Auf eigene Faust

Victor Gunn
Auf eigene Faust

(Bill-Cromwell-Serie, Bd. 4)

Originaltitel: Ironside’s Lone Hand (London : Collins 1941)
Übersetzung: Olga Otto
Deutsche Erstausgabe: 1957 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns große Kriminal Romane K 129)
175 S.
[keine ISBN]
Sonderausgabe: 1999 (Orbis Verlag)
160 S.
ISBN-10: 3-572-01053-5

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Das geschieht:

Dr. Peter Cameron ist ein junger aber schon brillanter Gehirnchirurg, der völlig in seiner Arbeit aufgeht. Mit seiner Tante Susan Smalley, die ihm die früh verstorbene Mutter vertritt, lebt er zurückgezogen in einem einsam gelegenen Häuschen im Grünen. Das begünstigt jenen Mörder, der eines Nachts Camerons Schlafzimmer betritt, wo er den Hausherr im Bett zu erdolchen gedenkt. Dort liegt indes ausnahmsweise die Tante, denn Peter operiert einen Notfall im Krankenhaus.

Scotland Yard schickt einen seiner besten Männer: Chefinspektor Bill Cromwell, den man auch „Old Iron“ nennt. Mit seinem Assistenten Johnny Lister sichtet er die wenigen Indizien, zu denen der Dolch gehört, der Susan Smalleys Leben beendete – ein Mordinstrument kroatischer Herkunft, wie Cromwell fachkundig erkennt. Das weist auf den „Dämonischen Kroaten“ Karkoff hin, der just sein Gastspiel als Messerwerfer in einem Zirkus gibt. Von Cromwell und Lister in die Zange genommen, will Karkoff gerade auspacken, als auch ihn ein Dolchstoß aus der Dunkelheit fällt.

So bleiben nur Susan Smalleys letzte Worte, im Todeskampf gerufen und vom Hausmädchen gehört: „Geh nach Strettam!“ Dort liegt der Landsitz Strettam Priory in Südengland, wie Cromwell recherchiert, sowie Lord Strettam, der Hausherr, aufgrund einer seltsamen Gehirnkrankheit im Koma; mit seinem baldigen Ableben ist zu rechnen.

Cromwell bringt Bewegung in die Affäre, indem er mit Cameron nach Strettam Priory fährt. Das wird den Mörder aktiv werden lassen, wobei Cromwell sehr vorsichtig sein muss: Er handelt auf eigene Faust, denn seine Vorgesetzten im Yard konnte er mit seinem Verdacht nicht überzeugen. Das weiß auch der Mörder …

Krimi mit Schauer-Effekten

Ein einsames Haus im Wald, eine tote Tante, gemeuchelt von einem wilden Kroaten; ein abgelegener Landsitz, ein hirnlahmer Lord, als Hausgast ein verrückter Astronom, der in einer mittelalterlichen Miniaturburg mit Geheimgängen haust, dazu drei allzu vertrauenswürdige Erben: Man kann nicht behaupten, dass Victor Gunn 1941 den kriminologischen Alltag im Sinn hatte, als er „Auf eigene Faust“ schrieb. Stattdessen setzte er ohne Skrupel ein, was den Freunden des klassischen Krimis seit jeher mehr Freude bereitete als die Widerspiegelung der schnöden Wirklichkeit, und mischte Geheimnisvolles großzügig mit Elementen des Schauerlichen.

Der Fan des „hard-boiled“-Krimis dürfte sich mit Grausen abwenden, aber der Reiz des Gunnschen Mord-Märchens lässt sich nicht leugnen, wenn man sich nur auf seine eigenen Regeln einlässt. Spannung ist alles, und so lange die Naturgesetze nicht allzu offensichtlich außer Kraft gesetzt werden, darf alles eingesetzt werden, mit dem sie geschürt werden kann. Das sind die weiter oben geschilderten Obskuritäten, die der Verfasser im Detail noch um einige Seltsamkeiten (u. a. Mordattacken mit vergifteten Grammophon-Nadeln!) zu bereichern weiß.

Hinter diesem Blendwerk steckt jedoch ein solide geplottetes Verbrechen samt seiner Aufklärung. Gunn war ein Unterhaltungs-Profi, der sehr genau wusste, wie er sein Publikum zu fassen hatte. Das mag nach modernen Geschmack oft ein wenig zu offensichtlich sein, was aber das Funktionieren auch altmodischer Einfälle nicht unbedingt beeinträchtigt.

Zwei Männer am Beginn einer Krimi-Karriere

Mehr als 40 Fälle lösten „Old Iron“ Cromwell und Johnny Lister zwischen 1939 und 1965. (Die letzten Romane der Serie erschienen postum.) „Auf eigene Faust“ ist erst der vierte, und das macht sich bemerkbar. Noch ist die Ermittlung des Duos nicht zum Ritual erstarrt, und auch die Figurenzeichnung unterscheidet sich stark von dem, was Gunn später buchstäblich aus dem Ärmel seiner Schreibhand schüttelte.

Bill Cromwell ist hier eine weitaus aktivere Gestalt als in späteren Jahren, wo er die Ermittlungs- bzw. Laufarbeit weitgehend seinem Assistenten überlässt und sich auf die Rolle des genialen Detektivs zurückzieht, der die Indizien mustert und ihnen Erkenntnisse abzwingt, die seinen Mitstreitern verborgen bleiben, um im großen Finale für Aufklärung zu sorgen. Johnny Lister, sonst stets in der Nähe, damit er in Vertretung des Lesers Fragen an Cromwell stellen und falsche Schlüsse ziehen kann, bleibt meist außen vor und verschwindet zeitweise gänzlich aus der Handlung.

Stattdessen begibt Cromwell sich selbst in die Höhle des Löwen – ein Vergleich, der hier angemessen klingt, da den Inspektor schon nach dem ersten, scheinbar unverfänglichen Besuch in Strettam Priory fast eine tödliche Kugel trifft. Dass der wirrköpfige Ex-Professor Rath dahintersteckt, glauben weder Cromwell noch die Leser. Hier geht Mysteriöses vor, und der Inspektor muss sich ihm ohne Rückhalt stellen.

Denn dieses Mal kann Cromwell sich nicht auf den Rückhalt des mächtigen Scotland Yard verlassen. Wir sehen ihn in einer deutlich früheren Phase seiner Laufbahn, als er sich die später genüsslich zelebrierten Eigentouren mit stillschweigender Duldung und Unterstützung seiner Vorgesetzten noch nicht gestatten kann. Stattdessen wandelt er auf den Spuren von Sherlock Holmes, wenn er sich kunstvoll verkleidet oder als Camerons Schutzengel unsichtbar in der Wildnis um Strettam Priory postiert, das hier offensichtlich Baskerville Hall ersetzt; zwar schleicht bei Gunn kein Geisterhund durch ein Moor, aber ein Mörder mit Würgeschlinge ist auch kein Zeitgenosse, den man des Nachts gern im Nacken wüsste.

Die üblichen Verdächtigen?

Ebenfalls anders ist der Verzicht auf die später obligatorische Liebesgeschichte. Mit June Fremont ist eine hübsche junge Frau (im zeitgenössischen Sprachgebrauch ein „Mädchen“) im Spiel, die aber nicht die übliche Maid in Not mimen muss. (Selbstverständlich verguckt sie sich später in den schmucken jungen Doktor – und umgekehrt.) Gunn konzentriert sich stärker auf die eigentliche Handlung, die kompakter als üblich voranschreitet und im letzten Drittel vom „Whodunit“ zur spannend getimten Verfolgungsjagd mit dem entlarvten aber nicht festgesetzten Täter mutiert, während das ahnungslose nächste Opfer mit einer hochkomplizierten Gehirnoperation beschäftigt und entsprechend abgelenkt ist.

Für angenehmes Gruseln sorgen kuriose Gestalten wie der „Dämonische Kroate“, der politisch unkorrekt aber effektvoll für südosteuropäisch undurchsichtige Bedrohlichkeit sorgt, oder der „mad scientist“ Rath, der sich so bilderbuchhaft verrückt aufführt, dass es die reine (= naive) Freude ist. Ein eingeborener Köhler, der eigentlich Wilddieb ist, und sein ebenso dralles wie dreistes Weib sorgen für einschlägiges Lokalkolorit, denn Strettam Priory liegt wahrlich jenseits jeder modernen Zivilisation und gleicht einer Exklave des Mittelalters; Gunn treibt den Isolationismus des englischen Landhauskrimis auf die Spitze.

Ohnehin vermeidet der Verfasser sorgfältig eine Datierung des Geschehens. Die erwähnten Ballon-Experimente von Auguste Piccard fanden ab 1931 statt. „Auf eigene Faust“ erschien 1941, doch der II. Weltkrieg wird mit keinem Wort erwähnt. Die Handlung muss daher zwischen 1931 und 1939 und somit noch in der „guten, alten Zeit“ des klassischen „Whodunit“ spielen, in die sich nicht nur die Leser der kriegsgeschüttelten britischen Insel gern zurückversetzen ließen; auch nach 1945 sorgten Gunns Cromwell/Lister-Krimis für eine ablenkende Lektüre, die Hektik und Probleme der Gegenwart nur als diffusen Lärm aus der Ferne berücksichtigten. Das macht den eigentlichen Reiz dieser schlichten aber sauber gestrickten Kriminalgeschichten aus.

Autor

Der Engländer Victor Gunn (1889-1965), dessen richtiger Name Edwy Searles Brooks lautete, war als Unterhaltungs-Schriftsteller ein Vollprofi. Er verfasste für Zeitschriften und Magazine über 800 (!) Romane und unzählige Kurzgeschichten – genaue Zahlen werden sich vermutlich nie ermitteln lassen – unterschiedlichster Genres, wobei er sich diverser Pseudonyme bediente. Der nome de plume „Victor Gunn“ blieb jenen 43 Romanen und Story-Sammlungen vorbehalten, die Brooks zwischen 1939 und 1965 um den knurrig-genialen Inspektor William Cromwell und seinen lebenslustigen Assistenten Johnny Lister verfasste.

In Deutschland ist Gunn vom Buchmarkt verschwunden. Dabei ließ sich sein Erfolg einmal durchaus mit dem seines Schriftsteller-Kollegen Edgar Wallace messen. Eine stolze Auflage von 1,6 Millionen meldete der Goldmann-Verlag, der Brooks als Victor Gunn hierzulande exklusiv verlegte, schon 1964 – eine Zahl, die sich in den folgenden Jahren noch beträchtlich erhöht haben dürfte, bis ab 1990 die Flut der ständigen Neuauflagen verebbte.

Copyright © 2009/2017 by Michael Drewniok (md)

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