Das verlorene Gesicht

Iris Johansen
Das verlorene Gesicht

(Eve-Duncan-Serie, Bd. 1)

(sfbentry)
Originaltitel: The Face of Deception (New York : Bantam Books 1998)
Übersetzung: Norbert Möllemann
Deutsche Erstveröffentlichung: Mai 2001 (Ullstein Taschenbuchverlag/TB Nr. 25137)
460 S.
ISBN-13: 978-3-548-25137-0

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Das geschieht:

Eve Duncan ist Spezialistin für computersimulierte Alterungsprozesse im „Nationalen Zentrum für verschwundene und missbrauchte Kinder“ in Arlington, US-Staat Virginia. Ihre Fachkenntnisse ermöglichen es, über einem Totenschädel das verschwundene Gesicht eines Opfers quasi neu erstehen zu lassen. Diese Mischung aus Wissenschaft und Kunst wird von der Justiz und den Polizeibehörden oft in Anspruch genommen. Sie hat sich ohnehin in einen Workaholic verwandelt, nachdem ihre kleine Tochter einem geistesgestörten Kindesmörder zum Opfer fiel.

John Logan ist ein amerikanischer Selfmade-Millionär. Er verdient viel Geld in der Hardware-Branche, nutzt aber sein Vermögen und seinen Einfluss auch, um in der Politik seines Landes mitzumischen. Dabei ist er einem Komplott auf die Spur gekommen, das ganz oben in der US-Hierarchie anzusiedeln ist und die Person des Präsidenten selbst in ein sehr schiefes Licht rückt. Wer regiert die letzte Großmacht dieses Planeten wirklich?

Ein verbrannter Schädel, auf verschlungenen Wegen in den Besitz Logans gekommen, entwickelt sich zum Schlüssel der gesamten Affäre. Wer ihn zu Lebzeiten auf seinen Schultern trug, soll Eve Duncan herausfinden. Ist es tatsächlich John F. Kennedy Kopf, der seit Jahrzehnten nicht dort begraben liegt, wo er hingehört, wie Logan zunächst behauptet? Eve ist skeptisch und das zu Recht: In der Gegenwart liegt der sprichwörtliche Hund begraben, und damit das so bleibt, schickt James Timwick, der korrupte und mächtige Chef des US-Geheimdienstes, Logan und seinen Mitstreitern den eiskalten Killer Albert Fiske auf den Hals.

Es entspinnt sich ein mörderisches Katz-und-Maus-Spiel, bei dem die Gejagten ihrem Häscher und seinen Schergen immer wieder knapp entwischen. Die potenziellen Zeugen, denen Logan und Eve die Wahrheit über den umkämpften Schädel entlocken könnten, haben dieses Glück meist nicht. Die Lage spitzt sich zu, als sich herausstellt, dass Timwick selbst gar nicht der Kopf der Verschwörung ist. Die Spur des Todes führt direkt bis ins Weiße Haus, und diejenigen, die an ihrem Ende die Fäden in der Hand halten, gedenken nicht, sich die Macht entgleiten zu lassen – koste es, was es wolle …

Die Faszination des Grauens

Iris Johansen ist ein Name, der bei diesem Rezensenten ein rotes Alarmlämpchen aufleuchten lässt, seit ihm ein Roman dieser Autorin in die Finger geraten ist, der so gnadenlos trashig war, dass er a) durch die Faszination des Grauens schon (fast) wieder unterhalten konnte, und b) seinen schockierten Leser zu einem Verriss inspirierte, den dieser bescheiden zu einer seiner besten Buchbesprechungen überhaupt erklärt.

Warum also der neuerliche Blick in den Abgrund? Im milden Licht kontinuierlich wachsender Altersmilde kam genannter Rezensent zu dem Schluss, Iris Johansen noch einen zweiten Blick zu gönnen. Sie als letztklassige Quarkthriller-Fabrikantin abzutun, ist faktisch aufgrund zahlreicher Beweise möglich und gerechtfertigt aber objektiv schwierig: Johansen ist überaus erfolgreich, kann auf ein kopfstarkes Publikum zählen und ist von daher eine gewisse Größe, die von der Kritik nicht einfach ignoriert werden kann.

Allerdings kann „Das verschwundene Gesicht“ den katastrophalen Eindruck, den „Und dann der Tod“ zumindest bei diesem Rezensenten hinterlassen hat, nur sehr bedingt relativieren. Er reicht nur für die Aufwertung von Bockmist zu Vorgartendünger, wie gleich vorauszuschicken ist.

Nervensäge statt Hauptfigur

Beginnen wir mit einem Schlaglicht auf die Figuren der Handlung, denn hier hatte Johansen in „Und dann der Tod“ am intensivsten gesündigt. Siehe da: Auch Eve Duncan ist eine Heldin, der man schon auf Seite 2 den Hals umdrehen möchte. Mit unheimlicher Sicherheit findet sie immer wieder die Gelegenheit, die Säge an den Nervensträngen der Leserschaft anzusetzen. Störend wirkt beispielsweise ihr ausgeprägter Drang, in Momenten größter Gefahr stets direkt auf Killer, Erpresser und ähnlich unerfreuliche Zeitgenossen zuzulaufen, um diese – wohl durch gutes Zureden oder Totschwatzen – von ihrem Tun abzubringen oder ihnen wenigstens ihre Verachtung ins Gesicht zu schleudern.

Glücklicherweise wirft sich stets ein aufopferungswilliger Gefährte in die Feuerlinie, was Eve dann die Chance bietet, einmal mehr über die unamerikanische Niedertracht der modernen Welt zu wettern. Immerhin hat diese Eve Duncan einen interessanten Job, auf den die Autorin ausführlich eingeht, auch wenn sie gern und allzu didaktisch repetiert, was sie nach ausführlicher Recherche über das Thema weiß. Der hausbackenen Heldin eine einst cracksüchtige Mutter anzudichten, ist immerhin ein Einfall, den man nicht erwartet hätte.

Um Eve Duncan herum gruppiert Johansen eine Reihe sehr vertraut wirkender Charaktere, die man „Knallchargen“ nennen könnte. Wie in „Und dann der Tod“ haben wir da wieder einen geheimnisvoll-gefährlich-faszinierenden Regierungsbeamten und einen eindimensional-psychopathischen Killer. Dazu kommt als uramerikanische Heldengestalt der reiche Selfmade-Millionär mit dem goldenen Herzen, der privat in Ordnung bringt, was die chronisch unfähige Regierung zu versaubeuteln pflegt.

Ergänzt werden diese Hauptfiguren durch eine Kollektion profillos bleibenden Kanonenfutters, das im Verlauf der Handlung malerisch zu Tode kommt, um für Thriller-Schock und Dramatik zu sorgen.

Story mit vorzeitigem Ende

Hätte Johansen ihr bisschen Hirnschmalz bloß auf die Handlung verwendet! Erstaunt und irritiert hält der Leser einen Roman in den Händen, dessen Plot nur bis Seite 200 reicht. Dann hat die Autorin ihr Pulver verschossen; die Katze ist aus dem Sack, das Rätsel des Schädels ist gelüftet, den Bösen sind die Masken vom Gesicht gerissen. Was noch folgt, ist ein 250-seitiges Zeilenschinden, das nirgendwohin führt, sondern unbarmherzig ins früh vorgegebene Finale mündet.

Gibt es etwas Langweiligeres als eine Verfolgungsjagd, die sich im Kreise dreht? Sicher: eine dilettantisch inszenierte Verfolgungsjagd, die sich im Kreise dreht! Selbst das thrillerunkundige Publikum merkt bald, dass die von Johansen erdachte Verschwörung so niemals realisiert werden könnte. Realitätsnähe lässt sich zwar den meisten modernen Thrillern nicht unterstellen, sie ist auch nicht zwingend erforderlich. Das Unwahrscheinliche muss jedoch schlüssig und schlagfertig in Worte gegossen werden, um überzeugen zu können – und hier muss Iris Johansen passen. Hilflos flüchtet sie sich faule Tricks, ist ungelenk und zimperlich in den Action-Szenen, versucht sich an einer platten Liebe-auf-der-Flucht-Geschichte und verärgert mit kalkuliert rührseligen, imaginären Dialogen zwischen Mutter und ermordeter Tochter.

Den peinlichen und selbstentlarvenden Schlussstrich zieht Johansen selbst in einem ungewöhnlichen Nachwort: Hier gibt sie zu, das selbst gewählte Thema verfehlt zu haben. Geplant war der Thriller einer Frau, die von einem persönlichen Verlust aus der Bahn geworfen wurde und versucht, das Leben neu zu finden. Man muss der Autorin auch in diesem Punkt Versagen vorwerfen: Dieser Aspekt wird aufwändig eingeführt, um dann für die eigentliche Handlung völlig ohne Belang zu bleiben bzw. zu einer weiteren Seifenopernblase zu degenerieren.

Herz & Schmerz statt Hirn & Spannung?

Was bleibt, ist ein nicht einmal mittelmäßiger, breit ausgewalzter Frau-in-Gefahr-Thriller, bei dem der Leser bzw. eher die Leserin so richtig schön mitleiden kann. Ist dies der Knackpunkt, der Ihrem Rezensenten zu schaffen macht – seine Unfähigkeit, sich mental in das „Lady-Thriller“-Genre einzufinden und die daraus resultierende Intoleranz dem Gedanken gegenüber, dass die Emotion und keineswegs Spannung oder Logik im Vordergrund stehen? Aber sollte nicht auch Schmalz sorgfältig zubereitet werden, damit es nicht ranzig schmeckt? Die weiter oben aufgelisteten Mängel stellen – ungeachtet der manchmal sarkastischen Wortwahl – objektiv konstatierbare Schwachpunkte dar.

Johansen hat ihre Nische jedenfalls gefunden. Sie versucht es mit exakt demselben Ansatz gleich noch einmal: Eve Duncan kehrt zurück in einem weiteren Thriller um eine Frau, die von einem schmerzlichen Verlust aus der Bahn geworfen wurde und nun versucht, das Leben neu zu finden („The Killing Game“, 1999; dt. „Im Profil des Todes“) … So viel Dreistigkeit verdient beinahe Bewunderung – aber eben nur beinahe, zum Johansen die Eve-Duncan-Reihe ebenso ungelenk wie erfolgreich bis heute fortsetzt.

Wer mehr über Iris Johansen und ihre Werk erfahren bzw. gewarnt werden möchte, traue sich auf ihre offizielle Website.

Kurzkritik für Ungeduldige: Im Weißen Haus treiben böse Menschen entsprechende Spielchen. Mit dem Kopf von John F. Kennedy bringt sich eine tapfere Forscher-Frau gegen die Schurken in Stellung … – Lachhafter Möchtegern-Thriller, dessen naive, mit trivialen Liebesgeplänkeln verschnittene Handlung bereits auf halber Strecke die Luft ausgeht: Lektüre zum Fremdschämen & Ärgern.

[md]

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