Das rote Haar

Victor Gunn
Das rote Haar

(Bill-Cromwell-Serie, Bd. 40)

Originaltitel: Murder at the Motel (London : Collins 1964)
Übersetzung: Ingrid von Blücher
Deutsche Erstausgabe: 1964 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns große Kriminal Romane K 409)
204 S.
[keine ISBN]
Neuusgabe: 1982 (Wilhelm Goldmann Verlag/Rote Krimi 1289)
204 S.
ISBN-13: 978-3-442-01289-3

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Das geschieht:

In seinem Sommerurlaub pflegt Chefinspektor Bill Cromwell, genannt „Old Iron“, nicht Mördern und Dieben, sondern möglichst großen Fischen nachzustellen. Sergeant Johnny Lister, sein Assistent und bester Freund, hat ihm das Green Valley Motel in Farley, einem Örtchen in der englischen Grafschaft Suffolk, empfohlen. Geleitet wird es vom in Anglerkreisen berühmten Captain a. D. Godfrey Melrose, sodass Cromwell sich nicht bitten lässt.

Aus den Ferien wird indes nichts. Noch als er das Motel unter die Lupe nimmt, wird Cromwell Zeuge eines erbitterten Streits: Bauernsohn Roy Campbell ist im Liebeskampf um die schöne Gillian Hartley ins Hintertreffen geraten. Krank vor Eifersucht verfolgt er nun die junge und ihren Bräutigam Peter Melrose, den Sohn des Captains. Roy verlangt ein klärendes Gespräch, das Gillian, die eine öffentliche Szene vermeiden will, in einen der leerstehenden Bungalows der Motel-Anlage verlegt. Dort stolpert die beiden über die nackte Leiche eines Mannes mit auffällig feuerrotem Haar.

Auf Bitten von Colonel Blythe, Polizeidirektor von Farley, übernehmen Cromwell und Lister gemeinsam mit Inspector Philipott den Fall. Der erweist sich als unerwartet rätselhaft: Der Mann muss im Fluss getrieben haben, ist aber nicht ertrunken, sondern wurde raffiniert vergiftet. Niemand kennt den Toten, der aufgrund seiner Haarfarbe jedermann im Gedächtnis geblieben sein müsste. Cromwell rät die Erfahrung, dass sich mehr hinter dieser Sache verbirgt, eine Vermutung, die sich tragisch bewahrheitet, als Gillian erwürgt in ihrem Haus gefunden wird.

Obwohl er sich den Zorn der braven Bürger von Farley zuzieht, beginnt Cromwell sich zu fragen, ob Gillian wirklich der Engel war, für den sie alle Welt hielt. Da gibt es ein Geheimnis, das sie hartnäckig hütete, bis es ihr zum Verhängnis wurde. Cromwell wird es lüften, was der Täter allerdings ebenfalls ahnt …

Ärger im Ferienparadies

Auf dem Land geht es – zumal in England – nicht nur ruhig und idyllisch, sondern auch mörderisch zu. Dass der „Landhaus-Krimi“ als Subgenre so erfolgreich wurde, kommt nicht von ungefähr. Da ist die unübersichtliche Kulisse: das einsame Haus, das kleine Dorf, die alte Burg, isoliert aber zugänglich für eventuelle Besucher und Übeltäter aus einer Natur, die nicht nur hübsch anzusehen ist, sondern den eigentlichen Schauplatz von allen Seiten umgibt und sich in der Nacht angenehm gruselig verwandelt.

Zweitens ist die Bevölkerung übersichtlich und für den Verfasser deshalb leichter zu handhaben. Außerdem gewinnen Konflikte auf dem Land eine ganz andere Qualität. Wo man womöglich seit Jahrzehnten neben- und miteinander lebt und sich (scheinbar) kennt, schwelen Streitigkeiten gern unter einer mühsam befriedeten Oberfläche weiter. Das ist die ideale Basis für eine kriminalistische Tragödie mit Irrungen & Wirrungen.

Farley ist ein Musterdorf für diese Spielart des Krimis. Einziges Zugeständnis an die Gegenwart ist das Green Valley Motel, ein brandneues Gebäude, das nicht primär den traditionellen Feriengästen, sondern Autoreisenden Obdach bietet (was Inspektor Ironside in Vertretung des die mörderische Gemütlichkeit favorisierenden Lesers missmutig kommentiert). Dem „Cozy“-Fan sei versichert, dass Gunn die Grenzen des Genres sorgsam wahrt. Das Geschehen spielt sich in jenem zeitlich verschwommenen Krimi-Märchenland England ab, in dem die Zeit zwischen 1920 und 1939 stehengeblieben zu sein scheint. Wer dies bezweifelt, lausche nur den Worten von „Old Iron“, als der die Tatsache kommentiert, dass Gillian Hartley darauf bestand, unbemannt allein und im eigenen Haus zu leben: „Gleichberechtigung von Mann und Frau! Was für ein Unsinn! Wenn ich das schon höre!“ (S. 85) Natürlich ermittelt der Inspektor mit aller Kraft, aber dass die arme Gillian an ihrem Schicksal letztlich mitschuldig ist, muss wenigstens einmal deutlich gesagt werden …

Cherchez la femme!

Ganz klassisch geht es zu, wenn sich der zweite Mord ereignet. Eine schöne Frau ist zwischen zwei Männer geraten. Dass sie sich selbst entschieden hat, wird zeitgemäß typisch ignoriert. Die Nebenbuhler geraten tüchtig aneinander und manövrieren sich, von Verfasser Gunn mehr oder weniger offensichtlich manipuliert, in die Rollen der Hauptverdächtigen.

Damit läuft die Handlung für einen Routinier wie Gunn wie auf Schienen. Nicht wie es weitergeht ist die Frage, sondern wie es ihm bzw. „Old Iron“ Cromwell gelingen wird, das Gespinst aus Irrtümern und Lügen dieses Mal zu zerreißen. Geschickt und ökonomisch zugleich zerstreut Gunn die Erkenntnis des allzu Bekannten, indem er vor den ‚klassischen‘ Mord an der schönen Gillian ein kriminologisches Rätsel stellt, an dem auch Sherlock Holmes seine Freude gehabt hätte (zumal der seine eigenen Erfahrungen mit Rotschöpfen machen musste …): Ein körperlich auffälliger Mann, der nackt dort tot gefunden wurde, wo er definitiv (sowie auf kuriose Weise) nicht starb, entzieht sich hartnäckig einer Identifizierung sowie der Frage, wieso er auf so bizarre Weise sein Ende fand. Dieses Rätsel geht in die Ermittlungen im Mordfall Gillian Hartley ein, wobei Gunn offen lässt, ob die beiden Übeltaten miteinander in Verbindung stehen. Damit hält er sein Publikum bei der Stange, das sich im Mittelteil durch Krimi-Routine kämpfen muss.

Kein Rätsel für Profis

Spätestens im dritten Romanviertel meint der versierte Leser zu wissen, wer in Farley meuchelnd umgeht. Entsprechende Hinweise, die zum Fairplay des Rätselkrimis gehören, hat Gunn ordnungsgemäß eingestreut. Dabei ist der Fall des roten Haars grundsätzlich kein Mysterium. Um dies zu verbergen, muss der Autor den Intelligenzquotienten seiner Figuren übergreifend abdimmen. Schräge ‚Typen‘ sind das Salz in der Suppe des klassischen Landhauskrimis. Hier wirken Standardgestalten wie der steiflippige Landadlige, der salbungsvolle Pfarrer, der übereifrige Dorfpolizist, der kartoffeldumme Bauer oder die schwatzsüchtige Waschfrau geradezu geistesschwach. Die betuliche Übersetzung mag ihren Teil dazu beitragen, doch unabhängig davon tappen sämtliche Bewohner von Farley fahrlässig im Dunkeln.

Das schließt den angeblich so pfiffigen Johnny Lister ein, der sich dieses Mal noch begriffsstutziger als sonst anstellen muss. Immer wieder trägt er – seiner Watson-Rolle gerecht werdend – Cromwell und damit dem Leser unausgegorene Theorien vor, die er sich nach nur kurzfristiger Überlegung wohlweislich verkniffen hätte. Gunn will uns auf falsche Fährten zwingen; man merkt die Absicht und ist verstimmt.

Dabei hätte der Autor solche Tricks nicht nötig. Seinen Plot hat er wie üblich sehr gut im Griff. Natürlich ist der, auf alle zeigen, nicht der Mörder. Das entspricht der Konvention, sorgt jedoch für die erwünschte Überraschung, weil Gunn im letzten Drittel tatsächlich ins Wanken bringt, was felsenfest zu stehen schien. Dass man „Ironsides“ auf die Schliche kommt, bevor er ähnlich unerbittlich wie Lordprotektor Oliver Cromwell, mit dem er den Spitznamen teilt (und der 1649 das Todesurteil für König Charles I. unterschrieb), den Täter stellt und der Gerechtigkeit (= dem Galgenstrick) ausliefert, wird erfindungsreich (sowie unter gewisser Strapazierung des Zufalls) verhindert. Mit dem 40ten (!) Band einer schon 25 Jahre laufenden Reihe hat Gunn abermals kein herausragendes aber ein solides und unterhaltsames Werk abgeliefert. Das ist sicherlich keine selbstverständliche Leistung!

Autor

Der Engländer Victor Gunn (1889-1965), dessen richtiger Name Edwy Searles Brooks lautete, war als Unterhaltungs-Schriftsteller ein Vollprofi. Er verfasste für Zeitschriften und Magazine über 800 (!) Romane und Kurzgeschichten – genaue Zahlen werden sich vermutlich nie ermitteln lassen – unterschiedlichster Genres, wobei er sich diverser Pseudonyme bediente. Der nome de plume „Victor Gunn“ blieb jenen 43 Romanen und Storysammlungen vorbehalten, die Brooks zwischen 1939 und 1965 um den knurrig-genialen Inspektor William Cromwell und seinen lebenslustigen Assistenten Johnny Lister verfasste.

In Deutschland ist Gunn vom Buchmarkt verschwunden. Dabei ließ sich sein Erfolg einmal durchaus mit dem seines Schriftsteller-Kollegen Edgar Wallace messen. Eine stolze Auflage von 1,6 Millionen meldete der Goldmann-Verlag, der Brooks als Victor Gunn hierzulande exklusiv verlegte, schon 1964 – eine Zahl, die sich in den folgenden Jahren noch beträchtlich erhöht haben dürfte, bis ab 1990 die Flut der ständigen Neuauflagen verebbte.

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