Der Janusmann

Lee Child
Der Janusmann

(Jack-Reacher-Serie, Bd. 7)

Originaltitel: Persuader (London : Bantam Press, Transworld Publishers, The Random House Group Ltd. 2003)
Übersetzung: Wulf Bergner
Deutsche Erstausgabe (geb.): Februar 2005 (Blanvalet Verlag)
478 S.
ISBN-13: 978-3-7645-0181-5
TB-Neuausgabe: Januar 2007 (Blanvalet Verlag/TB Nr. 36616)
478 S.
ISBN 13: 978 3-442-36616-3
eBook: März 2010 (Blanvalet Verlag)
1025 KB
ISBN-13: 978-3-641-03816-8

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Das geschieht:

Vor zehn Jahren hat Jack Reacher, damals noch Militärpolizist, den Landesverräter Quint erschossen, nachdem der eine Kollegin sadistisch zu Tode gemartert hatte. Nun muss Reacher erfahren, dass Quint nicht nur überlebt hat, sondern Anführer einer weltweit operierenden Bande von Waffenschmugglern geworden ist, während der einstige Polizist längst entlassen wurde und sich auf eine ruhe- und ziellose Wanderschaft durch Nordamerika begeben hat.

Reacher will Quint endgültig ausschalten. Deshalb ist er bereit, mit der Justizbeamtin Susan Duffy zusammenzuarbeiten. Vor zwei Wochen hat sie einen weiblichen Spitzel in das festungsartig gesicherte Hauptquartier des ‚Teppichhändlers‘ Beck eingeschleust, der mit Quint zusammenarbeitet. Die Agentin meldet sich nicht mehr und ist offensichtlich entdeckt worden. Duffy will sie mit Reachers Unterstützung retten.

Dieser verschafft sich mit einem Trick Zugang zu Beck. Er gibt sich als flüchtiger Polizistenmörder aus, gelangt hinter die Mauern des Beckschen Anwesens und tritt in die Dienste des Hausherrn. Immer mit der Gefahr konfrontiert, ebenfalls entlarvt zu werden, erkundet Reacher die Gangsterburg. Er erkennt bald, dass Beck nur ein Handlanger Quints ist, der seinen ‚Kompagnon‘ erpresst und dessen Familie als Geiseln hält.

Reacher ist in Zeitnot, denn seine Legende als Schwerverbrecher droht aufzufliegen. Becks Frau und ihr Sohn haben ihn schon durchschaut. Der paranoide Torwächter Paulie traut ihm ebenfalls nicht. In Becks Haus gibt es einen weiteren Bundesagenten, der Duffy völlig unbekannt ist. Die eigentliche Ermittlungsarbeit leidet darunter, was fatal ist, als Quint endlich persönlich auf der Bildfläche erscheint und nicht vergessen hat, wer ihn einst mit drei Kugeln im Leib für tot im Ozean treiben ließ …

Reacher undercover

Es beginnt mit einer jener Auftaktszenen, die Lee Child perfekt beherrscht: Jack Reacher, der ruhelose Wanderer durch die Vereinigten Staaten, ist wieder einmal zur falschen Zeit am falschen Ort. Er vereitelt spektakulär eine Entführung, erschießt dabei versehentlich einen Polizeibeamten, flieht mit dem geretteten Opfer und taucht bei dessen Familie unter. Wir lesen es und sind gründlich verwirrt: Reacher ist zwar ein Mann, dem Gewalt nicht fremd ist und dessen Verständnis von Recht & Ordnung ein eigenwilliges ist. Trotzdem hat er noch nie so offen kriminell gehandelt wie beschrieben; daran haben wir uns in sechs Vorgängerbänden überzeugen können.

Tatsächlich gehen wir dem Verfasser in eine perfide Falle. Die Handlung hat längst begonnen, bevor wir die erste Zeile gelesen haben. Reacher ist bereits als Troubleshooter aktiv geworden, der dem Gesetz dort Geltung verschafft, wo es sonst machtlos bliebe. Der literarisch feingeistige Leser sei gewarnt: Wo so gehobelt wird, fallen besonders viele Späne. Der „Persuader“ („Überzeuger“) des Titels bezeichnet eine von der US-Army eingesetzte Schrotflinte, deren eindrucksvolle Durchschlagskraft natürlich auch ‚am Mann‘ demonstriert wird.

Auch in seinem siebten Abenteuer geht Reacher alles andere als subtil zu Werke. Die Kritik hat sich (wieder einmal) aufgeregt über eine Handlung, die reich an gebrochenen Genicken, Kopfschüssen und abgeschnittenen Brüsten ist. Lee Childs Reacher-Reißer sind nun einmal weder originell noch politisch korrekt. Sie besetzen eine Nische, die den einfach aber sauber konstruierten Thrillern mit jener Schwarz-Weiß-Zeichnung vorbehalten ist, die unsere reale Welt so schmerzlich vermissen lässt.

Auge um Auge: Reacher’s Rule

Terroristen, Gangster, Sadisten: In Reachers Welt kriegen sie, was sie verdienen, nimmt man Volkes Stimme als Maßstab. Das kann man doppelt verwerflich finden, weil Child sein schriftstellerisches Handwerk so gut versteht. Man kann aber auch den Kopf abschalten und dem Bauch die Freude gönnen, dass die Guten die Bösen besiegen und dabei endlich einmal nicht die andere Wange hinhalten, sondern es ihnen mit gleicher Münze heimzahlen. Das ist pubertär, grob versimpelt, bedient niedere Instinkte – und macht einen Riesenspaß, wenn man sich darauf einlässt.

Insofern ist es falsch, über das sehr bekannte Strickmuster dieses Reacher-Romans zu klagen: Der typische Leser dieser Reihe will gar keine Neuerungen, sondern freut sich über die Variation des Bekannten. Reacher gerät unter Druck und straft Unholde. Unterschiedlich sind höchstens die Waffen, die dabei zum Einsatz kommen. Sie werden detailfreudig beschrieben und zum Einsatz gebracht. Akzeptieren wir es bzw. seien wir froh, dass Child nicht stattdessen weitere ‚romantische‘ Szenen in die Handlung schreibt, denn diese empören nicht nur den querulantischen Saubermann, sondern sind wahrlich schauerlich …

Die eigentliche Sünde dieser Freude an der Gewalt resultiert in der Tatsache, dass sie im großen Finale den bisher durchaus sorgfältig konstruierten und ausgeführten Plot dominiert. Es wird nur mehr verfolgt, geflohen, geschossen und gemeuchelt. Auch das wird – Kuschel- und Frauenkrimi-Fans bitte weghören – professionell und unterhaltsam beschrieben.

Reacher ist und bleibt Reacher

Nach „Größenwahn“ ist „Der Janusmann“ der zweite Roman mit Jack Reacher als Ich-Erzähler. Child nutzt dies im Rahmen der Story, um Reachers Isolation als von Feinden umgebener Spitzel zu unterstreichen: Er weiß nie mehr als der Leser, dem Child als allwissender Autor dieses Mal keine Zusatzinformationen liefert. Das schürt die Spannung ebenso wie die kurzen, knappen Sätze, die dem Geschehen dort, wo sich die Ereignisse überschlagen, einen zusätzlichen Drive verleihen.

Die holzschnitthafte Weltsicht der Reacher-Romane wurde bereits erwähnt. Sie ist deren Niveau angemessen und spiegelt außerdem die Sehnsucht der Leser nach einer Welt wider, in der Probleme auf einfache Weise gelöst werden. Reacher spricht den meisten unter uns aus der Seele, wenn er seine AArbeit@ wie folgt begründet: „Ich hasse nur die großen Kerle. Ich hasse Schlägertypen. Leute, die andere übervorteilen. Die mit allem durchkommen.“ (S. 476) Stellvertretend für uns, die ähnlich denken aber (klugerweise) nicht zu handeln wagen, gibt ihnen Reacher, was sie verdienen.

Wobei uns Child anfänglich einen tüchtigen Schrecken einjagt: Jack Reacher lässt sich im Dienst einer Regierungsbehörde als Spitzel in eine Drogengang einschleusen? Wie konnte geschehen, was seinem Wesen so völlig widerspricht? Reacher ist ein Einzelgänger, der streng darauf achtet, sich von keiner Organisation  vereinnahmen zu lassen. So ist es natürlich nicht, auch dieses Mal sind es persönliche Motive, die Reacher aktiv werden lassen.

Figuren oder Holzschnitte?

Von geringer Prägnanz sind die Nebenfiguren, die uns Child routiniert präsentiert: auf der einen Seite die taffe Polizeifrau und der altgediente Cop, auf der anderen der skrupellose Gangster und seine durchgeknallten Schergen, dazwischen einige plakativ angeschlagene Unbeteiligte, die für retardierende Momente zu sorgen haben, wenn sie von Reacher gerettet und aus der Schusslinie gebracht werden müssen.

Was die Schurken angeht, so demonstrieren sie uns eindrucksvoll, wie Thriller à la „Janusmann“ zu bewerten sind: Sie wirken etwa so realistisch wie die Bösewichte in den James-Bond-Filmen. Immer haben sie eine gewaltige Macke, sieht man ihnen Schuftigkeit und Irrsinn bereits äußerlich an. Quint mit seinem durchlöcherten Narbenschädel oder Paulie, den anabolikagestopften Schlagetot, kann man nur als Rollen in einer rein fiktiven Geschichte betrachten – sie ernst zu nehmen hieße, sich reichlich lächerlich zu machen. „Der Janusmann“ ist kein Nagel im Sarg der modernen Zivilisation, sondern ein Roman – nicht weniger, aber auch ganz sicher nicht mehr.

Deshalb darf man sich auch ohne schlechtes Gewissen darüber freuen, dass Lee Child nicht wie ursprünglich geplant die Jack-Reacher-Reihe mit dem zehnten Band abgeschlossen hat, sondern sie fortsetzt wie gehabt: spannend, rasant, brutal & das Vertrauen in seine Leser investierend, dass sie sich durch seine Bücher nicht in Rächer verwandeln, die mit dem „Persuader“ ihren persönlichen Widersachern nachstellen …

Autor

Lee Child wurde 1954 im englischen Coventry geboren. Nach zwanzig Jahren Fernseh-Fron (in denen er u. a. hochklassige Thriller-Serien wie „Prime Suspect“/„Heißer Verdacht“ oder „Cracker“/„Ein Fall für Fitz“) betreute, wurde er 1995 wie sein späterer Serienheld Reacher ‚freigestellt‘.

Seine Erfahrungen im Thriller-Gewerbe gedachte Child nun selbstständig zu nutzen. Die angestrebte Karriere als Schriftsteller ging er generalstabsmäßig an. Schreiben wollte er für ein möglichst großes Publikum, und das sitzt in den USA. Ausgedehnte Reisen hatten ihn mit Land und Leuten bekannt gemacht, sodass die Rechnung schon mit dem Erstling „Killing Floor“ (1997, dt. „Größenwahn“ aufging. 1998 ließ sich Child in seiner neuen Wahlheimat nieder und legt seither mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks in jedem Jahr ein neues Reacher-Abenteuer vor; zehn sollten es ursprünglich werden, doch zur Freude seiner Leser ließ der anhaltende Erfolg Child von diesem Plan Abstand nehmen.

Man muss die Serie übrigens nicht unbedingt in der Reihenfolge des Erscheinens lesen. Zwar gibt es einen chronologischen Faden, doch der ist von Child so konzipiert, dass er sich problemlos ignorieren lässt. Jack Reacher beginnt in jedem Roman der Serie praktisch wieder bei null.

Aktuell und informativ präsentiert sich Lee Childs Website.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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