Der Blutzeuge

Marcus Sakey
Der Blutzeuge

Originaltitel: The Blade Itself (London : Gollancz 2006/New York : St. Martin’s Press/Minotaur 2007)
Übersetzung: Violeta Topalova
Deutsche Erstausgabe: August 2007 (Goldmann Verlag/TB Nr. 46408)
414 S.
ISBN-13: 978-3-442-46408-1

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Das geschieht:

Danny Carter und Evan McGann sind im irischen Viertel der US-Stadt Chicago in Armut aufgewachsen. Dort wurden sie die besten Freunde, dort haben sie gemeinsam manches krumme Ding gedreht. Als sie ein Pfandhaus überfielen und vom Eigentümer überrascht wurden, schoss Evan diesen zum Krüppel. Danny floh entsetzt und entkam, Evan wurde geschnappt und zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Dass Danny sein Partner war, verschwieg er vor Gericht.

Während Evan im Gefängnis endgültig verrohte und jegliches Gefühl für Gesetz und Moral verlor, begann Danny mit seiner Lebenspartnerin Karen, ein neues Leben und schuf sich eine Existenz als Leiter eines kleinen Bauunternehmens. Richard O’Donnell, sein Chef, verlässt sich auf Danny, die Arbeiter achten ihn. Danny und Karen denken an die Gründung einer Familie.

Dann wird Evan wegen guter Führung vorzeitig entlassen. Sofort taucht er bei Danny auf. Der ist ihm etwas schuldig, meint Evan, der seinen einstigen Freund zwingen will, erneut sein Partner zu werden. Danny fühlt sich in der Tat schuldig und trauert insgeheim den wilden, alten Zeiten hinterher. Evan spürt seine Schwäche, treibt ihn mit der Drohung auszupacken in die Enge und zwingt ihn, Tommy, den zwölfjährigen Sohn von Dannys Chef, zu entführen und ein Lösegeld zu erpressen.

Aber Evan spielt falsch. Er hat nicht vor zu teilen, Tommy nach der Lösegeldübergabe freizulassen oder gar Danny wie versprochen nach dem Coup in Ruhe zu lassen. Dem ‚Verräter‘ will er alles nehmen, was dieser sich aufgebaut hat, und ihm das Kidnapping anhängen. Danny bleibt lange ahnungslos. Als er endlich begreift, wie tief er sich in Evans Falle hat locken lassen, erwachen endlich seine Straßeninstinkte. Verzweifelt versucht er das Verhängnis aufzuhalten, doch Evan scheint in seiner Kraft und seiner brutalen Rücksichtslosigkeit unaufhaltsam …

Hart am Ball bzw. Original

1957 veröffentlichte der Kriminalschriftsteller John D. MacDonald (1916-1986) den Roman „The Executioners“: Ein Schwerverbrecher wird aufgrund der manipulierten Beweise eines Anwalts zu einer langen Haftstrafe verurteilt. In dieser Zeit denkt er nur an Rache. Als er das Gefängnis viele Jahre später verlässt, beginnt er den Anwalt und dessen Familie zu terrorisieren. Die völlige Zerstörung ist sein Ziel. Als das sein Gegner, der zunächst auf Beschwichtigung und später – erfolglos – auf die Justiz setzt, in voller Konsequenz erfasst, lässt er sich auf einen Zweikampf ein, den nur der Tod eines der Kontrahenten beenden wird.

„The Executioniers“ wurde 1962 als „Cape Fear“ mit Gregory Peck (gut) und Robert Mitchum (böse) verfilmt und gehört zu den Klassikern des Filmthrillers. Als „Ein Köder für die Bestie“ wurde der Film auch in Deutschland gezeigt, aber bekannter ist vermutlich Martin Scorceses Remake von 1991 mit Nick Nolte und Robert de Niro.

Diese Geschichte muss als Buch oder Film den jungen Marcus Sakey so beeindruckt haben, dass er sie uns – ein wenig modernisiert und psychologisch aufpoliert – noch einmal erzählt. Natürlich hat es vor „Cape Fear“ ähnliche Storys gegeben, und auch später haben (Drehbuch-) Autoren sich gern ‚inspirieren‘ lassen. Selten lassen sich die Parallelen freilich so deutlich identifizieren.

Kaum verdünnt auch als Aufguss goutierbar

Dabei scheint „Der Blutzeuge“ zunächst in einer völlig anderen Welt zu spielen. Ein Großstadtdrama der Gegenwart spielt sich hier ab, der Gute war früher selbst ein Verbrecher, und der Terror wird durch ein Kidnapping ergänzt. Ansonsten entwickelt sich der Plot jedoch wie die ‚Vorlage‘. Wer sie kennt, darf faktisch keine Überraschungen erwarten.

„Der Blutzeuge“ ist trotzdem ein guter = lesenswerter Roman. Das Bekannte hat Autor Sakey für das 21. Jahrhundert entstaubt. Er verfügt über einen gut entwickelten Sinn für Timing, der die Handlung rundlaufen lässt und – sehr wichtig – für stetige Beschleunigung der Ereignisse auf dem Weg ins große Finale sorgt. An den richtigen Stellen gibt es Verzögerungen: Unverhofft mischen sich Außenstehende ins Geschehen, platzen narrensichere Pläne, droht die Situation zu eskalieren.

Vor allem vermag Sakey deutlich zu machen, dass es Situationen gibt, in denen es dir gar nichts nützt, nach den juristisch und gesellschaftlich vorgezeichneten Regeln zu spielen. Einen korrekten Weg mag es für Danny geben, doch wie der ausgesehen hätte, begreift er erst, als es zu spät ist: Dass man hinterher schlauer ist, ist zwar menschlich, wird aber vom Gesetz nicht als Entschuldigung akzeptiert.

Lawinen sind unaufhaltsam

Gut ist Sakey deshalb, als er die Spirale der Gewalt in Bewegung setzt. Dannys Fehlentscheidungen addieren sich zu einer Lawine, die ihn und dann Karen, dann den unschuldigen Tommy und dessen Vater Richard und schließlich Debbie und Nolan in den Abgrund zu reißen droht. Einige Teilnehmer an diesem bösen ‚Spiel‘ werden in der Tat nicht überleben.

Am Ende verlässt Sakey leider der Mut. Es ist happy und wirkt deshalb inkonsequent. Scorcese hat es 1991 besser gemacht. Als sich der Rauch verzieht und der Schurke tot ist, haben alle Überlebenden Schuld auf sich geladen. Das wissen sie, und es wird nie in Vergessenheit geraten: Das ist die eigentliche Rache des Bösen, und sie wirkt konsequenter als der Vortrag über Schuld & Sühne, zu dem Sakey Danny auf den letzten Buchseiten zwingt.

Evan und Danny: eine verhängnisvolle Beziehung

Danny und Evan: Gut und Böse im Konflikt. So bedeutungsschwanger geht es glücklicherweise doch nicht zu, obwohl die Schwarz-Weiß-Zeichnung immer wieder durchschimmert. Ursprünglich waren sie beide Kriminelle. Sakey ist es – neben einer spannenden Handlung – ein deutliches Anliegen, die gegensätzliche Entwicklung seiner beiden Hauptfiguren zu verdeutlichen. War Evan stets ein Psychopath? Wie sehr bedauert Danny das Ende seiner aufregenden Verbrecherjahre? Hätten sie ihre Rollen tauschen können? Warum gelang Danny der Absprung?

Das sind grundsätzliche Fragen. Sakeys Antworten bleiben oft simpel, und zumindest in Evans Fall weiß er keine Erklärung. Manchmal lässt er diesen menschliche Seiten zeigen, aber in der Regel verkörpert Evan das massive, unbarmherzige Böse, das im Gefängnis zwar auf Hochglanz poliert wurde aber schon früher Teil von Evans Charakter war.

Das Duell zwischen Danny und Evan ist wie gesagt spannend aber für den etwas zynisch veranlagten Leser auch frustrierend, denn eigentlich hält Evan die Fäden fest in der Hand und lässt Danny daran tanzen. Welche Schlichen sich dieser auch einfallen lässt, um seinen Peiniger abzuschütteln, die ‚Verpflichtung‘ Dannys, sich trotz diverser Schwächen und Rückfälle in alte Gewohnheiten zumindest moralisch korrekt zu verhalten, nimmt ihm die Möglichkeit, es Evan mit gleicher Münze heimzuzahlen. Evan regiert buchstäblich mit eiserner Faust. Damit er dennoch unterliegt, muss Sakey die hässliche Realität ordentlich verbiegen. Wirklich überzeugend ist das Ergebnis nicht. Das Gute wird sich schließlich durchsetzen? Das stimmt zwar versöhnlich, ist aber naiv.

Für die Frau bleibt das Klischee

Zu den Handicaps, mit denen Danny geschlagen ist, gehört auch seine Lebensgefährtin Karen. Sakey bemüht sich nach Kräften, sie als starke und durch schlechte Erfahrungen klug gewordene Frau zu zeichnen, die ihrem Danny nicht als moralischer Mühlstein am Hals hängt und bei Fehlverhalten mit Liebesentzug droht. Unweigerlich endet sie dennoch als Evans Opfer und Köder und muss in einer Hollywood-Aktion befreit werden.

Debbie soll Karens Spiegelbild symbolisieren – eine durchaus kluge Frau, die es nicht geschafft hat sich zu emanzipieren, sondern ihrer Rolle als Spielzeug und Punchingball brutaler Männer verhaftet bleibt. Einmal mehr bemüht Sakey erprobte Klischees, die nichtsdestotrotz Klischees bleiben und als solche sehr schnell erkannt werden. Die Rechnung geht auf, wenn sich der Leser darauf einlässt. Nur dann lässt sich auch Nolan, der harte Cop mit dem goldenen Herzen, in seiner Paraderolle ertragen.

Die Story von „Der Blutzeuge“ geisterte Sakey schon viele Jahre durch den Kopf, wie er in seinem Nachwort zum Roman schreibt. Um sie in Buchform bringen zu können, nahm er an einer „Schreibgruppe“ für angehende Autoren teil. Den handwerklichen Aspekt der Schriftstellerei hat er auf jeden Fall verinnerlicht. Die Zukunft wird zeigen, ob sich Sakey freischwimmt, d. h. auf eigenen Plot-Pfaden wandeln und den Klischee-Faktor drosseln kann. „Der Blutzeuge“ ist als Roman so gut geraten, dass sich das nicht nur der Rezensent wünschen wird.

Autor

Marcus Sakey wurde 1974 in Flint (US-Staat Michigan) geboren. Nach dem Versuch eines Studiums an der University of Michigan wechselte er wie sein Bruder Matthew zu Werbung und Marketing. Zehn Jahre in diesem Metier boten die beste Voraussetzung für eine Karriere als Kriminalschriftsteller, meint Sakey trocken auf seiner Website. Schon länger liebäugelte er mit dem Versuch, genau dies anzustreben. Das unharmonische Ende seiner Werbelaufbahn bestärkte ihn darin.

Sakey recherchierte gewissenhaft für seinen Erstling „The Blade Itself“, der sofort auf die Bestsellerlisten geriet und mehrfach – so vom „Esquire Magazine“ – als bestes Debüt des Jahres 2007 gefeiert und wurde. Ben Affleck und Matt Damon erwarben die Filmrechte für ihre Produktionsgesellschaft.

Mit seiner Gattin lebt und arbeitet Marcus Sakey in Chicago. Über seine Aktivitäten informiert der Autor auf seiner sehr informativen und aktuellen Website, die er mit zahlreichen Hinter-den-Kulissen-eines-Profi-Schriftsteller-Fotos illustriert.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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