Black Box

Michael Connelly
Black Box

(Harry-Bosch-Serie, Bd. 18)

Originaltitel: The Black Box (New York : Little, Brown and Company 2012)
Übersetzung: Sepp Leeb
Deutsche Erstveröffentlichung (geb.): März 2014 (Droemer Verlag)
441 S.
ISBN-13: 978-3-426-19990-9
Neuausgabe: März 2016 (Knaur Verlag/TB-Nr. 51448)
441 S.
ISBN-13: 978-3-426-51448-1
eBook: Februar 2014 (Droemer Verlag)
501 KB
ISBN-13: 978-3-426-42321-9

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Das geschieht:

Nachdem rassistisch motivierte Übergriffe durch die Polizei ohne juristische Folgen blieben, brachen Ende April 1992 im Südviertel der Stadt Los Angeles Unruhen aus, die rasch ein bürgerkriegsähnliches Ausmaß annahmen. In diesem Chaos wurde nicht nur geplündert, sondern auch gemordet; vor allem die Banden nutzten die Gelegenheit, alte und neue Rechnungen zu begleichen.

Der Polizei blieb in diesen Tagen nur die Möglichkeit, Morde notdürftig aufzunehmen; die meisten der damals begangenen Taten wurden nie aufgeklärt. Für Hieronymus „Harry“ Bosch, einen altgedienten Detective, ist seit zwanzig Jahren der Tod der dänischen Fotojournalistin Anneke Jespersen ein Dorn im Fleisch. Die junge Frau hatte sich nach South L. A. gewagt und war dort offensichtlich Zeuge einer Tat geworden, für die man sie mit einem Kopfschuss förmlich hinrichtete.

Damals konnte Bosch nicht ermitteln. 2012 ist er für die Abteilung Offen-Ungelöst tätig, die sich auf die Klärung alter Kriminalfälle spezialisiert hat. Als der Jespersen-Mord neu aufgerollt wird, bittet Bosch ausdrücklich um den Fall, der ihm tatsächlich übertragen wird.

Natürlich ist die Spur längst eiskalt. Nur die Hülse der tödlichen Patrone hilft weiter: Sie stammt aus einer Waffe, die von den „Rolling Sixties“, einer Fraktion der „Crips“, viele Jahre für Bandenmorde eingesetzt wurde. Auch nach Anneke Jespersen starben Menschen durch diese Pistole, deren Geschichte Bosch mühsam rekonstruiert. Dabei stößt er auf nie befragte Zeugen oder Täter. Immer wieder gerät Bosch in Sackgassen, doch wie üblich gibt er weder auf, noch lässt er sich durch ungeduldige Vorgesetzte unter Druck setzen. Bosch will Gerechtigkeit, und seine Hartnäckigkeit sorgt dort, wo man sich längst sicher fühlte, für steigende Nervosität …

Bosch handelt, wie die Gerechtigkeit es fordert

Pech für den Mörder, dass er an Hieronymus „Harry“ Bosch geriet – und erneut gerät: Ein Krieger im Kampf gegen das Böse lässt sich nicht abschütteln. Was leicht zu einer Karikatur gerinnen könnte, ist der primäre Charakterzug dieses Polizisten, den sein geistiger Vater mit „Black Box“ in sein bereits 18. Abenteuer verwickelt. Dabei handelt es sich quasi um ein doppeltes Jubiläum: „Black Box“ erschien genau zwanzig Jahre nach „The Black Echo“ (dt. „Schwarzes Echo“), dem ersten Band der Harry-Bosch-Serie, während Bosch selbst einen ungeklärten Mordfall aufgreift, der sich vor ebenfalls zwanzig Jahren ereignet hat. Auf diese Weise kann Autor Michael Connelly immer wieder den ‚alten‘ mit dem ‚jungen‘ Bosch konfrontieren; das Eingangskapitel spielt ohnehin im Schicksalsjahr 1992.

Die Rassenunruhen in South Los Angeles stellen einen eindrucksvollen Hintergrund für ein Geschehen dar, das damit nur mittelbar zu tun hat: „Black Box“ bietet einen komplexen Plot, der einen gleichzeitig simplen und verwickelten Mordfall in den Mittelpunkt stellt. Die Krux ist, dass der Mörder von Anneke Jespersen längst gefasst wäre, hätte Bosch 1992 seinen Job erledigen können. In den Wirren der Aufstände war an eine präzise Ermittlung jedoch nicht zu denken. So kam der Mörder bei denkbar geringem Glücksanteil davon.

Bisher – Denn Harry Bosch vergisst Unrecht nicht, wenn das System mit- oder hauptschuldig daran ist, dass es ungesühnt blieb! Dies führt zu einem zweiten Handlungsstrang, der ein Markenzeichen der Bosch-Serie ist: Bosch legt sich im Interesse des Falls mit Vorgesetzten an, die seinen hehren Vorstellungen von Gerechtigkeit nicht folgen wollen. Dieses Mal sind es gleich zwei hochrangige Bürokraten, die sich vor den Medien besser darstellen könnten, würden sie einen geklärten Alt-Mord an einem Mitglied einer ethnischen Minderheit präsentieren. Anneke Jespersen, genannt „Schneewittchen“, war eine weißhäutige nordische Schönheit, die in dieser Hinsicht keinen Publicitywert besitzt, sondern neue Rassismus-Vorwürfe provozieren könnte.

Der Druck, der Harry aufleben lässt

Mit einer perfiden aber geschickt eingefädelten Intrige soll der nicht nur als lästig, sondern auch als impertinent abgestempelte Bosch endgültig kaltgestellt werden – eine Drohung, die an die Wurzel seiner Existenz geht. Bosch kämpft ohnehin um jedes Jahr, das er die Pensionierung aufschieben kann. Ohne Polizeiarbeit gibt es ihn eigentlich nicht – ein Aspekt, der auch sein Privatleben prägt, das Connelly deutlich weniger geschmeidig als das Kriminalgeschehen zu schildern weiß.

Weiterhin fällt es schwer, sich an Bosch als Vater zu gewöhnen. Noch schwieriger wird es, wenn Connelly Harry darüber hinaus als Ritter darstellt, der seine Knappen-Tochter – die ihm in den Polizeidienst zu folgen plant – auf den Ernst bzw. die Schlechtigkeit des Lebens vorbereiten und bei dieser Gelegenheit gleich seine Rächer-Mentalität einpflanzen will.

Der Leser wundert sich, wie Bosch jedes Mal einer weiteren dienstinternen Verschwörung entwischt: Faktisch tut er wenig, um Verbündete zu rekrutieren, während seine Gegner eifrig Beweise gegen ihn sammeln. Letztlich scheint Connelly darauf zu setzen, dass die Gerechtigkeit auf Harrys Seite ist und er deshalb nicht wirklich verlieren kann: eine geradezu romantische Sicht, die nicht wirklich zur Bosch-Serie passt. Aber Seifenschaum & Familienwerte erschließen zusätzliche Publikumsschichten und erregen das Interesse des Fernsehens, das harten Kerlen gern ein weiches Herz verschreibt. („Bosch“, die TV-Serie, ist mit Titus Welliver in der Titelrolle Ende 2014 angelaufen.)

Echte Polizeiarbeit

Die Polizeiarbeit ist es, die den Leser fesselt. Connelly hat einen guten Draht zum Los Angeles Police Department. Er ist deshalb immer auf dem aktuellen Stand, was die Ermittlungspraxis angeht. Zudem kennt er den Polizei-Slang, in dem er keineswegs schwelgt, sondern den er geschickt dort einfließen lässt, wo es hilft, der manchmal etwas zu trocken daherkommenden Untersuchungsroutinen Farbe zu geben.

Der Plot selbst ist ein „Whodunit“ reinsten Wassers. In gewisser Weise geht es um die Klärung des berühmt-berüchtigten „perfekten“ Mordes. Er ereignete sich nicht in einem von innen verschlossenen Raum, sondern auf offener Straße. Indizien mag es reichlich gegeben haben, doch sie wurden nie gesichert. Geblieben ist nur eine Patronenhülse – und um die rankt sich die Ermittlung. In der Realität mögen die daraus resultierenden Ergebnisse des Guten = realistisch Nachvollziehbaren ein wenig zu viel sein. Connelly erzählt jedoch eine Kriminalgeschichte, und die hat vor allem spannend zu sein und muss höchstens logisch klingen.

Dies verdeutlicht der Autor mit dem seltsamen aber präzise den Punkt treffenden Titel (der glücklicherweise für die deutsche Ausgabe übernommen wurde): Bosch sucht in jeder Ermittlung die „Black Box“, jenes Indiz, das ihm die Hintergrundgeschichte des Falls nahebringt. Hat er sie gefunden, besitzt er den Schlüssel, der ihm das Schloss jener Tür öffnet, hinter der sich entscheidende Informationen verbergen, die letztlich den Täter verraten werden. Wider Erwarten ist nicht die erwähnte Patronenhülse die „Black Box“ im Mordfall Jespersen. So einfach macht es sich Michael Connelly nicht, der im Finale die Zeitlinien von 1992 und 2012 dramatisch zusammenführt: Harry Bosch in Rente? Hoffentlich noch lange nicht!

Autor

Michael Connelly wurde 1956 in Philadelphia geboren. Den Büchern von Raymond Chandler verdankte der Journalismus-Student der University of Florida den Entschluss, sich selbst als Schriftsteller zu versuchen. Zunächst arbeitete Connelly nach seinem Abschluss 1980 für diverse Zeitungen in Florida. Er profilierte sich als Polizeireporter. Seine Arbeit gefiel und fiel auf. Nach einigen Jahren heuerte die „Los Angeles Times“, eine der größten Blätter des Landes, Connelly an.

Nach drei Jahren in Los Angeles verfasste Connelly „The Black Echo“ (dt. „Schwarzes Echo“), den ersten Harry-Bosch-Roman, der teilweise auf Fakten beruht. Der Neuling gewann den „Edgar Award“ der „Mystery Writers of America“ und hatte es geschafft.

Michael Connelly arbeitet auch für das Fernsehen, hier u. a. als Mitschöpfer, Drehbuchautor und Berater der kurzlebigen Cybercrime-Serie „Level 9“ (2000). Mit seiner Familie lebt der Schriftsteller in Florida. Über das Connellyversum informiert stets aktuell diese Website.

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