Der Schattenmörder

Lisa Gardner
Der Schattenmörder

(sfbentry)
Originaltitel: The Third Victim (New York : Bantam House 2001)
Übersetzung: Inez Meyer
Deutsche Erstausgabe: September 2002 (Blanvalet Verlag/TB Nr. 35612)
415 S.
ISBN-13: 978-3-442-35612-6

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Das geschieht:

Bakersville im US-Staat Oregon ist ein kleiner, beschaulicher Ort. Die Menschen sind friedlich, was sich auch daran messen lässt, dass nur zwei Polizeibeamte – Sheriff „Shep“ O’Grady und Officer Lorraine „Rainie“ Conner – hauptamtlich das Gesetz vertreten. Deshalb schlägt es wie eine Bombe ein, als in der örtlichen Grundschule ein Schüler Amok läuft und eine Lehrerin sowie zwei Mädchen erschießt. Rainie kann den Täter stellen – schockiert erkennt sie Danny, den Sohn des Sheriffs!

Ein gefundenes Fressen für die Medien, was die Justiz nervös werden lässt. Rainie, welche die Ermittlungen in diesem Fall leitet, wird hart bedrängt. Vor allem der ehrgeizige Detective Sanders fällt ihr immer wieder in den Rücken. Da ist die Hilfe des an den Ort des Geschehens geeilten FBI-Spezialisten Pierce Quincy willkommen. Er hat sich einen Namen als Profiler gemacht, der sich in Massen- und Serienmörder ‚hineindenken‘ und oft Schlüsse ziehen kann, die zu Festnahmen führen.

Die eigenbrötlerische Polizistin und der unverbindliche FBI-Agent raufen sich zusammen. Das nutzt der „Schattenmörder“ aus, dessen Wirken Rainie bereits vermutet hatte: Die Spuren weisen auf die Anwesenheit eines zweiten Mörders und eigentlichen Anstifters hin. Dieser ist wie viele Psychopathen ein Meister der Tarnung und der Manipulation. Der Anschlag auf die Schule war nur ein Aspekt seines Plans, denn im Visier hat der Mörder auch Rainie, die er aus Gründen, die nur seinem kranken Hirn schlüssig sind, leiden sehen möchte. Während Rainies Vorgesetzte und Kollegen dieser Theorie skeptisch gegenüber stehen und der Presse schier der Schaum vorm Mund steht, begeben sich Cop und Quincy auf die mühsame Suche nach dem Mann im Hintergrund. Dieser hat freilich den Vorteil auf seiner Seite und lauert nur auf den Moment, da ihm seine Häscher zu nahe kommen werden …

Die Cop-Frau, der G-Man & der Psychopath

Die Inhaltsangabe macht es deutlich: Hier lesen wir keinen Thriller, der das Genre revolutioniert. Konfektionsware legt uns Lisa Gardner vor, die indes sehr sauber gearbeitet ist. Lassen wir uns nicht vom scheinbar ‚aktuellen‘ und ‚brisanten‘ Thema „Gewalt an US-amerikanischen Schulen“ täuschen. Obwohl die Autorin sich immer wieder in ‚Erklärungen‘ versucht – dies sind die Passagen, die man überspringen bzw. nicht übel nehmen sollte –, bleibt die Amok-Episode vor allem Aufhänger für die eigentliche Story. Die ist recht simpel, wird aber routiniert, wenn auch mit vielen Seifenoper-Elementen abgewickelt, die immerhin meist unaufdringlich bleiben.

Der geniale Psychopath, der übermächtig aus dem Hintergrund die Fäden zieht, an denen seine Opfer wie seine Jäger zappeln, ist ebenfalls eine (allzu) bekannte Figur. Wenn er so schlau ist, wieso wird er letztlich immer erwischt? Das Gute siegt im Mittelklasse-Thriller, auch wenn es dabei – so viel Konzession an die raue Realität ist möglich – ordentlich Federn lassen muss.

Hinein mischt sich viel angelesener Alltag aus dem Polizeimetier. Gardners Hommage an das klassische oder zeitlose „police procedural“ ist allerdings nie Selbstzweck, sondern der Handlung geschuldet. Abgerundet wird das Geschehen durch Raufereien mit dummen Politikern, geilen Mediengeiern, tückischen Vorgesetzten, Action an den richtigen Stellen & ein bisschen Herzeleid.

Polizisten-Frau unter Dauerstress

Schwer ist das Haupt, das die Krone trägt  Dieses alte Sprichwort lässt sich leicht auf die Helden des modernen (Polizei-) Krimis anwenden. Stets stehen sie unter Druck, sind überarbeitet, bekommen Ärger im Job, haben noch mehr Ärger daheim, wo die vernachlässigte Familie oder der Partner quengeln. Rainie Conner fügt sich exakt in dieses Muster (bzw. Klischee). Als Kind misshandelt, die Mutter eine Säuferin & Schlampe, deren verstümmelte Leiche die Tochter finden musste, als Polizistin = Frau im Visier der misstrauischen Bürger von Bakersville, privat kontaktscheu und einsam.

Gleichzeitig ist Rainie selbstverständlich eine Zierde ihres Berufs, in dem sie sogleich Führerqualitäten an den Tag legt, als sie endlich einen großen Fall übernimmt. (Genauso selbstverständlich ist der Auftritt jener, die ihr den Erfolg neiden oder sie als Sündenbock bei möglichem Misserfolg verheizen wollen.) Es wird sogar noch besser (wenn auch nicht für Rainie): Der Vater des mutmaßlichen Amokläufers ist ihr Freund und unmittelbarer Vorgesetzter! Auch dieser Sheriff O’Grady hat seine Päckchen zu tragen. Mit der Ehe steht es keineswegs zum Besten, er erscheint verdächtig früh am Tatort und könnte Beweismaterial gegen seinen Sohn beseitigt haben.

Guter Mann & böser Mann

Dann ist da Profiler Quincy, der den genialen FBI-Spezialisten gibt. Kühl ist er und beherrscht, aber auch ihn hat des Schicksals Blitzstrahl getroffen: Das Töchterlein liegt auf dem Sterbebett, die Gattin ist eine Ex, das Privatleben liegt auch sonst danieder, so dass Quincy sich mit manischer Energie in und auf seine Fälle stürzt. Die Qualitäten der spröden, aber tüchtigen und hübschen und deshalb begehrenswerten Rainie bleiben dem klugen Mann trotzdem nicht lange verborgen, sodass die Handlung nun doch mit einer Portion Schmalz (glücklicherweise nur Magerstufe der Marke „Lady-Thriller light“) geschmiert wird.

Der „Schattenmörder“ tückt wie jeder anständige Psychopathen-Strolch mächtig bedrohlich im Hintergrund umher. Identität und vor allem Motiv bleiben so lange wie möglich unerwähnt, was gut ist, da die Auflösung wieder einmal dem Aufwand nicht gerecht wird. Solange man jedoch nicht weiß wer er ist und was er will funktioniert der „Schattenmörder“ als Bösewicht ähnlich zufriedenstellend wie dieser Kriminalroman als Lektüre für zwischendurch.

Autorin

Lisa Gardner (geb. 1971) ist als Schriftstellerin eine Veteranin. Ihre Karriere startete sie bereits 1992 als „Alicia Scott“, die tagsüber einem Bürojob nachging und sich nach Feierabend insgesamt 13 Liebesschnulzen aus dem Hirn wrang. Nach eigener Auskunft hatte sie schließlich genug von dieser Fron (was leicht nachvollziehbar ist) und versuchte sich mit einem Thriller. „The Perfect Husband“ markierte 1997 das Debüt von Pierce Quincy, der damals nicht als Serienheld geplant war und für den ersten Roman der Quincy/Conner-Reihe („The Third Victim“, dt. „Der Schattenmörder“) vorsichtig ‚serientauglich‘ gemacht werden musste, d. h. um der zwischenmenschlichen Verwicklungen willen eine Ehegattin und Familie erhielt.

Der Erfolg übertrag Gardners Erwartungen. Sie schwenkte endgültig auf die neue Linie ein und schreibt seitdem ausschließlich rasante Thriller, die bekannte und bewährte Plots und Figuren aufgreifen. Mit Ehemann und Kind lebt die Autorin in New Hamphire und offenbar im Paradies auf Erden, wenn man den enthusiastischen Äußerungen auf ihrer Website Glauben schenken mag; diese fällt zwar durch professionelle Gestaltung, noch mehr aber durch Geschwätzigkeit auf.

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Die Pierce Quincy/Lorraine Conner-Serie:

(1997) The Perfect Husband
(2001) Der Schattenmörder (The Third Victim) – TB Nr. 35612*
(2001) Der nächste Mord (The Next Accident) – TB Nr. 35631*
(2003) Zum Zeitpunkt des Todes (The Killing Hour) – TB Nr. 35820*
(2006) Schrei, wenn die Nacht kommt (Gone)**
(2008) Say Goodbye

* Blanvalet Verlag
** Weltbild Verlag

[md]

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