Der unschuldige Roboter

Lester del Rey
Der unschuldige Roboter

Originaltitel: The Runaway Robot (New York : Scholastic Book Services 1965)
Übersetzung: Leni Sobez
Deutsche Erstausgabe: 1967 (Erich Pabel Verlag/Pabel TB = Utopia-Zukunft 297)
174 S.
[keine ISBN]

Titel bei Amazon.de
Titel bei Booklooker.de


Das geschieht:

In einer zeitlich nicht näher bestimmten Zukunft sind die Planeten und großen Monde des Sonnensystems von Menschen besiedelt. Auch der große Jupiter-Trabant Ganymed trägt diverse Kolonien, die hauptsächlich vom Verkauf seltener Kräuter und Pilze leben. Sunvalley ist eine davon, geleitet von Gouverneur Roger Simpson. Sein Sohn Paul wächst auf dem luftleeren Mond auf – ein latent gefährlicher Ort für einen Heranwachsenden. Dem 16-Jährigen wurde daher schon als Kind ein Roboter zugeteilt. „Rex“ ist ein komplexes Gerät, das nicht nur als sturer Beschützer, sondern auch als Begleiter konstruiert wurde. In dieser Eigenschaft wurde er seinem menschlichen Herrn zum Freund. Paul hat Rex tief ins Herz geschlossen und teilt seine Gedanken mit ihm; menschliche Freunde sind rar auf Ganymed.

Damit ist es nun vorbei, denn Vater Roger wird auf die Erde zurückversetzt. Die Freude ist groß, bis sich herausstellt, dass Rex aufgrund der hohen Frachtkosten zurückgelassen werden soll. Das erträgt Paul nicht und rückt aus. Er will den weiten Weg zur Erde nur zusammen mit Rex antreten. Dieser ist einverstanden: Rex hat ein Selbstbewusstsein entwickelt. Das macht ihn zum echten Partner, der seinem menschlichen Freund aus mancher Schwierigkeiten helfen kann.

Rasch ist die Ordnungsmacht bereits hinter dem Duo her. Rex gilt plötzlich als „verrückter Roboter“, der seinen Herrn entführt hat. Überall auf Ganymed hält man die Augen offen, und den Farmern sitzen die Strahlenflinten stets locker! Doch unverdrossen schmuggeln sich Mensch und Roboter auf den uralten Raumfrachter „Terrabelle“, dessen bärbeißiger Kapitän Becker die Erde anzusteuern gedenkt. Dass auch der beste Plan in der Regel Unwägbarkeiten beinhaltet, erfahren unsere Ausreißer irgendwo zwischen Jupiter und Mars …

Unterhaltung mit Zeigefinger

„Der unschuldige Robot“ ist ein Science Fiction-Roman „für die Jugend“, wie es seit jeher sowohl euphemistisch wie unfreiwillig warnend heißt. Schon die Lektüre weniger Zeilen macht dem Leser deutlich, welche Folgen dies hat. Die Handlung ist zielgruppengemäß unkompliziert gehalten: Es gilt unter Berücksichtigung gewisser Schwierigkeiten von Punkt A nach Punkt B zu gelangen. Dass sich diese Bewegung im Sonnensystem zwischen Ganymed, Mars und Erde abspielt, ist dabei nebensächlich bzw. bildet höchstens eine exotische Kulisse.

Die Sprache ist einfach, die Sätze sind kurz, weil Jugendliche bekanntlich nicht sehr konzentrationsstark und sogar ein bisschen dumm sind. Pädagogisch darf sie nicht überfordern, verwirren und verärgern, um zu vermeiden sie Rockmusikern, Kommunisten und anderen Gesetzlosen in die Arme treiben. „Der unschuldige Roboter“ soll eher erziehen als unterhalten: Gehorche stets deinem „Vati“ – so nennt der 16-jährige (!) Paul seinen Erzeuger tatsächlich -, der Polizei oder anderen Autoritätspersonen, dann ist die Welt in Ordnung und wird es immerdar bleiben, so die Moral unserer Geschichte.

Ist dies gewährleistet, stellen sich quasi automatisch weitere Tugenden ein. Paul steht für seinen Freund Rex ein, obwohl ihn das in immer neue Schwierigkeiten bringt. Aber manchmal irren sogar Erwachsene, auch wenn diese Erkenntnis nur anklingt und um des Erhalts der geordneten Welt nie offen ausgesprochen wird. Ungeachtet dessen wird Paul durch das Erlebte ‚reifer‘ – es wird auch (s. u.) allerhöchste Zeit – und dadurch zu einem nützlichen, produktiven, funktionierenden Mitglied der Gesellschaft.

Was hätte werden sollen

Wo die Vermittlung hehrer Werte mit Inbrunst betrieben wird, darf die naturwissenschaftliche Realität ruhig zurücktreten. Das Sonnensystem stellt sich hier als Ort dar, der vor einheimischem Leben wimmelt. Von den teflonhäutigen Merkurianern bis zu den Steine fressenden Bewohnern des Pluto reicht das Spektrum. Dass die Realität anders aussieht, war der Forschung auch 1965 bereits bekannt.

Auf der anderen Seite wirkt die Naivität dieser schönen neuen Zukunftswelt durchaus charmant. So stellte man sie sich damals wirklich vor, als im Zuge des Wettlaufs zum Mond alles möglich schien. Kolonien auf Planeten und Monden, Bergbau im Asteroidengürtel, Großstädte unter riesigen Kuppeln – ein zwar konservatives, aber verlockendes Utopia, in dem es folglich auch nur genügsame, brave, hart arbeitende Männer und Frauen gibt, die keinen Grund sehen gegen irgendein Schicksal aufzubegehren.

Der Ich-Erzähler dieser Geschichte ist ein Roboter. Die Blechmaschinen dienen dem Menschen als billige Hilfskraft. Die Vergangenheit dieser Zukunft wird u. a. daran deutlich, dass diese Roboter noch mit Röhren funktionieren. Auch sonst entsprechen sie den ungeschlachten, kühlschrankähnlichen Gebilden, die in alten Science Fiction-Filme aus Hollywood immer wieder für Heiterkeit sorgen.

Aber Rex verfügt durchaus über ein differenziertes Innenleben. Hier leistet der Verfasser gute Arbeit, wenn er das Balancieren zwischen geistlosem Gehorsam und dem Erwachen maschineller Intelligenz beschreibt. Rex ist ein Gefangener seiner Programmierung, aber er macht sich frei davon, will kein Sklave mehr sein. Insofern erinnert er an den allseits beliebten Androiden-Pinocchio Mr. Data aus dem „Star-Trek“-Universum. Womöglich verdankt dieser seine Entstehung auch diesem Rex, der in den 1950er und 60er Jahren Held einer lang laufenden Radio- und Buchserie war.

Anpassung als Erziehungsziel

Paul, der menschliche Held, ist keine Figur, die heute zur Identifikation einlädt. Das liegt nicht nur an der plumpen Masche, mit der die Leser hier auf Linie gebracht und zu gehorsamen Bürgern erzogen werden sollen. Schon Anno 1965 muss Paul ein anachronistisches Kinderbild verkörpert haben. Vergessen wir einmal die Tatsache, dass er angeblich 16 Jahre alt ist. Er verhält er sich und redet wie ein Zwölfjähriger – kein besonders heller Zwölfjähriger übrigens. Hat Paul die Gelegenheit, sich den Wanst vollzuschlagen, ist für ihn die Welt eigentlich in Ordnung. (Fragt sich indes, ob die deutsche Übersetzung im Bemühen, ein ‚richtiges‘ Kind zu schaffen, hier womöglich noch eins draufsetzt.)

Die charakterliche Eindimensionalität wirkt nicht nur störend, sondern geradezu schizophren: Auf der realen Erde des Jahres 1965 – in diesem Jahr entstand „Der unschuldige Roboter“ – hätte Paul noch zwei, drei kurze Jahre, bevor ihn seine in den Wolken thronende Regierung in ein Land namens „Vietnam“ schicken würde. Wie lange würde ein solcher Simpel dort wohl überleben? Ist das Vietnam-Bild zu weit hergeholt? Dann lese man aufmerksam z. B. S. 114: „Erdmänner und ihre Frauen sind immer sehr selbstbewusst und sicher in ihrem Auftreten, deshalb sind sie nicht sehr beliebt bei den Völkern der übrigen Planeten und Satelliten. Ich habe das nie ganz begriffen, denn die Erdmenschen haben für die Allgemeinheit immer viel getan. Sie … gaben den Völkern auf anderen Planeten viel bessere Lebensmöglichkeiten. Deshalb denke ich, die anderen Völker sollten den Erdmenschen dankbar sein und sie lieben. Aber das tun sie nicht.” Da Paul Simpsons Zukunftswelt uramerikanisch ist, ersetze man „Erdmenschen“ durch „US-Amerikaner“, und schon lesen wir ein altbekanntes Klagelied.

Captain Becker gibt den abgebrühten Raumbären mit eisenharter Schale und goldenem Herzen, ohne dass der Verfasser nur eines der damit verknüpften Klischees vergäße. Die „Terrabelle“ ist eine Art Frachtschiff des Weltalls, malerisch verkommen und vermutlich mit einem Steuerrad in der Kommandokanzel. Nach Feierabend setzt sich der Captain als Nachfahre unabhängiger Cowboys und Trucker  vor ein Radio (!) und hört Musik. Ansonsten sieht er seinem Bart beim Wachsen zu. Auch alle anderen Figuren, denen Paul und Rex auf ihrer Reise begegnen, sind auf wenige und grob skizzierte Züge reduziert: wackere Weltraum-Siedler, grimmige Detektive, tüchtige Polizisten usw. Liest man um solche Inseln didaktisch wertvoller Belehrungen herum, entwickelt diese Geschichte einen gewissen nostalgischen Reiz, dem man sich schwer entziehen kann.

Autor

Ramon Felipe San Juan Mario Silvio Enrico Smith Heathcourt Brace Sierra y Alvarez del Rey y de los Verdes, genannt Lester del Rey (1915-1993), gehört zu den zahlreichen US-amerikanischen Science Fiction-Autoren, die ihre Karriere im „Goldenen Zeitalter“ vor dem II. Weltkrieg begannen. Trotz des exotischen Namens stammt del Rey aus dem Mittelwesten. Während der Großen Depression in den 1930er Jahren kam er nach New York und versuchte sich nach einigen schlecht bezahlten Aushilfsjob als Autor. „The Faithful“, seine erste Story, fand sogleich das Interesse von John W. Campbell, der sie im Magazin „Astounding“ veröffentlichte, zu dessen Stammautoren del Rey in den frühen 1940er Jahren wurde.

Nach dem Krieg arbeitete del Rey auch als Herausgeber für diverse Magazine. 1952 startete er eine unter seinem Namen erscheinende, sehr erfolgreiche SF-Serie für Jugendliche: „The Runaway Robot“.

1970 heiratete del Rey Judy Lynn und gab ab 1975 Ballantine’s „Del Rey Books“ heraus, eines der wichtigsten SF-Labels überhaupt. Nach dem überraschenden Tod von Judy Lynn del Rey 1986 arbeitete Lester del Rey allein weiter, bis er sich 1991 zurückzog.

„Der unschuldige Roboter“ gehört zu der weiter oben erwähnten Serie gleichen Namens. Hier griff del Rey nicht selbst zur Feder. Unter seinem Namen und nach seinem Exposé schrieb der Routinier Paul W. Fairman (1916-1977), der schütteren Eigenruhm mit seinen Fortsetzungen der klassischen „Frankenstein“-Saga errang.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

Titel bei Amazon.de
Titel bei Booklooker.de

Duell in der Tiefe

Irrfahrt zur Venus

Reiseziel: Mond

Space Cadet

sfbentry

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.