Adrenalin

Greg Iles
Adrenalin

(Penn-Cage-Serie, Bd. 3)

Originaltitel: The Devil’s Punchbowl (New York : Scribner 2009)
Übersetzung: Bernd Rullkötter
Deutsche Erstausgabe: Februar 2011 (Bastei-Lübbe-Verlag/Allgemeine Reihe 16542)
653 S.
ISBN-13: 978-3-404-16542-1
eBook: Januar 2011 (Bastei-Lübbe-Verlag)
ISBN-13: 978-3-8387-0234-6

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Das geschieht:

Penn Cage ist Bürgermeister der alten Stadt Natchez, die im US-Staat Mississippi am Ufer des gleichnamigen Flusses liegt. Früher war er Bezirksstaatsanwalt und hat Schurken gejagt, was ihm noch heute im Blut liegt, weshalb er umgehend hellhörig wird, als ihm Tim Jessup, ein alter Freund Unglaubliches berichtet: An Bord der „Magnolia Queen“, eines schwimmenden Casinos, das auf dem Mississippi dümpelt und der Stadt gutes Geld in die Kasse schwemmt, sollen illegale Hundekämpfe stattfinden und minderjährige Mädchen zur Prostitution gezwungen werden. Noch schlimmer: Jonathan Sands, der nur scheinbar honorige Geschäftsführer, frisiert die Geschäftsbücher und betrügt Natchez um Steuergelder!

Dummerweise hat Sands sich gut abgesichert. Bei dem Versuch, belastende Beweise zu sichern, wird Jessup erwischt, gefoltert und schließlich ermordet. Zuvor ist es ihm freilich gelungen, seinem Mörder nicht nur eine DVD zu stehlen, die dessen Untaten dokumentiert, sondern diese auch so zu verstecken, dass Sands sie nicht findet. Dies soll Cage übernehmen: Sands lässt seine Maske fallen und droht dem Bürgermeister mit grässlichen Toden für sein Töchterlein Annie, die Eltern und alle lieben Freunde, wenn Cage nicht besagte DVD binnen 24 Stunden herbeischafft.

Leider hält Sands Natchez fest in seinem Würgegriff. Seine Schergen haben die Polizei unterwandert, überwachen Telefon und Internet und sind auch sonst überall wachsam präsent. Der verzweifelte aber tapfere Mann mag sich solcher Schurkentücke trotzdem nicht beugen. Glücklicherweise steht Cage nicht gänzlich allein: Siehe, da ist Caitlin Masters, seine ehemalige und noch immer heimlich Geliebte, die nicht nur wunderschön, sondern auch eine unbestechliche Enthüllungs-Journalistin ist! Zusammen mit einigen kernigen Jungs bietet man Sands & Co. die Stirn, was für die üblichen Rückschläge und spannende Rettungen in aller-allerletzter Sekunde sorgt!

Mainstream ist’s, wenn’s vor allem kracht

Nichts erwärmt das Herz des realitätsgeschädigten Lesers stärker als die Geschichte vom einsamen aber unverdrossenen Jedermann, der dem unmoralischen, höhnischen, übermächtigen Bösewicht so richtig in den Arsch tritt! Wer gerade wirklich finster gestimmt ist, weil das Finanzamt, der Chef, die Schwiegermutter oder andere gesichtslose aber unangreifbare Lästlinge nerven, sieht es gern, wenn dem Schurken das Fell buchstäblich über die Ohren gezogen wird; friedlichere Leser mögen dies zwar auch, schätzen es aber, wenn dem politisch korrekt ein Feigenblatt vorgeschoben wird. Deshalb betont Penn Cage stets die Notwendigkeit, grundsätzlich das Gesetz walten zu lassen; Gewalt darf nur ins Spiel kommen, wo Justizia nicht nur blind, sondern auch hilflos weil durch das eigene Regelwerk gefesselt ist. (Damit es im Finale trotzdem zu einem epischen Akt der Selbstjustiz kommen kann, muss der Verfasser den Lumpen selbstständig und buchstäblich ins Maul des Todes stolpern lassen.)

Der Gerechte steht nicht nur im US-Western meist allein. Es ist per se spannend (und beruhigend vorbildlich), wenn jemand, der nüchtern betrachtet ohne Chance ist, im Dienst der guten Sache nicht das Hasenpanier, sondern die Initiative ergreift. Köpfchen gegen Kapital, Korruption & Kampfkraft: Wie diese Rechnung wider Erwarten aufgeht, ist immer wieder spannend zu beobachten.

Für die Schaffung dieser Spannung ist der Erzähler zuständig. Greg Iles weiß, wie man sie schürt. Leider bringt er sie nie zur Zündung. „Adrenalin“ bietet dem martialischen deutschen Titel zum Trotz nur Schriftsteller-Dienst nach Vorschrift. Obwohl der Plot selbst denkbar simpel ist – was kein Nachteil sein muss –, walzt ihn der Verfasser auf unglaubliche 650 Seiten aus. Um dies zu schaffen, bündelt Iles bewährte Situationen, Orte und Figuren, die er routiniert zum Scheinleben erweckt.

Aus der Bratpfanne mitten ins Feuer

Ständig geschieht Aufregendes; dies bemüht sich der Autor uns jedenfalls zu suggerieren. Dabei subtil zu sein, ist Iles‘ Sache nicht. Er schreibt Romane, die nicht zum Denken anregen, sondern ausschließlich unterhalten sollen. Dabei bedient er sich gern der Methoden des Fernseh-Krimis. Konspirative Treffen finden um Mitternacht auf dem Friedhof statt. Bedrohliche Präsenz korrupter Gesetzeshüter wird durch nächtlich blinkende Polizei-Blaulichter signalisiert. Anwälte sind per se verdächtig. Die schöne Caitlin demonstriert journalistische Glaubwürdigkeit, indem sie ihrem Ex-Gefährten in der Pressekonferenz zwar sinnlose aber scharfe Fragen stellt. Als sie den Lumpen in die Falle geht, ist sie bei ihren intensiven Ausbruchsversuchen zufällig völlig nackt. Nach einiger Zeit reizt solche Unverfrorenheit unwillkürlich die leserlichen Lachmuskeln.

Viele Seiten widmet Iles der Aushebung seiner „No Expendables“. Nach und nach findet eine kleine aber feine Schar um Cage zusammen. Seine Verbündeten eint neben der Liebe zur Gerechtigkeit und den USA das unkonventionelle Auftreten. Durch harte und ehrliche Arbeit zu Wohlstand oder gar Reichtum gekommen, bleiben sie dennoch Männer des Volkes, denen dreiste Strolche ein Dorn im Auge sind, da sich der wahre US-Amerikaner auf Politiker, Juristen und ähnliche Wortverdreher besser nicht verlässt, sondern auf die Stimme seines Herzen (und seine Fäuste) hört, die ihm zuverlässig sagt, wie man mit Problemen der beschriebenen Art umgeht.

Also ergreift man selbst die Initiative. Sands und seine Schergentruppe werden geschickt (früher benutzte man das Wort „pfiffig“) unterwandert und ausgehebelt. Gleichzeitig zeigt man auch den allzu übereifrigen und das Recht verbiegenden Terroristenjägern – FBI, Justizministerium, Heimatschutz – die rote Karte. Die scheinbare Omnipräsenz des Bösen erweist sich als Schreckgespenst in einer Welt, die zumindest in ihrer literarischen Inkarnation den Mutigen obsiegen lässt.

Rückschläge gehören zum Siegesmarsch

650 Buchseiten bieten mehr als genug Raum für ein ständiges Hin und Her. Natürlich sind die Finsterlinge misstrauisch. Wenn die Gutmenschen allzu schnell Boden gut zu machen drohen, hebt Iles einfach den Schatten der Unwissenheit über bösen aber blöden Augen und lässt die Schufte kurz erblicken, was ihre Gegner gerade trickreich einfädeln. Sofort werden Gegenattacken geritten, die das Finale erneut in die Ferne rücken lassen.

Dumm, dass die Helden stets mit einer auf den Rücken gebundenen Hand kämpfen müssen. Stets stolpert ein – meist weibliches – Opfer den Widerlingen vor die Füße, um als Geisel missbraucht oder umgebracht zu werden; das eine soll den Leser vor Sorge, das andere vor Entrüstung zittern lassen. Diese Reaktion erfolgt allerdings eher pflichtschuldig, da Iles stets anzudeuten scheint, dass besagte Opfer für ihr Schicksal selbst die Schuld tragen, da sie schwach oder zumindest nicht so smart wie Cage und seine Mitstreiter sind.

Manchmal sind die Guten schlicht langweilig wie Cages altmodisch ehrpussliger Dad oder seine klammernde Tochter. Man sieht Sands Augen förmlich leuchten, wenn er sich an der Familie, dem Salz der US-Erde, zu vergreifen droht – so böse, dass sich der Leser das Lachen schon wieder kaum mehr verbeißen kann. Das lenkt von der Frustration ab, den üblichen Umtrieben eines Schurken im Cäsarenwahn beiwohnen zu müssen, der seine Eroberungs- und Rachepläne so überkompliziert und lahm umsetzt, dass er niemals obsiegen wird.

Wie es sich für einen Bilderbuch-Schuft gehört, steht Sands ein tückischer Schlagetot zur Seite, der dieses Mal sogar erst nach seinem Chef ins Gras beißen muss. Weil doppelt genäht nach Iles‘ Meinung besser hält, wird Sands außerdem von einem bösen Hund begleitet, den der Autor Tücke & Hinterlist förmlich ausdunsten lässt, wenn er ihn bellfrei und gern in der Dunkelheit auf Menschenjagd schickt.

Old Man River

Natchez ist eine real existierende Stadt, und Greg Iles ist ihr Bürger. Ob man dort über seine recht spezielle Art der Außenwerbung erfreut ist, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Iles kennt ‚seine‘ Stadt und ihre Geschichte; er nutzt dieses Wissen zur Schaffung plastisch wirkender Schauplätze. Allerdings gleitet er dabei leicht ins Schwafeln und erneut ins Klischee ab. Die Südstaaten der USA sind vor allem dort, wo der Mississippi in Sichtweite ist, Heimat lauter, grober, schlauer, rassistischer, scheinheiliger, korrupter Zeitgenossen, die gern in alten Plantage-Villen mit Säulen-Fassaden residieren. Immer ist es heiß und schwül, selten fehlt ein Ausflug in moosig-schimmelige, von Reptilien, Moskitos u. a. fiesen Kreaturen heimgesuchte Sümpfe.

Iles hält sich strikt an diese und ähnliche Vorgaben. Er verschneidet sie mit weiteren Klischees, zu denen hier die chinesische Mafia gehört, die sich dräuend in die ohnehin ob der asiatischen Konkurrenz nervösen Vereinigten Staaten schummelt. Dazu gehört eine schöne aber mysteriöse Halb-Asiatin und ein vertierter Triaden-Boss: Noch immer sieht der US-Leser offenbar ‚seine‘ China-Schurken in bewährter Dschingis-Khan- & Fu-Manchu-Tradition gern un-heimlich, undurchschaubar und unaufhörlich im Untergrund wimmeln & an den Grundfesten des American Way of Life nagen.

Wenigstens in der fiktiven Welt enden solche Aktionen mit dem blutnasigen Aufprall am blanken Schild des Helden. Geschunden aber ungebrochen wettert dieser mit seinen Gefährten die Attacken der Bösewichte ab, bis diese ihr Pulver verschossen haben. Opfer bleiben dabei nicht aus, doch das stärkt die Moral und bietet die willkommene Gelegenheit für Tragik und Gefühlsausbrüche, mit denen der Verfasser die Vorbildfunktion seiner Guten unterstreichen kann.

Nach turbulenten 650 Seiten ist der typische Iles-Leserkunde zufrieden und die Welt wieder in Ordnung. Sie war auch vorher nie wirklich in Gefahr, sondern immer nur Bühne für sauber aber aalglatt gedrechselte Action mit (mühsam) gezügeltem Law & Order-Unterton. Wem solche Hausmannskost schmeckt, wird mit „Adrenalin“ einmal mehr zufrieden sein.

Autor

Greg Iles wurde 1960 als Sohn eines US-Botschaftsarztes im deutschen Stuttgart geboren. Als die Dienstzeit des Vaters endete, ging die Familie in die Vereinigten Staaten zurück, wo Iles in Natchez, Mississippi, zur Schule ging und an der University of Mississippi studierte.

Nach seinem Abschluss (1983)  spielte Iles mehrere Jahre in einer Rockband. Anfang der 1990er Jahre arbeitete er an einem ersten Roman. 1993 erschien „Spandau Phoenix“, ein Historien-Thriller um den deutschen Kriegsverbrecher Rudolf Hess. Obwohl Iles schnell auch in Deutschland erfolgreich veröffentlicht wurde, blieb sein Erstling hierzulande ohne Übersetzung.

Greg Iles ist ein fleißiger Autor. Jährlich bringt er ein vielhundertbändiges Werk auf den Buchmarkt. Er schreibt Thriller ohne bzw. mit vor allem vorgeblichem Tiefgang, die sich routiniert der einschlägigen Klischees bedienen und damit ideale Kandidaten für die Bestsellerlisten der lesenden Welt sind.

Über sein Werk informiert Greg Iles auf dieser Website.

Copyright © 2011/2017 by Michael Drewniok (md)

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