Das Geheimnis der Borgia-Skulptur

Victor Gunn
Das Geheimnis der Borgia-Skulptur

(Bill-Cromwell-Serie, Bd. 17)

Originaltitel: The Borgia Head Mystery (London : Collins 1951)
Übersetzung: Irene von Berg
Deutsche Erstausgabe: 1954 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns große Kriminal Romane K 86)
183 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: April 1999 (Wilhelm Goldmann Verlag/Krimi Nr. 00205)
179 S.
ISBN-13: 978-3-442-00205-4

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Das geschieht:

Obwohl sich Kunsthändler Francis „Old Gus“ Kendrick eigentlich schon zurückgezogen hat, verlässt er seinen gemütlichen Landsitz „Mere Croft“ in der Grafschaft Cumberland hin und wieder und kommt nach London, wenn ein besonders hochkarätiges Geschäft bevorsteht. Dieses Mal geht es um stolze 50.000 Pfund: Kendrick ist es gelungen, sich in den Besitz des berühmten Borgia-Kopfes zu setzen. Der aus purem Gold getriebene Totenschädel wurde 1518 vom genialen Bildhauer Cellini im Auftrag der berüchtigten italienischen Borgia-Fürstin Lucrezia gefertigt und galt seit Jahrhunderten als verschollen.

Der fanatische Sammler Preston Dodd, ein millionenschwerer Stahl-Magnat aus den USA, will den Kopf um jeden Preis besitzen. In Kendricks Galerie-Büro hat man sich verabredet, um den Handel abzuschließen. Doch der berühmte australische Kunstdieb Frederick Charles Brody hat Wind von der Übergabe bekommen. Mit seinem Kumpanen Ted Willis stattet er Kendrick einen ungebetenen Besuch ab und will ihn zur Herausgabe des Kopfes zwingen. Doch der Coup misslingt gründlich; Kendrick wehrt sich und wird erschossen. Das Kunstwerk finden die Räuber nicht. Noch im Tod hat Kendrick sie hereingelegt.

Die Ermittlungen in diesem Mordfall übernimmt Chefinspektor Bill Cromwell von Scotland Yard. Mit seinem Assistenten Johnny Lister rekonstruiert er das Verbrechen, ohne zu ahnen, dass Brody keineswegs aufzugeben gedenkt. Francis Kendrick hat eine Nichte. Victoria lebt auf Mere Croft. Weiß sie womöglich, wo der Onkel den Borgia-Kopf versteckt hat? Brody und Willis machen sich mit falschen Identitäten nach Cumberland auf. Eine hektische Suche nach dem Goldschädel beginnt, in den sich noch andere Parteien einmischen. Cromwell bleibt wenig Zeit, das Geheimnis zu lüften und die schöne Victoria zu retten …

Ein Krimi mit Fluch-Faktor

Sogar ein Routinier vermag zu überraschen: Victor Gunn präsentiert mit dem 17. Roman seiner lang laufenden Erfolgsserie um Bill „Old Iron“ Cromwell von Scotland Yard nicht den erwarteten „Whodunit“, sondern deckt die Identität des Mörders bereits auf den ersten Seiten auf – meinen wir Leser zumindest, denn nicht unbedingt subtil aber trickreich dreht uns Gunn im Finale doch eine Nase, indem er ein weiteres As aus dem Ärmel zieht; das ist keineswegs fair aber wirkungsvoll und wird deshalb verziehen.

Gunn geht noch weiter: Im Mittelteil kommt die Handlung ohne Cromwell und seinen ewigen Assistenten Johnny Lister aus. Während die beiden Gesetzesmänner sich um die Aufklärung des romaneingangs geschilderten Mordes mühen, werden im fernen Cumberland die Weichen für eine unerwartete Neuentwicklung des Geschehens gestellt. Alte Bekannte und neue Finsterlinge betreten die Szene; als sich in tiefer Nacht gleich drei voneinander unabhängige Parteien auf die Suche nach dem goldenen Schädel begeben, mutiert die Handlung zur Theaterfarce, was den Beteiligten keineswegs entgeht.

Noch mehrfach sprechen die Figuren diverse Klischees und Ungereimtheiten an. Mit diesem Kniff nimmt Gunn seinen Kritikern das Heft aus der Hand. Später wirft die vom Mörder gekidnappte Maid ihrem Peiniger sehr richtig vor, er benehme sich wie ein billiger Theaterschurke; das gibt er ihr zu – und bedroht sie äußerst wirkungsvoll im entsprechenden Stil weiter: Gunn weiß sehr genau, mit welch‘ heißer Nadel er sein Krimi-Schauer-Abenteuer strickt, und er hat kein Problem damit.

Wieso auch, da die klassischen Tricks zur Spannungserzeugung zuverlässig funktionieren? Inzwischen wurden sie durch Nostalgie veredelt und erregen nicht einmal mehr Kritikerschelte. Also reitet Gunn das uralte Klischee vom verfluchten Schatz und steigert es, indem er den mysteriösen Goldschädel seinerseits in einem „schwarze Höhle“ genannten Geheimversteck verschwinden lässt, das natürlich aufgespürt werden muss.

Weiterhin auf die Folter gespannt wird der Leser durch einen eher ulkigen Mordanschlag mit Hilfe eines tonnenschweren Felsbrockens, mit dank IQ-gedimmter Landpolizei auf die Spitze getriebener falscher Verdächtigungen, mit falschen Bärten und anderen Masken sowie mit ‚genialen‘ Verbrecherplänen, auf die im Grunde kein Kleinkind hereinfallen würde.

Routine kann sehr tröstlich sein

Nein, „Das Geheimnis der Borgia-Skulptur“ ist sogar im Umfeld der simpel gestrickten Cromwell/Lister-Serie kein Ausbund krimiliterarischer Raffinesse. Der Spaß entsteht aus der Kenntnis der unzähligen Klischees, die nicht nur immer wieder bedient, sondern nicht selten unerwartet übertrieben werden. Gleichzeitig sind alle bekannten, vertrauten und geschätzten „Cozy“-Qualitäten reichlich vorhanden. Die Realität bleibt vor allem Behauptung. Dass die Handlung Anfang der 1950er Jahre spielt, wird höchstens durch die einmalige Erwähnung des II. Weltkriegs deutlich. Ansonsten spielt „Das Geheimnis …“ nicht nur in Cumberland, sondern in einem Märchenland jenseits der Realität. Die modernsten Erfindungen sind Elektrizität, Telefon und Automobil, und sogar sie wirken wie Fremdkörper in einer archaischen Landschaft, die Gunn nicht grundlos als durch schroffe, steile Gebirgszüge isoliert beschreibt.

In dieser Umgebung erweckt ein mit Geheimverstecken förmlich gespicktes Landgut wie Mere Croft den Eindruck eines Neubaus, denn die Vergangenheit ist allgegenwärtig unter einer dünnen Tünche der Modernisierung. Das setzt sich bis nach London fort. Die Hauptstadt Großbritanniens bleibt hier auf den Ausschnitt beschränkt, den der mit Antiquitäten vollgestopfte Laden von „Old Gus“ Kendrick darstellt. Das Tüpfelchen auf diesem I bildet der geheimnisvolle Borgia-Schädel, dem Gunn eine eigene, an Mysterien und unheilvollen Begebenheiten reiche Vita strickt.

Ehre das Alter!

Wobei „Old Gus“, das Opfer, „Old Iron“, den Jäger, widerspiegelt. In Victor Gunns (Krimi-) Welt haben die Alten das Sagen. Harold Murray, der junge Held, ist zwar ehrenwert, denkt und handelt aber als verliebter Trottel. Johnny Lister ist Cromwells Laufbursche und Stichwortgeber; das war er, ist er und wird er bleiben. Und Victoria Kendrick ist „das Mädel“ – wunderschön, scheinbar taff, tatsächlich schwach und auf männliche Unterstützung angewiesen. Wer den typischen Gunn-Krimi kennt, weiß, dass am Ende eine Hochzeit steht.

Die schmierentheatralische Eskapaden des ‚genialen‘ Meisterdiebs Brody wurden bereits erwähnt. Einem Bühnendrehbuch scheint er auch seine überkomplizierten Tricks entnommen zu haben, mit denen er im wahren Leben den Verdacht jedes Parkplatzwächters erregt hätte. Gunn bemüht sich, Faktoren wie Zufall, Entschlossenheit und Tempo zu Brodys Gunsten auszulegen, doch dessen Schurkereien wirken niemals erschreckend, sondern reihen sich in das gemächlich-gemütliche Ambiente ein, dem selbst zwei Morde und diverse Mordversuche den Frieden nicht rauben können.

Sicherlich gibt es bessere Gunn-Krimis. Allzu nonchalant entledigt sich der Autor dieses Mal diverser Verwicklungen, die er nur eingebracht hatte, um die Spannung zu schüren, ohne sie wirklich mit der Handlung zu verknüpfen. Auch die Auflösung wirkt arg konstruiert. Bill Cromwell leistet immerhin die üblich überzeugende Arbeit. Gunn kann plotten, und er versteht sicherlich soviel von der Polizeiarbeit, um sie zumindest überzeugend darstellen zu können. Wer so richtig in biederer Kuschel-Krimi-Atmosphäre schwelgen möchte und auf inhaltliche oder gar formale Qualitäten pfeift, wird dem „Geheimnis der Borgia-Skulptur“ gut bedient.

Autor

Der Engländer Victor Gunn (1889-1965), dessen richtiger Name Edwy Searles Brooks lautete, war als Unterhaltungs-Schriftsteller ein Vollprofi. Er verfasste für Zeitschriften und Magazine über 800 (!) Romane und unzählige Kurzgeschichten – genaue Zahlen werden sich vermutlich nie ermitteln lassen – unterschiedlichster Genres, wobei er sich diverser Pseudonyme bediente. Der nome de plume „Victor Gunn“ blieb jenen Romanen und Story-Sammlungen vorbehalten, die Brooks um den knurrig-genialen Inspektor William Cromwell und seinen lebenslustigen Assistenten Johnny Lister verfasste.

In Deutschland ist Gunn vom Buchmarkt verschwunden. Dabei ließ sich sein Erfolg einmal durchaus mit dem seines Schriftsteller-Kollegen Edgar Wallace messen. Eine stolze Auflage von 1,6 Millionen meldete der Goldmann-Verlag, der Brooks als Victor Gunn hierzulande exklusiv verlegte, schon 1964 – eine Zahl, die sich in den folgenden Jahren noch beträchtlich erhöht haben dürfte, bis ab 1990 die Flut der ständigen Neuauflagen verebbte.

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