61 Stunden

Lee Child
61 Stunden

(Jack Reacher, Bd. 14)

(sfbentry)
Originaltitel: 61 Hours (London : Bantam Press/Transworld Pub./Random House Company 2010; New York : Delacorte Press 2010)
Übersetzung: Wulf Bergner
Deutsche Erstausgabe (geb.): November 2013 (Blanvalet Verlag)
443 S.
ISBN-13: 978-3-7645-0418-2
eBook: November 2013 (Blanvalet Verlag)
891 KB
ISBN-13: 978-3-641-08876-7
Hörbuch-Download: November 2013 (Random House Audio)
Gelesen von Frank Schaff
Laufzeit: ca. 733 min. (ungekürzte Lesung)
ISBN-13: 978-3-8371-2298-5

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Das geschieht:

Wie üblich ist Reacher nur auf der Durchreise, als der Bus in einem besonders einsamen Winkel des US-Staates South Dakota strandet. Da mitten im Winter Schnee und Eis die Behörden überall in Atem halten, werden die Passagiere erst einmal in die Kleinstadt Bolton gebracht und versorgt, obwohl man wenig glücklich über die ‚Gäste‘ ist: Bolton wird belagert.

Vor einiger Zeit hat sich die Gemeinde entschlossen, den Bau eines Bundesgefängnisses zu genehmigen. Da die Arbeitslosigkeit rapide sank, erlaubte man zusätzlich den Bau eines Staatsgefängnisses. Seitdem ist Bolton eine Gefängnisstadt, die für den neuen Wohlstand einige Zugeständnisse machen muss. So sitzt aktuell der Anführer einer kriminellen Biker-Bande ein, die sich ihren Lebensunterhalt durch den Verkauf von Metamphetaminen verdient. Nur eine Zeugin traut sich, vor Gericht gegen diesen Mann auszusagen, weshalb der gefürchtete Großdealer Plato einen Killer in Marsch gesetzt hat, um genau dies zu verhindern.

Polizeichef Holland und sein Stellvertreter Andrew Peterson haben sich Reachers Akte kommen lassen und sind beeindruckt. Sie bitten den ehemaligen Militärpolizisten um Hilfe, denn offensichtlich ist der Killer bereits in der Stadt: Ein Opfer wurde bereits gefunden, aber niemand weiß, wie man eine solche Fahndung organisiert. Außerdem ist die Polizei verpflichtet, sofort in voller Besetzung das Gefängnis anzufahren, wenn dort Alarm gegeben wird – ein Missstand, der natürlich auch dem Killer bekannt ist.

Da Reacher kein Mitglied der Polizei ist, kann er die Zeugin auch bewachen, wenn ein Fehlalarm ausgelöst wird. Reacher lässt sich nicht lange bitten, denn ihm gefällt der Mut der schon älteren Janet Salter. Unterschätzt hat er allerdings den Winter, der die Wache nicht nur erschwert, sondern in eine lebensgefährliche Belastung verwandelt. Zu allem Überfluss mehren sich die Anzeichen dafür, dass der Killer mindestens einen Spitzel in der örtlichen Polizeistation platziert hat …

Winterliches Intermezzo mit (blutroten) Flecken

Zum 14. Mal gerät Reacher, der angeblich nur sein Heimatland bereisen will, in eine mehr als kriminelle Situation. Dieses Mal gesteht er es sich freilich selbst ein: Er legt es genau darauf an, um den Strolchen anschließend dort die Hölle heiß zu machen, wo das Gesetz sie normalerweise nicht zu fassen bekommt.

Die Story ist also typisch für die Reacher-Serie, sie wird wieder einmal variiert. Dass sie dennoch weiterhin so großartig unterhält, muss daran liegen, dass sie simpel aber perfekt ist. Solche Geschichten gibt es; ihre Zahl ist begrenzt, und nicht nur die Unterhaltung lebt von ihr.

Vielleicht liegt die Kunst darin, sie nicht unnötig auszupolstern, sondern sie im Gegenteil auf ihre Grundkonstanten zu beschränken. Hier bedeutet das: eine isolierte Stadt, ein wackerer Mann gegen eine Übermacht vertierter Schurken, von denen einige sich als Verbündete tarnen. Schon und vor allem der klassische Western hat diese Situation geliebt. „Zwölf Uhr mittags“ kommt einmal auch deshalb in den Sinn, weil Reacher eine weitere Idee übernimmt: „61 Stunden“ heißt sein Roman, und über 61 Stunden erstreckt sich die Handlung, bis das große, dieses Mal besonders eruptive Finale beginnt.

Countdown läuft

Wie es die Konvention fordert, ist der Ehrenmann in der Not allein. Anders als Sheriff Kane ist Reacher allerdings nicht bereit, sich einem unmenschlichen Gegner gegenüber fair zu verhalten. Wen er als Strolch identifiziert hat, muss sich auf Probleme einstellen: Reacher hält niemandem die andere Wange hin, sondern behält sich den ersten Schlag vor. Diesem folgt in der Regel ein Gnadenstoß, denn Reacher rechnet mit der Hinterlist des Bösewichts und kommt ihm vorsichtshalber zuvor – eine Lektion, die nicht immer überlebt wird.

Für den politisch korrekten Leser ist Reacher deshalb ein Anti-Held und trägt Mitschuld an der Schlechtigkeit dieser Welt. Der weniger tugendhafte (oder selbstgerechte) Zeitgenosse freut sich, wenn Drecksäcke wenigstens auf dem Papier endlich einmal bekommen, was sie verdienen, ohne es realiter immer zu bekommen.

Autor Child gibt sich viel Mühe, Reachers Fäuste nur gegen wirklich fiese Gestalten zum Einsatz zu bringen. Er hat ein Talent für die Erschaffung von Figuren, die man fürchtet und hasst. Vor allem der Oberfinsterling Plato lässt schaudern: ein ungebildeter Psychopath mit Führungsqualitäten, der seine Organisation arbeitstüchtig hält, indem er in Sachen Brutalität die eigenen Schergen übertrifft. Für Plato sind Menschen Schafe und Kaninchen. Die einen schert man, mit den anderen stellt man Experimente an, denn Plato interessiert sich für die Leidensfähigkeit seiner Mitbürger und stellt diese gern und bedrückend einfallsreich auf die Probe.

Das Glück ist mit dem Schlagkräftigen

Während Child uns schon früh mit Plato konfrontiert, hüllt er den Killer, dem Reacher ins Handwerk pfuschen soll, spannungsförderlich in Anonymität. Klar ist, dass ihn Held und Leser längst kennengelernt haben, bevor die Maske fällt. Krimitypisch ist er eine der besonders unverdächtigen Figuren. Leider gelingt Child dieser Trick nicht; wer sich ein bisschen im Genre auskennt, kommt früh darauf, wer der Lump sein muss.

Das bleibt auch Reacher nicht verborgen, der darüber in eine echte Sinnkrise gerät. Offensichtlich sieht Child den Zeitpunkt gekommen, hinter der harten Schale den Menschen Reacher zu betonen. Das muss er nicht unbedingt in dieser Intensität fortsetzen, um es einmal vorsichtig zu umschreiben: Reacher war und ist nicht der Typ, der an der menschlichen Gemeinheit verzweifelt.

Deshalb ist auch der an sich hübsche Einfall, ihn in eine tiefenpsychologische Diskussion mit seiner militärischen Nachfolgerin – per Telefon! – zu verwickeln, eher kontraproduktiv. Er hat seine Mission gesucht und gefunden. Wieso er diesen Weg einschlug, ist nebensächlich. Folgerichtig und unwahrscheinlich schnell erholt sich der angeschlagene Reacher, um für das Finale fit zu sein. Schließlich muss er wieder kräftig zulangen, um sich aus einer Todesfalle und die Welt von einigen Mistkerlen zu befreien.

Die einsame Stadt

Wieder beeindruckt die Konsequenz, mit der Child die turbulente Handlung in einer Kulisse spielen lässt, die er bis auf das Notwendigste entkernt hat. Doppelte Böden werden ausdrücklich ausgeschlossen. Bolton, South Dakota, ist wohl schon zur Sommerzeit ein übersichtlicher Ort. Im Winter beschränken sich die Versteckmöglichkeiten erst recht auf wenige Stellen. Gerade die offensichtliche Weite wird zu einem Problem, vor dem sie beide stehen: Reacher und der Killer. Sie legen unterschiedliche aber effiziente Methoden zur Behebung an den Tag.

Natürlich könnte der Zufall für Ereignisschübe sorgen. Child arbeitet allerdings fair: Ursache und Wirkung sind ihm wichtig. Dass sich der Killer schließlich verrät, kann er sich nicht einmal selbst vorwerfen: Reacher ist ihm einfach über. Mehrfach lässt ihn Child seine Beobachtungsgabe und die daraus folgende Schlussfolgerungsstärke unter Beweis stellen.

Dennoch ist Reacher kein Supermann. Auch ihm unterlaufen Irrtümer mit manchmal fatalen Folgen. Gerade dann wird es spannend, weil sich der Leser fragt, wie Reacher sich aus der Bredouille rettet. Als die „61 Stunden“ verstrichen sind, reitet er nicht wie sonst in den Sonnenuntergang und seiner Mission entgegen. Reacher ist verschollen. Selbstverständlich ist er nicht tot; schließlich hat Child die Serie inzwischen mehrfach fortgesetzt. Schon in „Wespennest“ werden wir erfahren, wie er ihm ergangen ist. Wir sind gespannt – kein geringer Erfolg für eine Serie, die in ihre 15. Runde geht!

Autor

Lee Child wurde 1954 im englischen Coventry geboren. Nach zwanzig Jahren Fernseh-Fron (in denen er u. a. hochklassige Thriller-Serien wie „Prime Suspect“/„Heißer Verdacht“ oder „Cracker“/„Ein Fall für Fitz“) betreute, wurde er 1995 wie sein späterer Serienheld Reacher ‚freigestellt‘.

Seine Erfahrungen im Thriller-Gewerbe gedachte Child nun selbstständig zu nutzen. Die angestrebte Karriere als Schriftsteller ging er generalstabsmäßig an. Schreiben wollte er für ein möglichst großes Publikum, und das sitzt in den USA. Ausgedehnte Reisen hatten ihn mit Land und Leuten bekannt gemacht, sodass die Rechnung schon mit dem Erstling „Killing Floor“ (1997, dt. „Größenwahn“ aufging. 1998 ließ sich Child in seiner neuen Wahlheimat nieder und legt seither mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks in jedem Jahr ein neues Reacher-Abenteuer vor; zehn sollten es ursprünglich werden, doch zur Freude seiner Leser ließ der anhaltende Erfolg Child von diesem Plan Abstand nehmen.

Man muss die Serie übrigens nicht unbedingt in der Reihenfolge des Erscheinens lesen. Zwar gibt es einen chronologischen Faden, doch der ist von Child so konzipiert, dass er sich problemlos ignorieren lässt. Jack Reacher beginnt in jedem Roman der Serie praktisch wieder bei null.

Aktuell und informativ präsentiert sich Lee Childs Website.

Kurzkritik für Ungeduldige: Reacher, reisender Streiter für die Gerechtigkeit, strandet in einer US-Kleinstadt, die von Eis & Schnee isoliert, von rebellischen Bikern belagert und von einem Killer bedroht wird, während ein Drogen-Warlord mit seiner Privatarmee anrückt … – Auch in seinem 14. Abenteuer steht Reacher weitgehend allein gegen offen brutale und getarnte Schurken, die er trotz Überzahl einfallsreich das Fürchten lehrt: spannend und schnell und ungeachtet bekannter Handlungsmuster ausgezeichnete Unterhaltungslektüre.

[md]

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