Begegnung in der Nacht

Anthony Gilbert
Begegnung in der Nacht

(Arthur-Crook-Serie, Bd. 45)

Originaltitel: Night Encounter (London : Collins 1968)/Murder Anonymous (New York : Random House 1968)
Deutsche Erstausgabe: 1969 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmann Taschen Krimi 3202)
Übersetzung: Mechtild Sandberg
185 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Während einer Dienstreise landet Arthur Crook, Rechtsanwalt, in stürmischer Nacht in einem einsamen nordenglischen Städtchen. Er ist noch vor Ort, als am nächsten Morgen die alte Witwe Abigail Nicholas tot gefunden wird: Erschlagen und vergiftet liegt sie in der Garage des „Poet‘s House“, ihres einsam gelegenen Wohnsitzes. Chefinspektor Mount, dem der Fall übertragen wird, lässt die Umgebung nach möglichen Spuren absuchen. Unweit des Mordhauses entdeckt man dabei eine zweite Leiche: Die 18-jährige Freda Woods hatte ihr Elternhaus verlassen, um in London ein eigenständiges Leben zu beginnen. Offenbar hatte sie auf dem Weg in die große Stadt einen Zug verpasst und war auf der Suche nach einer Anschlussfahrt ihrem Mörder begegnet.

Diesen meint die Polizei schnell namhaft machen zu können: Frank Piper, eigentlich ein treusorgender Ehemann und Vater, ist vor zwei Jahren auf die schiefe Bahn geraten. Nach einem missglückten Raubüberfall zu drei Jahren Haft verurteilt, ist er aus dem Cumberton-Gefängnis geflohen, um einmal seine Familie zu sehen, bevor man ihn erneut verhaftet. Doch das Pech bleibt Piper treu; er wird nicht nur gefasst, sondern auch des Doppelmordes an Abigail Nicholas und Freda Woods beschuldigt.

Dafür gibt es gute Gründe, denn Piper war an beiden Tatorten. So sieht es schlecht für ihn aus, der verzweifelt seine Unschuld beteuert. Allzu deutlich sprechen die Indizien gegen ihn, sein Schicksal scheint besiegelt. Aber Piper hat Glück im Unglück: Der Anwalt Crook, der auch ein erfahrener Hobby-Kriminologe ist, mag an Pipers Schuld nicht glauben. Er übernimmt dessen Verteidigung und sammelt dabei Spuren, die in eine gänzlich andere Richtung führen; dass er richtig liegt, weiß Crook spätestens dann, als ihn eine Kugel aus dem Hinterhalt trifft …

Ewig reizvolle Krimi-Rätsel

„Es war, als täte man einen riesigen Schritt nach rückwärts in eine andere, längst vergangene Zeit, wo die Himmel noch weit waren und das Land menschenleer und ohne Grenzen.“

Diesen Satz lesen wir zwar erst auf Seite 31, aber er überrascht uns dort nicht mehr, denn längst sind wir zu einem ähnlichen Schluss gekommen. Trotzdem lassen wir uns bereitwillig in eine Gegenwelt versetzen, in dem knorrige englische Dörfler und Landbewohner eine Art Wagenburg gegen lästige Eindringlinge aus der Stadt oder der Gegenwart errichtet haben. Der Wirt der Kneipe „Poet‘s Rest“ wäre froh über mehr zahlende Gäste, aber sie sollen aus dem Dorf kommen. Anwalt Crook wird wie ein Eindringlich behandelt. Man bleibt unter sich und führt ein Leben, das durch Traditionen geprägt ist: Was ist und zählt, war schon immer so und hat gefälligst so zu bleiben.

Dabei bleibt die Frage nach dem Sinn solchen Verhaltens Nebensache. Eine alte Frau haust allein in einem riesigen, abgelegenen, verfallenen Haus? Es ist das Haus ihrer Familie und ihr Wille, so zu leben, also lässt man sie. Auch dass Abigail Nicholas seit 50 Jahren denselben Wagen fährt, fügt sich in ein Umfeld, das die endlose Nutzung des Alten und Überlieferten für selbstverständlich hält.

Doch zur Tradition gehört scheinbar untrennbar das Vorurteil. Der Aufenthalt eines Sträflings zum Zeitpunkt zweier Morde wird dankbar zur Kenntnis genommen: Hier hat man den idealen Sündenbock, der einerseits verhindert, dass man den Nachbarn verdächtigen muss, während so andererseits von alten und sorgfältig vertuschten Geheimnissen abgelenkt werden kann.

Dunkle Flecken, die jedermann ignoriert

Der Krimi des Modells „Whodunit“ lebt von der Vergangenheit. Dass sich auch Anthony Gilbert dieses Plot-Elements bedienen wird, weiß der erfahrene Krimi-Leser, sobald er vom Sohn der Abigail Nicholas erfährt, der zwei Jahrzehnte zuvor bei einem mysteriösen ‚Unfall‘ in den Bergen umkam. Der Autor macht zudem nie einen Hehl aus der Tatsache, dass Frank Piper viel zu gut dem Profil des Mörders entspricht. Für besagten Krimi-Leser spricht ihn genau dies unschuldig. Darüber hinaus bemüht sich Gilbert heftig, Piper als Unglücksraben zu zeichnen, den primär eine Verkettung widriger Umstände ins Gefängnis gebracht hat.

Dies muss freilich bewiesen werden, und dazu bedarf es eines Mannes von ‚außen‘. Arthur Crook ist ein Fremder, der die Verhältnisse vor Ort nicht kennt. Genau dies macht seine Qualität als Kriminologe aus: Crook ist nicht voreingenommen, während nicht nur die Dorfbewohner, sondern auch die mit dem Fall betrauten Polizisten zu ‚betriebsblind‘ bzw. subjektiver den örtlichen Verhältnissen verhaftet sind, als ihnen dies selbst bewusst ist. Der Mörder lebt mitten unter ihnen. Seine Nachbarn erkennen ihn nicht, können ihn nicht erkennen, weil sie ihn in eine Schublade gesteckt haben, die ‚anständigen‘ Zeitgenossen vorbehalten ist. Folglich wollen sie ihn auch gar nicht erkennen, sondern beschuldigen den Sündenbock Piper. Diese sozialen Mechanismen stellt Gilbert mit trügerischer Heiterkeit dar. Die guten Menschen aus dem kleinen Dorf sind auch borniert und engstirnig. Damit ist „Begegnung in der Nacht“ kein klassischer „Whodunit“ mehr: Ungeachtet des leichten Tonfalls berücksichtigt Gilbert die psychologischen Aspekte der Handlung.

Der Mann im gelben Rolls Royce

Wie schon angedeutet, bedarf es eines Mannes wie Arthur G. Crook, um eine Schneise durch den Wald von Vorurteilen und Vorverurteilungen zu schlagen. Ungeachtet seiner demonstrativen Fröhlichkeit ist Crook ein Mann mit einer Mission: Er haut Unschuldige heraus, die vom System bereits durchgewalkt und aussortiert wurden. Dies ist sein Leben, das er ansonsten nicht einsam aber allein (sprich: ohne Ehefrau und Familie) verbringt, was er durch sein Detektivspiel kompensiert.

Schon äußerlich demonstriert Crook seine Ablehnung gegen das Establishment. Er kleidet sich grell, fährt einen uralten, kanariengelben Rolls Royce und trinkt Bier: Crook vermischt gute Erziehung und charakterlichen Adel mit offensiver Bodenständigkeit. Darin erinnert er zunächst an John Dickson Carrs Dr. Gideon Fell. Allerdings lässt Crook dessen oft aufdringliche Jovialität und Arroganz (nicht) vermissen.

Ungewöhnlich scharf zeichnet Gilbert die Grenze zwischen Detektiv und Polizei. Die üblicherweise durch immerhin widerwillige gegenseitige Anerkennung entfällt. Crook macht keinen Hehl aus seiner Auffassung, dass die Polizei sich allzu gern auf vordergründige Indizien stützt und deshalb der Gerechtigkeit eher in den Arm fällt, statt ihr zur Geltung zu verhelfen. Deshalb neigt er zu Verschwiegenheit und Alleingängen, auch wenn ihm dies wie in diesem Fall beinahe ins Grab bringt.

Krimi-Fleiß auf hohem Niveau

Wer „Begegnung in der Nacht“ liest, wird es kaum für möglich halten, dass dieser Roman mit seinem sorgfältig entwickelten und durchaus komplexen Plot und seinen lebendigen Figuren im Grunde ein Serienprodukt ist. Die Serie um Arthur Crook zählt 50 Bände; dieser Roman ist der 45te. Sie lief von 1936 bis zum Tod des Verfassers 1973 und zählt zu den längsten und langlebigsten des Genres.

Verständlicherweise hinterlässt die Laufzeit dennoch Spuren. „Begegnung in der Nacht“ war bereits im Jahr der Veröffentlichung altmodisch. Zwar nennt Gilbert an einer Stelle explizit das Jahr 1967 als Zeitpunkt der Handlung und verbindet dies mit zeitgenössischen Reizwörtern wie „Vietnamkrieg“ oder „Rauschgifthandel“, doch dies wirkt wenig überzeugend. Zudem erstaunt die Selbstverleugnung, mit der Gilbert – ‚der‘ ja (s. u.) tatsächlich eine Frau war – in chauvinistischen Vorurteilen schwelgt. Sätze wie „Selbst ein Frauenzimmer kann nicht so hirnverbrannt sein“ findet der Leser in zahlreichen Varianten. Unter Strich dominiert jedoch das Gespür des Verfassers für Spannung, Überraschung und Humor, und dies ergibt eine Lektüre, die eine Wiederentdeckung verdient!

Autorin

Viele Jahrzehnte kannte kaum jemand das Geheimnis: Anthony Gilbert, fleißiger Autor gern gelesener Kriminalromane, war eine Frau. Lucy Beatrice Malleson wurde am 15. Februar 1899 in Upper Norwood, London, geboren. Sie besuchte die St. Paul’s Girls‘ School in Hammersmith. Weil ihr Vater, ein Börsenmakler, 1914 seine Arbeit verlor, verließ Malleson die Schule und arbeitete als Sekretärin, um die Familie zu ernähren. Schon ab 1916 veröffentlichte sie außerdem erste Gedichte in verschiedenen Magazinen. Malleson, die im Arbeitsleben ein gesundes Selbstbewusstsein entwickelt hatte, beschloss, sich ihren Lebensunterhalt als Schriftstellerin zu verdienen. Ihr erster Roman („The Man Who Was London“) erschien 1925; Malleson veröffentlichte ihn unter dem Pseudonym J. Kilmeny Keith.

Die junge Frau war eine wendige Autorin, die vor allem schrieb, was der Markt verlangte. In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre beschloss Malleson, neben Historien- und Liebesromanen Krimis unter dem Pseudonym „Anthony Gilbert“ zu verfassen. „The Tragedy at Freyne“ wurde 1927 ihr Durchbruch. Dies war der erste Teil einer 10-teiligen Serie Scott Egerton, einen aufstrebenden Politiker, der gern als Privatdetektiv tätig wird. 1930 gehörte Malleson (neben Agatha Christie, Dorothy L. Sayers, R. Austin Freeman u. a.) zu den Gründungsmitgliedern des legendären „British Detection Club“.

1936 begann Gilbert eine neue Serie um den Anwalt und Hobby-Detektiv Arthur G. Crook. Der farbenfroh exzentrisch gezeichnete Charakter wurde vom Publikum sehr gut aufgenommen. Trotz ihres immensen Fleißes – Malleson schrieb als „Anne Meredith“ zusätzlich weitere Liebesromane – sind ihre Krimis nicht schematisch, auch wenn die späten Werke schon zu ihrer Entstehungszeit etwas altmodisch wirkten.

Vor allem in den 1940er und 50er Jahren schrieb Malleson Kriminal-Hörspiele für das Radio. Sie wurden nicht nur in England, sondern mehrfach auch in den USA ausgestrahlt. Malleson blieb bis an ihr Lebensende schriftstellerisch sehr aktiv. Sie starb am 9. Dezember 1973.

Copyright © 2010/2017 by Michael Drewniok (md)

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