Blutiges Eis

Giles Blunt
Blutiges Eis

(John-Cardinal-Reihe, Bd. 2)

Originaltitel: The Delicate Storm (Toronto : Random House of Canada Limited 2003)
Übersetzung: Anke Kreutzer
Deutsche Erstausgabe (geb.): Januar 2005 (Droemer Verlag)
397 S.
ISBN-10: 3-426-19662-X
Neuausgabe: September 2006 (Knaur Verlag/TB Nr. 63156)
431 S.
ISBN-13: 978-3-426-63156-0
eBook: April 2010 (Knaur Verlag)
557 KB
ISBN-13: 978-3-426-55564-4

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Das geschieht:

In Algonquin Bay, einer Kleinstadt in der kanadischen Provinz Ontario, staunt man über einen ungewöhnlich milden Januar. Für einen US-amerikanischen Urlauber war dies fatal; man findet seine von hungrigen, vorzeitig aus dem Winterschlaf erwachten Bären zerfetzte Leiche. Detective John Cardinal und seine Kollegin Lise Delorme stellen allerdings fest, dass der Pechvogel schon tot war, als ihn sein Schicksal ereilte; tatsächlich ist er ermordet worden.

Die Polizisten verdächtigen einen Trapper, dem sie Verbindungen zur örtlichen Unterwelt nachsagen. Längst hat die Mafia ihre Tentakel bis Kanada ausgestreckt. Allerdings gibt es eine weitere Spur: Der inzwischen identifizierte Tote erweist sich als ehemaliges Mitglied der CIA, das vor vielen Jahren unrühmlich mit dem „Canadian Security Intelligence Service“ (CSIS) zusammenarbeitete. Dieser gedenkt keineswegs, sich von zwei Außenstehenden in die Karten schauen zu lassen, und bemüht sich nach Kräften Cardinal und Delorme in die Irre zu führen. Zudem scheint es um die Vertuschung eines Skandals aus den frühen 1970er Jahren zu gehen, als diverse kanadische Separatistengruppen systematisch aber nicht immer gesetzkonform infiltriert und provoziert wurden.

Cardinal und Delorme lassen es auf einen Konflikt mit den Schlapphüten ankommen, als eine zweite Leiche gefunden wird. Wer hat die junge Ärztin Winter Cates ermordet? Gibt es eine Verbindung zwischen beiden Verbrechen? Harte Zeiten brechen vor allem für Cardinal an, den zusätzlich ein dunkles Geheimnis quält: Vor Jahren ließ er bei einer Razzia Geld eines Drogenbosses verschwinden. Inzwischen hat er sein Gewissen erleichtert und es zurückgezahlt. Leider imponiert dies dem ‚Eigentümer‘ wenig. Der wird bald aus dem Gefängnis entlassen und hat bereits seinen Besuch in Algonquin Bay angekündigt …

Keine Winterpause im hohen Norden

Viel Ungemach erreicht also den scheinbar idyllischen kanadischen Norden. Dabei hat die Zivilisation im Guten wie im Bösen auch das Land der endlosen Wälder und Eisfelder längst erreicht. Die Realität sieht nicht nur wegen des Wetters trübe aus: Skrupellose politische Blender und ihre Hintermänner nutzen ihre Ämter zur persönlichen Bereicherung. Ihre Macht setzen sie ein, um ihnen Unerfreuliches unter den Tisch kehren zu lassen. Separatistischen führen einen absurden Kampf um die Teilung Kanadas in einen „englischen“ und einen „französischen“ Teilstaat. Der Geheimdienst spioniert nicht mehr den Russen, sondern Terroristen hinterher, die Nordamerika über den Nordpol angreifen könnten. Drogenbarone schmuggeln ihre Ware im großen Stil via Kanada. Die Grenze zum Nachbarn USA ist für das organisierte Verbrechen durchlässig geworden. Zwischen den kanadischen Ordnungshütern herrschen Misstrauen und Konkurrenz. Ausgerechnet die einst so glorreiche „Royal Canadian Mounted Police“ wird von immer neuen internen Skandalen erschüttert.

Dieses Chaos bildet die vielversprechende Kulisse für das zweite Abenteuer der Detectives Cardinal & Delorme. Seit ihr geistiger Vater Giles Blunt sie (in „Gefrorene Seelen“) zum ersten Mal auf Mörderfang schickte, haben sie bzw. er viel gelernt. „Blutiges Eis“ – den blöden deutschen Titel wollen wir gnädig ignorieren – bietet nichts wirklich Neues. Wir lesen ‚nur‘ einen sauber geplotteten, mit glaubhaften Figuren besetzten Thriller, der sich geschickt des kanadischen Schauplatzes bedient. Der ist noch nicht so bekannt, und die politischen Verhältnisse und Gesellschaftsstrukturen sind andere als in den USA. Kanada ist sowohl amerikanisch als auch britisch und französisch: eine interessante Mischung, die für das Geschehen bedeutsam wird.

Spannung & Schwarzhumor

Deutliche Fortschritte hat Verfasser Blunt als Schriftsteller gemacht. Kam „Gefrorene Seelen“ dem tristen Thema entsprechend bierernst daher, fällt nunmehr ein humorvoller Unterton positiv auf. Blunt verfügt über einen trockenen Humor, den er gut dosiert einzusetzen vermag (und der die Übersetzung gut überstanden hat). Obwohl die Geschichte wiederum recht düster ausfällt, büßt sie ihre Spannung und innere Dramatik dadurch keineswegs ein. Der Autor stellt bizarre Typen, Tücken des Objekts und kuriose Episoden vor, setzt auf originelle Wortspiele und Situationskomik, was er verblüffend gut beherrscht

Die eigentliche Kriminalhandlung wird wie im ‚modernen‘ Thriller üblich ergänzt durch Cardinals Privatprobleme. In „Gefrorene Seelen“ machten ihm die psychisch labile Gattin und ein kapriziöses Töchterlein sowie ein schlechtes Gewissen zu schaffen; noch stärker litt freilich für der Leser, den diese seifenoperlichen Zwischenmenschlichkeiten bald langweilten. Dieses Mal geht Blunt geschickter vor. Er knüpft an Cardinals keineswegs gelöstes Problem mit unterschlagenem Gangstergeld an und setzt dies plausibel fort, indem er ihn in das Geschehen integriert: Der bestohlene Schurke will sein Geld zurück und bedroht Cardinal und vor allem dessen Familie.

Figuren mit Profilen

In Sachen Figurenzeichnung hat Verfasser Blunt einige Veränderungen vorgenommen. Cardinal wird nicht mehr so arg von seinen Seelennöten gepeinigt. Seiner Gattin geht es gut, die Tochter taucht überhaupt nicht auf. Dieses Mal verursacht der störrische Vater die familiären Probleme, doch auch diese Wendung ist Teil der eigentlichen Handlung, denn es ist ausgerechnet die behandelnde Ärztin des alten Mannes, die eine der Leichen dieser Geschichte repräsentiert. Ansonsten kann sich Cardinal auf die aktuellen Ermittlungen konzentrieren, was dem Roman sehr zugute kommt.

Lise Delorme verzehrt sich nicht mehr in unausgesprochener Sehnsucht nach ihrem Kollegen. Das Duo tritt hier als Kollegen und Freunde auf – auch dies ist eine uneingeschränkt positiv zu bewertende Blunt-Entscheidung. Delorme profiliert sich dieses Mal als erfahrene Ermittlerin, die hervorragend mit Cardinal zusammenarbeitet, aber oft auch im Alleingang tätig wird.

Um die beiden Hauptpersonen gruppieren sich Kollegen, Konkurrenten, Verdächtige und Opfer. Es ist erstaunlich, welche Dynamik Blunt den genretypischen Kompetenzstreitigkeiten, Verhören oder Laborgesprächen abgewinnen kann. Man kennt solche Szenen, aber hier lesen sie sich trotzdem frisch und flott. Außerdem ist Blunt souverän genug geworden, die Darstellerschar durch echte Originale zu bereichern. Da liefert ausgerechnet Wudky, „der Welt dümmster Krimineller“, den entscheidenden Tipp, der die Handlung erst in Gang setzt. Ein skurriler Trapper im bodenlangen Pelzmantel entpuppt sich als örtlicher Vollstrecker eines Mafiabosses, der sich nur schriftlich verständigen kann, weil ihm nach exzessivem Zigarrengenuss der Kehlkopf entfernt wurde. Ehemalige Terroristen leiten einen Kinderhort. Die Kette solcher und anderer Einfälle ist erfreulich viel länger, auch sie fügen sich nahtlos in die Story ein.

Ein ungewöhnliches Finale, das mit sattsam bekannten Klischees spielt, um sie dann sämtlich zu ignorieren, vollendet den Eindruck eines gelungenen Thrillers. Auf den nächsten Fall von Cardinal & Delorme darf man sich freuen.

Autor

Als Sohn britischer Auswanderer wurde Giles Blunt 1952 in Windsor, gelegen in der kanadischen Provinz Ontario, geboren. Die ersten zehn Jahre seines Lebens verbrachte er in einer kleinen Stadt namens Amherstburg, dann zog die Familie nach North Bay. (Dieser Ort ist das Vorbild für Algonquin Bay.)

Nach seiner Schulzeit zog es Blunt auf die Universität von Toronto, wo er Englische Literatur studierte. Anschließend war einige Jahre als Sozialarbeiter tätig. Zu diesem Zeitpunkt wusste Blunt bereits, dass er es als Schriftsteller bzw. Drehbuchautor versuchen wollte. Taktisch unklug gab er seinen festen Job ein wenig zu früh auf und zog nach New York. Als der Erfolg auf sich warten ließ, schlug er sich als Barkeeper, Zimmerkellner und in anderen Aushilfsjobs durch.

Kleinere Drehbuchaufträge zogen Größeres nach. Blunt gelang es, Scripts für die erfolgreiche TV-Serie „Law & Order“ zu verkaufen. Außerdem schrieb er sein erstes Buch: „Cold Eye“ (1989; dt. „Vor-Sicht“), ein Roman um einen Maler, der seine Seele dem Teufel verkauft. Auch in den 1990er Jahren schrieb Blunt weiter, verkaufte aber zunächst nur Drehbücher. Erst 2000 erschien mit „Forty Words of Sorrow“ (dt. „Gefrorene Seelen“) der besser beachtete (sowie mit dem „Silver Dagger“ der „British Crime Writers“ ausgezeichnete) und gut verkaufte erste Teil der Cardinal/Delorme-Reihe.

Kurzkritik für Ungeduldige: In einer kanadischen Provinzstadt wird ein Mann von Bären gefressen. Indizien weisen einerseits in die Szene des organisierten Verbrechens, andererseits gibt es auch Verbindungen zur Geheimdienstszene  …- Der zweite Band der John-Cardinal-Serie gelang besser als sein Vorgänger. Die Handlung ist straff, der Plot komplexer, die Figuren wirken plastisch. Auffällig ist ein trockener Humor, der das Geschehen auflockert, ohne aufdringlich zu wirken: ein durchweg lesbares Krimivergnügen.

[md]

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