Ausbruch

Dominique Manotti
Ausbruch

L‘évasion, Frankreich, 2013
Argument Verlag, Hamburg, dt. Erstausgabe: 04/2014
HC im Taschenbuchformat mit Schutzumschlag und Lesebändchen
Ariadne Krimi 1218, politischer Krimi, Drama
ISBN 978-3-86754-218-0
Aus dem Französischen von Andrea Stephani
Titelgestaltung von Martin Grundmann unter Verwendung eines Fotos von Vitaly Krivisheev, Fotolia.com
Autorenfoto von N. N.

www.argument.de
www.dominiquemanotti.com
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Der junge Kleinkriminelle Filippo Zuliani ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort – oder zur falschen Zeit am falschen Ort, wie man es sehen will: Sein Zellengenosse, der politische Häftling Carlo Fedeli, nutzt die Müllabfuhr für einen Ausbruch. Ohne lange zu überlegen, schließt sich Filippo ihm an. Doch kaum in Freiheit trennen sich ihre Wege, und Filippo wird mit einem Rucksack in den Bergen zurückgelassen. Während er sich Richtung Mailand durchschlägt, fühlt er sich teils von Carlo, den er verehrt hat, verraten, teils hegt er die Hoffnung, dies gehöre zu einem größeren Plan, und er könne sich in Mailand der Gruppe des alten Widerstandkämpfers anschließen. Noch bevor er sein Ziel erreicht, erfährt Filippo aus der Zeitung, dass Carlo bei einem Banküberfall erschossen wurde.

Daraufhin flieht Filippo nach Paris und sucht Hilfe unter der Adresse, die Carlo ihm für den Notfall gegeben hatte. Lisa Biaggi, Carlos Freundin, die schon länger im französischen Exil lebt, ist wenig begeistert vom Auftauchen des Fremden, denn sie ist noch immer nicht über den Tod des Mannes hinweg, auf den sie die ganzen Jahre gewartet hat. Was Filippo ihr erzählt, bestätigt Lisas Verdacht, dass Carlo hereingelegt und die Schießerei vom italienischen Geheimdienst inszeniert wurde. Allerdings will die Gemeinschaft der Exilanten die Nachforschungen nicht unterstützen. Lisa vermittelt Filippo eine Unterkunft bei Cristina Pirozzi, einer Bekannten, er findet eine Stelle als Nachtwächter, und um sich die Zeit zu vertreiben, beginnt er, seine und Carlos Geschichte in Romanform aufzuschreiben. Es ist eine Abrechnung mit Lisa und Cristina, die ihn von oben herab behandelt haben, aber auch mit Carlo, dem er immer noch nachträgt, dass dieser ihn im Stich gelassen hatte – und doch wird es eine Hommage auf den Toten.

Cristina stellt für Filippo den Kontakt zu einem Verleger her, der bereit ist, den Roman zu veröffentlichen. Plötzlich ist der junge Mann ein Star-Autor, doch seine Schilderungen, von denen keiner weiß, ob sie wahr oder erfunden sind, die auch seine Rolle bei dem Ausbruch und dem Banküberfall wichtig erscheinen lassen, wecken nicht nur die Aufmerksamkeit der Exilanten, die Probleme mit der französischen Regierung befürchten, sondern auch die der italienischen Behörden, die schnell und drastisch handeln …

Nach „Letzte Schicht“, „Roter Glamour“, „Einschlägig bekannt“, Das schwarze Korps“ und „Zügellos“ (alle Romane sind im Argument Verlag erschienen), ist der Historikerin Dominique Manotti erneut ein großartiger politischer Krimi gelungen, der so ganz anders ist als das, was man für gewöhnlich bei den Verlagen innerhalb dieses Genres findet.

Es handelt sich hierbei weniger um einen reißerischen Thriller mit viel Action, sondern vielmehr um ein menschliches Drama vor dem realistischen Hintergrund der Unruhen in Italien in den 1970er (Dialoge und Erinnerungen an diese) und 1980er Jahren (laufende Handlung: 1987 – 1988), als politische Extremisten die Arbeiter zu Aufständen aufriefen und sich um eine Beteiligung an der Regierung bemühten, während die Behörden auf diese Aktionen mit nicht minder grausamer Gegengewalt antworteten. Mit dieser Szene hatte die fiktive Hauptfigur Filippo Zuliani nie zu tun, doch aufgrund der Erzählungen seines Zellengenossen Carlo Fedelis verbrämt er in seiner Fantasie die Taten der linken Extremisten, er bewundert den Älteren, glaubt an eine tiefe Männerfreundschaft und wünscht sich, an dem vermeintlich besonderen Leben des anderen teilhaben zu können.

Erst nach der Flucht wacht Filippo aus diesen Träumen jäh auf, aber immer noch nicht richtig. Nach einer Zeit des Haderns, weil Carlo im Gefängnis bloß einen Zuhörer und Bewunderer brauchte, der ihm nach dem Ausbruch lästig wurde, glorifiziert er nach dessen Tod die Begegnung erneut und gibt sich im Rahmen seines Romans eine bedeutende Rolle an der Seite dieses Mannes. Die Konsequenzen daraus führen erwartungsgemäß zu einer neuerlichen Tragödie.

Zerlegt man den Roman in die verschiedenen Ebenen, so findet man außer dem interessanten historischen Background und den persönlichen Dramen der Charaktere noch jene des fiktiven Autors, der anhand seiner Erlebnisse, Erzählungen anderer und Nachrichten aus den Zeitungen einen Roman verfasst, der auf Tatsachen beruht, in dem er die Dinge jedoch in seinem Sinne aufbereitet. Genauso wie die Leser von Filippos Buchs sich fragen, was der Wahrheit entspricht bzw. erfunden wurde, fragt sich auch der Leser von „Ausbruch“, inwieweit die Autoren von (Auto-) Biografien und (auto-) biografischen Romanen ihre Rolle aufwerten und schönen, um besser dazustehen und womöglich etwas vom Ganz der echten Hauptperson abzubekommen. Wie verlässlich sind solche Quellen? – Es wundert nicht, dass solche Bücher prompt Gegendarstellungen nach sich ziehen. In Filippos Fall sind die Konsequenzen noch viel schlimmer. Fakt ist, dass man grundsätzlich niemals einer Aussage allein vertrauen darf und sich immer aus der Summe verschiedener Darstellungen eine Meinung bilden sollte, egal worum es geht.

Die Geschichte ist in dem für Dominique Manottis sachlichen, minimalistischen Stil geschrieben. Sie verzichtet vollkommen auf unnötige Aktionszenen, spannende Höhepunkte und ausgewalzte Tragödien. Dies hat ihr Roman auch gar nicht nötig. Er besticht durch die realistische, homogene Chronologie eines persönlichen Dramas, das nüchtern und wertefrei beschrieben wird. „Ausbruch“ ist i. d. S. keine ‚packende‘ Lektüre, aber sie fesselt durch die Einfachheit der Darstellung und die nachvollziehbaren Beweggründe der Protagonisten, die stets eine gewisse Distanz zum Leser wahren, sowie in ihrer Ganzheit, sodass man den Band voller Faszination ‚auf einen Rutsch‘ durchliest.

Man darf durchaus sagen, dass der Name Dominique Manotti ein Synonym für den politischen Krimi auf hohem Niveau ist. Wer dieses Genre und gleichzeitig Romane abseits des Mainstreams schätzt, wird bestens unterhalten. Ihre Titel sind stets eine Empfehlung wert!

Copyright © 2014 by Irene Salzmann (IS)

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