Cortex

Pete Sansom
Cortex

(sfbentry)
Originaltitel: Cortex (2000)
Übersetzung: Klaus Fröba
Deutsche Erstveröffentlichung (geb.): Januar 2001 (Droemer Verlag)
448 Seiten
ISBN-10: 3-426-19494-5
Neuausgabe: 2003 (Knaur Verlag/TB Nr. 62419)
448 S.
ISBN-13: 978-3-426-62419-7

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Das geschieht:

Das „Cortex-Projekt“ ist das wissenschaftliche Flaggschiff der mächtigen Datenfabriken Mid-west Technologies (USA) und Tsunami (Japan). Sie entwickeln ein künstliches neurales Netzwerk. Es soll nach dem Vorbild des menschlichen Gehirns arbeiten und in der Lage sein, gigantische Datenmengen in winzigen Zeitspannen zu verarbeiten.

Das digitalisierte Abbild eines ‚Musterhirns‘ wird in zweihundert über den ganzen Erdball verstreuten Labors studiert und entschlüsselt. Unter denen, die diese komplizierte Arbeit leisten, ist im englischen Oxford der junge Neurophysiologe Ben Blumenthal. Er entdeckt eines Tages einen versteckten Sektor des Hirnscans mit Manipulationen, die er nicht erklären kann.

Blumenthals Entdeckung wird zunächst nicht ernst genommen, denn gerade wurde der Träger des Musterhirns, der deutsche Forscher Dr. Holub, von einer Gruppe militanter Tierschutzaktivisten ermordet, die ihn wegen seiner Beteiligung an grausamen Tierversuchen zur Rechenschaft ziehen wollten.

Die Gruppe scheint auch hinter einem Anschlag auf das für „Cortex“ tätige Gundestrup-Labor im ostdeutschen Leipzig zu stecken, bei dem sechs Menschen umgebracht wurden. Blumenthal wird unruhig, denn er – Idealist, Tierfreund und Vegetarier – hat lose Kontakte zu den Aktivisten und ihrem zwielichtigen Anführer, dem russischen Ex-Elitesoldaten Piotr Lechner, geknüpft. Außerdem hegt er den Verdacht, dass hinter den Morden Methode stecken könnte. Vorsichtshalber kopiert er die Scans des Holub-Hirns in sein geheimes Schweizer Datendepot.

Ahnungslos ist Blumenthal dem wahren „Cortex“-Projekt auf die Spur gekommen. Man schiebt ihm gefälschte Indizien unter und setzt ihn vor die Tür. Doch der schwächliche Eierkopf beschließt, den Kampf gegen die unsichtbare Macht im Untergrund aufzunehmen und das „Cortex“-Rätsel zu lösen. Blumenthal macht sich auf nach Leipzig, wo die Spur noch warm ist. Kaum hat sein Ziel erreicht, gerät er zwischen die Fronten eines blutig geführten Wirtschafts- und Wissenschaftskriegs, in dem sich alle Beteiligten nur in einer Sache einig sind: der Jagd auf Blumenthals Kopf …

Schöne, neue, einträgliche Welt

Nicht nur in der Unterhaltungsliteratur hat die Globalisierung auch die Naturwissenschaften erfasst. In gewaltigen, miteinander vernetzten Denkfabriken brüten akademische Legehühner fortschrittliche Technologien aus, die von ihren Eigentümern – gesichtslosen, erdumspannenden Wirtschaftskonzernen – umgesetzt und in blanke Münze verwandelt werden. Das lässt sich spannend hinterfragen bzw. als Blaupause für einen jener Hightech-Thriller nutzen, die gern gelesen werden, weil sie zu bestätigen scheinen, was wir Normalbürger dank Privatfernsehen und Internet ohnehin bereits halbwegs überzeugt sind: „Die da oben“ lassen uns an langen Marionettenfäden zappeln und enthalten uns Super-Technik vor, die längst entwickelt wurde!

Nun will Pete Sansom auf diesen Zug aufspringen, gerät dabei ins Stolpern und wird vom dem letzten Waggon mitgeschleift. Was ihm unter diesen Umständen gelingt, ist ein Wissenschafts-Thriller der besonders durchschnittlichen Art, wobei dieser Standard nur in der ersten Hälfte an wenigen Stellen und später überhaupt nicht mehr erreicht wird. Was „Cortex“ letztlich genau sein soll – ein leicht Science Fiction-lastiger Action-Reißer oder eine in Romanform gekleidete Klage über die Sackgassen und Auswüchse der modernen Forschung -, bleibt jedenfalls unklar.

Wahrscheinlich war beides geplant. Ärgerlicherweise verendet die Story bereits kläglich, bevor das Buch halb gelesen ist. Selbst fähigere Schriftsteller als Pete Sansom hätten den kümmerlich erdachten und harthölzern umgesetzten Plot wohl nicht länger am Leben halten können. Blinder Aktionismus soll wie so oft dieses Manko überdecken. Bald irrt Ben durch ein Europa und Nordamerika, wie es der kleine Max in B-Thrillern und billigen TV-Serien kennenlernen kann, und wird in wirre, lachhafte, nicht endende Verfolgungsjagden verwickelt.

Krawall & Dummheit

Mit bizarren, immer wieder ins Lächerliche umschlagenden Splatterszenen heischt Sansom zusätzlich um Aufmerksamkeit; er gehört zu denen, die davon überzeugt sind, dass der Unterhaltungswert eines Thriller an der Dosis der verspritzten Innereien gemessen wird. Das geht bei einem Anfänger wie Sansom definitiv in die Hose.

Die Darstellerriege trägt nicht dazu bei, den ungünstigen Eindruck zu mildern. Besonderen Groll weckt schnell die Figur des Ben Blumenthal, den Sansom zum ‚Helden‘ seines Abenteuers erkoren hat. Ben soll den ganz normalen Durchschnittsmenschen verkörpern, der ohne eigenes Verschulden in ein übles Komplott verwickelt wird und um sein Leben kämpfen muss, wobei er über sich selbst weit hinauswächst, bis er im furiosen Finale die Bösewichte der gerechten Strafe zuführt.

So weit, so gut & tausendfach bewährt; leider geht auch diese Rechnung bei Sansom an keiner Stelle auf. Um es ebenso kurz wie drastisch auszudrücken: Ben Blumenthal ist ein Trottel – ein windelweicher, tölpelhafter, jammervoller Tropf, der als unschuldiges aber entschlossenes Opfer nicht für sich einnimmt, sondern im Leser nicht nur Verdruss, sondern echten Ärger aufkommen lässt. Wieso ausgerechnet dieser Waschlappen beschließt, auf eigene Faust Mörder und Terroristen über die ganze Welt zu jagen, und dabei sogar erfolgreich ist, bleibt absolut rätselhaft.

Platt & peinlich

Auf dass kein Fettnäpfchen ausgelassen bleibt, ernennt Sansom seinen Ben zum Juden. Das muss man wohl so ausdrücken, weil es der Figur so plump aufgepfropft wurde, dass oben genannter Ärger nun durch hilfloses Kopfschütteln abgelöst wird. Bens Religion ist für die Geschichte ohne jede Bedeutung. Sie wird ausschließlich ins Spiel gebracht, um Betroffenheitspunkte zu sammeln und der Figur bitter nötiges Profil zu verleihen; kein Wunder also, dass sich der dilettierende Sansom durch eine schier endlose Reihung klezmerquietschender Klischees endgültig lächerlich macht.

Selbstverständlich ist der deutsche Sekundärfinsterling ein verkappter Nachwuchs-Mengele, quellen die Depots der Schweizer Banken (buchstäblich!) über vor geraubten Nazi-Schätzen, ist es nirgends so gemütlich wie in Onkel Joeys kleinem jüdischen Restaurant in Paris, wo dir graubärtige Überlebende des Nazi-Terrors weise deutlich machen, dass deine Lebenskrise sooo schlimm gar nicht ist, wo doch früher in Auschwitz… Wohl weil mit dieser Lektion Samsons Vorrat dramaturgischer Versatzstücke erschöpft ist, wird Bens Judentum in der zweiten Romanhälfte mit keinem Wort mehr angesprochen.

Das bleibt allerdings lange unbemerkt, denn unmotivierte Auftritte und Abgänge sind so etwas wie Sansoms schriftstellerisches Markenzeichen. Viel, viel Raum gibt er der Figur eines ostdeutschen Hauptkommissars (dessen Namenlosigkeit wohl als Running Gag dienen soll). Der gibt einen knackwurstfressenden, schnapstrinkenden, schlauen alten Fuchs, der aber zur Abwechslung trotzdem kein Nazi, sondern ebenfalls ein Jude mit kommunistischer Vergangenheit und ausgeprägter VW-Allergie ist.

Der endgültige Untergang jeglicher Unterhaltung

Wieso, weshalb – es bleibt rätselhaft, weil es keinerlei Sinn ergibt. Über viele Seiten recherchiert der Kommissar an diversen Tatorten, drechselt kluge oder sarkastische Sprüche über die Verkommenheit der modernen Welt, setzt sich als nonkonformistischer Querdenker in Szene – und verschwindet dann urplötzlich aus der Handlung.

Weiterhin treten auf: der lotterhafte aber liebenswerte beste Freund des Helden, der sich herzergreifend für den Kumpel opfert; skrupellose, ameisenhafte japanische Schlipsschurken, die nach der Weltwirtschaft greifen; der radebrechende Piotr, seines Zeichens vertierter Russe & Afghanen-Schlächter mit viel Liebe zum sadistischen Detail bei Auftragsmorden; die schöne, aber herzlose Maria, die den armen Ben erst sitzenlässt, um rechtzeitig im Finale wieder zu ihm zu finden. Hand in Hand stellen sie den „Cortex“-Oberlumpen, lassen ihm Zeit, die übliche Rede vom bösen Tun zum Wohle der Menschheit zu schwingen, bevor ihn – „Der Aufprall hatte ihm das Gesicht und die Bauchdecke zerfetzt“ – sein Schicksal ereilt.

Der größte Schurke hütet indes klug das Geheimnis seiner Herkunft: Wer ist „Pete Sansom“? Hinter dem Fantasienamen verbirgt sich möglicherweise ein Autorenduo. „Pete Menell/Ian Sansom“ lesen wir im Impressum der deutschen Ausgabe, aber selbst das sonst so unfehlbare Internet gibt nur einen schriftstellernden Ian Sansom her. In dessen Liste veröffentlichter Werke fehlt „Cortex“ freilich.

Orientiert man sich an der ‚Qualität‘ des hier verbrochenen Thrillers, liegt die Vermutung nahe, hier habe sich eines jener Teams aus arbeitslosem (Natur-) Wissenschaftler und unterbezahltem Journalisten abgemüht, die erfolgreichen Vorgängern wie Douglas Preston und Lincoln Child verstärkt auf den Buchmarkt folgen. Diese Rechnung ging nicht auf, und von „Pete Sansom“ hat man nie wieder etwas gehört oder gar – Schauder! – gelesen!

Kurzkritik für Ungeduldige: Ein allzu kluger Naturwissenschaftler kommt einer Verschwörung auf die Spur, die ehrbare Forschung in kriminelle Hirnmanipulation verwandelt. David stellt sich dem globalmächtigen Goliath und wird über den Erdball gejagt … – Spannungsarm und hölzern hetzt der Autor sympathiefreie Pappkameraden durch eine ausgelaugte Simpel-Handlung: ein ungedämpfter Schuss in den sprichwörtlichen Ofen!

[md]

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