Der Anhalter

Lee Child
Der Anhalter
(Jack-Reacher-Serie, Bd. 17)

Originaltitel: A Wanted Man (London : Bantam Press/Transworld Pub./Random House Company 2012; New York : Delacorte Press 2012)
Übersetzung: Wulf Bergner
Deutsche Erstausgabe (geb.): Juni 2015 (Blanvalet Verlag)
446 S.
ISBN-13: 978-3-7645-0541-7
Neuausgabe: Mai 2016 (Blanvalet Verlag/TB Nr. 0300)
446 S.
ISBN-13: 978-3-7341-0300-1
eBook: Juni 2015 (Blanvalet Verlag)
1785 KB
ISBN-13: 978-3-641-15785-2
Hörbuch-CD: Juli 2015 (Audio Media Verlag)
6 CDs = 468 min. (gekürzt; gelesen von Michael Schwarzmaier)
ISBN-13: 978-3-8680-4450-8

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Das geschieht:

Mit dem vagen Plan, eine Freundin zu besuchen, begibt sich Jack Reacher auf eine weitere Reise durch die USA. Dieses Mal möchte er die Strecke als Anhalter bewältigen. Angesichts seines wenig vertrauenerweckenden Äußeren geben die meisten Autofahrer allerdings Gas, sobald sie Reacher am Straßenrand sehen. Irgendwo in Nebraska reißt seine dürre Glückssträhne endgültig: An einem frostkalten Wintertag gibt Reacher beinahe auf, als doch ein Wagen anhält.

Der Fahrer und zwei Passagiere begrüßen ihn; es handelt sich um Angestellte auf einer Geschäftsreise – angeblich, denn Parker, dem zwar ehemaligen aber weiterhin aufmerksamen Militärpolizisten, fallen bald Widersprüche auf. In der Tat ist er zu zwei Mördern ins Auto gestiegen. Da die Polizei bereits nach den Flüchtigen sucht, haben die Killer Karen Delfuenso gekidnappt und nun Reacher an Bord geholt: Die Polizei sucht nach zwei Verdächtigen und nicht nach einem Quartett. So kommt man durch alle Straßensperren.

Delfuenso kann Reacher erst spät heimlich ihre Notlage mitteilen. Er versucht die Gangster zu überwältigen, wird aber übertölpelt und in der Wildnis zurückgelassen. Zu allem Überfluss muss er feststellen, dass inzwischen er zum Hauptverdächtigen aufgerückt ist und nicht nur die Polizei, sondern auch der Geheimdienst und das FBI nach ihm fahnden. Statt sich zu stellen, plant Reacher die Rettung von Delfuenso.

Damit gerät er endgültig in die Maschen eines ohnehin verworrenen Netzes: Der Geheimdienst operiert IN den USA, was er nicht sollte aber tut, weil Terroristen einen Anschlag vorbereiten. Das FBI geht den Schlapphüten tarnend & täuschend zur Hand, die Polizisten dienen als Erfüllungsgehilfen, die Terroristen schöpfen Verdacht – und mittendrin treibt Reacher unverdrossen seine private Rettungsmission voran, bei der ihm inzwischen FBI-Agentin Julia Sorenson zur Hand geht …

Anhalterfahrten sind gefährlich …

… aber normalerweise ist das eine Warnung für Daumen-hoch-Reisende, die um Teilstrecken-Asyl in fremden Autos bitten. Dieses Mal sitzen die Lumpen am Steuer, und es ist das Gute, das über sie kommt, ohne sich mit Zureden und Appellen an das Gewissen aufzuhalten: Jack Reacher ist ein Leitstern für Zeitgenossen, die davon überzeugt sind, dass Recht und Ordnung von korrupten Politikern, betuchten Konzern-Moguln und rücksichtslosen Kapitalverbrechern ausgehöhlt und ausgenutzt werden. Die Welt ist kompliziert geworden, weshalb sich so mancher nach einfachen Lösungen sehnt. Reacher kann das bieten, und da seine besondere Form der Gerechtigkeit fiktiv bleibt, darf man sich ruhigen Gewissens zurücklehnen und lesend verfolgen, wie er nicht nur reinrassige Lumpen ausrottet, sondern auch aufgeblasenen Ordnungshütern die heiße Luft ablässt.

Dies findet auch im 17ten Band der „Reacher“-Serie in trügerisch simplen Kulissen statt. Einmal mehr spielt sich das Geschehen in der randurbanen US-Provinz ab. Autor Child hat solche Zivilisationsbrachen offensichtlich bereist und die Augen dabei weit offengehalten. Nicht zum ersten Mal imponiert er mit Beschreibungen stein- und betonbröckeliger Vorstadt-Öden, die nicht nur schaudern lassen, sondern auch logische Stätten für jedes mögliche Verbrechen darstellen. Jenseits der Stadtgrenzen geht es keineswegs idyllischer zu. Dort dominieren endlose, von Monokulturen beherrschte Großfarmen, die eher Wüsten als fruchtbaren Feldern gleichen.

An diesen schauerlichen Orten leben müde, enttäuschte, misstrauische Menschen, die vom „Amerikanischen Traum“ höchstens gehört haben, ohne jemals einen Zipfel davon zu erhaschen. Child kritisiert gern den liberalen Neo-Kapitalismus, ohne dabei ins Predigen zu geraten; seine durchaus boshaften und treffsicheren Anmerkungen sind Teil der Handlung; die bittere Medizin wird quasi mit Zuckerwasser verabreicht. (Übrigens keine Sorgen: Die Terroristen werden so gründlich aufgerieben, dass auch konservative Leser zufrieden sein dürften.)

Noch gefährlicher: Freunde & Helfer

Keinen Hehl macht Child außerdem aus seinem Misstrauen gegenüber einer (US-) Regierung, die den Rechten ihrer Bürger immer stärker Gewalt antut. Seit Nine-Eleven dürfen sich die wie Cholerabazillen vermehrenden Geheimdienste praktisch alles erlauben. Der Terror gedeiht trotzdem prächtig – dies auch deshalb, weil die von sich selbst überzeugten ‚Spezialisten‘ nur scheinbar globalisiert sind und lieber ihre eigenen Süppchen kochen. Kompetenzrangeleien und Karrierestreben werden wichtiger als die zu Makulatur verkommenden Zielvorgaben: Child wird nie müde, entsprechende Szenen zu beschreiben.

In diesem modernen Chaos kann ein altmodischer Ritter viel ausrichten. Reacher ist die aktuelle Version des kampfstarken Ehrenmanns. Seine Odyssee durch die USA ist auch die Queste eines Mannes, der nach dem Unrecht sucht. Nur so ist erklärbar, wieso er den Fall Karen Delfuenso so persönlich nimmt, dass er sich mit allen & jedem anlegt: Reacher ist süchtig nach ‚Action‘, die seinem Leben einen Sinn gibt.

Er konkretisiert damit die weiter oben angesprochene Sehnsucht nach der schnellen, endgültigen, ‚richtigen‘ Problemlösung. Da ist es kein Wunder, dass Reacher immer wieder Polizisten, Agenten, Soldaten u. a. Ordnungskräfte auf seine Seite ziehen kann: Auch wenn sie als Einheit auftreten und Anordnungen effizient und möglichst ohne Rückfragen umsetzen sollen, lässt sich das Individuum nie gänzlich ausrotten. Dieses Mal ist es FBI-Agentin Sorenson, die auf die Vorschriften und den „Großen Plan“ pfeift und zusammen mit Reacher tut, was getan werden muss. (Die beiden landen nicht einmal gemeinsam im Bett, womit Child – der mit entsprechenden Szenen stets peinlich Schiffbruch erlitt – ihnen und uns, seinen Lesern, eine große Freude bereitet.)

Leben & Sterben auf endlosen Straßen

Der Weg ist das Ziel: In der Regel gerät Reacher zufällig in eine krisenhafte Situation, die den ‚normalen‘ Bürger in die Flucht schlagen und überfordern würde. „Der Anhalter“ ist ein Paradebeispiel für dieses Konzept. Außerdem sorgt Child auf diese Weise für eine reizvolle Einschränkung des Spielraums: Mehr als 100 Seiten sitzt Reacher mit zwei Killern und einer Geisel in einem fahrenden Auto. Er muss dort einerseits unbemerkt Kontakt mit Karen Delfuenso aufnehmen und andererseits einen Plan schmieden, den (natürlich bewaffneten sowie misstrauischen) Kidnappern das Handwerk zu legen. Auch später muss Reacher immer wieder schier endlose Autobahnen, Stadtstraßen und Feldwege queren. Außerhalb des Autos ist das Spielfeld riesig. Selbst die moderne Kommunikationstechnik kann nicht verhindern, dass sowohl die Killer als auch Reacher den Verfolgern immer wieder durch die Maschen schlüpfen. Der Leser verfolgt quasi aus der Vogelperspektive eine Hetzjagd kreuz und quer durch Nebraska.

Freilich folgt diese Hatz einem von Child geschriebenen Drehbuch. Ungeachtet aller Zwischenfälle, Irrtümer und Sackgassen folgt Reacher einem roten Faden, der ihn in ein Finale führt, das in dessen dickem Ende mündet und alle offenen Fragen klärt. Hier tauscht Child den Ermittler Reacher jedoch gegen den gleichnamigen Rabaukenschlächter aus, der den Terroristenschlupfwinkel im Alleingang aushebt. Zwar ist das weiterhin spannend geschildert, aber es ist auch übertrieben und passt nicht zu einem Thriller, in dem sich Grips und Action bisher zu einem erfreulich homogenen Lesestoff mischten.

„Der Anhalter“ mag nicht zu den besten „Reacher“-Romanen gehören. Das muss glücklicherweise kann Anlass zu Langeweile oder Sorge sein: (Leichte) Durchhänger gibt es in jeder langlaufenden Serie. Weiterhin setzt Child die Serie pünktlich und jährlich fort. Die Chance ist also groß, dass Reacher mit Band 18 („Die Gejagten“) oder 19 oder 20 wieder zu ganz großer Form aufläuft.

Autor

Lee Child wurde 1954 als Jim Grant im englischen Coventry geboren. Nach zwanzig Jahren Fernseh-Fron (in denen er u. a. hochklassige Thriller-Serien wie „Prime Suspect“/„Heißer Verdacht“ oder „Cracker“/„Ein Fall für Fitz“) betreute, wurde er 1995 wie sein späterer Serienheld Reacher ‚freigestellt‘.

Seine Erfahrungen im Thriller-Gewerbe gedachte Grant nun selbstständig zu nutzen. Die angestrebte Karriere als Schriftsteller ging er generalstabsmäßig an. Schreiben wollte er für ein möglichst großes Publikum, und das sitzt in den USA. Ausgedehnte Reisen hatten ihn mit Land und Leuten bekannt gemacht, sodass die Rechnung schon mit dem Erstling „Killing Floor“ (1997, dt. „Größenwahn“ aufging. 1998 ließ sich Grant, der sich als Autor „Lee Child“ nennt, in seiner neuen Wahlheimat nieder und legt seither mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks in jedem Jahr ein neues Reacher-Abenteuer vor. Zehn sollten es ursprünglich werden, doch zur Freude seiner Leser ließ der anhaltende Erfolg Child von diesem Plan Abstand nehmen.

Man muss die Serie übrigens nicht unbedingt in der Reihenfolge des Erscheinens lesen. Zwar gibt es einen chronologischen Faden, doch der ist von Child so konzipiert, dass er sich problemlos ignorieren lässt. Jack Reacher beginnt in jedem Roman der Serie praktisch wieder bei null.

Aktuell und informativ präsentiert sich Lee Childs Website.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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