Der Diener Gottes

Keith Ablow
Der Diener Gottes

(Frank-Clevenger-Serie, Bd. 6)

Originaltitel: The Architect (London : Headline Book Publishing 2004)
Übersetzung: Ute Thiemann
Deutsche Erstausgabe: Juni 2006 (Goldmann Verlag/TB Nr. 44246)
318 S.
ISBN 13: 978-3-44246-193-6

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Das geschieht:

In diversen US-Staaten stellt ein Serienmörder seine Opfer aus: Er entführt Menschen, um sie dann zu vergiften und mit dem Skalpell die Muskeln, einzelne Organe oder Knochen wie für ein anatomisches Modell zu präparieren. Da der Täter keine ethnischen Minderheiten, Außenseiter oder andere Bürger zweiter Klasse metzelt, sondern seine ‚Schaustücke‘ unter den Angehörigen prominenter, d. h. politisch und wirtschaftlich einflussreicher Familien auswählt, erregen diese Fälle Aufsehen. Die Presse bläst zur Hetzjagd auf die mächtig unter Druck geratende Polizei.

Nach dem fünften Mord heuert in Washington Dr. Whitney McCormick, Direktorin der FBI-Abteilung für Verhaltensforschung, den Psychiater Frank Clevenger an. Schon oft hat er ihr bzw. dem FBI beratend zur Seite gestanden. Clevengers Spezialität ist die Erstellung psychologischer Profile, die zu verstehen helfen, was in den Köpfen von Gewalttätern vorgeht, damit man sie mit diesem Wissen identifizieren und aufhalten kann.

Im Fall von West Crosse ist der Schlüssel zu seinem Wahnsinn das von Gott angeordnete Streben nach Perfektion. Crosse arbeitet als Architekt und hat sich als solcher Starruhm erworben. In seine Kunden versetzt er sich geistig förmlich hinein und baut ihnen Heime, die sogar jene Wünsche befriedigen, die ihnen selbst gar nicht bewusst waren.

Leider werden Crosses perfekte Häuser oft von nicht gerade perfekten Familien bewohnt. Dies ‚korrigiert‘ unser Architekt, indem er schwarze Schafe auf die weiter oben beschriebene Weise eliminiert. Clevengers schwierige Aufgabe besteht darin, diesen bizarren Zusammenhang herzustellen – und dies möglichst, bevor Crosse seinem aktuellen Auftraggeber zu Diensten ist: dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, der eine ‚schwierige‘ Tochter zu seiner Familie zählt …

Wettlauf zwischen Geist und Skalpell

Stellt diese Inhaltsangabe nicht ein grobes Sperrfeuer unerwünschter Spoiler dar, die eine Lektüre von „Der Diener Gottes“ überflüssig machen? Da kann ich Entwarnung geben, denn Keith Ablow baut seinen Thriller nicht nach klassischem „Whodunit?“-Muster auf. Dass Crosse der Schurke ist, verrät er uns schon nach wenigen Seiten. Es geht dem Verfasser um die Jagd bzw. den Wettlauf zwischen Ermittler und Täter. Ablow splittet die Handlung in zwei parallel verlaufende Stränge, die sich – so fordert es die Dramaturgie – einander allmählich annähern, bis sie sich im Finale vereinen. Der Verfasser springt zwischen den Strängen, beobachtet im Wechsel Clevenger und Crosse und beschleunigt auf diese Weise das ohnehin rasante Tempo.

Der Psychiater breitet vor unseren Leseraugen das Instrumentarium seiner Ermittlungskunst aus, das der Verfasser meist spannend (und manchmal ein wenig zu penetrant) zu vermitteln vermag, weshalb wir – willige Opfer der „CSI“-Krimikultur – es uns gern gefallen lassen. Auf der Gegenseite ist Crosse raffiniert, attraktiv und übergeschnappt genug, uns mit seinen kaum plausiblen aber einfallsreich organisierten Kreuzzug zu fesseln. Um die Sache zu würzen, mischt Ablow ein wenig Paranoia in den Plot und ernennt die Opfer zu Mitgliedern der (realen) Elite-Bruderschaft „Skull & Bones“, die nach Ansicht diverser Verschwörungstheoretiker (früher „Spinner“ genannt) heimlich die Welt regieren.

Ein wenig Gesellschaftskritik schimmert durch, wenn Verfasser Ablow seinen Plot u. a. auf die Tatsache stützt, dass die von Crosses Morden betroffenen Familien ziemlich ungerührt bleiben oder gar Erleichterung durchscheinen lassen. Clevenger zeigt sich gebührend verblüfft, bis ihm aufgeht, dass die Hinterbliebenen froh über den Abgang unbequemer bis widerwärtiger Väter, Mütter oder Geschwister sind. Der Mörder hat ihre unausgesprochenen Wünsche erfüllt und ihnen das Leben erleichtert, ohne dass sie sich selbst die Finger schmutzig machen mussten. Genau so, suggeriert Ablow, lassen die bigotten, heuchlerischen Reichen und Mächtigen dieser Welt ihre Probleme lösen; die politische Oberschicht der USA schließt er ausdrücklich ein. Allerdings bringt Ablow diese These mit einer Penetranz vor, die auf bewusste Provokation schließen lässt.

Kluger Mann mit Alltagsproblemen

Wenn’s kein Pathologe ist, dann ist’s ein Profiler, der sich auf die Fährte eines vorgeblich genialen Serienkillers mit möglichst bizarren Mordmethoden setzt. Frank Clevenger passt prima ins Feld der lesermassenkompatiblen Kriminalisten, die nicht durch Originalität verwirren, sondern jene behagliche Variation des Bekannten pflegen, die einen ruhigen Feierabend im Lesesessel garantieren.

Sämtliche Klischees kommen zum Einsatz, dies aber so geschickt, dass man sich einfangen lässt. Also: Frank Clevenger ist ein mit allen Wassern gewaschener Psychiater. Sein Fachwissen setzt er geschickt ein, um Zeugen und Verdächtige zu verhören und dabei Informationen ans Licht zu fördern, welche die nach Schema F vorgehende Polizei immer wieder in Erstaunen versetzt. Gleichzeitig scheut sich nie, persönlich an vorderster kriminalistischer Front zu kämpfen. Irgendwie ergibt es sich dann, dass er dort auf sich gestellt ist, während die übrigen Ermittler zwischen den Zeilen umherirren.

Privat ist Clevenger mit allerlei Problemen belastet, die sich auswalzen lassen und für viele Buchseiten gut sind, aber auch emotionale Tiefgründigkeit demonstrieren: Seine FBI-Chefin ist auch seine Gelegenheitsgeliebte. Derzeit klammert sie und wünscht sich ein Kind mit Clevenger. Dieser hat mächtig Ärger mit seinem labilen Stiefsohn, der sich in gewaltige Schwierigkeiten manövriert. Ein schlechter Zeitpunkt für Clevenger, erneut dem überwunden geglaubten Suff zu verfallen … Die große Überraschung besteht darin, dass Clevenger sein Privatleben nicht wie erwartet in den Griff bekommt. Stattdessen lassen ihn seine Sorgen den Fall vernachlässigen, der prompt eine ganz besondere Wende nimmt. Am Ende hat das Gute scheinbar dennoch gesiegt, doch Clevenger weiß, dass die ‚Aufklärung‘ der Crosse-Morde der reine Hohn ist.

Böser Mann mit Alltagsproblemen

Mit West Crosse präsentiert uns Ablow einen Serienkiller bekannten Vorbilds. Er ist zwar verrückt, hat sich aber gleichzeitig völlig unter Kontrolle, was nur diejenigen nicht irritiert, die mit Hannibal Lecter als Muster-Mörder groß geworden sind. Zusätzlich profitiert die Figurenzeichnung von der doppelten Professionalität des Verfassers, der nicht nur selbst praktizierender Psychiater ist, sondern auch als wissenschaftlicher Berater für die Justiz arbeitet und schließlich eine enorme Medienpräsenz pflegt. In toto befähigt ihn dies einmal mehr, aus eigentlich stumpfen Klischees Funken zu schlagen: Crosse ist eine unrealistische aber sehr unterhaltsam in Szene gesetzte Figur; in der realen Welt gäbe es womöglich eine Nische für ‚Problemlöser‘ seiner Art, macht Ablow sarkastisch deutlich.

Was sich sonst um Clevenger und Crosse tummelt, verteilt sich auf die sattsam bekannten Rollen. Da haben wir den treuen Freund, die liebe aber schwierige Familie, komplettiert von der vorwurfsvollen Geliebte, abgerundet durch knarzige Cops und steife FBIler – der erfahrene Leser kann die Liste sicherlich selbst verlängern und wird überrascht sein, wie oft er und sie ins Schwarze treffen werden und damit den Eindruck eines unterhaltsamen aber – bis auf die Auflösung des Plots – konsequent mittelmäßigen Thrillers komplettieren.

Autor

Keith Ablow (*1961) ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch studierter Psychiater, multimedial präsenter Sachbuchautor und ein begnadeter, von Selbstzweifeln offenbar völlig unbeleckter Selbstdarsteller, der sich und seine schier unendlichen Talente auf seinen Websites ausgiebig propagiert. (An dieser Stelle sei nur diese genannt, da hier der Verfasser Ablow im Vordergrund steht.)

Während seines Studiums arbeitete er freiberuflich für diverse Zeitungen und platzierte sich als Sprachrohr für medizinische Fragen, die er den Normalsterblichen in verständlichen Worten nahe brachte. Anschließend wurde er als Psychiater und Dozent tätig und verfasste nunmehr auch Leitfäden für angehende Mediziner. Darüber hinaus engagierten ihn Polizei und Justizbehörden als Berater, der oft vor Gericht auftrat.

Als im Jahre 1990 ein Kollege und Freund ermordet wurde, verfasste Ablow ein „True- Crime“-Sachbuch über diesen Fall, wobei er diverse Missstände innerhalb des staatlichen Gesundheitswesens anprangerte. Ab 1997 schrieb Ablow auch Romane, deren Plots von seinen Erfahrungen inspiriert wurden. Er wählte den Thriller, wo er sein Alter Ego Frank Clevenger nicht nur durch diverse kriminalistische Abenteuer hetzte, sondern auch liberal ausgerichtete Gesellschaftskritik einfließen ließ.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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