdischen Besucher aus der Reserve zu locken, gelinde gesagt kriminell ausfallen und im Widerspruch zum friedlichen Grundtenor der Handlung stehen – ein Widerspruch, den der Verfasser nie auflösen kann, wie denn Andrés Übeltaten ganz offensichtlich nur dazu dienen, den Leser auf eine falsche Fährte zu locken: Auch „Das Nadelöhr“ wird als „Science Fiction-Kriminalgeschichte“ vermarktet, was bei objektiver Betrachtung ziemlicher Blödsinn ist.

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Die Suche nach der Nadel im Heuhaufen bzw. der Versuch, durch ihr Öhr zu den sehnlich erwarteten Artgenossen des Jägers zu gelangen, ist spannend genug, wie Clement sie schildert: als bis ins Detail ausgefeilte, schon 1978 liebenswert anachronistische, aber dieses Mal im positiven Sinne zeitlose Geschichte einer Rettung. Vom Jäger, von Bob und ihren alten und neuen Freunden würde man gern wieder Neues hören. Mit dem wohl bewusst offen gehaltenen Ende des „Nadelöhrs“ behielt sich Clement diese Option vor. Selbst hat er sie bis zu seinem Tod im Jahre 2003 allerdings nicht mehr eingelöst.

Autor

Hal Clement wurde am 30. Mai 1922 als Harry Clement Stubbs im neuenglischen Somerville (US-Staat Massachusetts) geboren. Er wuchs auf in Boston, ging zur Schule in Arlington und Cambridge und studierte später Astronomie und Chemie. 1943 wurde Clement Soldat. Er trat dem Army Air Corps Reserve bei, wurde Pilot und flog bis zum Ende des II. Weltkriegs Kampfeinsätze. 1951 wurde er während des Koreakrieges als Ausbilder in den aktiven Dienst zurückgerufen. Dem Militär blieb Clement auch später verbunden. Erst 1976 trat er im Rang eines Colonels in den Ruhestand. Als „George Richard“ startete Clement 1972 eine ‚Zweitkarriere‘ als Zeichner und Maler, der sich auf Motive der Astronomie und Science Fiction spezialisierte.

Der Science Fiction ist Clement nach eigener Auskunft seit 1930 verbunden. Wie so viele seiner Altersgenossen verfiel er den Buck Rogers-Comic-Strips. Seine erste Story („Proof“) erschien im Juni 1942 im Magazin „Astounding Science Fiction“, ein erster Roman, „Needle“ (dt. „Symbiose“/„Die Nadelsuche“), 1949 in Fortsetzungen, 1950 als Buch.

Clements Werk blieb schmal, denn bis zu seinem Ruhestand 1987 arbeitete er vierzig Jahre als Chemie-Lehrer. In diesem Rahmen schuf Clement dennoch Klassiker der SF. 1954 erschien „Mission of Gravity“ (dt. „Unternehmen Schwerkraft“), der Abenteuer auf einer Welt mit extrem hoher Schwerkraft schildert und seine besondere Spannung daraus bezieht, dass jedes Element der Geschichte dieser Prämisse unterworfen ist. Diesem Schema blieb Clement treu, wobei er geschickt zu variieren wusste.

1999 wurde Clement mit dem SFWA Grand Master Award ausgezeichnet. Am 29. Oktober 2003 ist er 81-jährig im Schlaf in seinem Haus in Milton, Massachusetts, gestorben.

Copyright © 2015/2017 by Michael Drewniok (md)

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