Barmherziger Tod

Jonathan Stagge
Barmherziger Tod

(Dr.-Hugh-Westlake-Serie, Bd. 2)

Originaltitel: Murder of Mercy (London : Michael Joseph 1937)/Murder by Prescription (Garden City/New York : Doubleday, Doran 1938)
Übersetzung: Ursula von Wiese
Deutsche Erstausgabe: 1949 (Albert Müller Verlag/A. M.-Auswahl 82)
192 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1961 (Sigbert Mohn Verlag/SM Kriminalroman 48)
185 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

In der neuenglischen Kleinstadt Grovestown führt Dr. Hugh Westlake das ereignisarme Leben eines Landarztes und alleinerziehenden Vaters. Sorgen bereiten ihm höchstens das naseweise Töchterlein Daniela sowie eine ärgerliche Namensverwechslung, durch die ihn eine örtliche Tageszeitung gerade als Befürworter der Euthanasie für totkranke Patienten zitierte.

Die im Sterben liegende Madeleine Talbot hat diesen Artikel gelesen und lässt Westlake kommen, der ihr zu einem leichteren Tod verhelfen soll. Westlake lehnt dies ab, obwohl auch Madeleines schöne Tochter Hermia den Witwer unter moralischen Druck setzt. Dagegen scheinen Hermias Schwester Gail, ihr Gatte Conrad Fiske, Madeleines Adoptivtochter Imogene Arthur und vor allem Raynor Talbot, der deutlich jüngere Ehemann der Kranken, sich kaum für Madeleines Schicksal zu interessieren.

Am Morgen nach seinem Hausbesuch ist Madeleine tot – und Westlake steckt in Schwierigkeiten: Nicht nur Diener Joseph und Pflegeschwester Lena Bartholemew machen keinen Hehl aus ihrer Vermutung, dass der Arzt dem Ende der Hausherrin nachgeholfen hat. Der amtliche Leichenbeschauer erfährt davon, und schließlich bekommt Westlake Besuch von Inspektor Cobb, der glücklicherweise nicht nur ein fähiger Ermittler, sondern auch ein enger Freund des Doktors ist, aus dessen Tasche zu allem Überfluss zu viele Morphium-Tabletten verschwunden sind, von denen sich einige im Magen des alten Bill Strong wiederfinden, der tot aus einer Schneewehe gezogen wurde.

Angesichts solcher Ereignisse findet es Westlake höchstens ärgerlich, dass man ihm zwei Kaninchen stiehlt und seinen Papagei erwürgt. Dabei stellen gerade diese Untaten entscheidende Hinweise auf ein teuflisch geschickt eingefädeltes Komplott um Betrug und Mord dar …

Doktor im Netz einer gar nicht netten Familie

Die jeweiligen Verwandtschaftsverhältnisse sind unheilvoll undurchsichtig genug, doch die Mitglieder der gründlich dysfunktionalen ‚Familie‘ Talbot bieten auch individuell kein gutes, sondern höchstens ein irritierendes und schon bald höchst verdächtiges Bild. Die ‚gute‘ Schwester bittet unseren Helden, einen etwas weltfremden Landarzt, die kranke Mutter zu ‚erlösen‘, während die gefühlsarme Mittelschwester ihrem genialischen Gatten, einem mad scientist in der Ausbildung, beim Vivisezieren gestohlener Versuchstiere hilft; die nervenschwache Adoptivschwester ver- und entlobt sich im Tagesrhythmus. Der gar nicht traurige Witwer steigt jeder (vermögenden) Frau hinterher, und vor den Türen des großen Talbot-Hauses hat Diener Joseph stets ein offenes Ohr für Privatangelegenheiten, die sicherlich nicht ihn betreffen.

Mehrere Todesfälle später hat der gute Dr. Westlake noch immer nicht die Regeln des kriminellen Spiels begriffen, in dem ihm die Rolle des Sündenbocks zugewiesen wurde. Mit großem Aufwand und durchaus erfolgreich legt Autor Stagge immer neue Spuren, die ‚eindeutig‘ diese oder jenen aus dem Talbot-Clan als Schuldige/n identifizieren. Dass der Leser ihm dabei immer wieder auf den Leim geht, liegt auch an dem geschickten Schachzug, Westlake als Detektiv wirken zu lassen: Zwar betont er gern gewisse Erfahrungen auf diesem Gebiet, doch tatsächlich geht er denkbar dilettantisch zu Werke und ist zu allem Überfluss liebeskrank. Deshalb lässt Westlake guten Willens aber ungeschickt belastende Beweise verschwinden, deutet Indizien prinzipiell falsch und lässt sich generell so gründlich an der Nase herumführen, dass es nicht einmal Inspektor Cobb gelingt, das von seinem Freund angerichtete Chaos schnell genug zu ordnen.

Intrigen und Rätsel

Auf der einen Seite haben wir den „Whodunit“ in seiner klassisch reinen Form. Als Kulisse bietet das Talbot-Haus genug versteckte Winkel und dunkle Ecken, in denen sich neugierige Diener oder lauschende Mörder verbergen können. Noch funktioniert die neu installierte elektrische Beleuchtung nicht, und es gibt einen kerkerähnlichen Keller, dem Stagge nicht widerstehen kann: Aus seinen Mauern ertönen schreckliche Schreie, und als Dr. Westlake irgendwann planschwach wie üblich in den unterirdischen Gewölben umhertappt, ist der Moment für ein Intermezzo gekommen, das sich gut in einem der zeitgenössischen Gruselfilme machen würde: „The Cat and the Canary“ (1927) und „The Old Dark House“ (1932) lassen grüßen.

In die Trickkiste des Rätselkrimis gehören absichtsvoll bizarre Indizien, hier ein erdrosselter Papagei, Leichenfunde dort, wo man ganz sicher nicht mit ihnen rechnet, oder kunstvoll ausgestreute Verdachtsmomente, die allmählich immer ‚eindeutiger‘ auf eine bestimmte Person weisen, die sich selbstverständlich als unschuldig erweist. Die nachträgliche Überprüfung bestätigt dem düpierten Leser, dass die Hinweise sehr wohl auch den eigentlichen Täter einschließen: 1937 wird im „Whodunit“ noch fair gespielt.

Mord ist keine edle Kunst mehr

Aber „Jonathan Stagge“ ist auch „Patrick Quentin“, der zeitgleich mit den Dr.-Westlake-Romanen die ungleich modernere Serie um das Großstadt-Ehepaar Peter und Iris Duluth schrieb. Hier mischt Quentin Elemente der Screwball-Komödie mit Krimi-Grobheiten der Black-Mask-Schule: Dashiell Hammett und Raymond Chandler nehmen längst kein Blatt mehr vor den Mund: Verbrechen ist hart und schmutzig. Auf seine elegante Weise bleibt Quentin ihnen nichts schuldig.

Diese Realität schimmert in den Dr.-Westlake-Krimis immerhin durch. Altmodische Konventionen sind im Schwinden begriffen. Als im typischen „Whodunit“-Finale das Mordrätsel in Anwesenheit aller Verdächtigen gelüftet wird, erstrahlt das Talbot-Haus endlich im hellen Licht der elektrischen Lampen. Es entlarvt fragwürdige Ehe-Treue, enthüllt das Ungeschick des ganz & gar nicht genialen Doktor-Detektivs (der sich beinahe selbst umbringt) und gibt das klassische Happy-End zugunsten eines tragischen Endes auf, das zwar den harmoniesüchtigen Teil der Leserschaft vergrämt, aber der Geschichte einen Schluss-Twist beschert, der uns heutzutage abgegriffen erscheinen mag, 1937 aber noch frisch war.

Mit Humor mordet es sich besser

Arthur Conan Doyle, Ellery Queen oder S. S. van Dine mieden ihn wie die Pest, aber „Patrick Quentin“ bediente sich seiner gern und bewies seine Existenzberechtigung in der Kriminalliteratur: Gemeint ist der Humor, der sich mit der Spannung nicht zwangsläufig beißt. „Patrick Stagge“ setzt ihn nur wohl dosiert und nie in seiner schwarzen Version ein. Sein Witz ist dennoch trocken, was ihn wirkungsvoll konservierte. Auch heute lesen sich sogar Westlakes betont ernsthafte Debatten mit Töchterlein Daniela positiv komisch. Statt einer altklugen Plage disneyscher Prägung präsentiert uns Stagge eine glaubwürdige Kinder-Figur. Gleichzeitig unterstreicht er auf diese Weise Westlakes nachsichtigen und (allzu) nachgiebigen Charakter.

Auch Inspektor Cobb nimmt den Freund nicht wirklich ernst. Er nutzt Westlake als Auge und Ohr im Talbot-Haus, aber von seinen detektivischen Fähigkeiten hält er wenig. Er verpackt entsprechende Hinweise zwar höflich, kann sich jedoch eindeutige Spitzen nicht verkneifen, die Westlake sehr wohl registriert, was ihn zu weiteren Taten anstachelt: Auch hier setzt Stagge den Humor nicht selbstzweckhaft ein, sondern treibt damit die Handlung in bestimmte Richtungen.

Tempus fugit, amor manet …

Der deutsche Leser bekommt eine gute Portion unfreiwilligen Wortwitzes mitgeliefert. Nur zweimal ist „Barmherziger Tod“ hierzulande erschienen. Die Übersetzung stammt aus dem Jahre 1949. Sie ist akkurat und erfreulich ungekürzt, verrät aber in Stil und Wortwahl ihr Alter deutlich. Sätze wie „Mochte sie auch ein vertracktes Frauenzimmer sein, sie war ein großartiger Kerl …“ (S. 39) oder Ausdrücke wie „Er war ein ausgestopftes Hemd“ stammen aus einer vergangenen Zeit. Dies zu korrigieren wäre Aufgabe einer neuen Übersetzung, die eigentlich überfällig ist, auf die wir zumindest in Deutschland aber vergeblich warten werden. Weder Jonathan Stagge noch Patrick Quentin haben jenen Ruf, der einer Agatha Christie die ewige Wiederkehr garantiert. Dabei üben die Dr.-Westlake-Romane durchaus heute noch ihren Reiz aus. Tatsächlich schlägt Stagge sogar viele seiner Epigonen, die anders als er die „Whodunit“-Regeln stur imitieren, statt mit ihnen zu spielen.

Autor

„Jonathan Stagge“ ist Teil eines komplizierten Autoren-Pseudonym-Geflechts, das sich wie folgt zusammensetzt: Richard Wilson Webb (1901-1970) schrieb mit Martha Mott Kelly (1906-2005) als „Quentin Patrick“ die Kriminalromane „Cottage Sinister“ (1931) und „Murder at the Women´s City Club“ (1932). Kelly beendete die Zusammenarbeit anschließend, und Webb schrieb zwei weitere Romane mit Mary Louise Aswell (1902-1984).

Danach suchte Webb sich einen neuen Partner und fand ihn in Hugh Callingham Wheeler (1912-1987). Als Team verwendeten sie die Pseudonyme „Quentin Patrick“ (bis 1941), „Jonathan Stagge“ (1937-1949) und „Patrick Quentin“ (seit 1936). Als Webb 1952 aus Gesundheitsgründen die Zusammenarbeit aufgeben musste, publizierte Wheeler als Patrick Quentin allein bis 1965 weiter.

Der besonderen Wertschätzung der Literaturkritik erfreuen sich vor allem die acht zwischen 1936 und 1952 entstandenen Krimis um den Theaterdirektor Peter Duluth, der mit seiner Gattin Iris privatermittelt und dabei in Abenteuer gerät, die ebenso spannend wie humorvoll erzählt werden. Weniger drastisch, sondern dem klassischen „Whodunit“ näher sind neun Romane, die den Landarzt Hugh Westlake in den Mittelpunkt stellen; ihnen blieb das Pseudonym „Jonathan Stagge“ vorbehalten.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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