Affentheater

Carl Hiaasen
Affentheater

Originaltitel: Bad Monkey (New York : Alfred A. Knopf/Random House Inc. 2013)
Übersetzung: Marie-Luise Bezzenberger
Deutsche Erstausgabe (geb.): April 2014 (Manhattan im Goldmann Verlag)
398 S.
ISBN-13: 978-3-442-54740-1
eBook: April 2014 (Manhattan im Goldmann Verlag)
648 KB
ISBN-13: 978-3-641-12928-6

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Das geschieht:

Andrew Yancy, bisher Detective im Dienst der Polizei von Monroe County im US-Staat Florida, hat sich im Zorn dazu hinreißen lassen, den Gatten seiner Geliebten mit einem tragbaren Staubsauger zu schänden. Leider wurde die Untat durch zahlreiche Handy-Kameras dokumentiert. Um den ohnehin nicht besonders guten Ruf seines Reviers zu schonen, hat Sheriff Summers Yancy suspendiert bzw. ihn in die „Divisions of Hotels and Restaurants“ strafversetzt. Dort muss Yancy als Gesundheitsinspektor die Küchen der örtlichen Gastronomie auf Schmutz und Ungezieferbefall überprüfen. Was er während dieser „Schaben-Patrouillen“ regelmäßig entdeckt, hat den entsetzten Yancy bereits besorgniserregend abmagern lassen.

Er will unbedingt zurück in den Polizeidienst. Der Zufall bzw. der arbeitsfaule Summers spielt ihm einen abgebissenen Menschenarm zu. Offensichtlich ist der Unternehmer Nick Stripling beim Angeln über Bord gegangen und wurde von den Haien gefressen. Yancy soll den Arm verschwinden lassen, denn Summers will sich lieb Kind bei den örtlichen Geschäftsleuten und Politikern machen, die ungern an die Öffentlichkeit dringen lassen, dass Floridas Gewässer für Touristen nicht ganz ungefährlich sind.

Statt die ‚Bitte‘ zu erfüllen, beginnt Yancy privat zu ermitteln. Wie erhofft stößt er tatsächlich auf Ungereimtheiten. Stripling war offensichtlich ein Betrüger, der bereits das Interesse des FBI erregt hatte. Als kurz darauf zwei Männer erschossen werden, mit denen Stripling nachweislich bekannt war, intensiviert Yancy seine Bemühungen – und entrinnt selbst nur knapp dem Tod. Da handfeste Beweise fehlen, greift die Polizei nicht ein. Yancy folgt einer Spur auf die Bahamas. Dort hat ein reicher Geschäftsmann aus den USA mit dem Bau einer Feriensiedlung begonnen. Zwischen diesem Christopher Grunion und dem verschwundenen Stripling gibt es eine Verbindung, da ist sich Yancy sicher. Leider ist er als Geheimagent nur bedingt tauglich und setzt durch sein Ungeschick eine Kette verhängnisvoller Reaktionen in Gang …

Gier als Naturgesetz

Meeresblick und Sommerwärme wirken sich dämpfend auf das menschliche Misstrauen aus. Wo derartiges geschieht, lassen Kriminelle nicht lange auf sich warten: Auch reiche und deshalb notorisch misstrauische Männer und Frauen sind abgelenkt, wenn sie sich allzu wohl fühlen. In dieser Atmosphäre ist es einfacher, faule Geschäfte zu tätigen.

Florida gilt als US-Sonnenscheinstaat. Die riesige Halbinsel ragt weit hinaus in den Golf von Mexiko. Das Klima ist quasi tropisch, das schöne Wetter verlässlich, weshalb sich unzählige US-Rentner in Florida niederlassen, um sich die alternden Knochen wärmen zu lassen. Auch als Urlaubsziel sind die Halbinsel und vor allem ihre Südspitze beliebt. Wer es sich leisten kann, baut gern direkt am Wasser und verankert dort ein großes, teures Boot.

Da der Andrang gewaltig, die Zahl der Sahnestück-Grundstücke jedoch begrenzt ist, liegt es nahe, lästige Naturschutzgesetze durch Geldgeschenke aufzuweichen. In Florida ist diese Art der Bestechung ein bekanntes und nach Ansicht ablehnend gesonnener Zeitgenossen allzu lax verfolgtes Verbrechen. Carl Hiassen hat sich zur Aufgabe gemacht, entsprechende Praktiken anzuprangern. Da er als Journalist weiß, dass die breite Masse Belehrungen oder gar Predigten hasst, kleidet er dies in ebenso spannende wie humorvolle Thriller.

Man lacht, obwohl Zorn und Zynismus des Verfassers deutlich durchscheinen. Die Zerstörung der letzten Refugien einer ohnehin ausgebeuteten Landschaft ist in der Tat nicht nur kriminell, sondern auch moralisch verworfen. Vor allem die Moral nimmt Hiassen aufs Korn, denn sie segnet bereits in der Grauzone zwischen Legalität und Verbrechen das Zeitliche. Nicht alles, was gestattet ist, sollte auch umgesetzt werden, so Hiassen, der seine Figuren deshalb regelmäßig zu zivilem Ungehorsam anstiftet. In „Affentheater“ führt dies zu einem Nebenstrang, der Andrew Yancy dabei zeigt, wie er einem habsüchtigen Immobilienmakler ebenso einfallsreich wie absurd das Geschäft versaut.

Auch kleine Fehler ziehen Chaos nach sich

Der Ehrliche ist bei Hiaasen stets der Dumme – zunächst jedenfalls, da der Autor gern die Gelegenheit nutzt, wenigstens in seinen Romanen ein wenig Gerechtigkeit walten zu lassen. Die reine Seele dieser Geschichte ist allerdings nicht Andrew Yancy. Obwohl dieser ein (vor allem für Florida-Verhältnisse) guter, d. h. vor allem unbestechlicher Cop war, hat Yancy nichts dagegen, das Recht ein wenig zu beugen. Leider ist er gleichzeitig zu ungeschickt, um seine Rückkehr in den Polizeidienst theoretisch zu planen und praktisch umzusetzen.

Doch damit steht er nicht allein, was das Durcheinander noch fördert. Auch Christopher Grunion, sein lange gesichtsloser Gegner, ist kein Moriarty. Als Betrüger hat er abgesahnt, weil er das phlegmatische System ausgetrickst und rechtzeitig die Flucht ergriffen hat. In der auslieferungsfreien Fremde ist er unwissentlich an wesentlich geschicktere Gauner geraten, die ihn in ein obskures Immobilienprojekt gelockt haben und allmählich ausnehmen. Für die Intelligenz, die Hiassen dem vor allem habgierigen Durchschnittshalunken zubilligt, steht exemplarisch diese empörte Äußerung des Schmuddelkochs Luke Motto, dem Yancy den verseuchten Laden dichtmachen will: „Wir sind hier doch nicht in Nazirussland!“ (S. 161)

Grunion ist bereits verdammt, noch während er die Oberhand zu haben scheint. In Florida hat Andrew Yancy einen Dominostein in Bewegung gesetzt, der nun eine Kettenreaktion in Gang setzt, die sich bis in die Karibische See fortsetzt und beim Sturz enorme Turbulenzen verursacht. Menschliches Versagen wechselt sich mit der Tücke des Objekts ab, sodass auch kleine Ursachen große Wirkungen nach sich ziehen.

Dabei lässt Hiaasen das Geschehen gern ins Groteske abdriften. Schon der Auftakt ist typisch: Ein dummer Angler holt nicht nur einen menschlichen Arm aus dem Wasser, sondern lässt sich stolz mit seinem ‚Fang‘ ablichten, der zudem der Welt den Stinkefinger zeigt. Niemand außer Yancy schert sich um das Körperteil, was seine ehemaligen Kollegen einschließt: Ermittlungen kosten Zeit und Geld, die auch Polizisten lieber in karriereförderliche Aktivitäten investieren.

Diese Schraube hat zahlreiche Windungen

Obwohl Hiaasen diese recht grobe Art von Humor seit vielen Jahren einsetzt und vielleicht ein wenig zu viel Routine durchscheinen lässt, entfaltet seine abstruse Komik weiterhin ihren Reiz. Immer wieder glückt Hiaasen ein unerwarteter Hakenschlag, der die Handlung auf eine neue Ebene der Verschrobenheit hebt. In diesem Umfeld ist eine sorgfältige Übersetzung verständlicherweise besonders wichtig; „Affentheater“ hält auch in der deutschen Fassung sicher das Gleichgewicht auf dem schmalen Grat, der trockenen Humor von wässrigem Klamauk trennt.

Realistisch ist diese Form der Handlungszeichnung nicht, sondern beinahe allegorisch: Die Gier macht den Menschen blind und dumm, weshalb er sich selbst zu Fall bringt. Dafür findet Hiaasen eine passende Auflösung: Nicht das Schicksal hat endlich ein Einsehen und zieht den Schurken und seine Schergen aus dem Verkehr. Sie geraten einander in die Haare und schalten sich in einer Aufwallung ultimativer Dämlichkeit selbst aus.

Ungewöhnlich ‚normal‘ ist höchstens der Barbedos-Insulaner Neville. Er war mit seinem einfachen Leben zufrieden, bis seine gierige Halbschwester das gemeinsam besessene Strandgrundstück an Grunion verkauft hat. Neville will und braucht kein Geld, er will seine Heimat zurück. Viele schmerzhafte Lektionen später hat er gelernt, dass diese Haltung in der ‚richtigen‘ Welt weder gewürdigt noch akzeptiert wird. Immerhin bringt Neville den Affen Dribbs in die Handlung, der diesem Buch den Titel gab. Dribbs ist ein weiteres Opfer des Turbo-Kapitalismus‘; vom ehemaligen Darsteller im ersten „Fluch-der-Karibik“-Film ist er zum haarlosen, dauerwütenden Untier herabgesunken. Trotzdem trägt Dribbs gewissenhaft seinen Teil zu dem Wahnsinn bei, der diese Geschichte kennzeichnet.

„Affentheater“ ist weder der beste Hiaasen-Roman, noch kann der Autor wirklich Neues bieten. In seiner Nische ist er allerdings ein König: Wer außer ihm schreibt Grotesk-Thriller in Serie? Oder genauer: Wer außer ihm schreibt GUTE Grotesk-Thriller in Serie? Hin und wieder & auch dieses Mal greift man gern zu einem der Hiaasen-Bücher: Sie enden wie ein Märchen irgendwie positiv, ohne den alltagszynischen Leser in die Gefahr zu bringen, sentimental zu werden.

Autor

Carl Hiaasen wurde 1953 in Florida geboren, ging hier zu Schule, studierte (bis 1974) Journalistik und ging anschließend zum „Miami Herald“. Bei dieser Zeitung ist er noch heute angestellt und schreibt Kolumnen und Berichte, in denen er jene Sünden anprangert, mit denen wir auch in seinen Romanen immer wieder konfrontiert werden. Zu schaffen macht Hiaasen besonders der unentwirrbare Filz aus Politik, Wirtschaft und Verbrechen, der Florida in Sachen Korruption und Umweltzerstörung einen traurigen Spitzenplatz in den USA garantiert.

Da Hiaasen die Erfahrung machen musste, dass seine wütenden Attacken im täglichen Mediengewitter mehr oder weniger untergingen, begann er ab 1981 Romane zu schreiben, die in spannender Thrillerform und scheinbar fiktiv die genannten Missstände auch jenem Publikum nahe zu bringen, die gemeinhin nur den Sportteil einer Zeitung zur Kenntnis nehmen.

Hiaasen schrieb seine ersten drei Romane mit dem Journalisten-Kollegen William D. Montalbano, bevor er sich mit „Tourist Season“ (dt. „Miami Terror“) 1986 quasi selbstständig machte. Schon früh begann er damit, die bittere Medizin, die er verabreichen wollte, zu versüßen, indem er dazu überging, immer groteskere Plots für seine ohnehin actionbetonten Geschichten zu entwerfen. Ironie und Sarkasmus, die jederzeit in blanken Zynismus umschlagen können, demaskieren die Welt, wie Hiaasen sie in Florida vorfindet, als Tollhaus. Die Rechnung ging auf: Weil Hiaasen sein Talent, wirklich krude Geschichten mit knochentrockenem und dadurch um so wirksamerem Witz zu entwerfen, rasch zur Perfektion entwickelte, fand er sein Publikum, das ihm – aus gutem Grund – treu geblieben ist. Er informiert es auf seiner vorbildlichen Website.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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