Der Chinese

Henning Mankell
Der Chinese

Kinesen, Schweden, 2008
dtv, München, Nachdruck: 01/2011
TB, Krimi
ISBN 978-3-423-21203-8
Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt
Titelgestaltung von Stephanie Weischer unter Verwendung eines Fotos von plainpicture

www.dtv.de
www.henningmankell.com/
www.mankell.de

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

„Der Chinese“ ist nach „Kennedys Hirn“ (u. a. als dtv-TB 21025) ein weiterer Kriminalroman, der in keinen Zusammenhang mit den „Wallander“-Romanen des bekannten schwedischen Autors steht. Wie bereits in „Kennedys Hirn“ beschränkt sich die Handlung in „Der Chinese“ nicht nur auf Schweden, sondern ist erneut Kontinente und erstmals Jahrhunderte übergreifend.

In dem schwedischen Dorf Hesjövallen, das aus einem Dutzend Häusern besteht, werden 18 Senioren und ein Junge mit einer Hiebwaffe getötet. Die Richterin Birgitta Roslin erfährt von dem Massaker und macht sich auf den Weg nach Hesjövallen, da sie vermutet, dass sich unter den Toten ihre Pflegeeltern befinden. Es fällt auf, dass die Toten miteinander verwandt sind. Birgitta Roslin entdeckt in einem der Häuser Tagebücher und Briefe, die das Leben eines Auswanderers im 19. Jahrhundert in den USA schildern. Die Richterin ermittelt, dass kürzlich seine Nachkommen ermordet wurden. Aufgrund weiterer Indizien bringt Birgitta Roslin einen Chinesen als Täter ins Spiel. Der Roman folgt bis hierhin einem gängigen Muster der Kriminalliteratur: Der Protagonist nimmt eigene Ermittlungen auf, deren Ergebnisse sich von denen der Polizei unterscheiden.

Im zweiten Teil von „Der Chinese“ wechselt Mankell den Kontinent und die Epoche. Er schildert die Erlebnisse eines chinesischen Brüder-Trios, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor der Willkür eines Großgrundbesitzers nach Kanton flieht. Einer der Brüder wird getötet, die übrigen zwei werden in die USA verschleppt, wo sie als billige Arbeitskräfte beim Eisenbahnbau eingesetzt und von einem Aufseher drangsaliert werden, in dem unschwer der Auswanderer aus Hesjövallen zu erkennen ist. Den Brüdern gelingt es, nach China zurückzukehren. Damit wird das Motiv für die Morde in der Gegenwart in den USA und in Hesjövallen klar: Rache für die eineinhalb Jahrhunderte zurückliegende Verschleppung. Damit könnte der Roman enden. Das würde jedoch nicht den Konventionen des Genres entsprechen, weil damit der Täter (bzw. sein Auftraggeber) der Strafe entgehen würde.

Birgitta Roslin kommen bei ihren Recherchen einige Zufälle zu Hilfe. Zuerst entdeckt sie in einem kleinen Hotel in Hudiksvall, einem Nachbarort von Hesjövallen, eine Videoaufzeichnung des mutmaßlichen Mörders. Wegen ihrer Krankschreibung hat sie die nötige Zeit, ihre Freundin Karin Wiman nach Peking zu begleiten. Birgitta Roslin nimmt einen Ausdruck der Aufnahme des Mörders mit, den sie einem jungen Mann zeigt, welchen sie vor einem exklusiven Hochhaus trifft. Sie wird überfallen und erregt das Interesse auf einer höheren Ebene der chinesischen Staatsmacht. Im vierten Teil von „Der Chinese“ stellt Mankell zunächst den Plan Chinas vor, sich einiger Millionen armer Bauern – und damit potentieller Unruhestifter – zu entledigen, in dem sie nach Zentralafrika umgesiedelt werden. Daran beteiligt ist auch der Auftraggeber des Mörders von Hesjövallen, ein neureicher Chinese namens Ya Ru. Als er nach dem Mord an seiner Schwester der Korruption angeklagt werden soll, vermutet er, dass seine Schwester Informationen an Birgitta Roslin (während ihres Peking-Aufenthaltes) weitergegeben hat, die ihn nun kompromittieren. Ya Ru reist nach Schweden.

Auch der eine oder der andere „Wallander“-Roman (wie „Die weiße Löwin“ [u. a. als dtv-TB 20150] und „Die Brandmauer“ [u. a. als dtv-TB 20661]) wies bereits eine Handlung auf, die internationale politische Dimensionen umfasste. Deshalb ist dieser Aspekt in „Der Chinese“ nicht überraschend, auch vom Ausmaß her nicht. Der Roman wirkt in seinen Schilderungen authentisch und stringent (von jenen Passagen im vierten Teil angesehen, in denen Mankell bzw. einer seiner Protagonisten über die politischen Absichten und die inneren Konflikte Chinas schwadroniert). Der Umfang des Handlungsbogens von „Der Chinese“ ist, sowohl geografisch als auch historisch, unter den Kriminalromanen Mankells einmalig und beeindruckend. Die Anzahl der zufällig anmutenden Ereignisse in dem Roman strapaziert zwar seine Plausibilität, sie führen aber nicht zu Widersprüchen in der Handlung, sondern sind erforderlich, so unwahrscheinlich sie im Einzelnen auch anmuten mögen, um das Geschehen fortzusetzen. Das spricht einerseits für eine gewisse Routine und schriftstellerische Meisterschaft des Autors, andererseits für Schwächen in seiner Handlungsführung, die in den „Wallander“-Romanen nicht vorzufinden sind (auch wenn sie natürlich ebenfalls ‚ihre‘ Zufälle aufweisen …).

„Der Chinese“ zeigt nach „Kennedys Hirn“ erneut, dass Mankell als Krimi-Autor am besten ist, wenn er über seinen Kommissar Wallander schreibt – bzw. schrieb, natürlich.

Copyright © 2011 by Armin Möhle (armö)

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